Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1541 (29.5.1923)
- Date
- 1923-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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«KML Wie«, -er Wische Mittelstand und PalSstina. Bon. Dr. gaeques Adler, Leipzig. Die 'Veste ,,Privatrmtiative" für Len PalMM-AufbaU st: Selbst hinüber, gehen, seine eigene Existenz nach Paläiittö! veÄegett, dort im Lande wirken und schaffen. Insbesondere für den Mischen Mittelstands in Europa md in Amerika gibt es kaum eine andere Möglichkeit der Mven Teilnahme, der persönlichen Jnterefferwerkrmpftmg mt der ^mtstehenden jüdischen Heimstätte. Gellie-he es, einen wesentlichen Teil des Mischen, MttelsiMdes aus den Ländern der Diaspora nach Palä-- lina zu verpflanzen, so würde sich folgender Effekt daraus wgeb«t: Erstens für den Mischen Mittelstand: Materiell iie Befreiung aus dem unerträglichen ökonomischen Drück,. ,ki heute in Mittel- und Osteuropa nur noch zwei Schichlett gelten laßt, die kapitalistische Oberschicht und die proletarische Unterschicht, der Eintausch dieser beklemmenden Verhältnisse, die durch die Sorge ums tägliche Brot alle geistige Regsamkeit lähmen, gegen die Möglichkeit neuer Entfaltung in dem wirtschaftlich zwar noch unentwickelten, »och wohl.entwicklungsfähigen Palästina und seinen Nachiarländern; ideell die Erreichung des zionistischen Lebensvunsches. ^Zweitens für die jüdische Heimstätte in Palästina: Nateriell die Gewinnung selbständiger Existenzen, die neue Produktionsmittel, neue Produktionsweisen, neue arbeitschaffende Kulturbedürfnisse ins Land bringen, die die ßÄstitutionen des Aufbaues, nur kurze Zeit organisatorisch h Anspruch nehmen, bald aber selbst Beitragende werden, sie Entstehung einer jüdischen produktiven" Stadtbovülkemng; ideell eiu Ausgleich der sozialen Schichtung durch nne Mittelklasse, deren Existenz dem Vorbeugen kann, daß »er Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital — wie er auch in Palästina nicht zu vermeiden ist —, allzu, früh politische Formen aunehme und hierdurch den Mischen Aufbcm gefährde. Die natürlichen Chancen, die Palästina 'als richtiges Durchgangsland für Handel, Industrie, Verkehr, Versicherung und freie Berufe darbietet, könntenzum Unterhalt zahlreicher Mischer Familien erschlossen werden, ' utfo die enge Beziehung zur jüdischen Agrarwirtschaft, »er Gebrauch der hebräischen Sprache, der von der Diaspora bereits mitgebrachte zionistische Ideenbesitz würde dafür sorgen, daß auch hier das Gefühl der Bodenständigkeit im jüdischen Lande mächtig bliebe und sich durch keinerlei, öevautirrertum verdrängen ließe. Zugleich würde die offenkundige Tatsache, daß Leute »ach Palästina gehen und dort in annehmlichen Berhält- »iffen glücklich leben, die zionisüsche Bewegung in Europa »nd Amerika kräftig aktivieren. Andere würden auch der-, üchen, in Palästina persönlich Fuß zu fassen, und schließlich ist ein solcher Zionismus, der den ganzen Menschen ntt all fernen geistigen und wirtschaftlichen Kräften ver- »nlaßt, sich mit der jüdischen .Heimstätte, zu verketten, der teste Zionismus. Daß all dies in hohem Maße wünschenswert ist, wird lvohl von keiner Seite bestritten werden. Nur dürfte man ffe Möglichkeit der Ausführung bezweifeln. Und zwar mit swer Argumenten. Das eine wird von 'den Balutaver- -ältnisseu ausgehen: Wie kann man heute aus Polen, ms Deutschland, aus Oesterreich einen Umzug und eine Niederlassung in Palästina bewerkstelligen? Das andere wird auf die Schwierigkeit Hinweisen, für Mische Mittelstündler aus den westlichen Ländern geeignete Erwerbs möglich keilen in der noch sehr wenig differenzierten Wirtschaft Palästinas zu finden. Beide Argumente sind in der Tat sehr wichtig. Ein Kttzelner, der seine Existenz nach Palästina verlegen will tmd, zumal als älterer Mann mit Familie,' weder als Chaluz noch als Beamter in Frage kommt, und auch kein Großkapitalist ist, wird durch die Valutafrage und das Berussproblem vor fast umibersteigbare Hindernisse gestellt werden, .wenn chm nicht besondere Glücksumstände zu Hilfe kommen. Was nun aber auch dem einzelnen mißlingt, das können doch organisatorische Maßnahmen leisten. Zunächst also die Valutaftage. Es ist leider richtig, daß man für polnische Mark, österreichische Kronen, deutsche Mark herzlich wenig ägyptische Pfund einwechseln kann. Aber schließlich >hat doch der Palästina-Wanderer aus dem- Mittelstände nicht nur Papiergeld, sondern in weit größerem Umfange auch Sachlverte, die auch in ägyptischen Pfund gut valutieren, seien es Produktionsmittel wie Werkzeuge, Maschinen, Waren, seien es Gebrauchsgegenstände wie Möbel, Schmuckstücke und sonstiger wertvoller Hausrat. Könnte da nicht Theodor Herzls Idee der Liqnidationsbank \n veränderter Gestalt, als Beleih u n g s k a s s e, zur Anwendung gelangen? Goldene Becher, Silberkästen, Kristallgläser, entbehrliche Teile der Wohnungseinrichtung würden selbst bei vorsichtigster Beleihung Beträge ergeben, die einen Domizilwechsel' nach Palästina wesentlich erleichtern dürften. Verzinsung und Einlösung würde dann von Palästina aus nicht allzu schwer fallen. Neben die Beleihung könnte auch die Verwertung von Vermögensteilen' treten, insbesondere von Luxusgegeuständen, die man bei vereinfachter Lebenshaltung in Palästina für entbehrlich erachteü Wer organisiert und f i n a uzi e rt-— aus geschäftlich er G ru n d la g lr Wiener Morgerrzettrrng. 29. Mai 1923 Seite 8 Ministerium und Hakenkreuzler. Las „obieMe" Hlmdelsmiulsterimn. Me BohmmgMweisMg im Schlllerhof. Seit voriger Woche hat die Partei des Herrn Dokt«e Riehl ihre oberste Heeresleitung im Gebäude des gewesenen Verkehrsmwisteriums in der Elisabechstraße 9 einquartiert. Diese sonderbare Tatsache hat in der Oeffentlichkeit einiges Beftemden erregt und auch wir haben darauf hingewiesen. Vor einigen Tagen nun hat eine parlamentarische Korrespondenz eine Erklärung der Parteileitung der Hakenkreuzler veröffeutlicht, in welcher es heißt, daß die Partei bisher ganz unzureichende Räumlichkeiten in der Inneren Stadt zur Beifügung hatte, was ihren „Organisationsarbeiten" große Schwierigkeiten bereitete. Auf wiederholte Vermittlung wurde der Partei schon vor geraumer Zeit vom Handelsministerium d i e g a nz bestirnmte Zusage gemacht, daß, f obald in irgendeinem Bundesgebäude Räumlich keilen freiwerden, diese der Parteizugewiesenwerden. Tatsächlich habe die Partei die Mitteilung erhallen, daß im Gebäude der bisherigen Finanzlandesdirektion und im Hause des Obersten Rechnungshofes Räume ftei werden, doch hat die Partei auf Ersuchen des ehemaligen Handelsministers Kraft auf diese Räumlichkeiten verzichtet und nun dafür solche im Schille-rhof erhalten. Da die Organisierung von Terror und Judenhetze anscheinend sehr viel Platz braucht, so erscheinen auch diese Räume den Hakenkreuzler zu klein und darum haben sie das neuerliche Versprechen erhalten, man werde ihnen weitere Räumlichkeiten zuweisen, wenn welche frei werden. Wir haben uns nun für die Sache ein wenig näher interessiert und haben an der Stelle, die darüber Auskunft zn geben hat, Erkundigungen eingezogen: Handelsministerium. Dort hat Herr Ministerialrat Jaksch unserem Mitarbeiter ohne weiteres zugegeben, daß die Meldung der oben erwähnten Korrespondenz den Tatsachen vollkommen entspricht! Als Grund.für dieses mehr als eigentümliche Verhalten einer staatlichen Behörde wurde angegeben, daß der Exminister Kraft von Dr. Riehl, der auch ein persönlicher Bekannter des Herrn Kraft sei, ständig um die Zuweisung von staatlichen Räumlichkeiten angegangen worden sei, so daß Herr Kraft, um ihn löszuwerden, den betreffenden Referenten den Auftrag gab, den Nationalsozialisten- Räume zu geben. Im übrigen fei das Ministerium bemüht, bei der Erledigung der vielen Ansuchen um Räumlichkeiten olljektiv vorzugehen und malthabe, da man andere Parteien in staatlichen Gebäuden untergebracht habe, den Hakenkreuzlern die gleiche Begünstigung nicht verweigern können. Dies ist im wesentlichen die Erklärung, die Ministerialrat Jaksch zu geben hatte. Der Einwand unseres Mitarbeiters, daß. gerade blfe Nationalsozialisten nicht gerade zu den Ordnungs- Parteien in Oesterreich zu zählen sind, und daß gerade diese Partei nicht auf den Aufbau Oesterreichs hinarbeite, wurde mit einigen inhaltslosen Phrasen beantwortet. . Damit wäre die Sache für Herrn Jaksch und das Handelsministerium; anscheinend erledigt. Für die Oeffentlichkeit ist sie es jedoch noch lange nicht und wir richten im Namen dieser Oeffentlichkeit an/ den Hern Bunde?, kanzler die Frage, was er zu diesem offensichtlichen Skandal sagt. Und was sagt der Nationalrat dazu, daß in einem Ordnungs- und Rechtsstaat von Beamten der Republik mit staatlichen Räumen in dieser Weise gewirtschaftet wird? Der Ernwand, daß der Schillerhof kein Bundesgebäude sei, fällt hier nicht ins Gewicht, da das Ministerium bei der Vergebung der Räume den Vermittler gespielt hat. Was nützen alle Versicherungen unserer Staats manner dem Auslande gegenüber, daß sie gewillt seien, im Lande Ordnung und Recht einzuführen, wenn von offizieller Seite eine Partei, deren bisheriges Auftreten jedesmal von schwer enStörungenderösfentlichen Ruhe und der Sicherheit der friedlichen Bürger begleitet war, eine Partei, die aus ihren Umsturzplänen nicht das geringste Hehl macht, in so provokantoffensichtlicher Weise gefördert wird. Denn man wird wohl niemanden für so naiv halten, zu glauben, das Ministeriüm habe nicht gewußt, wer die Nationalsozialisten sind. Und da es richtig ist, daß der Staat den Hakenkreuzlern Räume zur Verfügung stellt, um ihnen die Organisierung des Terrorantisemitismus zu erleichtern, so werden auch die Gerüchte Mahr sein, die wissen wollen, daß Staatsbe'amte den Hakenkreuzlern zur Verfügung st e h e n. Es ist gut, daß man auch hier einmal klar sieht: Von den Herren Urban und Hauser jüdisches Geld, vom Staat Räume — wer sich jetzt noch wundert, daß die Knüppelgarde, die Stcchlhelmbuben und die Revolverhelden des Dr. Riehl so kühn geworden sind, muß blind sein. g—d. ■nnwwnawawsnnawemBannmnaamnnaBamHBWwwnnanBaEP denn das Kapital ist durch Gegenwerte gesichert und wird verzinst — ein solches Beleihungs- und Treuhündinstitut für den nach Palästina übersiedelten jüdischen Mittelstand? Es ist durchaus angebracht, dieses Problem, das zahlreiche Zionisten, die Ernst machen wollen, innerlich beschäftigt, gerade jetzt vor dem Kongreß einmal zum Gegenstand der Aussprache zu wählen. Die Resignation, die beklommen ausspricht, daß nur die wenigsten europäischen Zionisten nach Palästina, gehen könnten, ist gar nicht angebracht. Wo ein Wille ist, da findet sich auch der Weg. Die C h a l u z i m, die arbeitende Jugend, sie zeigen uns, daß es geht, wenn man nur will. Auch die Palästinawanderung der Netteren wird sich ermöglichen lassen, ivenn man die vorhandenen .Bermögenssachwerte planmäßig den finanziellen Maßnahmen zugrunde legt. Dies ist ein Lebens intereffe des Nationaljudentums. Selbstverständlich muß dann aber auch die zweite Frage, die nach der Berufsumstellung, gelöst sein. Denn auf gut Glück darf man keinen Familienvater nach Palästina schicken; das würde ihn und die Allgemeinheit schädigen. Indessen gibt es auch hier gute Möglichkeiten, deren Bearbeitung den: Handels- und Industrie-Departement der Zionistischen Palästina-Exekutive obliegen müßte. Insbesondere kommen Ein- und Ausfuhrhandel, Trans-it ge schüft, Spedition und Versicherung, Kleini nd uftri e, Reparaturbetriebe, Einzelhandel mit europäischen Erzeugnissen in Betracht,, vor allem die Pflege intensiver Beziehungen mit den zukunftsreichen arabischen Nachbarländern. Wie sich auch ältere Menschen bei gediegener organis satorischer Anleitung beruflich erfolgreich umstellen können, zeigen uns die Kriegsbeschädigten in allen Ländern und die entlassenen Berufsoffiziere des ehemaligen deutschen Heeres. Wer wirklich nach Palästina gehen will, der wird auch ein gewisses Hinabsteigen in der Hierarchie der Berufe nicht verschmähen, wofür ja alle „neuer! Länder" der Erde Beispiele bieten. Ein Arzt hat naturwissenschaftliche, ein Kaufmann technisch-handwerkliche, ein Jurist kommerzielle, ein Offizier organisatorische Kenntnisse und Fähigkeiten. Schließlich trägt noch das Prinzip der Gartenstadt, der Ackerbürger in Neuauflage, dazu bei, durch dis Ein- , künste aus eigenem Garten, Stall urrd Feld die Ansprüche an das spezialberufliche Einkommen zu vermindern. Die Berufsumstellung unseres Mittelstandes für Palästina ist daher durchaus nicht unmöglich; sie gehört zum Wichtigsten unserer Bevölke'rungs- und Wirtschaftspolittk. Tagesbericht. Sonntagskultartröger. An jedem Sommersonntag, den Gott in die Wett schickt, begibt sich eine Schar Städter auf das flache Land, um den Bewohnern der Berge und Triften die Kultur der Stadt zu bringen. Das sieht ungefähr so aus: Aus jedem Zug, der in den Vormittagsstunden in den friedlichen ländlichen Gesilden anlangt, wälzen sich ganze Wolken von Menschen samt Zubehör, Mann, Weib, Kind, Hund, mit Rucksack, Gitarre, und anderen gefährlichen Waffen. So weit die Leute dem Kreise der Ungebildeten angehören, sind sie, je nach Geschmack und Mitteln gekleidet, wie „man" eben anno 1923 aekleidet geht. Schlimmer steht die Sache bei den Gebildeten. Sie bilden einen bunten Maskenzug, Motto: d' Stoanstoarischen. Ueber gewaltigen Hornbrillen steigen spitze, giftgrüne Zuckerhüteln aus Loden oder sonstiger Unverwüstlichkeit auf. Diesen Kopfbedeckungen wird nachgerühmt, daß man sie in die Tasche stecken kann, ein Versprechen, das leider nur in den seltensten Fällen gehalten wird. Der Hemdkragen ist mehr Schiller als der ganze Wallenstem, der männliche Halsausschnitt reicht auf diese Weise bis in die Magengegend und zeigt mit rührender Offenheit die behagrte und meistens auch schwitzende Männerbrust. Das ist ja nicht immer anmutig, aber: so san halt mir z' Haus, d' Weanarischen Buani, besonders wenn, wir acht Jahre Gymnasium und fünf Universität hinter uns habm. Im übrigen steckt der Mann in kurzen Hosen (sind es besonders gelehrte Menschen, dann gehören unbedingt auch noch nackte Knie dazu), einem rotschwarz gewürfelten Banernjanker, Wadelstutzen mit geradezu wollüstig farbenprächtigen Mustern und unheimlichen „Gscheantten". Ueber diesen Bauernstaat, vor dein jeder Surminghofer heißen Neid, enrpfindet, ist, wenn die glücklichen Träger den'jüngeren Jahrgängen angehören, eine Laute, Gitarre oder sonstige Klampfen gehängt, die' mit den fröhlichsten, flatterndsten Bändern geschmückt ist. Die Frau Doktor aber trägt das „Dirndl", sie trägt es dick und dünn, knüpft um den- Taillenumfang von 1.20 ein neckisch buntes Schürzchen, schnürt um die Lockenfrisur ein gehäkeltes Netz wie es unsere Großmütter als Nachthaube trugen. Unter den wippenden, aller Mode zum Trotz immer noch kurzen Röcken sieht , man einen Seidenstrumps mit Maschenajour und BerghalLschuhe mit den geschmackvollen umgelegten Zungen. Regenmäntel Waren Woche! _„_ . _ ec 125.000« Leinenwaren, Waschwaren, f Stoffe, Wäsche — sehr billig B W II., Taborstraße 4' Telephon 47-1-76 En gros En detail