Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1542 (30.5.1923)
- Date
- 1923-05-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980623--14915-3001694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
jjfeiie 2 _Wies, Mittwoch_ Sesterreich. Sie Unterbringung der Bölkerbundanleihe. Paris, 29.. Mai. Die österreichische Anleihekommission rt heute mit Amerika, Belgien und Schweden äbgeihlos.se«. Mit Holland und der Schweiz steht der Abhluß unmittelbar bevor. Die Anlerhekommission kehrt morgen nach London »rück. Vertreter der großen amerikanischen Zeitungen verlmmelten sich heute in den Räumen des Pariser Hauses llorgan, wo Lamont als Vertreter MorganS uv des amerikanischen Syndikates sowie Gesandter -ranckenstein namens der Anleihekommission eine lebevsicht über den Stand der österreichischen Anleihcktion gaben. Lamont führte aus, daß ein vorbereitendes Wommen für die amerikanische Tranche heute in einer Zesprechung zwischen Franckenstein, Bark, Nixon und dem Bankhaus Morgan zum Abschlüsse gelangt sei. Die amerikanische Beteiligung in der Höhe von 25 Milionen Dollar sei in der letzten Woche in New-Iork durch Morgan selbst bekanntgegeben worden. Die Einzelheiten der lusgabe und der Enrissionspreis seien noch nicht genau «stimmt, werden jedoch vermutlich von NewHork in einer Loche oder in zehn Tagen bekannt gegeben werden. Im all- ^meinen sei vereinbart worden, daß die amerikanischen Obligationen mit 7 Prozent verzinst werden. Eine Auslandsreise Dr. zimmemans. Generalkommissär Dr. Z i m m e r m a n reist nach «ondon, um dort mit den Vertretern dvr Morgan-Gruppe oegen Uebernahme der amerikanischen Tranche für dir bölkerbundanleihe in direkte Verbindung zu reten. Der Generalkommissär wird seinen Aufenthalt in london auch dazu benützen, um mit englischen Finanziers öegen Uebernahme der englischen Tranche der Völkerbund'- lnleihe Verhandlungen zu pflegen. In einem Interview mit einem Vertreter der Amtichen Nachrichtenstelle äußerte sich Dr. Zimmerman: „Die Verhandlungen über die große Völkerbundanleihe »eweisen, daß das Vertrauen des Auslandes zu Oesterreich ehr zunimmt. Besonders erfreulich ist, daß auch Amerika. ich jetzt mit einem sehr großen Betrag an dieser Anleihe «eteiligen wirst. Das wäre nicht möglich, wenn nicht in ilmerika das Vertrauen zu Oesterreich sehr zugeommen lättc. Ich bin fest überzeugt, daß, da nun einmal die Ameriiazrer in finanzieller Hinsicht durch ihre Beteiligung an der Anleihe ihr Interesse für Oesterreich zeigen, sie gar bald irn noch größeres Interesse für Oesterreich bekunden Werren, das sich dann wahrscheilich auch noch in anderer Verse äußern wird. Bon diesem zunehmenden Interesse der Lmerikaner sollte eigentlich Oesterreich Gebrauch machen, gerade jetzt, wo anfangs Juni in Amerika die österreichische Anleihe aufgelegt wird. Ich habe den Eindruck, daß, wenn Ülmerika die Saniemng Oesterreichs unterstützt, dies der;rste Schritt zur SanierungEuropas überhaupt ist. Deshalb sind jetzt viele Augen in den Vereinigten Staaten ruf Oesterreich und Wien gerichtet. Jetzt ist fcter psychologi« che Moment gegeben, von diesem Umstande Gebrauch zu machen. Jetzt soll man in Amerika für Oesterreich Pro« mgada machen, wirtschaftlich dadurch, daß die österveichichen Erzeugnisse in Amerika bekannt gemacht werden, finanziell dadurch, daß man im Wege der großen Reklamergenturen der Welt versucht, Amerika mit Oesterreich näher - bekannt zu machen. Ich erwarte in diesem Sommer einen zahlreichen Besuch von Amerikanern in Oesterreich." Wir können diesen Optimismus in bezug auf den Besuch von Amerikanern nicht teilen. In Amerika kennt man heute bereits die österreichischen Hakenkreuzler. ' . Ae Verhandlungen mit den Bundesangestellte«. Die Regierung wird im Laufe der Wvche die Verhandlungen mit den Organisationen der Bundesangestellten lusnehrnen, um sich über die Forderungen der einzenen Angestelltenvertretungen zu informieren und in einer direkten Aussprache mit den Vertretern der Beamtenschaft die Möglichkeit einer,Regulierung der Bezüge sestzustellen. Die Bundesregierung vertritt die Anschauung, daß zunächst die Familienerhalter bessevgestellt werden müssen, und daß neben dem Mmentationsprinzip auch wieder das Leistungsprinzip für die Entlohnung hon Einfluß sein müsse. Die deutsche Verkehrsgewerkschaft, die stark im. it a< tionalsozialistischen Fahrwasser segelt, hat nun die besonderen Forderungen der Bahnangestellten dazu benutzt, um einen agitatorischen Vorstoß zu unternehmen. Die Verordnung betreffend die Anwerbung des Abbaugesetzes aus die Angestellten der Privatbahnen hat bekanntlich bei den Bediensteten der uichtverstaatlijchten Bahnen Besorgnisse ausgelost, da sie beftirchten, schlechter als die Bundesbahnangestellten behandelt zu werden. Bei den Privatbahnen ist auch ein Freiwilliger Abbau nicht erfolgt, und es müßten jetzt in wesentlich kürzerer Zeit verhältnismäßig viel mehr Pvivatbahnangestellte als bei den Bundesbahnen abgebaut werden. Ta bis nun eine befriedigende Lösung nicht gefunden ist, drängen die nationalistischen Eisenbahner aus eine rasche Entscheidung und drohen mit passiver Resistenz oder mit dem Streik. Darüber soll eine Urabstimmung stattfinden. Passive Resistenz der steirischen Metallarbeiter. Grttz, 29. Mai. Heute traten die Metallarbeiter von Graz und Umgebung in.den stillen Widerstand.„SHe Vertrauensmänner Latten.Leute.bei der industriellen Bezirks- Wiener Morgenzeitung. 30. SDtot 1923 Mt. 1548 Ae Enthüllungen Jestber Szabo«. Einer der berüchttgtesten und blutrünstigsten antisemitischen Hetzer in Horthy-Ungarn war noch bis vor kurzem der Publizist Desider Szabo, dessen Begabung ebenso groß ist wie seine politische Wandlungsfähigkeit. Szabo, der vor dem Kriege zu den radikalen Vertretern des ungarischen Freidenkertu ms gehörte, auch zur Zeit der Oktoberrevolution auf dem linksten Flügel stand und mitunter an der bürgerlichen Gesellschaftsordnung heftige Kritik' übte, wußte sich auch mit den Machthabern zur Zeit des ungarischen K o m m u n i s m u s auf einen guten Fuß zu stellen, dergestalt, daß er dem von ihnen eingesetzten „Volkskommissariat für geistige Produkte" das Verlagsrecht für sein Hauptwerk gegen die Ausfolgung eines BarVorschuss e s verkaufte. Mit dem Beginn der weißen Reaktion verschrieb sich Szabo der antisemitische n Hetze und wurde einer der wütendsten Propaganidisten des magyarischen Rassenantisemitismus. Aber auch seinen neuen Gesinnungsgenossen wurde Desider Szabo bald unbequem. Es gab verschiedene Affären und Szabo wurde schließlich verurteilt, Len vorn seinerzeitigen Volkskommissariat erhaltenen Vorschuß dem ungarischen Aerar zurückzuzahlen, da bekanntlich alle Verfügungen der Proletarierdiktatur aufgehoben und für ungültig erklärt wurden. Es kam schließlich so weit, daß das ungarische Amtsblatt die über Szabos Mobilar verhängte i exekutive Feilbietung ankündigte. Ein Jude namens Alexander Fellner machte sich in einem Schreiben an Szabo erbötig, dessen Schuld zu bezahlen und ihm so sein Heim zu erhalten, obgleich dieser in rücksichtslosester Weise gegen die ungarischen Juden gehetzt und gewütet hatte. Szabo nahm an, die beiden Schreiben gelangten an die Oeffentlichke.it, und seither wird Szabo von den „Erwachenden" als Verräter durch alle öffentlichen Gossen geschleift. Die Angriffe seiner erwachenden Genossen haben nun Szabo zu einer Flucht in die Oeffentlichkeit veranlaßt, und die Art und Weise, mit der er es unternimmt, als einer der Wiffenden den Schleier von den Machenschaften hinter den Kulissen des christlich-weißen Terrors zu heben,, .läßt die sogenannte magyarische „Rechtsördnrlng" in einem besonders scharfen Lichte erscheinen. Szabo weist darauf hin, daß sich die verschiedenen Organisationen „zum Schutze des Ungartums" zu geheimen Kameradschaften entwickelt haben, deren Mitgliedes einänder um jeden Preis decken. Er schreibt: " ' „Diesen Geh ei in Organisationen sind auch die christli chen Rechtsanwälte sowie die meisteu christlichen StaatsangestelIten einvcrüibt. Bei der Aufnahme in diese Organisation wird e i u Eid geleistet, der jeden früher geleisteten Eid a «f h e b t und über jedem anderen Schwur steht. Darin liegt der Kern der K a t a st r o p h e. Hier ist ster Beginn einer schrecklichen moralischen Anarchie zu erkennen, die zur tödlichen Gefahr , für das Ungarimn wird. Es gibt nur einen einzigen Amtseid des Richters oder Rechtsanwaltes.. Dieser Eid ist heilig und unverletzbar. Wer sich durch einen anderen Eid in eine Abbängigkciislage versetzt, die der erste Amtseist nicht zuläßt, wer sich auf dem durch diesen Amlseid v-'>- herrschten Gebiete durch irgendeine andere Gewalt, eine andere Organisation, eine andere Weisung beeinflußen läßt, — ist kein Patriot, kein Christ, kein Held, sondern ein Schurke, ster zum abschreckenden Beispiel vor dem Justizpalast gehenkt werden sollte. Gelangt auch die letzte Feste unseres öffentlichen Lebens in die Hände der Interessen- ‘ kameradschaften, so verlebt dieses Land seine letzten Tage. Unter der Einwirkung der schrecklichsten Tatsachen rufe ich: Gefahr droht, Hilfe muß werden!" Wie es mit der ungarischen „Rechtsordnung bestellt ist, weiß man seit langem unst die Enthüllungen Szabos werden in dieser Hinsicht niemand überraschen. Aber hier stellt einer, der mit zur Gesellschaft der weißen Mafia gehört hat, öffentlich fest, daß in Ungarn auch für Richter, Staatsbeamte überhaupt und Advokaten der beschworne Eid nicht gilt, daß für sie vielmehr der geheime Eid der Mafia des „christlichen Kurses" maßgebend ist, der jeden anderen Eid aufhebt. Nach seinen Angaben wird man es noch leichter als bisher verstehen, wie es möglich ist, daß notorische Mörder in Ungarn frei herumlaufen und daß jeden Augenblick Urteile von den ungarischen Gerichten gefällt werden, die wie ein Hohn auf jedes Rechtsgefühl wirken. Wird Herr Bethlen, der im Auslande trotz seiner Augenauswischereien nur recht welke Lorbeeren geerntet hat, den Mut aufbringen, hier nach dem Rechten zu sehen und den Justizminffter zuur Reden zu bringen?' Oder wird er auch weiterhin "die Budapester Kultusgemeinde zur Erklärung zwingen lassen, dvß auf eine Besserung der Verhältnisse zu h o f s e n ist? kommisston Beratungen über die Behebung der Lohn-, streitigkeiten, die zwischen dem Bund der Industriellen und dem Metallarbeiterverband bestehen. Die Beratungen hatten kein Ergebnis. War geht da vor? Ein Gendarm untersucht — Demonstrationen und Verhaftungen. Graz, 29. Mai. Samstag nahm ein Gendarm im WerPÄtterigebäude der Graz-Mflacher Eisenbahn eine Erhebung wegen «ilMs Diebstahles vor. Während der Amtshandlung sammelten sich vor dem Gebäude gegen hundert Arbeiter an und demonstrierten gegen den Gendarmen. Im Lause der heutigen Nacht wurden im Zusammenhang mit diesem Zwischenfall sieben Arbeiter verhaftet. Als heute früh die Arbeiter im WerfftättengMude erschienen und von den Verhaftungen erfuhren, nahmen sie die Arbeit nicht auf, blieben jedoch an der Mböitsstelle -und entsandten Abordnungen zur Dandesvvgie'vuNg und zur sozialdemokratischen Parteileitung. Die Untersuchung gegen die sieben Verhafteten ist im Gange. Ae Hakenkreuzler-ReMon. Prag, 29. Mai. Das führende Organ der tschechischen Agrarier, der „Venkov", veröffentlicht heute einen Wiener Brief über das Treiben der Hakenkreuzler und der Monarchisten, in dem unter anderem geschrieben wird: Niemand kann bezweifeln, daß die österreichische Reaktion wächst, ob nun im Zeichen des Hakenkreuzes oster der Monarchisten und Fröntkämpfer, und die Worte des sozialdemokratischen Abgeordneten, Dr.. Bauer aufdem. Kongreß -er, beiden Internationalen in, Hamburg über den österreichischen Faszismus waren keine leeren Phrasen. Zwei Arbeiter bezahlten das hakenkreuzlerische Treiben mit dem Lehen, die Zahl Vor Verwundeten' geht schon in die Hunderte und auch die Verlustliste der Wiener Polizei zeigt 43 Verletzte. Aber alle diese'Opfer hätten nicht gebracht werden müssen, wenn die Regierung das Treiben der monqrchistischen Horden und der hakenkreuzlexischen Banden ei? für allemal verboten, das heißt, .wenn sie um irgendein Gesetz zum Schutz der Republik sich bemüht hatte. DaS wird ah?r niemals während des . heutigen Regimes, möglich, denn Kanzler S e i p e l ist Monarchist aus Ueberzeugung und der Vizekanzler Frank ist der höchste Patron der Hakenkreuzler. Deshalb nimmt stie antirepublik a n i sch eBe w e g.u n g in Oesterreich in erschreckendem. Maße zu und hereitet sich zu immer mutigeren und gefährlicheren Aktionen, vor. Das Blatt beschäftigt sich dann mit den Ereignissen in Wien und in der Provinz, wobei es die Feier des Edelweißkorps in Salzburg hervor- .hebt und erklärt, daß dort über 30.000 Monarchisten vor tkn schwarz-gelben Flaggen Treue geschworen haben. Zum Schluß heißt es im Artikel: Dazu schweigen die Regierung und die Behörden. Was wird aber geschehen, wenn die antirepublikanischen Horden den österreichischen Sozialdemokraten über den Kopf gewachsen sind?. Wolff und Hoynigg versöhnt. Der Welt wird die erfreuliche Botschaft zuteil, daß die Monarchistensührer Oberst W o l f f und Kuno H o y n i g g das Kriegsbeil begraben haben. Eine Fusionierung ihrer beiden „Parteien" steht bevor. Dabei soll auch für die kommenden Wahlen eine programmatische Vereinbarung getroffen werden. Man darf sich also auf Kandidaturen gefaßt machen. Das hier verzeichnet Ereignis hat übrigens, wie eine Lokalkorrespondenz meldet, in einem Äasthause stattgefunden, das den schönen Namen „zum alten Silbergulden" führt. ES heißt übrigens, daß es den Monarchisten der Wolff-Richtung gelungen sei, ein großes, 50 00 Personen fassendes Lokal für ein „schwarz-gelbes Arbeiter- Heim" zu finden. Welches Ministerium unserer glorreichen Republik hat da Nie zuweffende Hand im Spiele? Alhecho-Mwakei. Pas Ende der Steinherr-AUre. - Prag, 29. Mai. (Tel. der ,Mr. Morgenzeitung".) An der deutschen Universität fand gestern die Rektorats- Wahl statt. Als Nachfolger des Pros. Steinherz wurde der Chirurg Dr. Schlosser zum Rektor gewählt. Da er die Wahl nicht, annahm, wurde der Dermatologe Doktor Kreibich, der seinerzeit an der Klinik Kaposi.in Wien arbeitete, gewählt. Er ist auch unter dem Namen Karl Anders als Lustspieldichter bekannt geworden. —. Mp' dieser Wahl ist die Affäre Steinherz endgültig liquidiert. Sin Briick-Prozeb. Prag, 29. Mai. (Tschecho-slowakisches Preßhureau.) Gestern begann vor dem hiesigen Divisionsgerichte der Prozeß gegen den tschecho-slowakischen Obersten Baeran und Major Ne an der, die beschuldigt werden, in ihrer Eigenschaft als Mitglieder der tschecho-slowakischen Einkaufs- und Ueberncchmskommisston in Wien im Jahve 1919 von dem bekannten Wiener Vermittler Brück große« Beste chungsbeträge angenommen zu haben. mms SfflBBHB