Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1557 (14.6.1923)
- Date
- 1923-06-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«NeS Men, Donnerstag Wiener Morgenzeitung. 14. $mti 1923 Nr. 1537 Sesterreich. Zer WSHrungszusammenbmchMitteleuropas. Kd» Schweizer kisenbahnberater. Naber Ansuchen des GenevaAommissärS Dr. Zimmerman hat sich die Schweiz er Regierung in entgegen» komaneuder Weise bereit erklärt, Sir William Ae Worth, der die Ausgabe übernommen hat, für den Generalkommissär einen Bericht über die gegentväriige Lage der österreichischen Eisenbahnen auszuarbeiten, einen Beamten zur Versiiyung zu stellen, der Sir William Aotvorch bei seinen Arbeiten urttenskützen wird. Die Schweizer Regierung hat für diese Funktion Dr. Robert Herold, Direktor der Eisenbahnsektion « Schweizer Ministerium für Eisenbahn, Post und Telegraph. ausersehen. Dr. Herold ist dieser Tage in Wien angekomünen und hat sofort seine Tätigkeit im Bureau von Sir William Acworth aufgenommen. Sie BerhaMuagen mit de« Bunde«. angeftMe». Gestern vormittags wurden die Verhandlungen zwischen Regierung und Beamten nach eintägiger Pause fortgesetzt, ohne daß sie auch am gestrigen Tage zu einem Resultat geführt hätten. Die Schwierigkeiten, die sich einer Einigung entgegenstellen, besichert weiter fort, so daß die gestrigen Verhandlungen am Vormittag ergebnislos abgebrochen und aus abends verschoben werden mußten. Die Hauptschwierigkeit bildet nach wie vor die Jndexfrage, da die Beamtenschaft unbedingt darauf besteht, Sicherungen gegen eine Verschlechterung ihrer materiellen Lage im Falle einer neuerlichen Teuerung zu erhallen. Die Regierung, ist jedoch nicht geneigt, solche Garantien, die einem verschleierten AufrechterhMung des Jttdex gleichkämen, zu geben. Die Nachricht, daß der Ministerrat den Beamten ein neues Angebot gemacht habe, entspricht nicht den Tatsachen. Wie es heißt, will man versuchen, eine Einigung auf der Basis zu versuchen, daß der Index für mehrere Monate suspendiert wird. Die Regierung würde für diesen Fall tveitere prozentuelle Erhöhungen der Bezüge nach Maßgabe des Fortschrittes des Abbaues zugestchen. Die Verhandlungen wurden um 1 Uhr mittags abgebrochen und das Achterkomitee stellte an die Regierung das Ersuchen, sie möge ihre Antwort auf die Forderungen der Beamten bis abends mttteilen oder einen bestimmten Termin festisetzen, wann die Beamten diese Antwort erhalten würden. Dieses Ersuchen trug keinen ultimaüven Charakter. Am Nachmittag erschienen die Vertreter der Beamten im Parlament und hatten Besprechungen mit den einzelnen Parteiobmannern, um sie z» einer Vermittlung zu bewegen. Die Parteiführer haben ihre Vermittlung zu gesagt. Abends ließ der Finanzminister den Vertretern der Beamtenschaft die Mitteilung zugehen, daß er gestern nicht in der Lage war, die Verhandlungen zu führen, daß er heute um halb 12 Uhr die entscheidende Antwort erteilen werde. In parlamentarischen Kreisen sicht man den Verhandlungen mit großem Interesse entgegen; man bezweifelt allerdings, daß die Regierrrng auf ihrem Standpunkt der Beseitigungdes Index und der Überwälzung der Kinder- Versicherung auf die Beamtenschaft wird beharren könne». Ausschuß für soziale Berwaltuug. In der gestrigen Sitzung des Ausschusies für soziale Verwaltung wurde beschlossen, den Antrag Hanusch und Genossen betreffend außerordentliche Maßnahmen auf dem Gebiete der Arbeitslosensürsorge (9. Novelle zum Arbeitslosenverstcherungsgesetz) sofort dem Ausschüsse für soziale Verwaltung zuzuweis.en. Abgeordneter Dr. Ressch kündigte an, daß das Ministerium für soziale Verwaltung demnächst einen diesbezüglichen Gesetzentwurf einbringen werde. Schließlich wurde über Antrag der Berichterstatterin Olga Rudel-Zeynek (großdeutsch) über die Regierungsvorlage betreffend Maßnahmen zur Bekämpfung des Mkohls zur Tagesordnung übergegangen. Ler Bespett vor der Berfasiung. Die Marktgemeindevertretung St. Johann im Pongau hat mit Stimmenmchrhett den Beschluß gefaßt, während des heurigen Sommers nur Arier als Sommergäste aufzunehmen. kill tschechisches Fest Verbote». Die von dem tschecho-slowakischen Turnverein Orel aus Anlaß der Fahnenweihe am 16. und 17. d. geplanten Festlichkeiten wurden von der Polizeidirektion mit Rücksicht auf die angekündigten Gegenkundgebungen im Interesse der Ausrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung untersagt. Ungarische Agitation im Burgeniand. JnEisenstadt tauchte vor einigen Tagen ein Mann a-nf, der in Gaschösen die Gesinnung der BevöMerung zu erforschen suchte und erklärte, daß in eimr Woche 8000 Ungarn das Burgenland besetzen würden. Der Mann wurde einige Tage später in Gschieß verhaftet und als der Freischärler Valentin Oswald festyelsbeltt, der bei einem Bandiienemsall ins Burgenland sich seinerzeit Ungarn angeschlosfen hatte. Er wurde dem Bezirksgerichte einyÄiefert. Pasteur und die Srobdeutschen. Die Entsendung österreichischer Aerzte zur Pasteur- Feier nach Paris hat, wie wir jüngst "berichten konnten, neulich die Gesellschaft der Aerzte zum Anlaß genommen, um der politischen Weisheit der Großdeutschen Vorspanndienste zu leisten. Nun haben die Herren Hampel und Ursin das Parlament für den, nur De völkische Gehirne irnvsvstäMichen Höftichkeitsakt, zwei Vertreter.der österreichischen Wissenschaft zur Pasteur-Feier nach Paris zu Die Valutenbörsen der westeuropäischen Staaten weisen erhebliche Rückgänge fast sämtlicher mitteleuropäischer Währungen, mit Ausnahme der Krone, aus. Besonders kraß ist der weitere Sturz der deutschen Mark, welche in Zürich neuerlich erheblich — von 0,0067 aus 0.0058 — gesunken ist. Die trotz der verschiedenen Auffassungen Englands und Italiens einerseits und Belgiens und Frankreichs andererseits dennoch einmütig ablehnende Beurteilung des letzten deutschen Neparationsanbotes durch die Entente, hat die Stimmung über die weitere Gestaltung des deutschen Wirtschaftslebens u ngünstig beeinflußt. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß Deutschlands Wirtschaft sich so lange nicht wird erholen können, als nicht die Reparationssrage restlos gelöst ist. Das Schicksal der deutschen Mark scheint auch der ungarischen Krone bevoMstehen. Auch sie weist in den letzten Tagen rapide Kursrückgänge auf. So notierte gestern die Devise Budapest in Zürich 0,0775 gegen 0,0850 am Vortage. Hier wirkt dw totale Entblößung Ungarns an Devisenmitteln erheblich mit. Die ungarische Devisenzentrale ist mit großen DeviserMhlugen im Rückstände. Das Budget sicht elend aus. U n g a r n i ft n r ch t i m st a n d e, diegeringstenDevisenansprüchezubesriedigen und greift zu dem Notanker der Efsektenverkaufe auf dem Wiener Markt, um sich einige Deentsenden, in einer Interpellation angerempelt. Die Großdeutschen haben sich mit dieser Interpellation also auch diesmal eine Gelegercheit, eine Dummheit zu begehen, nicht entgehen lassen. Sie haben gerade in einer Zeit, da Frankreich durch seine tätige Anteilnahme an der Völkerbundanleihe seine Hilfsbereitschaft für Oesterreich manifestiert, in außerordentlich taktloser Weise gegen diesen Staat demonstriert. Dabei haben sie aber nicht einmal Poincare, der die deutschen Hurra-Nationalisten so eifrig föärert, getroffen, sondern ihre Interpellation und Stellungnahme richtet sich gegen den toten Pasteur, der, würde er heute leben, es bestimmt ablehnen würde, mit den Herren Hampel, Ursin und Genossen etwas zu tun zu ha'ben. Sie italienische Mission in Wien. Die DisziplinaruMersuchung abgeschlossen. Aus Rom wird ims berichtet: Der DisKiPlinarrat, der über die Tätigkeit der italienischen Offiziere der Miffion in Wien zu urteilen hatte, hat seine Sitzmlgen geschlossen. Während der UwteHrchmig wuicke auch ver ehemalige Kriegsminffter Bonomi als Zeuge einverrw-mmen, der gegen die Mitglieder der Mffion Anklagen schoben hatte. Ueber die Einzelheiten der Verhandlung drang nichts in die Oeffentlichkeit. Alle angeklagten Offiziere beteuerten ihre Unschuld. General Segre hat durch 24 Stunden gesprochen und die rein humanitäre Tätigkeit der Mffion in Wien darzulegen versucht. Die Mitglieder des Disziplinarrates haben bereits auf die an sie gestellten Fragen mit weißen und schwarzen Kugeln ihr Urteil abgegeben. DaS Endurteil wich das Kriogsimmstechrm fällen. Ungar«. Horthtz« Wiihlerlisten und Reise«. Stürmische Szenen in der Rationalversammlung. Budapest, 13. Juni. (Tel. der ,Mr. Morgenzeitung".) Nachdem es in der Nationalersammlung schon bei der Beantwortung eimr sozialdemokratischen Interpellation Wer Provokationen der „erwachenden" Studenten in Oedenbnrg zu lärmenden Auftritten gekommen war, ergaben sich bald stürmische Szenen, als Minister des Innern Rcrkovszkh die Interpellation der Opposition über die Revision der Buvapester Wählerlisten beantwortete. Er erElärte unter fortwährenden Zwischenrufen der Opposition, daß er alle Vorkehrungen getroffen habe, damit die Revision der WÄHlevlisten in korrekter Weise erfolge. Sodann kam die Interpellation des Sozialdemokraten Petzer über die anläßlich per vielen Reisen Horthys getroffenen polizeilichen Maßnahmen und Verhaftungen zur BchaMunig. Petzer erklärte, in einer Zeit, wo die Regierung die vollkommen zerrütteten Finanzen des Landes nur mehr mit Hilfe einer auswärtigen Anleihe werde sanieren können, sei es geradezu ein leichtsinniges Verbrechen, mehrere hundert Millionen Kronen Kr leere Formalitäten und Potemlkinfch>e Huldigungen auszngöben. Bei einem Besuche der Stadt Fünflirchen durch Horthy hatten die Polizeibehörden Anordnungen getroffen, die einem Be l ag e r n n g s z u st a n d gleichlkamen. Arbeitern und ärmeren Leuten wurde Kr die Zeit der Anwesenheit des Reichsverwesers das Erscheinen auf den Straßen und öffentlichen Orten verboten. Aus den Fenstern durften keine Blumen geworfen werden Dbg. Peidl: Nicht vor den Blumen hatte man Angst! Großer Lärm.) Der Redner forderte die Einstellung dieser „HMligungsmaßnahmen", die an die Zustände im Zarenrußlach erinnern. Der neue JustiKuirttster Nayy wies im Namen der Regierung die' Behauptungen PeyerS zurück, wobei er die übliche Phrase gebrauchte, 'daß die Person des Reichsverwesers nicht in die Debatte gezogen werden dürfe. Visen zu verschaffen. Die einzige HAse, die ihnr bliebe, wäre eine ausländische Anleihe, die aber, wie die vergebliche Bettelreise Bethlms beweist, angesichts der politischen Zustände in Horthy-Ungarn, nicht zu erhalten ist. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, daß der ungarischen Krone schwere Zeiten bevovstohen. Man erwartet einen weiteren raschen Kurssturz. Die Devise Warschau hat sich in der letzten Zeit ebenfalls gesenkt und notiert jetzt 0,0080 gegen 0.0087 am Vortage, allerdings noch immer höher als die österreichische Krone. Die. ungünstige Beurteilung der allgemeinen Verhältnisse Mitteleuropas scheint hier einen vor- Mäickten scheint günstig gewirkt zu haben. Im Gegensatz zu allen diesen Währungen weist die österreichische Krone eine durchtvegs feste Haltung auf und hat sich sogar gestern erhöht. Sie notierte 0,0078.50 gegen 0,0078.25 am Vortage. Die Stabilisier u n g s a k t t o n, welche es bewirkt hat, daß die österreichische Krone sich seit sieben Monaten auf demselben Niveau hält, hat die günstige Beurteilung dieser Wahrung bewirkt und sie fast zur Standardwährung Mitteleuropas gemacht. Auch das günstige Resultat der Zeichnung der Völkerbundanleibe auf den internationalen Markt erscheint günstig gewirkt zu haben. Der Karolyl-Proreß. Budapest, 1-3.-Juni. (Tel. der „Wr. Morgerizeilung".) Im Prozeß wegen der Konfiskation der Güter des gewesenen Präsidenten Karolyi kam es in der heutigen BechaMung zu große Auseinandersetzungen zwischen dem Staatsanwalt und dem Verteidiger Karolyis. Der Staatsanwalt legte dar, daß der Zusammenbruch der Front auf die Agitation Karolyis und der von ihm subventionierten Organisationeu zuvückzuführen sei. Der Verteidiger Karolyis erwiderte, daß die große Wendung in der Kriegslage unmöglich durch die Agitation Karolyis und der radikalen Partei hevvovgernscn sein konnte, sondern die Ursache sei der Eintritt Amerikas in den Krieg gewesen» der wieder durch den schonungslosen U-Boot- Krieg der Deutschen heraufbeschworen wurde. Der Verteidiger zitierte dann mehrere Stellen,aus Mompiren, aus denen er die Folgerung zog, daß Karoltzi das Delikt des HochverraieS nicht begangen haben könne. Polen. Der Seft» Wer die Bombeuattentate. Warschau, 18. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) In der letzten Sitzung der Administrationskommission des polnischen Sejm wurde abermals die Frage der Bombenattetate aufgerollt. Das Referat führte der jüdische Abgeordnete Dr. Schipper. Er verwies darauf, daß die Attentate das Werk einer Terroristen gruppe sind, welche cS darauf angelegt hat, die Behörden über die eigentliche Tendenz der Attentate irrezuführen, und daß die Attentate in gleicher Weife polnische und jüdische Institutionen getroffen haben. Der Referent verlangte, die Regierung möge dem Sejm über die Schritte berichten, welche sie zum Schutze der Bevölkerung und deröffentlichen Institute gegen solche Terrorakte unternommen hätte. Abgeordneter Schipper wies auch daraus hm, daß die Warschauer Presse über den Gang der Untersuchung unrichtige Informationen bringe. Der Minister des Innern Kiernik, welcher über Aufforderung der Kommission bei der Sitzung erschien, teilte mit, die Untersuchung habe nicht bestätigt, daß die Attentate durch eine über das ganze Land verbreitete Organisation inszeniert worden wären, und daher hatte es der Minister für unnötig, die Frage noch einmal im Plenum des Sejm zu diskutieren. Ueber Antrag eines nationaldemokraiischen Delegiertm wurden die Erklärungen des Ministers zur Kenntnis genommen. Damit scheint das polnische Parlament die Affäre der Bombenattentate ad acta zu legen. Aber in Warschau werden noch immer Bomben gefunden. So ist erst letzten Freitag in einem Keller eines Haujfes bei Kanalisationsarbeiten in einem Ofen versteckt eine Schachtel mit vier Bomben, anscheinend französischen Fabrikats, gefunden worden, die mit gefährlichen Spreugstoffladungen gefüllt waren. Me Goldanlelhe. Warschau, 18. Juni. (Teil, der ,Mr. MorgenzeitmW".s JinaiMnnifter Grabski wird dem polnischen Schn einen Gesetzentwurf über die Emission von neuen auf polnische Go-ldgülden (Zloty) lautenden Schatzfcheinen mit Verzinsrlnig von 3,88 Prozent vovlegen, bei Venen der Kurs des Zloty dem Tageskurs des Schweizer Frauken an der Warschauer Börse entsprechen soll. Die Amerika-Bisen Kr das neue Quotenjahr. Dieser Lag. hat das amerikanische Konsulat in Warschau mit der Ausgabe von Einreisevisen nach den Bereinigten Staaten aus Rechnung ides am 1. IM ibegimienden neuen Quotenjahres begonnen. Zunächst wurden nur die Pässe privilegierter Kategorien, das heißt solcher, die nahe Verwandte» in AmerM I halban, vidiert. Der Andrang war gewaltig. <J. C. B.)