Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1553 (10.6.1923)
- Date
- 1923-06-10
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Mett, Sonntag (Friedrich Hang.) Einst fragte König David Gott den Herrn: „Warst» erschufst D« Spinnen auch und Fliegen, Die niemals vützen? Ja, fie schaden nur!" *S)eS Bessern will ich Dich belehren!", scholl Ihr» ans den Wollen eine Stttmne zm MS David von dem Hügel Hachila Sich wagt* um Mtternacht ins Lager Sauls, Und Speist und Wasserbecher still ihm raubte, Äotmf er aus Abners Füßen, der bei Saul Im Schlummer lag, den rechten Fuß nicht zichen. — Den», tat er's mit Gewalt, so häE er Abnern Erweckt und sich in Todesangst gestürzt, Da wollte Gott, daß eine Fliege zart De» Abner stach und er den Fuß zuruckzog, Fochchlmumernd. — David floh und dankte Gott, Doch Saul verfolgt ih» überall, sogar B8 in die Wüste. Sich zu retten, kroch Jetzt David in die fernste Höhle. Gott Saudi' eine Spinne flugs, die chr Gewebe WugS um der Höhle modern Eingang wob. Mer ließen chu die Spinnen nicht hinein!" Mef lachend Sanl und zog des Weges fort. Und in dm Sand sank David hm: „Vergib! Des Bessern ward ich schnell belehrt, Jehowah! Nie komm' ein Zweifel wieder in mein Herz. Auch Spinn' und Fliege nützen, ich erfuhrt. Was Wr zu tun gefällt, ist gut und weise." Wir wölben mehrere Tage auf Fahrt. Aber das ist nicht so einfach. Der Führer wird bestürmt, „zu Haufe" zu intervenieren. And er. muß tagelang treppauf uttd treppab laufen, um sein Häuflein znsammenpöbrmgen. Meist ist es die Mutter, die das Ressort Inneres" mr HmMvosen über 'hat. (,Menn der Vater nein sagt und die Mutter ja — dann ist's gut, aber wenn die Mutter »ein sagt, dann kann der Vater zehnmal ja sagen"). ■ Da ist vor allem der Vikerl. Er Ivar ein guter Schüler. — „aber seitdem er im Bund ist, geht's abwärts-mit ihm". Er hat eine schlechte Zensur nach Hause gebracht und „soll lieber lernen, als Touren machen. Wie ich so alt war, wie er . . und da erzählt die Mutter von ihrer Jugend voll harter Entbehrung. Aber der Ein wand, ob ein liebendes Mutterherz das an ihren Kindern vergelten wolle, entkräftet das Argument. Da kommt der Vater dazu. Er ist immer für Abhärtung und sekundiert dem Führer fleißig, denn er weiß, hinter dem Vorwand „Schule" steckt doch ein großes Quantum Angst, daß dem Buben etwas passieren könnte. Man schließt ein Kompromiß: das Geschichtsbuch wird aus die Wanderung ruitgenommen And der Führer eilt weiter. Zum Karl. Da ist die Mutter allein zu Harrse, der Vater ist aus Reisen und hat die Schwester mit. Die Mutier wollte nicht allein bleiben und hat dem „Karli" die Teilnahme an der Mehrtagstonr..nicht gestattet. Darauf Streik des Herrn Sohnes. Er eröffnet aus eigene Faust den Kampf. Er ißt nichts znm Nachtmahl, grüßt nicht anständig, ist einsilbig. ' Ein schwerer Fall. Die Mutter ist natürlich und mit allem Recht wütend. ,>Jch bin eine gute, aber strenge Mutter," versichert sie, und der Führer muß einsehen, daß da Strenge anr Matz ist. Er geht. Unten vorm Haustor wartet mit hochroten Wangen der Karl. Er ist „bei gutem Wind verkommen.". Er ist ganz weg, wie er von der erfolglosen Expedition erfahrt. Der Führer macht ihn: bittere Vorwürfe und gibt ihm schließlich einen guten Rat, den ,^larli" sofort befolgt. Er läuft wie der Wind hinauf, der Führer wartet. Wartet. Wartet. Da kommt er wieder herunter. Er kommt nicht, er stürmt. Er reißt fast das Stiegengeländer mit. Er hat Tränen in den Augen und strahlt. Er darf gehen, oben ist inzwischen Versöhnung gefeiert worden. Und Jo geht es weiter. Die vernachlässigte Schule, die verprügelte Schwester, die kecke Antwort, das - nichtgegessene Erbsenpüree, die ohnedies in einen: fort gemachten Ausflüge, der nichtgegangene Weg zum Greisler, das sind lauter Faktoren, mit denen matt rechnen muß. And ganz zum Schluß kommt noch einer, der Fritz. Gr hat von nichts gewußt und daher auch nicht rechtzeitig ,M penzen angesaugen". Jetzt ist es 7 Uhr abends. Morgen früh sows los gehen. Und der Führer läßt im Hinblick aus seine bisherigen Erfolge auch diesen Wetz nicht unversucht. Er fährt mit dem Fritz sofort nach Hause. Am Weg überlegt er, wie er die Mutter überrumpeln kann. Er fragt, was dem Fritz auf die Mehrtagstour mitgegeben wird. Die Mutter ist ganz Paff; aber: es iiritfft; sie wagt nur ganz kleinlaut zu fragen, wann wir gurückkommen. Der Vater steht daneben und sekundiert wieder. Er weiß, was seinem Buben (und wenn er auch der einzige ist) die große Tour bedeutet. Und der Fritz stcht hinter der Mutter und zwinkert mit den Angen. „Geschickt gemacht," will er sagen. Denn erdarf auch «KM, I. C, M, Meire« MoVgenMUrtg. io. Juni 1928 Nonismm rmd jüdische Fugendbewesmrs. Denen, die drir JuHendbswegung -vm allgemeinen und der jüdischen in: besonderen etwas ferne stehen, wird die pvobl-emartige Zuisasmuenfa-sfung obiger Worte merkwürdig vorkom-r men; denn was uns Junge mit seiner gswattvgen Problematik durchrütM, ist ihnen, die von der Fcime und oberflächlich schauen, Mstverständlich. Ware es auch m allen unseren stpcibenden junkMdifchen Seelen SMlverstäMichLeit, dann würde es sich erübrigen, auch mc ein Wort darüber zu sagen. Es .ist aber nicht so. Viele —und nicht gerade die schlechtesten — jungen . Juden, wollen alles sein; Palästinazentrisch, national, trouiMisch — — ■— aber für zionisti.sch wollen sie nicht gelten. Warum? Liegt nicht in dieser Tatsache eine Msurdität oder mehr noch — eine Tragödie verborgen?! Nach Zion gleitet immer der sehnsüchtige Blick, zur Arbeit aus seinem heiligen Boden bereitet man sich vor, das ZionÄred erhebt die Seele nnd vor dem inneren Blick stcht immer die Gruppe starLer Diener Zions, mit denen man Freud und Schmerz, Arbeit nach Genuß, Leben und Untergang teilen will — und dennoch — Zionist will man nicht heißen. Warum? Mich, quält diese: Frage, denn. ich. weiß ja,. daß. auch. ich leiinst so war. Und ich war mir damals klar über mein Nicht- Ziomst-siein-woÜen, das heißt, so Aar, als ein denkender SielbzehMähriger sich sein kann. Damals, vor drei Jahren, konnte ich mir eine Erklärung dafür geben — dieselbe Erklärung, die mir auch heute noch diejenigen entgegürchakten, die sich nicht Zionisten nennen wollen: Der Zionismus, sagen sie, ist heute eingeengt in die erdrückende Abgrenzung der Organisation; der wahre Inhalt ist entwichen: in den zionistischen «Parteien drischt man leeres Stroh und vevivendcl Zeit, Mühe und Geduld darauf, statt sich um den wertvollen Inhalt zu kümmern. Wielen, sagen sie, ist die ganze Sache nur Gelegenheit zum Zeitvertreib oder zu noch Aergerom; für uns Junge ist dort Lein Platz; und da wir nicht m einen Tops mit ihnen gcworfen werden wollen, jene aber lautere Stimmen haben und mehr gehört haben, wollen wir nicht so heißen wie sie . . . So hat sich ein schroffer Gegensatz herausgebildet, der eigentlich keiner sein muß, dorm cr stellt ja nichts anderes dar, als eine Diff-lnenzierung der Avbeitsart, wie sie überall dort besteht, wo Jugend und Mer. Mmeinsäm an. einem Werke Mitarbeiten: Die Jugend, die Sturmtruppe und der Bahnbrecher; das Alter, der leitende Kopf mrd der materiell Unterstützende. Ich aber muß sagen,, idaß in beiden Lagern gar zu große Teile ihrer Mission nicht nachkom-m-en, wie es sein sollte. Schwer ist der Vorwurf, den man heute nach beider: Seiten erheben Müßte: zuerst gegen dich, jüdische Jugend. Du schläfst, du bist lästig, du läßt deine geistige und seelische Stoßkraft ungenützt, die du. so fruchtbringend für dein Volk und für dich anwenden könntest. Di: küm m erst dich wieder, nach einer Periode glänzenden A-nfschtvunges, nur mehr um die Tollheiten eines äußerlichen Lebens; bat anderer Teil aber, der du dich unwillig vor: diesen: Nichts a'bwenid>est, bist zum großen Teil , zerrüttet, glaubst an nichts, auch nicht an dich. Raffe dich doch wieder zu einem freudig bewußten Leben und Arbeiten ans, denk', wie du tätig deinen: gepeinigten Volke beisteihen kannst, vorderhand aber streue wenigstens fruchtbringenden Samen in junge Herzen, bringe sie näher den: Volke rurd seinen Idealen. Der andere Vorwurf aber richtet sich gegen unsere großen Führer, in deren Hand es liegt, in den Begriff Zionismus und Zionist solch' für die ganze jüdische Jugend Hohes zu bringen, daß auch nur die Möglichkeit eines Scheidens zwischen den Begriffen zionistisch und wahrhaftig jüdisch schwindet. Nicht nur, daß dies der Jugend helfen Würde, ich sage, wenn das nicht geschieht, wird die Gefahr immer größer und größer werden, daß wertvolle Teile der jüdisen Jugend, weil sie nicht werden zionistisch sein wollen, mich — unbewußt — auifhören werden, jüdisch zu sein. Uns tut, so wie jeder Jugend, eirr wahrer Führer not, der mit großen, flammenden Wörter: uns. durch die Tage und Nächte unseres Lebens in das gelobte Land wahrer Volksveveinigung , führt. Das Gehen selbst braucht man uns nicht zu lehren, das körmen wir schon, auch undeutliche Phantom-Ideale braucht man uns nicht vorzugan-bern,. aher mit sta rkcr Hand unsere Be st r e >b n ng e n z u s a m m e n f a s s e n, ■ eindringlich den Schwankenden bert einzig ernsten Weg zeigen, das soll der große Führer. Er soll der jüdischen Jugend klar einen Zion'iHnrus -zeigen, den sie ‘ ihr Eigen soll nennen können, ohne daß sie durch Seitenblicke : ans das ihr nicht entsprechende Parteigetn-e dazu gebracht wird, das Kind mit.'dem Bade ausMschüitten, zionistisch seinaber nicht zionistisch heißen zu wollen. Wo ist dieser Führer — wir evlvavtien ihn! Jaakow Garir. Liebe Gveite! Weißt Du, ich will Dir lheuit-eein Gshciim-ms verraten, ich bin seit 14 Tagen in einem Bund jüdischer Mädchen. Du wirst Dich vielleicht erinnern, wie ich immer auf die schmutzigen, alten Juden gefchimpft habe. Ich habe wnMch geglaubt, nur die Ghristen verstehen es, sich zu traschen. Mein Fräulein hat es mir auch so gesagt. Bor drei Wochen sah ich im BoMsgavten eine alte Bekannie, die kleine Ella, Du kennst sie vielleicht auch, sie war ja vor drei Jahren nrtt uns in Mauer. Sie hat mir erzählt, sie mache seht jeden Sonntag att«:: Ausflug, -und Lud mich am, mÄMißvMnen Wd-fo. M W mit einem wirklichen Bu>nd und es smd Lauter Jüdinnen» alle slug, und lud mich ein, m.itW'k0lM!MLN, und so wandere ich jetzt ausgelacht, weil ich nicht glauben wollte, daß sie Jüdinnen 'ind. Die Führern: ist einfach entzückend, sie hat uns versprochen, gleich zu Beginn der Ferien «ine ,Jweitagsfährt" zu machen; das verstehst Du wahrscheinlich nicht, was das heißt. Wir freuen uns über sehr darauf und ich werde Dir dann schreiben. — Ich habe auch neue Lieder geleimt, die viel luftiger sind als die Schullieder, manche Mädchen im Gand singen Mw hebräisch rmd ich sag' Mr, es klingt schön, wenn ich auch nichts davon verstehe. Bitte, schreibe mir, wie es Dir geht, grüße de» kleinen Fred: von mir. Deine Dich liebende Freundin kleinen Fred: von mir. Deine Dich liebende Freundin Draußen, hinter dornigen Sträuchen:» neben braunen, glänzenden Ackerschollen, wohnt der Zwerg. Jeden Tag biegt er vorsichtig die Zweige auseinander, blinzelt nach den letzten Sonnenstrahlen, sieht sich vorsichtig um und springt in großen Sätzen zum Weiher. Dort steht er sM, hebt die Augen, als wolle er aufwärts schauen, senkt die Lider, biegt die Arme rechtwinklig zum Himmel und setzt sich, , mit geschlossenen Knien, langsam und leise. . Und es dauert nicht lang, da beginnen im trüben, gelben Wasser, zwischen grauen Staubteilchen, feine Bläschen auszusteigen, immer mehr und immer schneller und immer größer, bis endlich mit lautem und Plötzlichem Aufrauschen ein prächtiger Stein erscheint. Er funkelt und leuchtet. Es ist vielleicht Gold oder ein Diamant. Der Zwerg öffnet seine Augen ein . wenig und weidet sich an diesem Schauspiel. Er zieht die Schultern hoch und beugt sich weit vor. Dann bleibt er atemlos und wartet. Nichts rührt sich. Kleine. Flämmchen zucken über den Stein, Wasserkämme beginnen zu rauschen und. schlagen glucksend über ihn zusammen. Große Wellenringe laufen auseinander. Und der Zwerg erhebt sich und geht. Und einmal in einer Zeit kommt er wieder und freut, sich seines Geheimnisses. Und wie er wieder, einmal, sitzt und der Pracht nachstarrt, ganz in sich versunken, mit verglasten Augen, da — steht ein Mensch hinter ihm.. Ein wirklicher Mensch, dieses listige Tier mit zwei Beinen. Wie ein elektrischer Schlag geht es durch die Luftt Der Mensch hat das Geheimnis gesehen. Der Zwerg ist verschwunden und das Wasser tost unwillig/ Aber das Herrliche, nie Geschaute, will er besitzen. Haben. Nehmen. Der Mensch. Er watet hinein. Tiefer, immer tiefer, vor sich sieht er den Stein. Er suhlt, daß er nicht mehr zurück kann, . aber er muß weiter. Das Waffer geht ihm an die Lippen, eri will schreien, aber eine. Welle dringt in seinen Mund.. Niemand hat ihn wiedergesehen, nicht'ihn und nicht! das Wunder. > ' P. M. lZur Zehnjahrfeier.) „Keine Stunde der Arbeit für bctt Blau-Weiß hat mich gereut." Dies waren die Worte, die nach Jahren schwerer Kriegsmühen ein ans der Gefangenschaft heimkchrender Führer als Begrüßllng sprach. Manches ist anders gekommen, als wir ersten gedacht, und doch können wir getrost die Entwicklung des Blan-Weiß-Gedankens verfolgen. Eine kleine Schar junger Menschen, die schon als Gymnasiasten für ihr Ideal einzutreten gewohnt waren, die der zionistischen Bewegung nicht kritiklos, aber voll ergeben waren, wollten die übrigen jungen Juden an sich heranziehen, nicht nn: sich selbst , etwa an die Spitze einer neuen Organisation zu stellen, dazu wäre Gelegenheit genug gewesen, sondern, um eine neue Form, die der Jugend ivirklich entspräche, zu schaffen. Jakob Landau, der eigentliche Initiator des Wiener Blau- Weiß, war niemals Führer und nicht Obn:amr der Elternorganisation.. In kaum zu verstehender Bescheidenheit schob er stets uns andere vor, obzwar er in wenigen Wochen mit der ihm eigenen Energie eine mächtige Organisation in Oesterreich schuf. Schon früher hatte bic akademische Sektion der damals bestehenden Wiener Zionistischen Bereinigung Geschichrs»ffe und hebräische Kurse sowie Literaturabende für Jugendliche errichtet, die von Glanz, Kl ab er und Fräulein Waltuch geleitet wurde. Diese Kursteilnehmer waren auch die ersten Wanderer. Die erste Führerschaft stand unter Leitung des Oberführers Gersuny, dem blinder Gehorscmr geleistet wurde, in dem Bewußtsein, daß Disziplin uns Inden vor allem nottue. Und als im Herbst 1913 der Kongreß in Wien tagte, marschierten siebe:: Burschen- und vier Mädchenzüge in musterhafter Ordnung und Adjustierung beim Sportfest ans der Hohen Warte auf. Zur. selben Zeit fand auch die erste Nachtfahrt statt und es-wM.«&«!-