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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-31 · Heft 1543 (31.5.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1543 (31.5.1923)
Date
1923-05-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ~~ Wien, Donnerstag Sesterreich. Ne Anleihe. Paris, 30. Mai. Beim gestrigen Empfang der Ver- 1 kreier der großen amerikanischen Zeitungen führte Gesandter Franckenstein aus, die vorbereitenden Vereinbarungen'mit den Bankgruppen der verschiedenen Natiorren, die eine Tranche der österreichischen Anleihe zu emittieren gedenken, seien beendet, mit Ausnahme der italienischen Gruppe, nnt der Besprechungen für diese Woche erwartet werden. Die Anleihekommission sei noch nicht in der Lage, die Höhe der Tranche der verschiebcnett Finanzzentren bekanntzugeben, da diese noch nicht überall festgesetzt sei. Die französische Tranche beträgt 160 Millionen Franken, und der französische Finanzminister habe offiziell die größten französischen Banken eingeladen, ein Syndikat zu bitten, das folgende Institute umfassen werde: die Banque de Paris et des Pays-Bas, den Credit Lyonnais, die Societe Gemrale, das Comptoir National de l'Escompte, den Credit Industrielle et Commereial, die Banque Union Parisienne, die Banque Nationale, den Credit Commereial und den Credit Mobilier und schließlich di« LänderbanL an der Spitze des Syndikats der Pariser Banken. Die französische Emission wird in Anbetracht der unmittelbar bevorstehenden Ausgabe der Bons, des; Credit National erst im Juli stattfinden. Dies , gebe den anderen Märkten einen Keinen Borsprung. Gesandter Franckenstein betonte insbesondere seine Befriedigung über die bemerkenswerte Art, in der das Bankhaus Morgan seine Zustimmung zur Bildung eines amerikanischen Syndikats und zur Ausgabe der Tranche von 25 -Millionen Dollar mitgetellt habe. Franckenstein erblickt in dieser Anteilnahme Amerikas ein glückliches Vorzeichen für ein besseres internationales Einvernehmen auch über das österreichische Sanierungswerk hinaus. 4 Er gab sodann eine Uebersicht über die Sicher- . h eiten der Anleihe und hob hervor, daß der Anleihedienst jährlich.höchstens fünfzehn Millionen Dollar beanspruche, daß aber die Einnahmen aus den Zöllen -und dem Tabakmonopol nach gegenwärtiger Berechnung 30 Millionen Dollar^ jährlich ausinachen. Aus London wird berichtet, daß aus dem Ergebnis der Anleihe ungefähr 100 Millionen Goldkronen für P r oduktive Investitionen in dvs österreichische Budget ausgenommen werden sollen. Die Verhandlungen mit Amerika, Belgien und Schweden sind abgeschlossen, mit Holland und der Schweiz stehen sie vor dem Abschluß. Gesandter. Franckenstein kehrt heute nach London zurück. Neuregelung der Zollpolitik. Erklärungen des Handelsministers. In einer im Anhang an den gestern in L i n z eröfsneten Reichsparteitag der Großdeutschen stattgefundenen. Versammlung der Gewerbetreibenden sprach Bundesminister Dr. Schürff über handelspolitische Gewerbefragen und machte im Verlcnffe seiner Rede auch Mitteilungen über die Neuregelung der österreichischen Zollpolitik. Schon in wenigen Wochen hofft Dr. Schürff dem Nationalrat den Gesetzentwurf über den neuen Zolltarif vorlegen zu können, der aus einen den heutigen Verhältnissen entsprechenden Zollschutz der österreichischen Industrie abgestimmt sein werde, und den österreichischen Unterhändlern noch im Zuge der jetzigen Handelsvertragsverhandlungen ein besseres Verhandlungsinstrument bieten werde. Zur Hebung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der österreichischen Produktion werde eine moderne Reform der Verkehrspolitik, vor allem durch Schaffung eines neuen Gütertarifes, im Sommer dieses Jahres durchgeführt werden. Vis dahin würden ja die neuen Richtlinien der Reorganisation der Bundesbahnen gesetzgeberisch sestgelegt sein und auch die bereits im Zuge befindlichen vorbereitenden Arbeiten zur Gütertarifreform und die Verhandlungen mit den Jnterrssentengruppen würden sich, soweit man dies jetzt voraussehen könne, bis zu diesem Zeitabschnitte abschließen lassen. Im Interesse einer moralischen Sanierung des Geschästslebens erscheine weiters die Verabschiedung des Gesetzes gegen den u n l a u t e r e n W e t t b e w e r b durch den Natronalrat notwendig. Der Minister werde versuchen, in Verhandlungen mit den Parteien die noch in dieser Richtung bestehenden Schwierigkeiten so bald als möglich zu beseitigen. ' Sie Verhandlungen mit de« Bundesangeftellten. , Unter dem Vorsitze des Bundeskanzlers wird öttt Rittwoch den 6. Juni um 11 Uhr vormittags im Vundeskanzleramte mit den Vertretern der Organisationen >er. Bundesangestellten eine Besprechung über die Frage »er Neuregelung der Bezüge der Bundes- (Bundesverkehrs-) Angestellten stattfinden. Die Einladungen an die Vertretungen der Angestellten sind bereits vom Bundesianzleramte ausgesendet worden. Eine Einladung ergeht luch im Wege des Bundesministermms für Handel und Verkehr an die Personalvertretungen der Eisenbahn-, Postrnd Telegraphenangestellten. Vizekanzler Frank über die Bea-rrtenfrnqe. In einer Versammlung der öffentlichen Angestellten prach im Rahmen des großdeutschen Reichsparteitages in Unz Vizekanzler Dr. Frank über aktuelle Beamtenragen und über die Stellung der Regierung zu den schweienden Beamtenforderungen. Er führte unter anderen: ms: Wenn der Regierung vorgeworfen wich, daß sie die KchMdüura der Beamtenjrage verzögere, so ist dieser Vor- " Wiener Morgenzeitung. — warf gänzlich unbegründet. Die Lösung des Problems ist bedeutend schwieriger als m früheren , Zeiten. Auch die bevorstehende Regelung wird nicht die endgültige Lösung der Beamtenfrage bringen. Sie wird mir die erste Etappe zu dem.Ziele sein, die Beamten wenigstens annähernd so zu stellen, wie sie im Frieden gestellt waren. Bor allem muß eine Besserstellung der Familienechaltev folgen. Eine lineare Erhöhung aller Beamtenbezüge ist unmöglich. ES wird sich darum handeln, die Spannung zwischen den Bezügen der oberen und der unteren Gruppen zu erhöhen. Denn gerade die Notlage der oberen Gruppen ist die größere. Während die untersten Gruppen ungefähr 60 Prozent ihrer Friedensbezüge valorisiert haben, sind die oberen Gruppen auf ein Fünftel bis ein Sechstel ihrer Friedensbezüge gesunken. Ich halte auch die Abschaffung des Jndexgefetzes für notwendig, das seinerzeit gewiß wohltätig gewirkt hat, aber seit der Stabilisierung der Krone seine GruMage verloren und zum Teil wenigstens zu einem Teuerungsfaktvr geworden ist. Ungarn. Sie Hölle von Zalaegerszeg. Budapest, 30. Mai. Die ungarische Regierung verwirklicht nunmehr ihren Plan, das Jnterniertenlager von Zalaegerszeg als eine ständige Inst i t u t i o n zu etablieren. Es wird ein großes, festgefügtes Gebäude, das ,Arbeitshaus" errichtet. Es sollen alle jene Personen ins Arbeitshaus gebracht werden, hie auf gerichtlichen: Wege nicht belangt werden können, da gegen sie k e i n e Beweise vorliegen. Die ungarische Regie- .rung gedenkt also jene Personen, deren politische Tätigkeit ihr nicht genehm ist und die bisher im Interniertenlager waren, auf Grund beg Landstreichergesetzes auch weiterhin dort festzu halten. Polen. Beeidigung des Kabinetts WUos. Warschau, 29. Mai. Die neue Regierung ist heute vom Präsidenten der RepMik empfangen und beeidet worden. General Sikorski und General Sosnkowski haben Urlaubsreisen angetreten. Witos wird Freitag sein Expose im Sejm halten. Semissto« Pilsndrkis. Warschau, 30. Mai. (Tel. d. „Wr. Movgenzeitung".) Der Generälstabschef Pilsud.sk.i hat seine Demission gegeben.-Der Marschall zieht sich ins Privatleben zurück. An Sroßbrief an Revor Ratansohu. Krakau, 30. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitüng".) Der Rektor der hiesigen Universität, Professor Natans o h n, erhielt einen Drohbrief, in dem die Terroristen mit einem neuerlichen Bombenattentat auf Ais Universitätsgebäude drohen, falls die Untersuchungen über die Urheber, des letzten Bombenattentats fortgesetzt würden. Die Briefschreiber erklären, daß sie auf Grund. eines ihnen aus Warschau zugekowmenen Befehls handeln. Im hiesigen Arsenal wurde cht Faß mit Pulver gestohlen. Bisher ist cs Nicht gelungen, die Diebe ausfindig zu machen. Sie Attentate. Warschau, 3(^ Mar. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Im Zusammenhang mit dem letzten Bombenattentat verhaftete die hiesige Polizei zwei junge Burschen, bei denen fünf Bomben und eine Ekvasitbüchse wie auch ein Borrat von Gewehren und Revolvern vorgefunden wurden. Tie Polizei bezeichnet die Verhafteten als Litauer, die mit einer Gruppe von Anarchisten die letzten Bombenattentate verübt haben sollen. Die Rainen der Verhafteten wurden nicht bekanntgegeben. Antisrmitirmns und Anarchismus. Von offiziöser Seite geht den ,/Polnischen Stimmen" aus Marschau ein Bericht zu, der der Annahme etttgegentritt, daß es sich bei den Attentaten um antisemitische Terrorakte handle. Es heißt in dem Bericht: In einigen Auslandszeitungen wurde mitgeteilt, daß der Bombenwurf in der Warschauer Universität, dem Professor Orzencki zum Opfer fiel, darauf zurückzuführen sei, daß Professor Orzencki sich gegen die Einführung des Numerus-clausus auf den polnischen Universitäten, erklärt hatte. Abgesehen davon, daß nicht nur Professor Orzencki, sondern die ganze Warschauer Universität gegen den Numerus clausus sich aüssprach, somit also kein Grund. Vortag, speziell gegen Professor Orzencki ein Attentat zu verüben, hat die Polizei bereits festgestellt, daß die Bombenwürfe in den polnischen Städten^ wie Krakau, Lodz und Warschau von anarchistischen Elementen, die mit der Numerus clausus-Bewegung in gar keinem Zusammenhänge stehen, organisiert ■ wurden. Aust Grund der Aussagen der bereits eruierten Tater konnte'festgestellt werden, daß man es hier mit einen: von langer Hand im Ausland vorbereiteten und planmäßig durchgcflchrten Komplott zu tun hat, dessen Zweck es war, anarchistische Zustände in ..Polen zu schaffen. Die Attentäter sind mcift l i tan i sich e r Herkunft. Der Gang der Untersuchu-ng wird vielleicht noch 'Einzelheiten an den Tag fördern, die außenpolitisch nicht belanglos sein dürsten. 31. Mai 1923 _ Nr. *54$ Rundschau. Sie Reparationsfrage «nd dieHungttunruhen Bon Berliner Korrespondenten. Die Verhandlungen Mer den neuen deutschen Vov Mag in ltzr Repapgt'üvnsf'ra^e kommen noch immer nicht recht vorwärts. Es handelt sich in, dm lang, wierigen Beratungen vor allem um die Anstellung der Garantien auf die einzelnen Wirtschaststzjwoige. Me Landwirtschaft hat dm: Reichskanzler mwmchr§uH ihr Garantie an gebot überreicht, das yhenisy wi< das der Industrie ans 200 Millionen Ooldmarl jährlich für die Dauer von dreißig Icchvey läutet und von einer endgültigen Lösung des RepavationSProblems * und der. Enthaltung ,jä>eS p-r-oduktivurhiu. dernden Z wangs-eingrifses durch den Staat abhängig gemacht wird. Das Angebot ist überaus verklausuliert. Morgen werden die Gewerkschaften ' dem Reichskäbinett offiziell ihre Auffassung über das Angebot der Industrie überreichen. Inzwischen hat die deutsche Regierung anscheinend in London epn Sondierung s v e rs uch gemacht, der jedoch bisher kein Er. gebnis hatte. London will eben nicht den Anschein erweckt«, daß es gegen Frankreich anstrete. Heute ist der deutsche Botschafter von Lord C-nrzon empfangen worden; es dürfte sich um informative Darlegungen Handels Frankreich steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß es abwarten könne, bis der deutsche Widerstand im Ruhrgebiet. zufamwenbricht. Poineare hat dieser Ansicht in der Kammer in Erwiderung auf die An- ' griffe Ta r die ns, welcher eine neuerliche Verschärfung der Maßnahmen im Ruhvgebiet verlangt, abermals Ausdruck gegeben. Die Lage für Deutschland ist heute jedenfalls sehr kritisch. Wohl ist es gelungen, der von den Kommunisten veranlaßten Unruhen im Ruhrgebiete, die entschieden den Charakter von Hungerunrnhen an sich - tragen, weshalb sie auch verhältnismäßig große Ausdehnung gelvannen, einigermaßen Herr zu werden. In de« meisten Städten des Ruhrgebietes ist die Arbeit wieder ausgenommen wordem Auch in Dresden ist die Bewegung unter den Arbeitslosen, wie die letzten Meldungen besagen, abgeflaut. Es ist aber durch die unerträglich gewordene Teuerung und den fortschreitenden Verfall der Währung stets neuer'Zündstoff für Gärungen gegeben. Die Kontrollansschüsse zur Prüfung dev Preise, die sich im Ruhrgebiet gebildet haben, werden jetzt auch in. Berlin gebildet. Die Eisenbahner in Berlin fordern energisch Loh n-, erhöhungen. Die Regierung selbst wird sich zu einer V Verlautbarung gezwungen sehen, welche die A n p ä ff u n 0 der Löhne an die gesunkene. Kaufkraft fordert. Wenn die Ruhr- und Reparationskrise noch lange andauert, ist nicht abzusehen, welchen Lauf die Ereignisse in Deutschland'nehmen werden. Beendigung des Bergarbeiterstrciks. Wie dem WoWhen Bureau aus guttmterrichteten Kreisen des RuhrgebieteS mitgeteilt wird, ist unter der Einwirkung des Lohnabkommens für den Bergbau auf den meisten Zechen die Arbeit wiederaufgenommcn worden. Bei den jüngsten Ereignissen handelt« es. sich nicht so sehr um eine allgemeine Lohnbewegung, die Stillegung der meisten Zechen sei vielmehr zwangsweise durch die proletarischen Hundertschaften erfolgte Kein Mtglied der großen Bergarbeiterverbände befand sich in der ZentvafftvEleitung. Konferenz der Mierte» Handelskammer» Mer die Reparation. London, 30. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der Vollzugsausschuß des Bundes der englischen Handle l s k a m m e r n hat die Handelskammern % ,m erikas, Frankreichs, Belgiens und Italiens eingeladen, je drei Delegierte zu einer Versammlung nach London zu enffenden, um die Re parat io ns frage zu besprechen. Die Einladung ist vom Präsidenten des Bundes, dem früheren Minister Balfour, unterzeichnet worden. ' Er erklärte, daß der Zeitpunkt für die Besprechung der Reparationsfrage durch eine Versammlung von Geschäftsleuten jetzt am günstigsten sei. Kine neue englische Rote an Rußland. London, 30. Mai. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Es verlautet, daß die englische Regierung eine neue Note an die Sowjetregierung senden werde, iw der sie darauf besteht, daß sie auch in der Frage der bolschewikischen Propaganda in Mittelasien, in der bis jetzt die Meinungen in der Hauptsache noch auseinandergmgen, Genugtuung erhalt«. England werde vor allem die Nückberüfung bon zwei bolschewikischen Emmissären aus Afghanistan fordern, deren Tätigkeit als den englischen Interessen in diesem Lande zuwiderläufend arlgesehen wird. Sie Lürkei gegen Rußland. Konstantinopel,'30. Mai. Mel. d. „Wr. Morg-nsttz.".) Die Regierung von Angora hat beschlossen, als Gegenmaßnahme gegen Sowjetpuhland bie türkis chen Häfen für ruffische Schiffe zu schließen. ' Ser rumänisch-ungarische Güterstreit beigelegt. Brüssel, 30. Mai. (Havas.) Dem japanischen Botschafter Adatci ist es gelungen, die Regelung der rumänisch-ungarisch«« Streitsache bezüglich der Expropriierung' des adeligen Grundbesitzes in Siebenbürgen zu erzielen.

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