Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1546 (3.6.1923)
- Date
- 1923-06-03
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Kx. XSi6 Men, Sonntag "r'~ »p 1 SESlette* Mortzenzeitung. Ser Libanv«. Aus Schalom Asch' „Palästina-Reise". Das Meer liegt! versunken in! dunklem, geheimnisvollem Schlaf und die Nacht lagert über ihm wie ein schwarzes Ungeheuer, das sich hrnabsenkt auf die unendliche Fläche und sie ganz bedeckt hat mit ihrem schwärzlichen Gefieder. Ulü» das Meer hat sich wie ein Kind an die Brust des Riesentieres geschmiegt und schlummert füll. Nur manchmal scheint eS, als Mte jetzt und jetzt das Riesenkind aus seinem Schlummer emporfahren und ungebärdig alles Dunkel von sich oDschntteln. Doch dann wird es wieder ruhig und still. Dann und wann glitzert ein wässeriger Lichtstreis aus seiner unendlichen Weite oder ein glänzender Himmelsstern spiegelt sich schelmisch aus seinem mächtigen Rücken; von fernher hört man das ernste, tiefe Brausen der Brandung, als wäre es der schwere Atem des schlummernden Meeres, und schreckhaft klingen die geheinmisvollen Töne. Doch ftrrchtlos und sicher, als baute es auf Gottes Gnade, zieht rmser Schiss seinen Weg, über sich den sternbesäten Hrmmel, unter sich die dunklen Wasserweiten; es zrcht dahin wie ein Mer, geheimnisvoller Sendbote, der die ganze Welt durchwandert, um irgendwo seine ungenannte Sen-düng durMusühren. So sucht unser Schifslein langsam tastend seinen Weg durch des Meeres weite UneMichkeit. Wenig Menschen siud aus unserem Schiffe in dieser Nacht. Die letzte Nacht ist's für das Schiss, das von den griechischen Gestaden gezogen kommt, um im syrischen Port seine Anker zu werfen. Da und dort sieht man einzelne Gestatten auf Deck umherwandeln oder nachdenklich aus den Banken fitzen; sie erwarten die Morgensonne, die emporstra^len M üb-er dem Libanon. ' Unruhevolles Sehnen hat alles ergriffen, die auf dem Schiffe wellen; denn sie sollen das heilige Land sehen. Dort im Winkel kauern dre alten Juden, welche nach Erez Israel fahren, um den Tempelberg und alle die geheiligten Stätten zu sehen und bei ihnen zu sterben. Beim Scheine ärmlicher Lichtlern beten sie Psalmen; und ihre Weiber stehen beiseite — ach, arme sündige Judenweiber, die an dem frommen Chor nicht teilnehmen können—und sie reiben sich verlegen die Hände an den nassen Schiffsplanken, die vollgesogen sind mit Meeresfeuchte. Sie beten, was sie gerade noch können; die eine murmelt etwas aus einem Weibergebetbuch, eine zweite hat sich mühsam an ein paar längst vergessene Gebewrocken errinnert, eine dritte sagt ohne Zusammenhang Segenssprüche vor sich hin . . . eine gar, ein uraltes, verfchrmnpstes Mütterchen, kennt gar nichts, was sie beten sollte, und aus ihrem wetten Munde dringen in inbrünstigem Tone immer wieder dieselben paar Worte her-' vor: „Die heiligen Erzväter" und „das verheißene Land''' und „Mutter Rachel" und wieder „Mutter Rachel" Und alle diese alter: Jüdinnen blicken ernst auf ihre Männer, die Psalmen singen. In einem anderen Winkel des Schiffes hat der Pope alle Christen und ihre Weiber um sich geschart, die zum Heiligen Grab pilgern. Sie singen einen frommen Kirchenchor; der Wirrd trägt die Stimrnen in den anderen Winkel und dort rnischen sie sich mit dein Gesang der Juden, die Psalmen beten. So mengen sich die Gebete und schwimmen vereint über die Meeresfläche dahin. Mitten auf denr Verdeck stehen junge Burschen und Mädchen; sie kommen aus Plonsk, einen: Städtchen in Polen. Voll froher Hoffnung fahren lue jungen Leute nach Erez Israel, um die heißgeliebte Erde des Landes zu beackern; hebräische Lieder singen sie. Die jungen Mädchen, die aus dem Schiffe sind, haben sich zu jenen gesellt und begleiten den Gesang mit ihren sämmetweichen Stimmen, den Stimmen jüdischer Mädchen. Auf dem Deck spaziert ein „Gelehrter"; er kennt Palästina, kommt nicht zum ersten Male hin. Die Gruppe der Juden blickt er liebevoll an, als wären sie seine Schützlinge: „Ja, die Kinder da, die freuen sich, nach Erez Israel zu konrmen." Dann bleibt er in einer Ecke stehen und lauscht bewegt ihren Liedern. Weithin leuchtet zitternd das Licht aus dem Zelt, das der Pascha von Damaskrrs für seinen Harem hat aufftcEen lassen . . . Alles ist in unruhiger Erwartung, nur der Kapitän steht ruhig auf seinem Posten und beobachtet den Kurs des Schiffes, und der hohe, schwarze Mastbaun: wirft einen gespenstisch langen Schatten auf das dunkle Meer. Ich und alle anderen, wir haberr das Gefühl, als waren wir verirrte Kinder, die irgendwo in fremdem Lande gefangen waren ltitb nach langem Fernst«: wieder in Mutters Stube zurückkehren sollen. . . und ich kenne meine Mutter noch gar nicht . . ’. Und so harren wir alle, jedes Volk und jeder Glaube in einen: anderer: Winkel, auf die Sonne, die uns aufgchen soll über den Bergen unseres Heimatlandes . . . Schon merkt man, wie der nahe Tag den Himmel bleicht und des blassen Himmels Wiederscheir: bleicht auch das Meer. Doch im Hintergrund ragt etwas wie der schwarze Schatten eines Riesen schreckhaft enrpor und zitternd spiegelt dos Meer dies dunkle Bild ob. Doch der Tag wird heller und des Riesen Bild tritt scharf aus dein Schatten hervor mit mächtigen spitzen Zacken — jetzt beleuchtet der Tag riesige Schneeberge, die hoch in die Wolken hinein ragen. Der junge Tag badet sich in dem Schnee des Berges und goldiger Glanz glitzert ans der: Firnen. Ich weiß nicht, aus wessen Brust cs sich zuerst entrang: Der Libanon! lind alle, groß und klein, Jude und Christ, stürzen hastig an den Schisssraud; die einen breiten die Hände aus, dort bekreuzen sich' andächtig einige Christen und alles schweigt, versunken im Anblick des Libanon. Die Sonne badet sichern seinem Schnee, bevor sieihre große Reise antritt', als wollte sie sich durch dieses- Bad heiligen. Der Bergschnee erglitzevt von ihren Strahlen und sein Licht vereinigt sich mit dem' des Morgenhimmels in inbrünstigem Küsst zu hellem'Schein, der sich über den ganzen Abhang ergießt. Wie eine einzige Wolikenmasse erscheint der weiße Berg; denn sein Gipstl taucht in die Wolken und sein Schneekleid ist so weiß wie der Motten Gewand. Jetzt, durchdrin-gt die Sonne mit ihren Strahlen die Wolken und den Schnee ■ des Bergabhanges und beide ' erscheinen wie ein flammender Teich, feurigwogend und' goldigschimmernd. Die rosigen Bogen dieses Lichtes gießen sich über den Bergesrücken hinab und mengen sich, mit den Meereswellen. Das Meer erwacht, geblendet vom. Glanze des Lichts, und liegt jetzt leuchtend und freudig zu Füßen. des Berges. Fort ist das schwarze Nachtungeheuer und frei atmen die Wellen im herrlichen Scheine des Tages, weithin bestrahlt sie die' gol'dene Sonne. Wir alle stehen aus dem Deck und betrachten dich, Berg Libanon,' Sei mir gegrüßt, Sonne meiner Heimat! Heimat, sei gegrüßt, sei gesegnet! Stolz bin ich aus dich, stolzer Libanon! Zu dir bin ich gekommen, meine Väter, meinen Stamm zu finden — woher kam ich? Wer bin ich? Du Winkel meiner Heimat, aus deinen Fluren haben meine Ahnen lustwandelt in ihrer glücklichen Brautzeit. Du hörtest die li-ebeersüllten bräutlichen Lieder meiner Mutter, diese Lieder von künftiger, lebensvoller und lebenspendender Freude. Höre, Berg, erzähle mir etwas! Du weißt doch so vieles: Du -hörtest doch das fröhliche Lachen ineiner Eltern, den Freudenschrei ihres Schöpfungsglückes . . . Warum schweigst du, Berg? ' Ein Einsamer, komme ich 'zu dir, verschlagen aus fremder Heimat, die mir zur Mutter ward, an deren Brust ich vertrauensselig mein Haupt gelehnt. Aus dieser fernen, srenEen Heimat, nach langem Irren komme ich zu dir!... Warum schweigst du, Berg? Wen sucht dein stolzer Blick? Sieh' aus mich! Evkennst du mich denn nicht? Ich entstamme doch jenen: Brautpaar, das unter deinen Zedern selig geruht ... Dl: kannst nur von ihnen Zeugnis goben; sieh' her — ich beuge mein Haupt vor dir, ich wasche meinen Leib, aus daß er würdig sei, deinen Boden zu berühren. Erzähle mir doch, Berg, gib mir Zeugnis . . . Hinter mir steht ein altes Judenweiblein, eine von denen, die nachts, so gut sie es konnten, den Psa-linengesang der Männer begleitet haben. Erez Israel zu Ehren hat sie ihre neue Sabbathjacke angezogen, die mit den weißen Spitzen und den Sammetbändern. So steht sie hinter nur, ein großes Gebetbuch in -der Hand: „Sagt mir doch, ist er das, der Berg ans der Bibel?" „Ja, das ist er, Großnmtter, der Berg aus der Bibel, der Libanon . ." Oh, du Berg Libanon, du Berg der Bibel, aus, erhebe dich, aus, mühe dich vor Gottes Herrlichkeit für! Jente, Leahs Tochter, und für ihre lieben Kinder, die sie znrückließ in der Fremde, und für alle, für das ganze Israel, Amen. Selah! * Auch die alten Juden haben sich zu Ehren des Libanon sabbatlich gekleidet, Haber: Tallis und Tefilin airgelegt und vom Morgenlicht umstrahlt, beten sie, zun: wirklichen Erez Israel gewendet, andächtig ihr Morgengebet angesichts des Libanon. („Hinter diesem guten Berg") sagt einer von ihnen, und zeigt mit den: Finger aus den so nahen Libanon... Das junge Volk, die Burschen aus Plonsk, einige Zionisten, Kauflente, richten ihr Gepäck zurecht, um in Beirut, der gißten Handelsstadt Syriens, zu landen und von dort nach den galiläischen Kolonien zu reisen. „Wollt ihr denn nicht zuerst nach Jerusalem, -die Klagemauer, Nahels Grab sehen?", fragen verwundert die Alten. „Wir gehen nicht nach Jerusalem, um dort zu sterben, mn das Grab der Erzväter zu besuchen, wir gehen nach Erez Israel, um zu leben, um in den Kolonie:: zu arbeiten", lantet die stolze Antwort der Jungen. „Wunderbar", sagt versonnen die Alte hinter mir, „ein neues Erez Israel..." Die kleinen Hasenboote sind schon da, um die Landenden auszunchmcn. „Wenn ihr nach Jerusalem' kommt, grüßt mir den B e z a I e l, nicht die alten Gräber und die verwitterte Klagemauer", ruft noch rasch ein junger Bursche den Alten zu, und springt, den-Koffer auf der Schulter, ins Landungsboot. „Wer ist das, wen sollen wir grüßen?" „Den Bezalel, und dann -das Vottshaus, die grüßt", verhallt die spöttisch-fröhliche Stimme des Scheidenden. „Wer ist der Bezalel?", fragt der Alte. „Laß', laß' ... es ist was von den Zionisten", antwortet ihm ein anderer. In den: Winkel des Schiffes, ivo die Christen sich aushalten, hat der Pope seine Gemeinde um sich versammelt, alle haben sich zu Ehren des Libanon festlich geputzt, die Stiefel geschmiert, die roten Halstücher umgekegt, ihre verdrückten Sonntagsröcke ans den Bündeln hervorgcholt. Der Priester deutet ans de:: Berg. Und alle Pilger beugen demütig das Haupt vor -dem gewaltigen Libanon und bekreuzen ' sich andächtig. So begrüßt unser Schiss das beißersehnte Gestade von 3. Juni 1923 Sötte 1L Bis ich groß bin. Bon E. S., Schüler der 1. Klaffe des jüdischen Gymnasi- , ums, 11 Jahre alt. Ach, wie langweilig ist es, so ein kleiner Buh zu sein, nur zu lernen und zu spielen, und gar nichts dveinreden zu dürfen, wenn große Leute sprechen. Was ich tun werde, nachdem ich die acht Gy-mnasialklafsen beenoet habe, weiß ich noch nicht genau, aber eines steht bei mir fest, nach Palästina fahre ich. Wenn ich die Mittelschule beendet -Haben werde, werde ich daran schreiten müssen, etwas zu lernen. (Anmerkung der Redaktion: Bocher lemst Du gar nich'ö?) Entweder studiere ich Medizin und siedle mich als Arzt in einer jüdischen Kolonie an, oder ich studiere Landwirtschaft und verdiene mir als Bauer in Palästina wein Brot. Das heißt, ich baue im Schweiße meines Angesichtes das Feld, den eigenen Mischen Grund und Boden in Palästina, an. Ost, an -langen Winterabenden — im Sommer habe, ich keine -Zeit zu solchen ernsten Gedanken — sitze ich im Winkel des Zimmers und es schweben mir Bilder aus der Zeit, da ich groß sein wcrde, vor. Das Buch, das ich eben gelesen habe, entgleitet meinen Händen und fällt zu Boden, ohne daß ich es bemerke. Ich träume, ich komme vom Feld, ein gesunder) breitschultriger Bursch — nein, nicht Bursch, sondern Mann —, den Spaten und die Schaufel aus der Schulter, zurück in die Kolonie. Ein kräftiges Schalom von seiten meiner Kameraden begrüßt mich. Ich antworte ihnen aus ihren Gruß, und frage, ob jemand verwundet worden sei. Ja, ein Schomer sei von eine::: Äraber verletzt worden. Sofort wird er von mir, der ich ja auch ein erfahrener Arzt bin, verbunden. „Kannst schon schlafen gehen" ertönt plötzlich die Stimme meiner Mutter und reißt mich aus meiner Träumerei. AltWische Weisheit. - Die Welt wird erhalten durch den Odem der Kinder i» den Schulen. - * Eine Stadt, in der keine Schule ist, muß zugrunde gehen. * Solange die rosigen Lippen der unschuldigen Kinder in den Schulen die heiligen Worte des Gesetzes wiederholen, ist Israel gerettet. -» Der Unterricht in der Schule darf selbst nicht zum Ausbau Jerusalems unterbrochen werden. (Talmud Saibbat S. 119 b.) * Bis zu siebzig Jahren lernt der Mensch und stirbt u«« wissend. * Alles bekommt man fur's Geld, nur nicht Bcrstans. * Me Kinder sind klug, solange sie klein sind, ober mit dem Wachsen ninmü nicht immer der Verstand zu. Sie erzieherische» Werte des ZisNis> mW für die jüdische Sagend. Von Dr. Julius Moses, Mannheim. So oft wir die jüdische Jugend anrufen, unseren Fahnen zu folgen, bedrückt uns ein schweres Verantwortungsgefühl. Wenn wir vor Erwachsene treten, denen die Erfahrungen und Nöte des Lebens einen gefestigten Standpunkt zu den Fragen der Zeit geschaffen haben, dürfen wir erwarten, bei unserer Werbetätigkeit auf die Hemmungen kritischer Erwägungen und nüchterner Berechnungen zu stoßen, an denen sich die suggestive Kraft unserer Propagandarcde bricht, und nur die Macht der Tatsachen führt den sorgsam Prüfenden unseren Reihen zu. Anders bei der Jugend: Hier ist Neuland, ein Erdreich, auf dem die Körner, die wir ausstreuen, zur üppigen Saat aufschießen werden. Die Jugend ist frei von dem Krämergeist des Philistertums, das alles wägt und mißt, sie ist aufnahmebereit für große Gedanken, begeisterungsfähig für hohe Ideale, und der Enthusiasmus, von dem sie uns erfüllt sieht, springt leicht über aus die jugendliche Seele, die aufflammt für die große Idee, der wir dienen. Gerade wenn wir den Feuerbrand der Zionsliebe bei der Jugend hoch auflodern sahen, packte uns der Zweifel, und wir legten uns die Fragen vor: Tun wir recht daran, die Jugend in einem Lebensalter, in dem neue Ideen noch nicht an der Hand der durch die Erfahrung gewonnenen Kritik geprüft werden können, an uns und unsere Sache zu fesseln? Sind wir berechtigt, während der Jahre der geistigen Entwicklung, der sittlichen Reifung und beruflichen Ausbildung die moderne jüdische Volksidee in den Mittelpunkt des jugendlichen Denkens und Strebens zu rücken? Schmälern wir nicht das Reservatrecht der Jugend, das Recht auf harmlose Fröhlichkeit, wenn wir in das jugendliche Gemüt hineintragen den schweren Ernst eines Volkskampfes? Entfremden wir unsere Jünger nicht ihren Lebensaufgaben, ihren Bildungsinteressen und ihrer Persönlichkeitsentwicklung? Wir sehen heute schon auf eine geraume Zeit von Jahren zurück, während deren die jüdische Jugend in hellen Scharen unserer Bewegung zugeströmt ist. Auf Grund der praktischen 8284