Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1539 (27.5.1923)
- Date
- 1923-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. MG Wie«, Sonntag t Wiener: MoLgenzeitung. Sesterreich. Miorfteheuder Beginn der Verhandlungen mit de« Wentliche« AngestMeu. Illnter Führung deS Nattonälrätes Spalvwsky sprach eine Abordnung der Rtzichsexekuttve der chrWichen Gewerkschaßten der öffentlichen Ängestellien beim Bundeskanzler Dr. Seipel Var, um die Erledigung der von der Reichs«';«j?e&Ä ausgestellten Fordevu.nM.zu betreiben und den Beivdm der Dechandlunger.- zu beMeamigen. Bundeskanzler!Dr. 'Seipel sagte ' der Abordnung zu, daß die Verhandlungen m dm nächsten Tagen beginnen und 'daß zu d'ieifen Verhand«!Lwgen die Vertreter sämtlicher Ungest-eLlt-engewvvkfcha.f'ten beigezogm werden. Me antisemitische Hetze des Birekanrlerblattes. Das offizielle Organ der Gvoßjdeittschen Regierungspartei „Deutsche Zeit", veröffentlicht an der Spitze!deL Blattes eine Zuschrift eines ungenannten Parteigenossen, welche als eine anttsernittsche Hetze von der niederträchtigsten Art und ein auf die Entfesselung der trübsten Masteninstmkte spekulierendes Manöver bezeichnet werden «muß. Der anonyme Held -schreibt: . . /Eine merkwürdige Verkettung besonders günstiger Umstände verschaffte mir unlängst die Möglichkeit, einen Blick in einen Raum zu werfen, der unmittelbar vorher. in geheimnisvoller Weise von einer Gesellschaft von Juden zu einer Zusammenkunft benützt »worden war. Dieser Raum war in einer mehr als eigenartigen Weise ausgeschmückt, worauf ich gegebenenfalls noch naher zurückkommen werde. Von einem dieser Schmuckstücke möchte ich Ihnen aber schon heute Mitteilung machen. Es bestand in einem Lretten weißen Atlasband, aus dem in großen roten Lettern folgende Inschrift zu lesen war: ,Prolet-Arier aller Länder, vereinigt Euch zur Krönung des Königs aus dem Stamme Davids!" Das Band war an der Wand befestigt, darüber prächtig mit Gold gestickt der Davidstevn, darunter ein großes, roh geschnitztes, hölzernes Kruzifix mit dem Kopfe mach unten... Ich überlasse eL der geehrten Schriftleitung, zu dieser Entdeckung den Kommentar zu schreiben, und mache nur noch besonders aufmerksam, wie in der Inschrift bas Wort „Proletarier" in zwei Worte „Prolet-Arier" zerlegt war." t x Es fall uns nicht ein, uns mit diesem feigen und skrupellosen Geschmiere auseinander zu setzen, das deutlich das Nahen der Wahlen verrät. Sachliche -Erörterung käme einer Selbstdegradierung gleich. Bemerkenswert ist» daß jenes Blatt in der Druckerei und mit den Typen der am tXichen Miener Zeitung". hergesE wird! R «? ' •* ‘ IV son an JßtoAes, JtoslumesJftaafecLux. \ Seagorvns et Srourrures yTelef&n: Grosse OTckasion von Frühjahrs-Modellen und preiswerten Etarnirddeidem 10000 Tschecho-SlowM. Vereitelter Fluchtversuch der Mörders Aaschlu». Prag, 36. Mai. Me die Blätter melden, hat heute vormittags der Attentäter Ms den Finanzminister Raschin,' Sou pal, ails er dem Untersuchungsrichter vorgesührt wurde, zu entfliehen versucht. Er wurde jedoch gleich nach Verlassen des Tores des Gebäudes wiederflestgenommeu. _. . Ungarn. Bethleur „Erfolg". Budapest, 26. Mai. (Del. d. ,Mr. MorigentzÄtuNg".) Nachdem die Opposition die Rogierung der FMschur.g des amMchen Berichtes über die Entscheidung der ReiparMion'skomlmissivn beschuldigte, wßndte sich die Regierung direkt an die Atzence Havas, um von ihr sine genaue UebermitÄung ^s Textes der Enffcheidung M verlangen. Heute nachmittags traf mm die Antwort ein. Diese bestätigt nicht nur die in Budapest bisher verschwiegene Tatsache, daß sin Teil der zu behebenden ausländischen Anleihe flih Reparationszwecke zur Bersügung gestellt werden müsse, sondern Wermittett Mch die amtliche Ausfegung der ReparadimrsLo-mMission. KMH9BHI BIHWHWa-« Traget Schuhe! _27. Mai 1923 Sette 3 Demnach behält sich die RepavcckivnAamMisfion ffrr jodet.. Fall, m welchem sie Ungarn zur Aufnahme einer Anleihe evmüchttgt, das Recht vor, von der Anlecho sWr Repav». tLonszwecke rm voraus einen TeN rn zu bringen. der. nachdem' er nicht im vochmÄ« festgepM ist, zwischen Null und bet V^Mlftäm>diy«e-n.Z-ei-ch; nnnyssnmme wechseln kön ne. . Auch der: Fittanzminister unzufrieden.' Der honte znrückgekchrte Finanzminister Kallay etz klarte Vertretern der Presse gegenüber, der Beschluß dev Re« MWvnskommiffion sei nicht befriedigend, da e, einen Deik der auszmvchmenden Anleihe für Zw^ckr der RjspmMonszahlnngen in Anspruch nehmen wolle. Mt Rück« sicht auf die in dem Beschlüße der Reparätiouskommissio« enthaltenen Bedingungen wäre es kaum möglich, sich an die englischen und die amerikanischen Geldmärkte «m die Gewährung der Anleihe zu wenden. < Auf Grundlage dieses Beschlusses scheine das Ziel, das dir ungarische Regierung erreichen wollte, nicht realisierbar zu sein. Die Bndapefter Wahlrechtsränber. . Aus Budapest wird uns berichtet: Die parlamentarische Lage hat durch die allgsmoine Empörung über den MassenwaWvechtsraub in der Budapester Gemvinde, den die chviM'ichr.atiouM Majorität M etwa 120.000 Wählern begangen hat, eine wesentliche Verschärfung erfahren. Die gemeinderäMche Qppofitton ist entschlossen, in ihrem Kampf! zur Wiederherstellung des Rechtes der Wähler bis zu den äußersten Mititoln zu gehen, und stellt die Forderung, daß gegen sämtliche Beamten, die sich, wie sich jetzt herausstehlt, eiines bewußten Mißbrauches der AmtsyeüvM und der absichtlichen En'tzi-ehuna stnatsgmnbgefetzlich gewähvleist-ster Rechte schuldig gemacht haben, das Straf verfahre« emgele-itet werde. Auch Graf Albert Apponpi erKärte, daß dieses Vorgehen durchaus nicht geeignet sei, das Ansehen der Regierung im Ausland zu erhöhen und die im Zuge besindlichm außenpoMschen VerhanAlungen zugunsten Ungarns zu fördern. - . Polen. gin Dringlichkeitsantrag des Fildischm Klubs wege« der Bombenattentäte. Warschau, 26. Mai. (Del. der JBk, M-ortznizeitu-ng*.) Im Schm wurde der Drin-glichkeHtsantvag deS Jüdischen Klubs in ArMagenhüt ldsr Bombenattentäte auf jüdische JnstAuttonerr behandelt. Abigeordneter Thon begründete die DrrnMchkeit' in einer längeren Riede und behändste hauptsächlich dün Erhörten Anschlag auf die RedcMon des ,MoWY D«i>ennik". Die Polizeibehörden jn Krakau hätten eine derartige UnfähiKeit <w den Tag gelegt, daß innerhalb der. Mischen BeVöWevung die Meinung vorherrscht, die Polizei hätte absichtlich die Untersuchung , unterdrückt. -Wähvend der Rede des Wg. Th vm kam es zu stüvmischdn Zwischerirufm von den Bänken der NatwnaldLmo- Wohlfeile Woche! RegenmänteB . . K 125.000 B LeBnenwaren, Waschwarenf f Stoffe, Wäsche — sehr billig ■ Warenhaus rflder Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-76 Bn gros . En detail kin Schauspielerlrieg am alten Mische« Theater. Bon S. Katz. Der Mische SchMsPieler S. Katz, aus dessen .Ervmrerurvgen wir künMch einige hellere. Gpisüdm vom alten jüdischer: Theater' gebracht halben, erzählt von KonkurrenMmpfen am jüdischen Äieater einige lustige Geschichten, von deneneine hier wiedergegeben sei. Es war in Lodz, M Zeit, als dort,bereits im Eiroßen Theater eine ständige jüdische Theaterdirektton bestand. Diese hatte damals der bereits verstorbene, als Schauspieler- und Direktor - bekannte Jizchok S a"N d b erg inne. In der Saison, von der hier erzählt wird, hatte ihm der berühlnte russische Schauspieler Tschernow -das Große Theater ausgemietet und Sandberg war daher gezwungen, im kleinen Apollotheater zu fpiillen. Die Ortsveränderung und wahrscheinlich auch der Umstand, daß Sandberg in dieser' Saison kern so gutes Ensemble engagiert hatte wie sonst, bewirkte es, daß die Einnahmen durchaus nicht auf der Höhe standen. Um so kritischer wurde die Situation, als plötzlich mitten in der Saison große Plakate und Annoncen äuftauchterr,. in derren äng-Mndigt Wurde, der bekannte jüdische dramatische Schauspieler Julius A d l e r, noch von früher her ent Liebling des Äodzer Thoater- ' Publikums, werde mit seiner eigenen Truppe zehn Vorstellungen im großen Saale in Lodz geben. - - Äindbevg, ivelcher voraussah, die zehn Vorstellungen Adlers würden ausverkauft und sein (Ärndbergs) Theater leer sein, bemühte sich, Adler zur Absage des Gastspieles zu bewegen, jedoch vergeMch. Da griff er zu einem kaufmännisch klugen Mittel: Er engagierte siir zchn Vorstellungen, die'genall zur Zeit des Adlerschen Gastspieles stattfinden sollten, die berühmte Gesellschaft der bekaMhen jüdischen Tragödin Esther Rachel Kami ns ka in sein Lodzer Theater und er selbst ging. nach Warschau. So dachte er, zwei Fliegen mit 'einem Schlag zu treffen: Udler durch eine bedeutsame Konkurrenz z,n schlagen und selbst an einem neuen Ort bessere Einnahmen zu erzielen, als es in Lodz der Fall war. * Als Adler von diesem Schachzug Sandbergs hörte, ward chm etwas schwül. Esther Rachel Kaminska und ihre Truppe waren eine gefährliche Konkurrertz; denn Frau Kaminska brachte, gutes, zugkräftiges Repertoire und hatte | ein ausgezeichnetes Ensemble, während Adlers Ensemble! für seine Zwecke , gerade ansveichte, das heißt nach der | alten Starmanier mehr als mittelmäßig war, um -den Star um so mehr Hervorleuchten zu lasten. Adler beschloß daher, mit allen Mttteln des Konkurre^kampfes gegen die rivalisierende Truppe aujzutveten. Er begann damit, daß er den Beginn seiner Vorstellungen um einen Tag verschob, so daß er an einem Donnerstag, Frau Kaminska an einem Freitag die erste Vorstellung gab. Und bald war in Lodz die Atmosphäre eines blutigen Kampfes zweier Konkurrenten aus Leben und Tod zu spüren. > Der Krieg begann' bei der RePerwivebeftiurMNng. Beide Truppen hatten ungefähr dasselbe Repertoire und daher war.jede der beiden Gesellschaften bemüht, bereits einen Tag vorher das Stück zu spielen, welches bei der anderen Gesellschaft für den nächsten Tag angesetzt war. Zu diesem Zwecke hatte jede der beiden Truppen ihren „Spion", der die Repertoirepläne im Lager des Feindes zu erkunden hatte, und nun begann eine Serie von Borstellungsabänderllngen. War in einer Truppe „Gott, Mensch^und Teufel" angesetzt und wurde im Läufe des /Tages in Erfahrung gebracht, daß die andere Truppe den ,/Unbekannten" spiele, so wurde die „Gott, Mensch und Teusel"-VorsteÄimg wegen „technischer Schwierigkeiten abgesagt und der „Unbekannte" aus den Spielplan gesetzt. Es' tanr so weit, daß schließlich Adler aus Plakaten mit Riesenlettevn dem Lodzer jüdischen PublAimr verkündete: ,^Hente wird bei mrs dasselbe Stück gespielt, das int anderen Theater morgen gespielt werden -wird." Der Repertoirekrieg ging natürlich so wert, daß die Repertoireändevuugen nicht im Lause des Tages, sondern' oft erst am Abend dem Publikum bickanntgegeben wurden,. und daß einnral, als das ganze Ensemble Mers schon geschminkt und kostümiert war, die -Vorstellung „aus technischen Gründen" abg-eändert wurde, weil der „Spion" erfahren hatte, daß auch im anderen Lager eine Repertoireänderung vorgeuonrmen worden war. Alle möglichen Kniffe der Diplomatte und der Kriegführung wurden angewendet, um den Gegner bei der Repertoirebildung „hineinzrrlegen". Zugleich mit diesem Kanrps wurde ein anderer geführt: Den Gegner in den Augen des Publikums Herabzusetzen. Eine Gesellschaft ^erzählte über die andere ällerharw Ähänevmären. Dieser Krieg um den guten Namen wurde zuerst aus den PlaLaten und in den Annoncen, dann aber auch von der Bühne herab, direkt vor dem Publikum, geführt. In der Gesellschaft - der Frau Mmm'ska war der Redner von der ^ene herab der Komiker Weimann. Sein Schimpstalent stand dem eines Marktweibes nicht nach, er verband aber damit sein komisches Talent, und jeden Abend nach der.Vorstellung tmt er aus einen Tisch vor die Szene und kortterfette die Schaufpieler von Adlers Gesellschaft ab. Die Konterfeis waren so gelungen, daß das PübMun sich vor Lachen wälzte. Jnterestant ist, daß Weimann von -diesen Porträtiermrgen nur Mler selbst ausnahm. Es wird -weniger künstlerische Verehrung als vielmehr Vorsicht gewesen sein. Denn erstens hatte seine Porträttättgkett den Kredtt beim Publikum verloren, wenn er dessen erklärten LÄbling Adler abkonterfeit hätte, und zweitens war schließlich Adler Direktor einer Gesellschaft, und man konnte nicht wisten... Dafür aber goß Wei- Mann die volle Schale seines >Zornes über -seinen Konkurrenten itf Adlers Gesellschaft, den Komiker Bulmann, aus.. Im Großen Theater war Adler selbst der „Consereircier" nach der Vorstellung. Seine Illustrationen des Wertes dev gegnerischen Truppe trugen entsprechend seinem schauspielerischen Fach mehr dramatischen Charakter. Aber sie amüsierten das Publikum ebenso wie Weimanns Porträts. Die Wirkung dieses Schausplelerkrieges ans das Publikum war außerordentlich: Während/ es sonst liM, m Theaterdingen Partei zu nchnren, blieb es diesmal stveng neutral und wandte beiden im Kriegszustand beftMichen Theatern seine Gunst zu. Der Effekt war, daß die . beiden Gegner in Lodz rricht zehn, sondern dreißig Vorstellungen absolvierten, da beide Häuser Abend um Abend' äusverka.uft tvaren. Die beiden Konkurrenzgastspiele wurden am gleichen Tage beendigt. Dann kamen beide Gegner zu einer „Friedenskonferenz"' zusammen, schlossen einen .'-förmlichen Friedeuspakt bei Champagner und dankten einander für den so erfolgreichen Krieg, der es ihnen er-, mhglicht hatte, jetzt— Champagner zu trinken. Sie be-'i schloffen, bei der nächsten Gelegeuhett einvernehmlich wütenden Krieg gegen einander zu führen. Ob es noch-, mals dazu gekommen ist, läßt M nicht ftststellen.