Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1550 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ElazeliraimerKlOOa Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1*3, oder in emerVerschleir.atelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u, Oesterr. monatl. »C 28.000 Tschecho-S 1 owakei: Mon. K17. Ungarn: Moa, K 600. J u g o s 1 awi e n: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.l5.000.Deutschland: Mon.Mark 15.000. Frankr., Belgien: Monatl. Pres. 8 MT Naoh*ahl«D»«Pt*** b«i PrciaerhShungen vorbctuUo» Wiener Sr. 1550 Me«. Soimerstag, 7. Zmü 1823 Tscheeho-Slowakli1 tschech. Kl.- Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 90 Lei bezw, Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Pres. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab öÜhrabds. 19*483,16-301 Tel-Adr.: »Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Ne Verdiener. -*y. Wie«, 7. Juni. Gestern haben in Brüsiel die neuerlichen Besprechungen zwischen dem französischen und dem belgischen Ministerpräsidenten stattgefunden. Den hauptsächlichsten Inhalt dieser Konferenz bildet die Reparationsfrage, die im Verlaufe der letzten Tage infolge des MarLsturzes ein gänzlich verändertes Antlitz bekommen hat. Die Konferenz ist bereits in Kenntnis des Inhalts der deutschen Erganzungsnote, die gestern durch Kuriere den 'Kabmettchefs übermittelt worden ist. Die deutsche Regierung stellt in ihren neuen Vorschlägen den Plan, die Leistungsfähigkeit des Reiches durch ein internattonales Kollegium von Sachverständigen prüfen zu lassen, in den Vordergrund. Von der Nennung einer bestimmten Ziffer für die Reparationsleistungen sieht sie ab. Sie erklärt, dies aus Prestigegründen unterlassen zu müssen, da sie sich nun einmal auf das Angebot von 30 Milliarden sestgelegt habe, welches von Frankreich mL Belgien, dann aber auch von England und Italien als unzureichend zuruckgewiesen wurde. Im gewöhnlichen bürgerlichen Leben pflegt jemand, wenn chm ein Angebot als zu niedrig abgelehnt wich, ein höheres zu stellen, um eine geregelte Verhandlung in Muß zu bringen. . Die . deutsche Regierung glaubt trotz aller bösen Erfahrungen auf ihrem Standpunkt verharren zu müssen und sie scheint diesmal siir ihre Halkm weniger Gründe der politischen Autorität, als vielmehr solche ihrer inneren Schwäche zu beachten. Die deutsche IMcstrie, Me aus siebenfach abgestempelten Patrioten besteht, hat die geforderte Gavantte mit der Summe von öOO .Mllionen begrenzt, und Mst für Md ziemlich bescheidene Angebot die Erfüllung antifoMer Postulate Mf den Wunschzettel gsschrlÄDnDiejunkerlichen 'Landwirte, die sich in der Treue zu DeütschtWn und Vaterland auch nicht lumpen lasten, haben 200 Millionen geboten und dies mit einer unwürdigen Begründung. Sie wollen sich zu kin« höheren Smrmre verstehen, da die Landwirtschaft für die kommenden schweren Zeiten ihre Mttel bereichallen müsse. Das heißt also, genau so wie bei der Industrie, daß beide cm der Not des deutschen Volkes, die sie erzeugt rmd verschärft haben, auch in Zukunft verdienen wollen. _ Die ärgsten Feinde Hai ein Volk immer nur m feinen eigenen Reihen. Die deutsche Großindustrie, die m die Hände der Trustmagnaten geraten ist, hat unter dieser Herrschaft dem Staate und der Volkswirtschaft dje für die ReparättonSzchlungen notwendigen Mttel nicht, wie dies erwartet worden war, jut . Verfügung gestellt, sondern sie hat sich aus den erzielten Devisen private Reserven im In- und Ausland geschaffen. Die Schlotkönige haben die deutsche Regierung in den passiven Widerstand und in die Verschlimmerung der Richrakttvn hineingetrieben, um. die neue Situation für die eigenen Taschen gründlich ausbeuten zu können, und den von der Reichsbank zu politischen Zwecken eingesetzten Goldschatz in aller Stille abgefangen und an sich gebracht. Während die deutsche Regierung in jeder Note und in jeder Rede auf die Verarmung des Staates und der Volkswirtschaft hinweist, haben die Schwerindustriellen, natürlich unter der Führung des Herrn Sünnes, im Ausland für das Geld des deutschen Volkes mobilen und immobilen Besitz erworben, der eine Art Kapitalsfluchtreserve darstellt. Natürlich sind sie auch irr dieser Beziehung Patrioten. Sie haben ihre Trans- -Moneu, wie sie versichern, im Interesse der Zukunft des deutschen Volkes vorgenomnren, um die Voraussetzungen für eine in späterer Zeit eintretende Verbesserung der deutschen Handelsbilanz zu bieten. In Wirklichkeit ist es ihnen nur um ihre eigene Handelsbilanz zu tun. Die Presse dieser Patrioten ist unablässig bemüht, das Mißtrauen der deutschen Arbeiter in die Loyalität der Stmnes-Nationalen auf die Juden abzulenken. Sie schreit von der jüdischen Profitier und sie hat sich in den Hakenkreuzverbanden daß Instrument geschaffen, welches die Abrechnung mit den wirklich Schuldigen hintertreiben soll. Aber auch dieser i faule Zauber wird eines Tages sein Ende nehmen. Es ist schon heute viel Wahrheit darüber geschaffen worden, wie der arische Geldsack die Welt verdirbt, und jeder Tag bringt neue Enthüllungen über das Treiben der. Lumpen, die sich von allen Seiten bezahlen lassen, um die friedliche Arbeit zu zerstören. Der Streit um die Ruhr wird noch mehr Material zutage fördern, obzwar sich die völkische Presse alle Mühe gibt, das Urteil der Oeffentlichkeit xechtzeittg zu Mchen. Reparatious- und Rnhrfrage. Sie Situation nach der Uebergabe der Rote. — Me Franzosen besehen weiter. Berlin, 6. Juni. (Del. der „Wr-Morgenzeitung".) Nach den nachmittags im Auswärtigen Amt einyelangten Berichten ist die deutsche ErgänAungsnote heute mittags in Lonvon, Paris, Rom rwd Brüssel überreicht worden. Der Text der Note wurde telegraphisch auch nach Washington und Tokio Lbermirtolt. In politischen Kreisen ist man nun gespannter Erwartung darüber, wie sich die Alliierten zu der Note stellen werden. Mar.» ist . der Ansicht, daß die Alliierten nicht sofort antworten werde», da laut dieköfach bekannt gewordenen Berichten die Mächte auf Anraten Englands gemeinisa-m der Reichsvegierung antworten wollen. Zu einer derartigen Kollektivantwort ist aber eine vorherige gegerfÄttge Fühlungnahme und ein längerer Meinungsanstaufch notwendig. Und dieser Umstand hat in politischen Kreisen insofern Zuvorficht hervorgerufen, als man durch eine einvernchmliche Stellungnahme der Alliierten schm.» an und für sich eine Verbesserung der gegenwärtigen einseitigen politischen Situation erhofft. In dieser 'Hinsicht wird man durch die MÄdungen bestärkt, Vre von der Vertagung der Reparationsdebatte «n omglifchoir Oberhaus und in der italienischen Kammer berichten. Sowohl Lord Curzon als auch Mussolini haben ihve Reden über die Reparationsfrage verschoben, da sie sich nun nach Uebergabe der neuen Note nicht mehr ohne gsgeuseibiges Einvernehmen mit den übrigen AMietten festleM-' wollen. Inzwischen aber geht Vie Mtton dev Franzosen im fvan^sische Truppen die EWchchnLinie. Gelfeul-ircheu-^Wan-ne—Herme sowie die Bahnhöfe der Lütte Borgeborbeck—Alten.esfen —Dortmund besetzt, um den Mtransport der beschlagnahmiän Kohle zu orlsichtm'«. Bei der Beisetzung der Effsnbchnlicko BergMorbeS—Effen-Dortmrmh, der letzten wichtigsten Ostw eftver bin h trug des Industviegebietes, scheint es sich um eine dauernde Militarisierung zu handeln. Die Aufforderung -zum Uebevtritt in französische Dienste ist von den EffeLbahrwm allgemein abgelehnt worden. Die Au-Äveisunigsn von Gifenbahnem iw Bezirk Essen dauern sott. In Bochum müßte das Ghmnasium für neue Einquartierungen geräumt werden, so daß in der Stadt jetzt n-vun höhere Lehranstalten beisetzt sind. Karlsruhe, 6. Juni. Die Franzosen haben, offenbar als Repressalie gegen die angeblichen Eisenbalhnsabotagecckte im besetzten Gebiet, den Behörden verboten, von heute ab Mit den Behörden'im ten Gebiet in Verbindung zu treten. . Krupp bezahlt keine Kohrensteuer. Neu-Wied, 6. Juni. Die den Krupp-Werkm gehörende hiesige Hermannshütte \mk eine weitere Krupp-Hütte bei Mühlhausen sind von den Franzosen beisetzt worden. Ein von Koblenz hier eingetroffener franMifcher General eMärte, daß dtze Hutten zur Eintreibung von 20 Milliarden Mark Kohlen st euer beisetzt worden seien, die die Firma Krupp in Essen nicht bezahlt habe. Sollte keine Bezahlung dieser Kohlensteuer erfolgen, so werden die Hütten versteigert werden. Streiks wegen der Teuerung. Berlin, 6. Juni. <M. der ,M!r. Mor-gen-eitung".) Die neue Markentwertu«g und die damit verbundene außerordentliche Steigerung auf allen Gebieten des Lebensbedarfes hat unter der Arbei terschaft große Crrsgurg heüvovgevustn, die in wilden Streiks und Teilausständen zmn Ausbruch kommt. Nachdem geftevn die Arbeiter der. Hoch- und Untergrundbahn in vorübergeheinden Ausstand getreten waren, sind heute unter der Arbeiterschaft der Reichspost, sprziell der Telegraphenverwaltiung, Teilstreiks ausgebrochen. Die Arbeiter der Stadt Berlin sind von der vor einigen Tagen erfolgten Neuregelung ihrer Löhne sehr enttäuscht. Sie sind beim städtischer: Ta vifamt bereits wegen n euer Lohnerhöhungen vorstellig geworden. Berlin, 6. Juni. Wie die Blatter aus Breslau melden, hat der in Niedevschlefren ausgebrochene Landarbeiterstreik um sich gegriffen. Die Arbeit wurde in 18 Kreisen medevgelegt. Wie der ,/LokalcmKeiger" erfährt, hat die Kriminalpolizei in Königshütte einen Plan kommunisttfcher Arbeiter aufgedeckt, das Kcast- und Elektvizitätswevk in Chorzow in die Lust gu sprengen. Man wollte dadurch die Judustvie, vor, allem die Stickstoffwerke von Ehorzaw, stille-gen. Die umfangreiche Untersuchung der PölM hat zu zahlreichen Verhaftungen-geführt. Die franzöfisch-belgrschen Besprechungen. Brüssel, 6. Juni. Gavas.) Ministerpräsident Po ine are ist in Begleitung der Minister ' de Lasteyrie und Le^ .Troeqüer hier emgesroffen. Die Besprechung mit-den . bÄgifchen MüristeM hat in den ersten Nachmittagsstunden begonnen. Brüffel, 6. Juni. GavaZ.) Den Gegenstand der Besprechu:rg Poineares nUd der ihn bcUlieit-enden Minister mit dem Min'Perpräsidmten Theunis und dem Finanzminister Jafpar bildeten die von der belgischen Regierung der fvanzöstschou Wermittelten Studienergebnisse bezüglich der Wiedergutmachungen. Die Vollsitzung soll am 16. d. Wimen. Rach der Unterredung Zwischen Poincare, Theunis und Jafpar, die mehr als eine Stunde gedauert hatte, sind die Sachverständigen zur Teilnahtne anden Beratungen berufen worden. Die Sitzung dauerte bis halb 7 Uhr. Sofort nach deren Beendigung ist folgendes Comutumque ausgege-ben worden: Die belgische mw die franzöftsche Regiermg.haben heute die gemeinsame Prüfung der verschiedene:: durch die Ruhrbesetzung aufgewovfenen Fragen fortgesetzt. Sie halten restlos alle ihre früheren Beschlüsse aufrecht, namentlich was die Bedingungen betrifft, unter denen' die Räumung des Ruhrgebietes nach Zahlung der Reparationen erfolgen wird, und was die Ver- Mchtung Deutischlcrnds betrifft, vor jeder Prüfung seiner Vorschläge dem passiven Widerstand ein Ende zu bereiten. Die beiden Regiemngen haben das Programm neu zu ergreifender Maßnahmen geregelt, um dm Druck zu verstärken und um Deutschland gu einer raschen Erfüllung seiner Verpflichtungen ■ zu zwingen. Ae Imm Machthaber in Ungar« düchn lein Geld erhalten!" Me BMe«>8ntekpellation in der Skchschtina. Belgrad, 6. Juni. (Del. der „Wiener Morgenzeitung".) In der gestrigen Sitzung der Skupschtina sprach Svetozar-Pribicevic, der Führer der Demokratischen - Partei, über die Auslandsreise des ungarischen Ministerpräsidenten B e t h l e n. Er fragte, Ivas Bethlen eigentlich in Paris, London und Ziom gesucht habe, und interpellierte die Regierung, ob es Ivahr ist, daß Ungarn außenpolitisch nicht mehr isoliert dastehe und was dieser Untstaüd in außenpolitischer Hinsicht bedeuten soll? Ungarn habe den Trianoner Friedens- Vertrag nicht evMt ... (Außenrninistrr N i n e i c: Das weiß doch alle Welt!) und daher' nmsse man erfahren» ob Ungarn ein Moratorium für die 'Reparationen oder eine cmMnd'tsche AMvhe bÄouune, Die jetzt- } gen Ma chthaber in Ungarn dürfen kein Geld erhalten, da sie dieses Geld nur für die weitere Bewaffnung der ungarischen Armee verwenden wür-' den. Die jetzige Regierung ist legi tim ist isch, steht auf der Grundlage der Stephanskrone und bildet eine st ä n d l g e Gesa h r für dir Konsolidierung Jugoslawiens. Die jugoslawische Regierung muß die Verbündeten über die gefährliche Situation aufflären und das Bündnis mit der Tschecho-Slowakei' verttefen. Außenminister N i n c i c wird über dieses Thema m den nächsten Taget: eine R e g i e r u n g » e r k l ä r u « 3 alge'ben.