Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1550 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980631--15001-3001788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitung. 7. Juni 1923 Nr. 1LÜ0 Seite 2 Borzeichen einer neuen SntwiÄMg. Zrrm Thema Kongretzftagvr.'y Bon Davis Trietsch. Bezüglich den Einwanderung rrach PÄüstina bereiten sich ür den letzten Jahren Entwicklungen vor, die, wie eS scheint, endlich so weit gelangt sind, um zu neuen Aktionen zu führen, mit denen Umfang und Tempo der jüdischen Palästina-Arbeit von Grund aus geändert werden. Kürzlich fand in Berlin im Rahmen des Palästina- Wrrtschaftsrates eine Erörterung statt, bei welcher der Agronom S. Dyk das Referat und Prof. Dr. Franz Oppenheimer das Korreferat hatten. Beide find bekanntlich Vertreter genossenschaftlicher Ansiedlungsfornnm m der landwirtschaftlicher; Kolonisation. Herr Dyk war der Leiter der auf Oppenheimers Initiative gegründeten Gerroffenschaftsfarm M er chawjah in Palästina. Gegenwärtig leitet er den Landwirtschaftsbetrieb, der dem Messingwerk bei Eberswalde (in der Nähe von Berlin) angegliedert ist. Dieses Unternehmen ist der erste Typus des Industriegutes und als solches von großem Interesse weit über die Grenzen Deutschkarrds hinaüs. In jedem Falle hatten wir es bei der erwähnen Veranstaltung mit anerkannten Beratern bester Formen und Methoden der landwirtschaftlichen Kolonisation zu tun. Beide Referenten kamen aber zu dem Schlüsse, daß die landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina in Anbetracht der Mangel von Land und Leuten die schwierigste Form der Ansiedlung darstellt. Man solle sie nicht aufgeben. Aber man müsse sich -darüber klar sein, daß sie nur auf langsamem Wege gefördert und erst nach Jahren eine Entwicklung erreichen könne, die wirklich ' ökonomische Resultate verbürgt. - Bis dahin — so betonten beide Referenten —; sei solchen Ansiedlungsformen der Vor-zug zu geben,' bei denen die den Juden in viel höherem Maße eigenen städtischen Berufe zur Verwendung gelangen.-Die beste Form hierfür sei die vom Verfasser dieses Aufsatzes seit langem propagierte gartenstädtische Kolonisation mit städtischen Hauptberufen und gartenstädtischer Selbstversorgung in nebenberuflicher Arbeit. Prof. Oppenheimer bezeichnet die bisherige Vernachlässigung der städtischen Berufe als eine Verschwendung, di« wir uns nicht leisten dürfen. Exportindustrie und Heimarbeit bieten ein großes Feld. Die Einwendungen gegen die hausindustrielle Produktionsform seien unberechtigt. Er habe nicht die geringste Befürchtung. wegen etwaiger Ausbeutung der Heimarbeiter oder der Hausindustriearbeiter. Der Arbeiter, der auf einer eigenen Gartenheimstätt.e sitzt, sei damit weitgehend unabhängig von feinem industriellen Arbeitgeber, ufw., usw. Dar Verfasser dieses Aufsatzes wies, im Anschluß an die beiden Referate darauf hin, daß man auf noch einfachere Weise zur Bevorzugung der städtischen Berufe in unserer Kolonisation gelangen könne. In einer modernen Wirtschaftsweise braucht keine Nation mehr als 10 Prozent Landwirte im Hauptberuf. Mir die übrigen 90 Prozent ergibt sich dann als Betätigungsfeld die unendliche Fülle der nichtlandwirtschaftlichen Erwerbszweige. Besonders habe dies gerade sür die Juden und für die jüdische Siedlung in Palästina Geltung. Nicht nur. sind die Juden für eine bäuerliche Ansiedlnng am allerwenigsten geeignet, sondern wir haben auch in Palästina eine arabische Majorität von drei Vierteln der Bevölkerung, die in der Hauptsache landwirtschaftlich, tätig sind und landwirtschaftliche Ueberfchüsse erzeugen. . Wenn wir foriwährerw davon sprechen, -daß wir mit den Arabern ein freundschaftliches und nachbarliches Verhältnis finden müssen, so ist doch die einfachste Form hierfür, daß die Wirtschaft der beiden Volksele mente sich nach Möglichkeit gegenseitig ergänzen soll.. Die Araber haben landwirtschaftliche Ueberfchüsse, die Juden haben eine hohe industrielle Eignung. Was liegt in einem solchen Falle naher, als daß die Juden den Markt für'das arabische Getreide usw. bilden, und daß sie dagegen die Araber mit allen Erzeugnissen industrieller Art versehen. Dies heißt noch keineswegs Abhängigkeit von den arabischen Produzenten. Gemüsebau, Geflügelzucht, Milchwirtschaft und Versorgung mit Obst läßt sich in kleinsten .hausgärteu und m ungegliederten gemeinsamen Betrieben mit bester Aussicht auf Erfolg in der Kolonisationsform der Gartenstadt durchführen. Diese Zweige der Selbstzder- . sorgung umfassen in Palästina d i e H ä l f t e u n d m e h r des gesamten Bedarfes an Lebensmitteln. Die Beschäftigung mit diesen Zweigen der Landwirtschaft ist auch unserem Volkselemewt leichtzugänglich und wird in vielen Fällen eine willkommene Ueberleitung auch zu landwirtschaftlichen -Hauptberufen bilden Rinnen. Auf den Bauern, dessen Betriebsform überall, sogar in europäischen Kulturkreiftn, eine sehr rückständige ist, körmen wir verzichten. Die Juden können es sogar als Vorzug betrachten, daß sie im großen und ganzen diese rück- *) Der vorliegende sowie der vor kurzem von ans der- Sxfeirllichte Ansiatz von D. Tri et ich „Die Fassungskraft Palästinas" (17. und 18. 2Jtoi) sind als Beiträge zur Diskussion über zionGLsche ProAvme aMuisehen, welche im Hinblick ans den bevorstehenden Aionisieickongreß aktuell sind. Da hier hie verschiedensten AnsckMumgen m Worte kommen, so erübrigt es sich, in jedem Falle darauf m verweisen, daß hier nicht immer die Auffassung der Redaktion ptt Ausdrucke kommt, Unterricht und Kultus. Ae Judenhetze an de» Hochschulen. Der NMonalrat etffeWigfc gestern m einer firberchüM. gen Sitzung die Gudgetkapital „Unterricht «Ätz KuiltnS". Abg. Gköckel macht« wieÄer für feto© Schrrlröfvrm Reklame und befeuerte, daß die EinheitÄschacke mit kuttuvpMHche» KrnrHssftagvn n".chts zn t-un habe. Der ChrMiichsoMe Bokker war nicht dieser Meinung nnid berichtigte die sGialdemoknrttschen SchMresormer, daß sie vor allem ihre KlassenkcmPfpriirziplen durchsetzen wollen. Während Glöckel sich für die A vfchaffu»^ beziko. Mikderany der MaturitätS- Prüfungen ei-nsttzte, und dafür eine strenger« Auslese irr dorr unteren (Klassen der Mitteffchulen derlangte, waren die Redner der Mehrheit für das strengere Verfahren bei den ReHHrüsimyen. Bokker führte auch Klage darüber, daß die Go^aLden«kvÄen einen Kampf gegen die Religion in der Schule begonnen hätten. Je schärfer dieser Kampf aus dem Boden der Schake sich gestalten würde, desto näher würde man der Bek-ennturisschuLe kommein. Aby. Leu th nex meinte, nach den Worten des Vorredners müßte man gbauben, daß wir Mwüttekbav vor w ChvisLenverfolyluch stehen. Die Tatsache, daß er» Priester Bundeskanzler ist, zeige, wie kathoMenftiMich Oeist-erveich ist, allerdings Wnnäe man angesichts der Datsdche, daß keine GenevaLversammLuny eines Bankhauses vergehe, ohne daß die DanvgewaWgen ihre Hcsntd über den Bundeskanzler Esbreiten, glauben, daß er mehr ei» Priester des alten als des neuen Bundefei. Redner wendete sich gegen den Zwang zur Teilnahme der SchEmber an den voligiösen Ucibnnigen und warf den ChrMichsozialen vor, daß sie ans der Religion eine Partaisache mache«. Die Großdeutschen Dr. Anderer unid Dr. Zeidler vertraten die ForderrMg noch Verstaatlichung des gHaurkn SchMveftns. Das ErzjichuwgsidecL müsse die Wehrhnftmnhnng der JngWd sein. Dagegen wendeten sich Fron Schkeisi Niger und Fvau Popp und gaben den GroMeutschen zu berifets, daß sich st>- wohl die Mütter des Proletariats als auch des Bürgertums für ein ErKiehnngstzibl bedanken müßten, das einer künftigen Welt alles, das wieder auftvlegen wW, Was wir während des Krieges erdulden mußten. -UnterrichtsmÄrfter Dr. Schneider zählte alle in ftinem Resiovt geleistete» Arbeite» auf urd küMyte die EinbringuAg eines Gesetzes über die Hochschvlkanrmer» an. In sehr saLbungsvoller Weise vertrat Abg. MikknS die bskannterr üffvamoniane» Schuffockernnyen. Man müsse im ErzlehunMoefott der Mmacht des Staates «in Erde machen und das Recht der Eltern aus die Erziehuny ihrer Kinder wieder zu Ehren bringen. Dann verlas der Gwßdeutsche Dr. Ursen vm vom antisemitischen Hochsthukausschuß verfaßtes Memorandum, das eine Art Beschönigu-ng für die Jrwenhrtz? an den Hochschulen sein sollte. Wegen der Forderung des Numerus c la us u s mache man den deutscharischen Student«« oft den Vorwuvf, daß sie. HaEerÄreuzler sind. Das Hakerckreuz fei kein Symbol des Monarchismus, sondern eines der deutscharischen Rasse, und seine Träger wollen mit diesem Talisman die. Unholde Mvchrerr. ,Mer diese Unholde sind, brauche ich Ihnen — so sagt« er — nicht zu s-agan." Auch Viel« Sozialdemokraten sind im Herzen Antisemiten. Die Forderung nach dem Rnmems elaufirS haben die deutschen Studenten im Zusammenhang mit de» Känvpsen erhoben, die gegen die Ernennung deS Doktor Samuel Steinherz zum Rektor dev Prager Universität geführt wurden^ An der Universität Wien waren im Wintersemester 1822—4903 unter den Ausländern mehr mojlaische als christliche Hörer, nämlich 44 Prozent christlich» und 82,5 Prozent mosaische. Unter den ordentlichen Hörern waren 64 Prozent christliche u-rvd 33,6 Prozent mosaische. An ' der technischen Hochschule in Wien tvareu unter 4722 Hörern 907 Juden und an der Hochschule für WelthanldÄ 95 Prozent Ausländer nnld 29 Prozent Juden. An der m e d i z i nischen Fakultät der Universität Wien sind unter *"-? Ausländern ebenfalls MechrJnde» als Christ«n, 4) 820 christliche und 934 mofoäsche Höver. Unter den Inländer» sind 1050 chrMche uud 694 mosaische Hörer. Unter den Professor«» der medtzürischen FcMltat der Universität Men sind 36 ordenMche Professoren Arier und acht Juden, WS antzewrdentibkche Professoven Arier und 149 Juden, unter de« Afffftenten IW Arier und 91 Juden. Don einer Gleichberechtiywny vo» Deutschen und Inden an unseren UnöversilÄe» ka»« nicht die Rede fein. Man darf sich nicht wundern, wenn di« deutsche Studentenschaft ans SÄbsterhaUnngstri-eb gegen die Bechudung der Hochschlcke»> Stellung genommen hat, und wenn die d eu 1«’: scheu Professoren Hand in Hand mit den Studenten, gehen. Uebrigens bietet der § 11 dev Stu-, dmtenordlmuy den Prchejsfoven die MWichkeit, durch Uckberpüufung der MvturitStsyouynGe Hörer abguweisen. Der, Redner richtete dn den UnterriWsnoinGer im Emvernehrneu mit der Lehrerschaft der Hochschulen die Bitte, der deutscharische Charakter der Hochschicke» möge »uter U-mstsänden gewachnt WÄbem. ' Zw» Schdrffo mußte noch BandeAaintzker Dr. Se iste l,^ einen AnyM des großdoutschen Abyoordneden HxrvrßxeL gegen de» GeneraÜoMrmssär Dr. Z-imwevman zurückwÄfen. Hcmche^^ hatte &*£ vorher den GenerEommSstär als doS Höndermssür die EchAkmy der Wünsche dev Beamte» bezeichnet. Der Kangler erSärte: DdmyegsrMev Polle ich fest, daß der Herr Gon'eraAonwrMr m Jciwet B«$f« Aber feuej hinaus, was w st-rrmr von Hw fewst verüKetzMchten Berichte»; erckhMe» ist. in die BevÄnoyey über vte Löstkttg dev Beictzmten- - ftvyen emyogvWen hat^ Uebechcmstt bitte ich, zw bedockm, daß die Schranken, dlie «nS in vieber^^Gezichmch g«og« find, und di-e Nötigung zttr ErßftarMvgSMIA, die MS fast «ckcktzlich macht, irysudwvlche namhafte mx Ausgaben auf «vS zu nehmen, i» der Natur dev Sach« Vogen, «SmKch t» «chev«! staatHmMchiellm BechoAM«, mch «r dm tfc. wrr »ns seLbp gegobe« haben. DaS woDe ich Per w\. wähnen, gerade woS Abg. Da HamPvl sin NngshLW-.!. ger der Mehrheit döches Hanfes ist. ' Mby. Dr. Bauer: Hat <Ho Dr. Ki.v»a»«-r«van ttfel Abschaffung des ' üQverSaugt dbcpf Nicht? i Dr. Seipel: Er rot dazu m ftüvem Bo»W».boa in der Zeitung gelesen, habe«. ' Nächste Sitzung: Heute «lm L Uhr vorumtibagS. ständige Betriebsform nicht kennen und darum sie nicht erst zu überwinden brauchen. Die Landwirtschaft, die wir nötig haben, wird in der Hauptsache in zwei Formen zu organisieren sein: Für den Getreidebau usw. werden wir am besten den hoch technischen Großbetrieb anzuwenden haben, bei welchem die besten Fachleute als Leiter heranzuziehen sind, um mit den besten Mitteln von Wissenschaft und Technik aus kleinsten Flächen und mit Hilft der geringsten Zahl von Arbeitern die g r ö ß t en Quanten an Produkt herausznholen. Professor Ballods Spchialprojekt einer Groß farm für Palästina, mit dem er von 1000 Hektar Land und mit der Arbeit von nur 30 Mann den gefaulten Bedarf an Getreide usw. (nämlich alle Produkte der Großlandwirtschaft) für eine Bevölkerung bis zu 10.000 Seelen erzielen. will — einschließlich der Milchwirtschaft ufw. braucht er 60 Mann dazu —, sei, abgesehen von Einzelheiten, sicherlich die Richtung und das Arbeitsziel für die Mische hauptberufliche Großlandwirtschast. Daneben sei Dr. Soskins hauptberuflicher Gartenbau (mit einer ungefähren Fläche von einem -halben Hektar pro Betrieb) geeignet, einem weiteren kleinen Prozentsatz der Einwanderer (der sich um die Exportmöglichkeiten vergrößert), einen landtvirtschaftlichen Unterhalt zu bieten. Alles deutet darauf hin, daß wir vor einer radikalen Aeitderung in den Methoden der Mischen Ansiedlung stehen. So wollen wir auch die Konsequenzen ziehen und uns bewußt von den bisherigen Auffassungen frei machen, die uns so lange verhindert haben, die Möglichkeiten Palästinas voll auszunützeri. Städtische Kolonisation in der neuen Ansiedlungsform der Gartenstadt mit ihren großen sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen ist - der billigste und rascheste Weg, große Massen der jüdischen Bevölkerung der Ausivanderungslättder urller den g ü n st i g st e n B-e«KältuiLfen nach AtzMckw Pt bpiAgen. Man hat die AnfnahmeWML des ÄrndeS phaw« taftifch unterschätzt, und das war kein Wunder, {o lange man fast ausschließlich an die Landwirtschaft mit Älass SchwiLrigkeiten -der Berufsumfchichtung tatfr rntt beaj hohen Kosten dieser Kolonisationsform gedacht hat. Gartenstädtische Ansievkung unter Beibehaltung der gswohNtenj Beruft ist die billigste, rascheste und aussichtsreichste Form der jüdischen Palästina-Arbeit, die uns heute zur Bev-l. fügung steht. Sie ist geeignet, der ganzen Frag« vadAcck! neue Grundlagen und, im G^enfatz zu alhsmbisherigen, die Möglichkeit einer neuen großzügigen Einwanderungs-' und AnsiedlungStätigkeit zu bieten. Sefterreich. Ser Kamtzf um de« Zndex. Die Vorschläge der Regierung. & oft een vormittags haben im Bundeskanzleramt die Derhandl^agen der Regierung mit den Bundesangestellten begonnen. Der Bundeskanzler erössnete die Besprechung mit einer Rede, in welcher er die Meldungen über ein Eingreifen des Generalkommissärs gegen die Angestellten als unrichtig zurückwies. Der JinanMinister gab sodann folgende Vorschläge der Regierung bekannt: 1. Alle Bezüge (Gehalte plus OrtSzufchläge) werden um zwölf Prozent erhöht. 2. Die Teuerungszulage wird um vier Prozent vermindert. 8. Der Index wird abgeschafft. 4. Die Kinderzulage wird um drei Prozent ' für jedes Kind, und zwar von den Gesamtbezügen, erhöht,! dagegen Werder: alle Beamtenbezüge, gleich ob der Beamte! ledig oder verheiratet, ist, ob er Kinder hat oder keine, um 2,03 Prozent vermindert. 6. Die PensionisteU müsien auch während des Bezuges ihrer Ruhegenüfle beittagen, und zwar vom 1. Jänner 1924 an. Die Beamten erklärten, daß sie diese Mitteilungen zur Berichterstattmrg entgegennehmcn. Die Besprechungen werden Am Samstag fortgesetzt.