Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1553 (10.6.1923)
- Date
- 1923-06-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nvi'hT M^^MWWWWWWWW ’ffWVrofi Seite 4 ’"" Mett, Somttatz T Brechungen mit den Vertretern Rumäniens und Serbiens, wobei er ihnen die kritische Lage der Konferenz darlegte und sie ersuchte, bei den Alliierten dahin zu wirken, daß man zu einer: für die Türken annehmbqren Lösung gelange. Die beiden Delegierten erwiderten, sie würden sich darauf beschränken, die türkischen Wünsche an General Pelle weiterzuleiten. Die alliierten Bevollmächtigten traten heute um 11 Uhr vormittags zu einer Sitzung zusammen. Die neuen Instruktionen, die sie von ihren Regierungen erbeten hatten, sind mit einer einzigen Ausnahme ein ge tr offen. Die Bevollmächtigten prüften die Lage, um sich darüber klar zu werden, ob bezüglich der noch zu regelnden Fragen unter ihnen volle Einmütigkeit bestehe. Wie verlautet, haben mehrere Schweizer Firmen der Türkei Vorschläge für den Wiederaufbau Kleinasiens gemacht. Einige ... Firmen bewerben sich um das Recht der Ausbeutung der M angannnd Q u e ck s i l b e r-g r u b « tt, andere Vorschläge beziehen sich auf elektrische Jnvestionen > und die Bodenbewirtschaftung. Eine Schweizer Gesellschaft beabsichtigt den Bau eines Hotels mit über hundert Zimmern in Smyrna. Amerika hat kein direktes Fntereste an der Reparatiomfrage. Washington, 9. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Im Weißen Hause wird erklärt, daß sich die Bereinigten Staaten auf der von Deutschland vorgeschtagenen internationalen Reparationskonferenz nicht vertreten lassen werde, da Amerika kein direktes Interesse an der Reparationsfrage habe. Der deutsche Vorschlag sei von dein früheren Vorschlag des Staatssekretärs Hughes wesentlich verschieden, da die Unterscheidung nur in der Sachverständigen-. kommisiion bestehe. Man erklärt außerdem, daß sich die deutschen Vorschläge den Ansichten der Alliierten stark genähert haben, was besonders. dem entgegenkommenden Tone der deutschen Not« zu verdanken sei. Baldwill für den europäischen Frieden. London, 9. Juni. (Wolfs.) Premierminister B a l d w i n hielt gestern in Oxford eine Rede über „Die konservative Partei und ihre Bedeutung für die Zukunft". Er erklärte, die Parieimitglieder dürfen niemals vergessen, daß alle Briten, ob sie nun Engländer, Schotten oder Iren seien, gleichzeitig auch Europäer seien und daß En gl a nd durch eine konservative oder eine andere Regierung dem z e r r ü t t e t e n E u r op a wieder den Frieden bringen müsse. Seiner Ansicht nach hänge der Stand der Zivilisation von der Stabilisierung ÄrropaS und von seiner Immunität gegen Versuche ab, wie man sie in Rußland gesehen habe. Es gäbe kein Land der Welt, das die gleiche Pflicht habe, einen derartigen-Einflusiauszuüben, wie England. Durch den Kanal vom europäischen Festlands getrennt, genieße es große Stabilität, es sei verschont von Experimenten und es habe die Aufgabe, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Europa bei her Herbeiführung des Friedens zu unterstützen. Der ötaatsrat ffft chalststkna. Erklärungen im englischen Unterhaus. AuS London wird uns gemeldet: In Beantwortung einer Anfrage im vnMchen Unterhaus - erAävte dsr Untreftaatssekretär für die Kolonien. Mr. Drmsby-Gor^: 'Die„ DetMkbestimnmngen in bezug Ms vre ZWmmensetzung deS Advilsory Cov»nl wurden bereÄs veMenÄicht. DerEomM selbst, der nur eine beratende und' nicht administrative Körperschaft ist, besteht aus acht Mohammedanern, zwei Christen und zwei Juden. Palästina wird wie in der Vergangenheit durch den Oberkwnvmiffär, der nach den Instruktionen der britischen Regierung handelt, verwaltet weiden. Bei der Behandlung der Fragen des Kolonialamtes wird >de>m Untechaus die Möglichkeit gegsben werden, auch die Politik der Regierung' in Palästina zu diskutieren, Diskont Curzon (konservativ) fragte, ob nicht der Ausgang der Wahlen in Pa-, lästma eine Niederlage für die RegierungspoMik bedeute. Mr. Ormsby-Gore widerspricht dieser Meinung, denn Palästina war nie friedlicher als jetzt und die Lage bessert sich täglich. Bevorstehende Ankunft Sir Herbert Samuels in London. Lorwon, 9. Juni. (Tel. der ,Miener Morgenzeitung".) Sir Herbert Samuel trifft gegen Ende des Monats in London ein. Wie verlautet, soll er seinen Londoner Aufenthalt benützen, um die Frage der palästinensisch ein Anleihe zu betreiben. Aus London wird uns gemeldet: Die Presse kritisiert das Vechalten des Königs Hussein von Hedschas, welcher von der monatlichen Subvention der englischen Regierung in der Höhe von 6000 Pfund die pallästmensischaräbifche Delegation mit 2000 Pfund monatlich unterstützt habe. Dadurch kam die englische Regierung in die eigentümliche Situation, daß die von ihr zur Verfügung ge-' stellten Geldmittel zur Bekämpfung ihrer eigenen Politik verwendet wurden. - Lenemngsdebatte und Mißtrauensvotum im deutsche« Reichstag. Berlin, 9. Juni. (Tel. der Mioner Morgerrzeitung".) In fortgesetzter Beratung hat das Plenum des Reichstages die Teuevungsinterpellation der Sozialisten beendet. Ms der deutschvölkische Abgeordnete Mulle die Sozialdemokratie als eigenttich^Drhvberin der jehigetr Not bezeichnet«, kam es zu sehr erregten Zusammenstößen zwischen dem Redner und Wiener Morgenzeitnng. In der dritten Sitzung schilderte Dr. So lo weits ch i k die Entwicklung, die der Gedanke der Einberufung des Palästina-Weltkongresses sowie der Heranziehung weiterer Kreise zum Wiederaufbau Palästinas im Laufe des vergangenen Jahres seit der Jahreskonferenz durchgemacht hat. Die Heranziehung bezwecke die von Herrn Sokolo w im.Namen der Exekutive unterbreitete Resolution. An der weiteren Debatte beteiligten sich noch die Herren Dr. F e i w e l, Dr. H a lp e r n und Dr. Katznelso n wie auch Herr S o k ol o w, der Aufklärungen über mehrere im Laufe der Diskussion gestellte Anfragen und geäußerte Bedenken gab. In der Nachmittagssitzung ' sprachen noch die Herren Rabbiner Brod und Dr. Rapaport,^ worauf der Antrag Dr. Katznelson angenommen wurde^ den Sozialdemokraten. Das Ergebnis der ganzen Debatte wird von allen Seiten als unbefriedigend empftmden. «Am Schlüsse der Sitzung hatten die Kommunisten ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung eingebracht, das aber unter großer Heiterkeit des Hauses nicht di« geniigcnde Unterstützung erhielt, da sich dafür nur die wenigen im Saale anwesenden Kommunisten echoben hatten. Das Haus vertagt« sich dann ans Montag nachmittags. Der Hochverrat der Hakenkreuzler. Der Münchner Hochverratsprozetz. München, 9. Juni. (Süddeutsches Korr.-Bur.) In der heutigen Verhandlung sagte der Hauptzeuge Friedmann aus, er habe sich zusammen mit M a j o r Mayr Eingang in die „Clique" verschafft. Aus verschiedenen Anzeichen habe er ersehen, daß die Gefahr bestehe, es könnte sich eine feindliche Macht in die innerpolitischen Zustände Bayerns einmischen. Der Zeuge erwähnte hierauf eine Unterredung mit Oberst Richert, in der dieser auf die Pfalz frage zu sprechen gekommen sei und den Ausdruck „Offizielle Sendung" bemängelt und betont habe, daß es sich nur um eine offiziöse Sendung handle. Frankreich gehe immer so vor, wie es ja auch in Fragen der Ostpolitik so gehandelt habe. Der Zeuge gab sodann die fünf Richtpunkte bekannt, die mit Kauter, vereinbart worden seien und die den letzten Besprechungen mit Richert zugrundegelegt werden sollten: 1. Welche Gründe hat Frankreich, um die Aktion zu fördern? 2. Welche Unterst Atzun g; will FWankr eich in militärischerHinsichtgewähren? 3. Welche Garantien auf wirffchastlichem und'politischem Gebiete werden von Frankreich versprochen? 4:''-Welche größeren kontinentalen Ziele, hat Frankreich-im Auge? 5. Was ist von der zu Anfang gezeigten anttbolschewikischen, was von der monarchistischen Tendenz des ganzen Unternehmens im Hinblick auf die französische Unterstützung oder Veranlassung zu halten? | Der Zeuge Pixis erklärte, er sei mit Kauter am 20. Februar zum Minister Schweyer gegangen. Kauter hübe dem Minister die Notwendigkett dargelegt, in dieser Angelegenheit eine Enffcheidung zu treffen, da er und seine Mitarbeiter für den wetteren Gang der Dinge keine Verantwortung mehr übernehmen könnten. Bezüglich Richerts habe man die Auffassung gehabt, daß man versuchen müsse, ihm durch Mitteilung eines neuen TeAnines noch einmal nach München zu locken und dann festnehmen zu lassen. Deutsche HochschulreMon. Die deutsche .„Hochschulzeitung", das offizielle Organ der bah rischen Studentenschaft, vevöffenMcht eine Denkschrift der ,MMfchen Finlenschaft" in München an das bayrische Kältnsministermm, worin gegen' die geplante Bevustmg des Heidelberger Professors für Aeghpwlogie Z i e g e lberg an die Universität München protestiert wird, da Zregelberg Jude sei. Gegen diese Denkschrift wendet sich eine Erklärung der Arbeitsgemeinschaft republikani scher Studenten an den Münchener Hochschulen mit der Begründung, daß sich die Denkschrift nicht nur gegen die Freiheit der Lehre und Fovschnmg richte, sondern das lyrische Ministermm direkt auffordere, gegen die Reichsversassun g zn handeln. Die republ-ikanifche Studentenschaft gilbt der Erwartung Ausdruck, daß das bayrische Mnistevium die Berufung Ziegelbevgs aufrecht schalte und derartige Zumutungen terroristischer Gruppen energisch zrvrücktveist. ' Wie aus Heidelberg ^meldet wird, hat der Physiker Prof. Lenard, gegen den wogen seines, provozierenden Verhaltens am Tage der offiziellen Rathenau-Kundgebung, das gu Unruhen in Heidelberg geführt hat, das Disziplinarverfahren eingeleitot wurde, seine Entlassung gefordert. Prof. Lenard ist nicht nur alls Physiker und Gegner Einsteins, - sondern auch trotz seiner magyarischen Abkunft als deutschvölkischer Reaktionär bekanw. Kopbept Roiii; Wie», VII., MiairSahiBFejrsfls'ass© ÖSa (gllafto?) Telephon 35-1-81 10. Juni 1923 Nr. 1553 eine Nedaktionskommiffion zu wählen, die zusammen mit der Exekutive einen entsprechenden Antrag/ausarbeiten und im Laufe des nächsten Tages dem A. C. vovlegen soll. In diese Kommission wurden die Herren Dr. Barth, G r ü n b a u m und Dr. Katzne l f o n gewählt. Sodann wurde »die Frage des K e r e n H a j e s s o d und dessen Verfassung behandelt. Dr. Feiwel referierte über den dem A. C. unterbreiteten Stalutenentwurf und^ erläuterte eingehend »die Bestimmungen betreffend die Bildung des Council und des Direkt o r i u m s. An der Debatte beteiligten sich Dr. S o l oweitschik, Dr. Halpern, Dr. Reich, Oberbaurak Stricker, Dr, Hantke, Naiditsch, Ing. Ko p l a n s k i, M e r e m i n s k i und Dr, K a tz n e l s o, Tagesbericht. Die alte» Schwester». Die Jungen und Arbeitsfähigen, die noch in der brartsenden Fiille des Lebens stehen, die sagen achfelzuckend, wenn man ihnen von den beiden Schwestern erzählt: ach Gott, allen alten Leuten geht es jetzt schlecht. Das Elend der Men gehört offenbar jetzt zu den SeÜ>siverständlichkeiten, über d'ie ein Mensch von Eigenart und Taktgefühl nicht weiter spricht. Zwei Frauen, nahe bei siebzig, die hungern—wer will davon AuHebens machen! Man spricht ja auch nicht darüber, daß es im Winter kalt und im Somurer -warm ist. Auch die Leiden Mtjüngferlein sind vielleicht schon ein bißchen abgehärtet. Freilich, wenn sie auch vor dem Krieg nicht in Luxus und Ueberfklß lebten, so mußten sw doch nicht darben. Sie hatten ihr sicheres Brot, ihr warnres Zimmer und einmal, ab und zu, auch irgervdein bescheidenes Vergnügen, das sie mit der hingehenden Seligkeit der kleinen Leute genosten. Sie 'hielten eine Zeitung und lasen des Abends Bücher, die sie aus einer Volks'bMio-thek entlehnten. Es war kern Glück, aber es war doch wenigstens ein Dasein, das ein wenig Licht urrd Farbe in sich schloß. Schon die Arbeit verscheuchte die graue Einförmigkeit. Und Arbett gab es genug. Die Ae'ltere besorgte das Hauswesen und Pflegte die alte blinde Mutter, die Jüngere aber saß vom frühen Morgen bis zum späten dlbend bei der Nähmaschine und nähte Röcke, Blusen, Schürzen, Wäsche und manchesmal auch eine ganze „Aussteuer" für eine glücklicher« Geschlechtsgenostitt. Vielleicht nähte sie nranchen ttüben Gedanken,. Manche Sehnsucht in diesen Staat hinein. Aber sre hatte ja nicht viel Zeit riachzudenken. Da war immer noch Arbeit zu tun, für die Mntter zu sorgen, einen Sparpfenmg für das Alter zurückzulegen. Denn sie, die Tochter des lvohtangesehenen mährischen Kaufmannes, sie konnte und. wollte den Gedanken nicht ertragen, einmal „nehmen" zu müssen. . Nun ist es doch so gekommen. Die Mutter starb zwei Jahre vor dem'Krieg, der einzige BMder, der wacker für seine „drei Frommen" gesorgt hatte, folgte nach kurzer Zeit. Aber immer noch ratterte Ae Nähmaschine, immer noch schafften die fleißigen Hände das läßliche Bvot. Dann aber kam die Krankheit. Sie warf die Siehenundsechzig- ' .jährige darnieder. Durch acht Monate konnte stb kein Glied rühren, eine Geleniksentzündung lahmte Hand und Fuß. Die Schwester, schwach, kvänUich, uln-terernahrt, pflegte die Leidende mit unerschöpflicher Geduld. Sie muhte sie heben und tragen, mußte Tag und Nacht bereit sein, Hilfe zu leisten, muhte Tag und Nacht das Jammern und Stöhnen der Schmerzgequälten archoven. Nach durchwachten Nächten fetzte sie sich zur Avbät. Als die Privatkundendie ein so weiches Herz hatten, daß sie das Leiden der Kranken nicht mitanfchm konnten, ausbliebew, übernahm das alte Mädchen Arbett für Geschäfte, nahte bis in die Nacht, um den Hunger chrer Schwelle fernzuhalten. Dann aber trat, gerade in dem Augenblick, da die Schwester vorsichtig ihre ersten Schritte 'wagte, ein neuer, Feind aus den Plan: die Gicht. Und dieser Feind nrachte schnelle und ganze Arbeit. Es wahrte nicht lange, da waren die flinken, geschickten Finger mit dicken, harten Knoten bedeckt, da. konnten sie keine Nadel mehr Halten, die Schere nicht mehr regieren. Damit war der Traum von einem Mer ohne Alnioson ausgeträumt.- Auf die Frage, wovon sie leben, zählt die Aelteve auf: Zimmermiete, Pfründe der Stad! Wien, Tlnterstutzung von der Kultttsgemeinde, von einem Verein — alles zusammen macht im Monat noch keine 150.000 Kronen aus. Daß zwei Menschen davon nicht leben können, ist nur zu klar. ,Mir leben von dem," sagt die Näherin, und Trotz und Verzweiflung klingen-in der, Stimme mit, was uns gute Menschen schenken." Aber leider' kennen die beiden alten Mädchen, nicht so diele „gute Menschen", daß es täglich zum Sattwevden ausreicht. Es kommen Tage, an denen eine Suppe mit einem'! kleinen Stückchen ‘ Brot die: einzige Nahrung ist, Me dre Beiden bestreiten können, es kommen Tage, an denen'stt! hungern müssen, hungern zur Strafe dafür^ daß sie ei»! Leben der'Arbeit geführt, zur Strafe dafür, daß sie alt ge. ’ worden sind. Es sieht noch immer rein und ovdeMch aus im HM der allen Schwestern, man merkt noch immer, daß sie aus ' einer „guten" jüdischen Familie sind. Aber leise schleicht. sich die Trostlosigleit ein. Als die VierundsechzigjähviM ihre Krankheiisgeschichte erzählt hat, da fetzt sie 'hinzu,' iiÜK MM 7065