Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1557 (14.6.1923)
- Date
- 1923-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Umsturz m Sofia laßt sich bisher in seinen, Auswirkungen auf die Zustände im Lande noch nicht übersehen. Nach den Meldungen der bulgarischen Gesandtschaft in Paris soll dve Landbevölkerung an die Organisation bewaffneten Wifrerandes gegen die neue Negierung geschritten sein. Meldungen aus Zariibvod sprechen von Bauernaufständen in Südbulgari-en. Andererseits wird gemeldet, daß in Bulgarien Ruhe herrsche und haß der Verkehr normal funktioniere. Die aus den Kreisen der neuen Regierung stammenden Meldungen, daß der Umsturz ohne Blutvergießen erfolgt sei, scheinen nicht ganz richtig zu sein; nach Meldungen aus Sofia sind drei bedeutende Anhänger Stambuliiskis, und zwar der Bürgermsister von Sofia Popow, frer frühere Chef dev Geheimpolizei Stefanow und der Eisenbahmninister Ata na s o w, getötet worden. Stambulnski selbst befindet sich noch in Freiheit, er ist unbekannten Aufenthaltes; die Regierung hat verschiedene Maßnahmen getroffen, um Stambuliiskis habhaft zu werden, von dessen Einfluß sie die Organiisievung einer Gegenbowegung fürchtet. Jugoslawien scheint die Entwicklung der Dinge in Sofia mit Besorgnis-anzusehen: Der Belgrader Ministerrat beschloß eine Reihe von Maßnahmen zur Vermeidung eventueller Komplikationen, die der Umstmz in Sofia herbeiführen könnte, unter anderem intensive Verstärkung des Grenzschutzes. Es verelautet, daß die jugoflawiffche Rogierwng eine Regierung eine Demarche in Sofia unt^nehmen wird, weil sie auf den StandPüM stehH 8uM den SW der Frie den s der trag v on Ne «i klh d er letz t.wurd e. Eine bewa ffn e t e I nt er v e «tio n oder militärische Demonstration stcht im Bereiche der Möglichkeit. Es scheinen wegen. der durch den Umsturz geschaffenen Lage eifrige Besprechungen zwischen Belgrad, Athen, Bukarest mÄ auch Prag gepflogen zu werden. Die i neue bulgarische Regierung ist bemüht, sich vor den Nachbarstaaten zu decken, fite hat offiziell ihre Verbindung mit dem mazedonischen Führer Theodor A l e x a n d r o w dementiert und teilt mit, daß zwischen den junsten Ereignissen und der , mazedonischen Bewegung kein Zusammenhang bestehe. Dem stehen Meldungen gegenu-Ler, die von einem Anmarsch der Banden Mexandrows auf Sofia sprechen. Die Lage in Bulgarien birgt Gefahren in sich. Die Erklärung der neuen Regierung. Das Ministerimn Zankow hat folgende Erklärung publiziert: - Der Regierungswechsel, der in Bulgarien oben oingetveten ist, ist das Ergebnis und die Folge der Unzufriedenheit der BevölkevungnM einem Regime der Unterdrückung, das systematisch die konstitutionellen Freiheiten und die Büvgervechte erstickt hat. Das n e u e K a b r n e t t ist keineswegs nur aus einer Partei hervovgegangen, sondern der Ausdruck des Willens der erdrückenden Mehrheit der Bevölkerung Bulgariens, mit Ausnahme der Kommunisten. Was die' Beziehungen zu den auswärtigen Staaten betrifft, wird die neue Regierung die bisher befolgte Politik einhalten, die darin besteht, die besten Beziehungen mit allen Staaten, besonders mit den alliierten Großmächten und den Nachbarstaaten, aufrechtzuerhalten. Die neue Regierung wird ihre'internationalen Verpflichtungen, besonders diejenigen, die sich aus dem Friedensvertvage von Neuilly ergeben, loyal und gewiffenhaft erfüllen und alles vermeiden, was geeignet Ware, den Frieden auf dem Balkan zu gesährfren. Aus wnerpolitischen Gebiete wird es sich die neue Regierung zur obersten Pflicht machen, die Ruhe und die Ordnung im Lande zu sichern und chm seine Rechte und Freiheiten wiederzugeben, um dvn schöpferischen, wirtschaftlichen und sozialen Kräften der Nation die Möglichkeit zu bieten, sich frei auszuwirken, damit ‘ Bulgarien ohne Hindernisse seine Verpflichtungen erfüllen und den ihm gebührenden Rang unter den Nationen mit Würde einn-ehmen könne. Der Wiener bulgarische Gesandte , über die neue Ordnung. In der hiesigen Presse wurden verschiedene tendenziöse und übelwollende Nachrichten über die Gestaltung der Dinge in Bulgarien veröffentlicht. Ich bin in f der Lage, alle diese Nachrichten aus das kategorischeste zu dementieren. Im Lande herrscht vollkommene Ordnung. Die gegenwärtige Rgiernng, bestehend aus Vertretern aller «bürgerlichen Parteien und den Sozialdemokraten, lauter ernsten, besonnenen und ruhigen Männerngenießt das unbegrenzte Vertrauen des Landes und erfreut sich der größten Popularität. Sie ist entschlossen. sich an den Vertrag von NeMy zu halten und alle ihre nationalen Verpflichtungen zu erfüllen. Alle jene übelwollenden Nachrichten stammen nicht aus Sofia. Die Intrigen, die in ausländischen Blättern, besonders von Rajko Daskal o w, dem früheren Minister des Innern rm Kabinett Stambulüski und gewesenen Gesandten in Prag, gesponnen werden, verdienen absolut keimn Glauben. Dr. S toi low, königlich bulgarischer Geschäftsträger in Wien Die Ruhe iw Lunde wiederhergestellt? Sofia, 13. Juni. (Bulg. Tel.-Ag.) Minister des Aeußern Kalow erklärte Pressevertretern gegenüber, daß nach den letzten Nachrichten im ganzen Lande vollkommene Ruhe herrsche. Einige vereinzeltes W i d erst a n fr ä* versuche der An hänge r S tä m b u l i r s ki s. seien mühllcs nute rd r ü ck t worden. Die Erseubahnuud telegraphischen Verbindungen seien w i e d e r h e r g estellt. . -v ItaliensymPMsiert mit Zankow. Rom, 13. Juni. ,/Jbea Nazionvle" erklärt, daß die Durchführung einer serbischen Aktion gegen Bulgarien ohne Ermächtigung durch die G.r oßMächte ausgeschlossen bleiben müsse. Ein Stambnliiski-Vertreter über den Umsturz. Prag, 13. Juni. (Tschech. Pveß.-Bur.) Der bulgarische Gesandte in Prag Das kalow (ein treuer Mitarbeiter Stambuliiskis. Aum. d. R.) gab heute gegenüber Vertretern der Presse Erklärungen über die durch den Umsturz in Bulgarien geschaffene Lage ab. Er gab der Meinung Ausdrnck, daß der Umsturz vom Exkönig Ferdinand inszeniert worden sei, fressen Wertzeug auch der jetzige Zar Boris sei. Die Usurpatoren, die 35.000 Komitatscht und 50.000 Reservesoldaten angewovben hätten, werden auf dem flach eniLande niemals anerkannt werden. Der Bürgerkrieg sei daher nach seiner Meimmg unvermeidlich. Die alte Regierung habe alle Ataßnahmen getroffen, um ein Blutbad zu vermeiden. Sie habe es deshalb unterlassen, sofort gen Sofia losWgohen. Die Hauptstadt werde wirtschaftlich blockiert. Die bulgarischen Gesandten im AuSlande häten von der alten Regierung die Weisung erhalten, alles zu unternehmen, um eine Jnervention fremder Staaten zu verhindern, da dvs bulgarische Volk nicht zulaffen könne, daß die feit vier Jahren befolgte äußere Politik Bulgariens eine Aenderung erfahre. Belgrad, 13. Jum. (Tschech. P.-B.) Die heute vormittags oingetvoffenen privaten Nachrichten deuten darauf hin, daß frsr Umsturz in Bulgarien von Verschwörern im Einvernehmen mit der Krone - durchgeführt worden sei und daß sich das neue Regime nur durch Waffengewalt werde behaupten können. Es wird als zweifellos angesehen, daß eS sich nicht lange werfre behaupten köyne» und in feinem Sturz auch die Krone mitveihen müsse. . In Belgrads diplomatischen Kreisen wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß im Interesse der Aufvechterhaltuiig des Friefrens auf dem Balkan und w Europa es ratsam fei, rechtzeitig Präventivmaßnahmen zu treffen. Das Handelsorgan ,Srgovinski Glasnik" vertritt die Ansicht, daß der Friche auf denr. Balkan erst dann vgllkommen gesichert sein, werde, wenn Bulgarien mit dem Königreiche S. H. S. in staatsrechtliche Gemeinschaft treten werde.- , - Ae Staatserhalter. —y. Wien, 14. Juni. In der Vollversammlung des Hauptverbandes der österreichischen Industrie ist von neuem seitens der Leitung mitgeteilt worden, daß sie die Frontkänrpftr und Heimwehren aus den Mtteln des Verbandes unterstütze. Sie sieht diese beiden Formationen als staatserhaltende Organisationen an und meint, daß deren Tätigkeit im Interesse des Staates gelegen sei. Die Arbeit und das Programm dieser Gruppen ist genügsam bekannt. Sie kämpfen gegen den sozialen Fortschritt, gegen den Ausgleich zwischen Unternehmertum und Arbeitern, gegen die demokratische Republik. Hauptsächlich aber gegen das Judentum, das ihnen als der Hauptfeind der Gesellschaftsordnung erscheint. Sie fassen das Judentum als eine einheitlich geleitete Masse auf, die von einem geheimen . Zentrum aus rm Sinne des politisch-sozialen Radikalismus dirigiert wird und überall das Bestreben besitzt, sich die Macht über den Staat anzueignen. Es ist unnötig, sich mit dieser bösartigen und bewußt gefälschten Argumentation zu beschäftigen. Unnötig deshalb, weil man diese Gesellschaft ja doch nicht üiberMgen kann, unnötig aber auch deshalb, weil die Führer der antisemitischen Mordpropaganda den SHoindel, den sie auMhren, selbst sehr genau kennen. Sie organisieren die reaktionäre Gegenrevolution nicht bloß in Oesterreich, und da ist ihnen jede Lüge, die die Gehirne vergiftet, gut genug. Den staatserhaltenden Charakter der Frontkämpfer und der Henpwehren zu entdecken blieb erst den Kreisen Vorbehalten, aus denen die Leiter des Hauptverbandes und die Wortführer der bürgerlich-nationalisttschen Welt Oesterreichs, vom-Rektor Diener bis zum Herrn Czernin, stammen. Der Staat, um dessen Erhaltung es den Frontkämpfern uM.Uimwchrleuten -arrgeblrch..M tun ist, ist die im November 1916 aus den Trümmern der Monarchie gebildete Republik. Es ist noch in'üsiser aller Erinnerung, wie sich diese Bildung voltzog. Sie wäre unmöglich gewesen, wenn nicht die Sozialdemokratie — in dem Rotwelsch der Frontkämpfer die JudensoM — mit gewirkt hatte, und die PrMamiermrg der Republik wurde mit den Stimmen aller aus dem seligen Reichsrat übrig gMiebenen deutschen Abgeordneten Leschloffen. Zum Schutze und zur Erhaltung der Republik wäre michin, zumal auch die spateren Wahlen zur Konsütuante und zum Nationalrvt die Staatsfown bestätigten, jeder Bürger verpflichtet, und die von der Regierung mit dieser Aufgabe betrauten Organe, die Gendarmerie und die Poltzei, als die einzig legitimierte Exekutive cmzuschen. Tatsache ist, daß diese Körperschaften Hrer Pflicht in der tadellosesten Weife entsprechen und es kann niemand einschen, wozu noch illegitime Organisationen gebildet werden mußten, die dem Gesetz nicht verantwortlich sind. Nebenher bemerkt, ist auch die Beweissivhvung, daß die Organisierung der Frontkämpfer, und der Heimwchren erst die Antwort aus die Bewaffnung der sozialdemokraüschen Arbeiterschafi gewesen wäre, unwahr. Denn die Frontkämpferei entstand unmittelbar nach der Revolution, und zur gleichen Zeit organisierten Emissäre der bayrischen Orgesch die Heimwehren in Tirol und Oberösterreich. Die Sozialdemokraten biweten ihre Ordnerverbände erst viel später, und selbst dann nicht gegen die Heimwehveu, solidem gegen die Kommunisten. Die Leiter des Hauptverbandes, denen es nicht um den Staat, den sie hassen, zu tun ist, gehören den Kreisen an, die sich mit der Republik und der repuMkanischen Ordnung nicht abfinden können. Es find die Kreise des um seine verlorene politische und wirtschaftliche Vormacht klagenden Bürgertums, die Kreise, die sich freiwillig von der pMüschen Wirksamkeit für die Republik zurückgezogen und das Feld den Bauern.und Arbeitern überlassen haben.' Es ist wahr, daß diese beiden Klaffen in den fast unumschränkten Besitz des gesetzgebenden Apparates gelangt sind und ihre Macht rein egoisüsch. nur im eigenen Jntereffe ausnützen. Es ist wahr, daß durch diese Entwicklung die Industrie und die Produö tion, der Handel und das Gewerbe fast bis zu einem unerträglichen Maße belastet wurden. Wenn der Hauptvevband zu diesen Schäden Stellung nimmt, dann darf - er nicht vergessen, daß dieser Zustand mit aus der Resignation des Bürgertums entstanden ist und daß er nur bekämpft werden kann, wenn das Mrgertum wieder die Politische Arena betritt und sein geistiges Gewicht, das dem der Arbeiter und Bauern noch immer und trotz allem tausendfach überlegen ist, entfaltet. Das' Bürger- Mm muß geistig kämpfen. Die Unterstützung 'der Frontkämpfer und der Heimwrhren, die wieder mrt dem nationalsozialistischen GummikmrtteltruPP identisch sind, ist der Industrie und des Bürgertums unwürdig. Bolleflds unihonorig aber ist es, wenn man zur Unterstützung des Pogromgesindels, das seine antijüdischen Raub- und MoÄinstinkte ganz offen bekennt, Gelder verwendet, die aus tüdischen Beiträaen stammen. Die Feigheit der Judäo-Germanen, die Herrn Urban ihr Vertrauen votieren, ist nicht die Stimmung des Judentums Oesterreichs, das in seiner .weitaus überwiegenden Mehrheit entschlossen ist, seine Ehre und seine Existenz gegen jeden Angriff mit allen'Mtteln zu icbüüen.