Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1550 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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pfr. WM _' WLett, Doininerstag . ■ -er Berater der Ratlonalkmuk. Der Berater der österreichischen Natronalbank, Vchnyder von Warlensee wurde gestern vormittags dom Bmrdespräsidenten Dr. Hainisch empfangen und hat der dieser Gelegenheit die Angelobung geleistet. Im Laufe deS Tages hat er mit dem Präsidenten Dr. Reisch und dem Generaldirektor Dr. Brauneis über seinen künftigen Wirkungskreis konferiert. Zunächst handelt es sich um Abgrenzung seiner Kompetenz. Schnyder amtiert bereits täglich seinem eigenen Bureau in der Nationalbank. Passive Resistenz in der Grazer Metalliadnftrie. Graz,. 6. Juni. Wie der ,sArbeiterwille" berichtet, hat die Organisationsleitung der Arbeiterschaft der Metallindustrie in 8raz die Durchführung der verminderten Ärbeilsleist ung beschlossen, da die Industriellen in den neuerlichen kohnverhandlungen die Forderung nach Erhöhung der Grundöhne abermals ab gelehnt und nur erklärt hatten, über ne mit 3,6 berechnete Erhöhung des Index hinaus zu gehen. Sie Gebührenschulden an Frankreich. Paris, 6. Juni. Der von der Kammer angenommene Gesetzentwurf über die Regelung der ö ft e> r r -e i ch i s ch en S t e m- »el- und Gebühren schulden ermächtigt die Regierung, österreichischen Schuldnern bis zu jenem Verhältnis, iti dcm jranjzÄsische Gläubiger mit ihnen auf Grund der Bestimmungen »es FriedenZvevtrages, betreffend die Vorkriegsschulden, gütliche Abkommen geschlossen haben, im einzc'lnen Falle Nachlaß e von Stempeln und iUebertraguttgsgebühren zu gewähren. die Uebungeu der soziMsisiche« SrdnerwehtÄ. Abgeordneter Dr. Mataja und Geuvsserr richteten in ier gestrigen Sitzung des Nationalrates eine Anfrage an die Bundesregierung über die Hebungen der sozialdemokratischen k)rdnevwehren, die folgenden Tatbestand vorbrachte: Am 26. Mai fand zwischen Wiener-Neustadt nnd Völlersdorf eine militärische Uebrmg des republikanichen Schutzbundes statt. Die Wöllersdorfer Abteilung war von lmom Betriebsrat der dortigen Werke, die Wiener Neustädter Abteilung von einen: Soldatenrat konunandiert, ein anderer Soldatenvat war Schiedsrichter. Da bereits wiederholt derartige ■ nMtävische Hebungen, wenn sie von nichtsogialde molrat if che r Seit« baaafltoM waren, untersagt wurden, da Pgar Polier mtö Gendarmerie zur Verhinderung solcher Leibungen ausgeboten wurde, wobei die Behörde es geduldet fort, daß.mit ihr zusammen Truppen des republikanischen Schutzbundes in militärischen Formationen intervenierten, wird an die Regierung die Anfrage gestM, ob militärische Mbu-ngen der vrdnerwchren zuläfstg oder verboten sind, und ob die Rezieru-ng, wenn solche Uebungen, wie doch wohl auWnehmen ist, rnzülässig sind, die Vornahme solcher Uebungen auch dann einsustellen gedenÄ, wenn sie von sotztaldemokratischer Seite unter- »ommen werden. Da nun schon einmal von der keineswegs harmlosen Soldatenspielerei die Rede ist, so sei hiermit ftstgesteW, daß die kefechtsMungen sowohl der SoziÄdsmokvaben^ wie der Hakenireuzler durchaus verwerflich sind, da sie nichts anderes be- ^_Wiener; Morgerrzrttrmg. zwecken als die He«nrb:.'t'.-ng von Truppen für ein^ Auseinandersetzung mit Waffen. Jede dieser Uebungen, die eine Provokation des Gegners' 1'? t w r, -c crgvößert nur die politischen Gegensätze und schafft e'.ue 2.' on, die für ein Land in der Verfassung Oesterreichs i . h ist. Darum hätte Herr Motaja, der ©pHfianKp' i auch fragen sollen, warum die Negierung, gegen - >!cr " der halkenkreuzlerischen Sturmtrupps bis jcch u'->s '^wurmen hat. Denn die Hakenkvsuzler find duvl.-n.--^ ' ,v mc Märtyrer, als die Herr Mataja sie gerne hinsteNm Achecho-Aowakei. PrWent Masarvk. Prag, 6. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Präsident Masaryk ist aus Prag zum Besuche seiner Tochter nach Montreux abgereist. Aus Gesundheitsrücksichten unternimmt der Präsident sodann von Marseille aus eine Mrttelmeerreise, von der er nach etwa drei Wochen nach Prag zurückkehren wird. Sie nächste kleine kntentekonferem. Prag, 6. Juni. ,Meske Slovo" stellt fest, daß die Meldungen über eine Konferenz der kleinem Entente in Paris unrichtig sind. Die nächste gemeinsame Beratung der kleinen Entente finde im Bukarest statt und die Verhandlungien würden dev politischen Lage und dem Völkerbund gewidmet sein. Ungarn. «Men hüllt sich in Schweige«. Budapest, 6. Juni. (Tel. der ,Mr. Morgentzeitung".) In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung richtete Abgeordneter Szakaes eine Interpellation cm die Regierung. In dieser Interpellation fragte er unter anderem folgendes: ,Welchen Standpunkt gedenkt die Regierung einzunchmen, falls die Reparationskommission die Zahlung einer Reparation von Ungarn fordern wird? Womit erklärt die Regierung die schroffe' Haltung der Reparationskommission? Weshalb blieb die Reise BeHlens nicht nur erfolglos, sondern wurde zu einem ausgesprochenen Mißerfolg? Wie interpretiert die Regierung den Beschluß der Reparatümskommlfsiou, daß die ungarische Regierung den Besbim-- urnngen des Frredensvertrages genau und restlos entsprechen so«? Ist es tvahr, daß die tfch ech o-slowaki sche und die jugoslawische Regierung für den Fall einer politischen Verständigung die Rückgabe großer Gebietsteile an Ungarn versprochen haben? Ist der Ministerpräsident geneigt, in Verhandlungen, mit der kleinen Entente einzutreten? Di« Interpellation blieb ohne Antwort _7. Juni 1928 Seite S Sine stürmische Fmmunitötsdebatte. Budapest, 6. Juni. (Tel. der ,Mr. MorMnzeitung".) Die Nationalversammlung beschloß unter stürmischen Szene« mit 80 gegen 46 Stimmen der Opposition, das Jmmnn'itätSrecht des Mg. Markgrafen Pallavieini nicht zu suspendieren. Dadurch ist Graf Theodor Batthyanh, ein ehemaliger Minister Karolyi s, -der Möglichkeit beraubt, von Pallavicini den Beweis für die Unehrlichkeit der Führer der Oktoberrevolution zu fordern. Die Abstimmung ging unter großer Erregung vor sich. Der Abgeordnete Paul Sandor stimmte flir die Auslieferung und der gewesene Bolkswohllfahrtsminister Besmard, einer der Führer der ,-Erwachenden Magyaren" in der Nationalversammlung, ries ihm zu: ,Mlterlandsvevräter!" Paul Sandor ries in heftigster Erregung zurück: „Sie sind der niederträchtigste, infamste und feUte Kerl, der immer nur hinterrücks cmgreift!" Der Abg. Paul Rassay: „Infamer Hund!" Es entstand ein ungeihenrer Lärm. Der parteilose Abgeordnete Szillagy sprang von seinem Sitz aus und rief: ,^Jch schäme mich, daß ich ein ungarischer Abgeordneter bin. ©in solcher Ton darf im ungarischen Abgeorduelenhause nicht geduldet werden." In diesem Augenblick erschien der rechtsradikale Mgeordnete Johann Bogya. Er wollte seine Abwesenheit beim Schriftführer entschuldigen. Die Sozialisten riefen chm zu: ,Kas ist hausordnungswidvig!" Bogya pflanzte sich nun vor dm Bänken der Sozialisten auf und rief ihnen zu: „Betvum kene VMsiführer! Ich werde Sie durchhauen!" Daraufhin erhob sich auf den Bänken der Linken ein unbeschreiblicher Lärm, so daß der Vorsitzende die Abstimmung suspendieren mußte. Der Streit setzte sich in dm Wandel'gängm fort .und erst nach längerer Zeit trat Ruhe ein. Im Laufe der Lävmszmen kam es zwischen den Abgeordneten Besmard uind Sandor zu einer Ehrenaffäre, die morgen mit den Waffen ausgetragen werden dürfte. ' Re Sppofition der „Erwachenden Magyaren". Aus Budapest wird uns berichtet: Bekanntlich versucht die Gruppe des Pogromisten Gömbös seit einiger Zeit, der Politik des Ministerpräsidenten Grasen Bethlen Schwierigkeiten zu bereiten, da ihr diese noch zu wenig reaktionär erscheint. Um Gömbös' Aktionen größeren Nachdruck zu verleihen, beginnen sich die Erwachenden Magyaren wieder zu rühren. Am letzten Sonntag veranstalteten sie in Czegled ein Meeting, auf welchem sie Bethlens Politik den Krieg erNarten und gegen alle jene Drohungen ausstießen, die nicht in ihrem Lager stehen. So erklärte P r o n a y, es müßten endlich Männer ans Ruder kommen, die nicht feilschen, sondern abrechnen. Die Erwachenden wollen Taten sehen. Der Hetzer Stephan Lendvay kündigte die bevorstchende Abrechnung an. Das Volk sammle sich, um das faule Regime über den Haufen zu werfen. In Ungarn werden diejenigen die Herrschaft Lbernchmen, die energisch zu handeln wiffen. Die Schwindler des „christlichen Kurses", die sich erdreisteten, die Regierungsgewalt zu übernehmen, hätten der ungarischen Raste nur Bitterniste beschert. Nach der Versammlung fand ein Festesten statt, wo Pronah und Hejjas aufreizende Pogromreden hielten. Wohlfeile Woche! I Schiffmann II., TaborstraBe 48 Telephon 47-1 -7ß En svos En detail ■BBHIBBaBW M Meis „Sie Maschinenstürmer (Kouwdienhcms.) Vorbemerkung der Buchausgabe: ,-Geschrieben 1920—21 im Festtmgsigefänignis Niederschönvnfeld." Ein Märtyrer ferner Uebevzeugnng, der noch immor im Kerker schmachtet, hat in keiner qualvollen, erzwungenen Einsamkeit diefls Proletavierdraima gcfchchfm. Das Werk selbst bedarf dieser Feststellung nicht. Es besteht auch ohne die Sympathie, die man für den rldlen, duldenden Autor hegt. Hauptmauns Meder" mag sinnfälliger sein, Langmanns ,-Bartel Turaser" straiffer komponiert, Pmskis „Eistzk Scheftel" dichterisch wertvoller, Heyevmanns ^Hoffnimg auf Sagen" erschütternder. Aber keines dieser bekannten Proletarierstücke ist so glühend, Leines von so fiebernder, ancsstvoller Liebe für die geknechtete menschliche Kreatur durchwcht wie Tollers „Maschinenstürmer". Der Inhalt: England iuI* 1816. Die Hawdweberei wird durch die Maschine verdränigt, die darbenden Arbeiter empören sich, weil viele Hände überflüssig tverden. Die Regierungsbill, wonach zum Tode verurteilt wird, wer Zerstörung der Maschinen übt, ist trotz der herrlichen 'denAvüvdigM Rede Lord Byrons angenommen. In Nottingham streiken die Wcbersleutc. Einer führt sie, der in der Vernichtung der avbeitsmordenden Maschine das Herl sieht. John Wible, eiir verkrüppelter Prolet, dessen Seele anigefvMen ist von der Krankheit Not, dom die Lust, Führer zu sein, über denr Zweck steht. Der Avbeite-r Jimmy, weit gereist, stark im Wollen, reinen Geistes, opferfähig bis zum letzten Mmstropfen, tritt ihm entgegen. Mit seiner ersten gewaltigen Rsde entringt er John Wible die Führerschaft. Die Maschine darf nicht zerstört worden, sagt er dm Zlvbeitern. ,/Der Tyrann Maschine, besiegt vom Geiste schaffender Menschen, wird euer Werkzeug, ivird. euer Diener!" Korn Stückwerk, kein Verbluten in aussichtslosm TeMämpfM gegen die Macht des Kapitals. Was er will: Die Revolutton, bis Englands gesamte Arbeiterschaft dazu reif ist. Darum läßt er sich für den Augenblick urit dem Nuternchnver^Nre in UnterhaMuugen ein. John. Wkble intrigiert, «ntevgrvibt die Autorität des Nebenbuhlers, die Arbeiter stürmen in die Fabrik, vernichten die Maschinen und erschlagen Jimmy. Gr aber ruft ihnen im Stevbw diese Worte zu: O, Kameraden — Freie dünktet Hr mich und wgret Knechte! Immer Knechte! Bon Herren euer Weib gekauft Und ducktet euch — ihr Knechte! Gepreßt in Kvvegswck, rieft Hurra! Und ducktet euch! Ihr Knechte! Und eure Tat ist Tat des Knechtes, Der sich auflehnt. Was wollt ihr? Herrschen wie die Herren — Knechte! Drücken wie die Herren — Knechte! Wohlleben wie die Herren — Knechte! Wer euch hineinpeitscht in Befreiung, Dem nur folgt ihr — Knechte! * Der große Wurf ist da. Schwacher, konventionell im peinlichen Sinne des Wortes ist die Fabel der Zweckdichtung. Just der Bruder des Helden ist Scherge und HaManger des Unternehmers, und weil Jimmy aus Erbarmen für die Mutter, die der Bruder echält, den Arbeitern verschwiegen hat, daß er vom Blute Henrys, des Einpeitschers,. ist, wird seinem NÄder John Wible billiger Anlaß gegebear, die Intrige,zu spirmen. Aber diese Schwäche wird.durch eine Fülle lebendiger Gestalten nn>d ergreisendster Szenen verdeckt. Da ist der Bettler, ein genialer Trunkenbold. Er flicht Jimmy eine Krone aus Strohhal-men, setzt sie ihin auf den Kops und sagt ihm sein Schicksal voraus. Da ist Neid Lud, der vierschrötige, grundehrliche, aber in der Seele noch ^dumpfe Arbeitsman^, beeinflußbar trotz furchtbarster Lebenserfahrungen wie ein ünvermmftiges Kind. Und da ist der alte Reaper, verrückt geworden in diesem Leben des Schmutzes und Hungers und doch sinnvoll hadernd mit Gott, in seinen: Wahnwitz tief erschütternd über die letzten Dinge mit sich selbst redend. Szenen, herzlnzwingeich durch Mitleid mit der menschlichen Kreatur: Eine Schar hungernder Wäberkmder kauert auf d.>r nackten Erde. Jimmy fragt eines, warum es weine. Es antwortet: „Ach, Herr, ich weiß es nicht, die Sonne scheint so wann" .. . . Ein Arbeiter, den: cben ein Kind an Hunger starb, sagt plötzlich ganz ruhig, ganz gefaßt, wie vom einer großen Erkenntnis erleuchtet: „Man nrüß-te aufs Land zurück. Wir haben das Blut der gr-oßen Städte wie Gift in unserem Leib. Die großen Städte sind -nicht gläubig. Man rnüßie Erde heben. So hätte man einen Pfahl im Boden seines Heimatlandes." * Die Spielleitung 5darlheinz Martins scheint mir unge» mein den zwei Gefühlen zu dienen, welche dem Dichter dieses Werkes eingaben: Die Liebe zu den Entrechteten und die Empörung über ihre MattherziMt. Die eindrucksvolle Musik von Prr-nksheim fördert die Betonung dieser Gvundmotive außerordentlich und die Bilder der schleichenden Massen, in ihrer Gedrücktheit und niedergehaltenen Oual an die Ze-ich-nungen der Käthe Kollwitz erinnernd, sind unvergeßlich. Zwei Gäste, der kerngesunde, einfache, herzhafte Wilhelm Dieterle, der Darsteller des Jimmy, und Hans Rodenberg, der seinem Wiedersacher, dem buckligen, komplizierten John Wible schärfste Konturen gibt, tragen den Abend. Neben ihnen kommt das Ensemble der Bühne zu großen Ehren. Ansehnlich der Bettler Rudolf Klausners, tüchtig Karl Felda in der schwierigen Rolle des wahnsinnigen Alten und gang hervorragend Willy Schmieder als Verkörperer des Unternchmertums. Ein junges Weib, das seinen einzigen Reichtum, die lockenden Glieder, nützen muß, vom Manne mit Worten, vom Kinde durch seine Not aufgestachelt, ihn zu nützen, spielt Maria Gutmann schr ergreifend. Nur die Kleidung, vielmehr die Mängel -der Bekleidung, um manchen Grad zu realistisch.) Die Rede des Ingenieurs, der im letzten Akt auf der Maschinenbrücke stcht, erst die Maschine preist, die der Geist des Menschen geschaffen und gebändigt hat, dann mit irrer Gebärde die kommenden Schrecken des Technismus sicht, wie er späterhin „als grausames Uhrwerk die Menschen in freudlosem Takte leitet", müßte der begabte Richard D uschi nsky klarer disponieren und steigern. Sonst sind noch ans der Fülle der Mtwivkenden Fritz Hofbauer und Jenny Reingruber hervorguheben. Nebensache die expressionistische Aufmachung, Ädebrnsache die Diskrepanz zwischen der Bersfülle in dieser, den: geballten Telcgranrmstil in jener Szene, Nebensache die Mängel der Fabel. Hariptsache: Die Flamme der Liebe zur Menschheit schießt auf, in herrlicher Jirtensität, und die Angst, Kleimrmt könnte die Erlösung, die der Dichter meint, verzögern oder gar vernichten, rnacht diese Flamme erbeben. Otto Abele8. I