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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-10 · Heft 1553 (10.6.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1553 (10.6.1923)
Date
1923-06-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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BRett, Sonntag Wiener Morgenzeitung. Seite S jmtMB 8er Sttett um den ZnnsbrnSer Bürgermeifterpofte«. ' "4 IemShrnck, 9. Jmri. Di« nach'langen orgelbnislosen VerhaMuugen Koischen den Parteien gestern -durch den Ge-" merndsvat dovger.omMene Wahl des Bürgermeisters hat zu keinem EvgeMs geführt, da jede Parder aus Hrem Kanidiidaten belhvDvde. Der Sozialdemokrat RappMi erhielt 16 Stimmen, der Volksparteiller Fächer 16, Landeshcruptmcmnstellvovtreter Dr. Peer, der von der Tiroler Po Ulk 8 Partei . zuerst Äs Kandidat oufgestelli worden war, dann «Iber zugunsten Fischers znrücktvalt, 1 Stimme, der Großderutsche Eder 9 Stimmen, 2 Stlimmzettel waren 'feer. Die WvüdochMmg vor Wahl dünste in acht Tagen statt-' -ftnden. Tschecho-Slowakei. 8er Aufenthalt iu der Tschecho-Slowakei. Prag, 8. Juni. ,Kidove Noviny" mellden aus PveMmg, daß im Hinblick ans die jüngste ^ionagoaffäre die PolizeivirÄtion eine Dschügrmg erlassen hat, wonach künftighin Aufenthallitsbewilll'igU'Ugen für Ausländer, beziehungsweise ihre Verilängevung aut dann erteilt werden, wenn die politische Zuverlässigkeit diaser Personen üeWcht. , _ Zügoslawien. Sie Sknpschtina gegen Ungarn. Graz, 9. Juni. Die Tagespost" meldet aus Belgrad: In der gestrigen Sitzung der Skupschtina kam es bei den Ausführungen des Ministers des Avußevn Dr. N ir.-cic über das VerhMniS zu Ungarn zu stürmischen Protest rufen gegen Ungarn. Ws Minister des Aoußern Dr. Nincic hervochob, daß Ungarn noch 'immer Internierungslager für'jugoislawifche Staatsbürger «ni-erhaAe, riefen einige Abgeordnete: „Wir verlangen RepressaliM gegen die ungarischen StaatMürger!" Dr. Koroisec rief: „Man soll den ungarischen Gesmrdten internieren!" Einige andere Abgeordnete schrien: ,Man soll Ungarn okkupieren!" Daraufhin verließ der ungarische Gesandte die Loge. Die GKuPschtina beendete um haW 1 Uhr früh die Debatte über blie RegierungseMarung. Eine Abstimmung fand nicht statt, weil kein dieAbezüBicher Antrag vorÄg. Polen. Am den Seimkommissionen. ' Warschau, 9. Juni. (Tel. der ,Mr. Morgenzeitung".) In der BeÄvaktungÄkommiffion wurde Abgeordneter Dr. S ch rp p e r das Referat Äer die letzten terroristischen Ueberfülle übertragen. In der Kommission für Beamtenangelegenheilen wurde daS GesetzesProM Wer die Besferstellung der Bermterr verhandelt. Die Sozialdemokraten und der Iüd ische Klub stimmte« für eine weitgehende Besserstellung der Staatsbeamten. I« der Kommission für soziale Fürsorge wurde die Frage der Erteilung von Schank- und KestauratronÄkonzesiionLn an Invalide behandelt. Die f v^» JVienJ, JVildpretmarkt & Modales sott, an Joches. Kc&tumeSjJflaniecuuc, v\ ZTeagoTons et iFourrures - ^Telefon 05373. Grosse Okkasion von Frühjahrs-Modellen und preiswerten Etaminkleidem toooo s Tendenz dieser Anträge ist ausschließlich gegen die jetzigen jüdkfchen Schankibejsitzer und Pächjjer gerichtet. Die Abgeordneten Eisenstein und Kirschbraun beantragten einige Amendements, die gegen die Stimmen der Abgeordneten der Rechten angenommen wurden. In der letzten Sitzung der Kommission wurde von den Nationaldemokrate.» plötzlich der Antrag aus Einführung des Schacht Verbotes gestellt. Das diesbezügliche Referat wurde dem Geistlichen Whrembowski übertragen. Die jüdischen Abgeordneten werden gegen diesen Antrag die schärfste Stellung nehmen.. Wie in gut unterrichteten Kreisen verlautet, dürfte der Sejm bis zum 5. Juli tagen, worauf die Sommerserien beginnen sollen. Der neue Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde. Aus Warschau wird uns berichtet: In der letzten Sitzung der Warschauer jüdischen Gemeinde wurde an Stelle des verstorbenen Präsidenten Rundstein Herr S. Bergmann zum Präsidenten der jüdischen Gemeinde gewählt. ' - Ungarn. Austritt GZmbSs' am der Regierungspartei. Budapest, 9. Juni. (Tel.-Komp.) Der Austritt Julius Gömbös' aus der Regierungspartei wird für nächste Woche erwartet und gilt 'bereits als' beschlossene Tatsache. Man schätzt die Zahl der Abgeordneten, die - ihm folgen werden, auf zehn. Schuhe! _10. Juni 192S Rumänien. 8m Seraägen feindlicher AmlSnder. Bukarest, 8. Juni. (Orient-Radio.) Das Parlament hat . den Gesetzentwurf betreffend die Liquidierung des Vermögens von Angehörigen -ehemals feindlicher Staaten zum Beschluß erhoben. Ter Finanzminister erklärte im Senat, dieses Gesetz 'biete die Handhabe, die Liquidierung dsr Forderungen RMraniens an die ehemals feindlichen Staaten zu Vereinsachen. Die aus der Liquidierung des Vermögens dieser Staaten sich ergebenden Beträge werden als Ersatz der Rumänien geschuldeten Reparationssummen verwendet werden. Rumänien verfüge über wichtige Pfänder und es wäre unklug, darauf zu verzichten, RuMchau. AaNem AnßenvoliM. Ungarn und Oesterreich. Rom, 8. Juni. (Stefani.) Im Senat erklärte Ministerpräsident Mussolini, daß die deutsche Note nicht mehr fordert, als daß auf der Grundlage der vorausgegangenen Räumung des Ruhrgehietes verhandelt werde, jvas die Annahme zulassen könnte, daß Deutschland auf seinen passiven Widerstand verzichtet. Der Ministerpräsident berührte auch die Fragen der Reparationen >er anderen Staaten, so zunächst Ungarns. Er meinte, es wäre nicht ausgeschlossen, daß die Reparationskommiffion einzelne ergänzende ausreichende Bestimmungen erörtern könnte. Nach einem kurzen Hinweis auf die Regelung des b n lgarischen Reparationsproblems wandte sich der Ministerpräsident der österreichischen Frage zü und sagte: Im Verein mit den Signatarregierungen des Genfer Protokolls vom 4. Oktober 1922 ist die italienische Regierung dafür eingetreten, daß die österreichische Anleihe rasch und in reichem Ausmaß zuftandekomme. Der Ministerpräsident verwies auf die von Italien gemachten Zugeständnisse und fügte hinzu: Indem Italien die Einsorderung der österreichischen Reparationen auf die Zukunft verschob und die Bürgschaft für die unmittekbare Beteiligung an der Anleihe übernahm, hat es seinen Beitrag für die Erhaltung der territoriale-n.Jntegrität Oesterreichs liefern wollen. Rnffolini über den Faszismns. Rom, 8. Juni. (Stefani.) In seiner Rede vor dem Senat kam der M i n i st e r p r ä s i d e n t auch auf die Fragen der i nn eren Politik zu sprechen. Es sei gelungen, die Ungesetzlichkeiten in den Aktionen der Faszisten zu beseitigen. Die faszistische-Miliz werde gegenwärtig gesichtet. Mussolini wiederholte sein Bekenntnis zum König und erklärte, das Parlament solle nicht zertrümmert, sondern Verbeffert werden. Der Faszismus, den er als syndikalistische Bewegung von eineinhalb Millionen Arbeiter und Bauern bezeichnet, bleibe eine gewaltige Bewegung, welche aber die Regierung nicht hemmt. Es gibt keine Nebenregierung. Die fiaufannet Konferenz. Lausanne, 9. Juni. (Schweizerische Depesche,i-Agentur.) Im Laufe des gestrigen Tages hatte Jsmet Pascha Be- Wohlfeile Woche! Regenmäntel ■ K 125>l Leinenwaren, Waschwaren, f Stoffe, Wäsche — sehr billig ■ r Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47*1-78 En grös En detai“ Schauspieler und Mitspieler. Aufschrei einer Engländerin in der Gerichtsszene im ,Mufnrann von Venedig": „Dem Manne geschicht ja Unrecht!" ■ Aus dsmFviedhos von Chicago befindet sich ein Doppelgraib, das die Inschrift trägt: „Ein guter Schauspieler und . ein guter Mitspieler". Dort ist ein Schauspieler begraben, der im Jahre 1909, als er den Ingo in Shakespeares ,FA>hello" spielte, von einem Zuschauer, einem amerrkamschen Offizier, niedergeschoffen wurde. So sehr hatte der Zuschauer den Vorgang aus der Bühne mitevlebt, nritgespielt. Ms er zur Besinnung kam und sich Rechenschaft darüber gab, daß er einen Schauspieler und keinen Intriganten modergeknallt hatte, schoß er sich selbst eine Kugel durch den Kopf. Dieser Fall ist ein Beispiel für viele, daß das Publikum im Theater mitspielt, das heißt, die Vorgänge miterlebt und zu ihnen innerlich handelnd Stellung nimmt, also gewissermaßen Handlung in der Handlung, Drama im Dranmerlebt. In der Dheaterliteratur ist schon oft zu dieser Erscheinung Stellung genommen worden und man lhat schon vielfach die Frage aufgeworfen, ob es dem Theater förderlich ist, daß-das Publikum ganz im Theater aufgeht, also gewissermaßen Mtspieler ist, oder ob es zweckmäßig wäre, dieses Mitsprelen des Publikums hintanzuhalten. In der letzten Zeit hat zu dieser Frage Alexander T a irosf, der bekannte Regisseur des Moskauer Karmnrrtheaters,; der sich, durch seine theatralischen Neuerungen einen Namen gemacht hat, Stellung gsnmnmen. In seinem Buch „Die Schriften enres Regisseurs" >hat er die Frage aufgeworfen: ,Melche Rolle soll das Publikum im Theater spulen?" Soll es mitspielen oder soll zwischen ihn: und der Bühne eistesolche Kluft Mchasfen werden, daß es, nicht mehr tun kann, .als hören, sehen und schweigen?" - . Taivoff ist der Ansicht, daß das Mitspieilen des Pu- - blikums störend auf die Bühmudarbietung wirkt. Das Mitspielen, hat'bekanntl-ich eine Unmenge von Ansdruckssormen, /eS äußert sich nicht stets so explosiv und folgenschwer, wie l i» dem obenerwähnten Falle in Chicago, aber vom! Räuspern bis zu den 'dann und wann auftretenden hysteriweiblicher TüeaterbÄuchrr gdev bis zu jenem gibt es eine Unnrenge van Aeutzevungen dieser mitharvdelnden Tätigkeit des PrMkums. Tairofs ist nun der Ansicht, daß diese nach Möglichkeit ausgeschaltet werden und das, Theater, wie er sich ausdriickt, „theatraDisiert" werden müsse. Die Regie müsse gewissermaßen das Theater vom Leben abrücken, da es eine selbständige Kunst sei, und das Publikum dürfte nicht gewissermaßen aus die Bühne kommen, indem in ihm der Eindruck eriveckt werde, daß die Vorgänge, die sich auf den Brettern abspielen, sich auch rm -Leben ereignen. Das Publikum müsse in dom Banne gehalten werden, daß es nicht mchr als Theaterspiel vor sich habe und daß — um d.rs Beispiel Tairoffs zu behalten der Oberst Werschynin in Tschechows ,,Drei Schwestern" nicht Werschynin, sondern Katschalloff sei. Das Publikum muffe Noß aus Zuschruern und nicht aus Mitspielern bestehen. Dies zu^ erreichen, fei Aufgabe der Regie. Ob diese Theorie des ausgezeichneten Regisseurs unbedingt richtig ist, wäre noch zu bezweifeln. Das ganze Wesen des Theaters und der wirklich großen Bühnendarstellung ist im Grunde aus das Mitspielen des Publikums eingerichtet. Es muß dabei nicht an die exzessiven Fälle vom Mitspielen gedacht werden, die teils Temperaments-, teils pathologische Angelegenheiten sind. Aber das gewisse Fluidum, welches sich zwischen Bühne und Publikum bewegt, ist das Fluidum jenes Mitspielens, das im Publikum erweckt werden muß, soll eine Theatevdarbietung wirkfcnn sein. Der Zuschauer ist nie ein da^nkbares Publikum, sondern nur der mitspiele,ude Zuschauer, der in seinem Innern in die Bühnenvorgänge gewiffevrnaßen ^handelnd emgreift. Diese Erkenuknis ist, von den italienischen Futuristen theoretisch zu einem anderen Extrem geführt -worden, das dem der Tairofsschen Ansicht genau entgegengesetzt ist, nämlich der Theorie von der Vereinigung von Bühne und PubMnni. Nach dieser Theorie, deren hauptsächlicher Verfechter der Italiener Marinetti ist, soll Leben ins , Theater nicht bloß durch die Schauspieler auf der Bühne, nicht bloß durch den Komiker und die Soubrette, sondern auch durch das Publikum kommen. Das Publikum soll in das Spiel so hineingozogen werden, daß es ein Teil der Bühne wird und daß SchaiusMer und Zuschauer eins werden. ^Marinetti gibt für di-rsen Zweck £hte ganze Anzahl von Mitteln an, die, gelinde gesagt, futuristisch sind. Er will feinen Zweck schon in der Sitzordnung im Theater erreichen. In der ersten R-rihe des Parketts , sollen nach seiner Anweisung nur Leute mit behaglichen Glatzen sitzen, in der zweiten Reihe Leute mit großen Schöpfen, in der dritten nur wohlgenährte Leute, in der vierten dagegen magere, hagere und LeichenbittergHchter. Die fünfte Reihe soll alten, kränklichen Theaterbesuchern reserviert sein, di« sechste dagegen jugendlichen, gefunden Individuen. Nach seiner Absonderlichen Anweisung für die Sitzordnung gibt Marinettr noch eine Unzahl anderer Rezepte, um das Theater zu beleben, wie mchrmvlligen Verkauf desselben Sitzes und dergleichen. Nach seiner Meinung sind alle bisherigen Kunstftrmen der Bühne bereits überlM, für die einzige, die noch Geltmig hat, hält er das Vaudeville. In dieser Anschauung ist — natürNch in iiberextremer Weise — etwas aus-gedrückt, ivas nn Grunde seine Richtigkeit haben wag. Das heutige PubWum nämlich spielt innner tveniger mit und ist immer mehr, nach Tairoffs wünschenswertem Ideal, Zuschauer. Die Futuristen wollen nun dieses Mitspielen durch künstliche Reizmittel erreichen. Hier.liegt vielleicht eine Verkemrung und Verwechstung von Grund und Folge vpr.' Denn das schwächere- Mitspielen des Publikums liegt vielleicht daran, daß das Publikum, bezw. die Anschauung und das Weltbild der Menschheit sich heute nur wehr schiver im Drama aus. drücken läßt. Der.innere Anteil am dramatischen Gescheher ist geschwunden und darum vielfach durch Aeußerlichkeiter ersetzt. Daraus sind die beiden so entgegengesetzten Theorie« über den Schauspieler und den Mitspieler zu erklären Beide sind falsch, weil die Menschheit über das DvaM hinausgekonrmen ju sein scheint. Und da helfen keim Refovnlen. . Wien. S^e^-ried Schmitz. - > ma »aaasMnWr

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