Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1536 (24.5.1923)
- Date
- 1923-05-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1336 Wen, Donnerstag -Wiener Morgenzeitung. 24. Mar 1923 Seite 3 Berdovpüuug der Welkartenabgobe. Perstmalsttttewovülle 1923. Finanz-, und Budgetansschuß hielt gestern uach- 'gs eine Sitzung ab, in der zunächst die Uebereinkommen zwischen Oesterreich, Ungarn, Italien, Polen,- Rnmänierr und dem Königreiche S. H. S. zur Bermeidüng der.Doppelbesteuerung und betreffend die Ausscheidung von Guthaben'und Depots aus der Gebarung des Postsparkassenamtes in Wien (Berichterstatter Dr. Odenahl) ohne Debatte angenommen wurden. ' Berichterstatter Partik referierte sodann über den Gesetzentwurf betreffend . die Erhöhung des Spielkartenstempels Und verwies daraus, daß das Spielabgabengesetz mit 31. März abgelaufen ist. Um jedoch für die Zukunft einen Ersatz für den der Kriegsbeschädigtenfürsorge zugedachten bisherigen Anteil des Bundes - an der Spielabgabe zu schaffen, soll der Spielkartenstempel auf.dasDopPelte erhöht und aus der dadurch zu gewärtigenden Mehreinnahme ein entsprechender Betrag der Kriegsbeschüdigtenfürsorge gewidmet werden. Aus Bundesmitteln werden für Zwecke der charitativen Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Kriegerwitwen und -Waisen im Jahre 1923 400 Millionen Kronen, im Jahre 1924 500 Millionen Kronen dem Kriegsopferfolcks emgeantwovtet. Bei der Abstimmung wurde das Gesetz unverändert angenommen. Berichterstatter Paulh referierte über die Personalsteuernodelle für das Jahr 1923 rmb stellte folgende Zusatz--und A'bänderungsanträge: § 125, Z. 10, des Personalsteuergesetzes (der Nentensteuer unterliegen nicht die-Dividenden der Oesterreichisch-ungarischen Dank) ist zu streichen. Ferner ist zu streichen § 133, dritter Absatz, des Personalsteuerlgesetzes (Rentensteuer, der durch. die Oefterreichisch-nngarische Bank zur Auszahlung gelangenden Zinsen von Pfandbriefen). Im §160, Z. 5, des Personalsteuergesetzes sind die Worte „schließlich die Militärtaxe" zu streichen. Nach Artikel 4 der Personalsteuernovelle (Sonderbestimmungen für das Jahr 1922, betreffs die Einkommensteuevveranlagung der Empfänger von/ Dienstbezügen) hat die abgesonderte Veranlagung eines „allfällig e n. Nebenei.nkommens" zu erfolgen, sofern das Diensteinkomnien ' des Steuerpflichtigen 4000 Steue reinheiten (Regierungsvorlage 2400 Steuewinheiten) nicht übersteigt. Das zu veranlagende Nebeneinkommen muß mehr als 300 S t e u e r e i n h e i t e n (Regierungsvorlage 100 Steuereinheiten) betragen. , Im Artikel 5 der PepsonalsteuerMvelle (Sonderbestinrmungen betreffend die Bewertung' der Warenlager) wiÄ» Absatz 2 folgendermaßen abgeändert: ,^Jn «berücksichti- Hnngswüvdigen Fällen kann die Steuerbehörde (Schätzungskommission) statt vom doppelten Werte des Anfangsvorrates von einem höheren Vielfachen dieses Wertes, Zionistisch» Bezirissoktlon Leopoldstadt Jeden .D onnerstag .zwanglose Zusammenkünftefür Mitglieder und eingeführte Gaste Heute Donnerstag deh 24. Mai 1. .J., 8 Uhr abends, im Cafe Fetz er, If., Praterstrasse VORTRAG A. SCHWERTFINGER: „Die Ethik -des Judentums" jedoch keinesfalls von einem höheren als dem Fünffachen (Regierungsvorlage: Vierfachen) ausgehen. v A'bg. Schiegl beklagte sich über die ungerechte Steuerveranlägung dex Bank- und Sparkass enbeamten, die vielfach so behandelt werden, als ob sie durchwegs Börsengewinne erzielen. Nun kommt aber nach den Feststellungen, des Reichsverernes der Bank- und Sparkassenangestellten ein ganz geringer Bruchjteil der Angestellten in Betracht, der Börsengewinne macht. Bu.ndesmmister für Finanzen Dr. Kienböck bemerkte, es werde seitens der Regierung in Erwägung gezogen werden, ob bei der nächsten Novellierung, die in nicht allzu ferner Zeit von der Regierung beantragt wer- .den dürfte, nicht auch die Höhe des steuerfreien Minimums einer neuerlichen Revision unterzogen werden kann. Das Gesetz würde sodann , mit den vom Berichterstatter beantragten Aendernngen z-um Beschlüsse erhoben. ' * M Nachlaß der Monarchie. Die Verhandlungen zur Regelung der mit den gemeinsamen Aktiven und Passiven der ehemaligen österr e i ch i s ch-u ngari sch e n M onarchie in Verbindung stehenden Fragen werden heute in Wien wieder ausgenommen. Der Leiter der ungarischen Delegation ist Geheimer Rat Bar.on Josef Szterenyi. BMen bei Zeipel. Der ungarische ■ Ministerpräisident Gras B et hl c. n, ,der heute morgens in Wien eintraf und für wenige Stunden in der ungarischen Gesandtschaft abstieg, har im Lause des Vormittags in Begleitung des Gesandten v. Masirevich dem Bundeskanzler Dr. S e i p e l und dem Minister des Aeußern Dr. Grünberaer Besuche abgestattet. Um 2 Uhr 40. Minuten verließ Bethlen mit der Oftbahn Wien. . s WerdetMsMeÄMMdie i I „Wiener WrgenzeitMg" I; Ein Ratioualverteidigaagsrat. Prag, 23. Mai. Wie die „Tribuna" erfahrt sind dst Vorarbeiten zur Schaffung eines tschecho-flowakischen Na« tionalverteidigungsrates abgeschlossen. De« Rat, dessen Aufgabe darin besteht, alle zu einer raschen Mob ilisierung der Tschecho-Slowakei erforderlichen Arbeiten durchzuführen, wird aus s i e b e n Ministern, darunter den Natjonalverteidigungsminister und den Außenminister, bestehen. Ungarische Werbungen in der Mowalei. Pretzburg, 33. Mai. Die hiesige Polizttdwettion wurde vor einigen Tagen ans die verdächtigen Machinationen ^ines ungarischen Staatsangch'örigLn anfmerksam gemacht, bet hier mehrere tschecha-slowakische Staatsangchörige zu ^bewegen suchte, -in Ungarn in Mklitärdi-enste zu treten. Die Polizeiidirektion stellte fest, daß der ungarische Agent der in Budapest geboren» Wjähriige Reisende Anton BlatonY ist und nahm dessen Verhaftung vor, Blatony gestand seine Werbungstätitzkett ein, gab aber an, >daß er nur Musiker für die ungarischen' Regimenter ivarb. In einem Notizbuch fanden sich mehrere Adressen Prehburger Einwohner. Es wurde festgestellt, daß Blatony auch 'in Brünn und Pardubitz sich, aushielt und ohne Paß über die Grenze gekommen ist. Blatony wurde dem Strafgericht übergeben. Ängam. Die Entscheidung der ReimratlonskommMon Wer das Anleihegesuch. Paris, 33. Mai. Die RcharationskömmMon hat heute über das ungarisch e A n s n ch e n wegen einer ausländischen Anleihe im Sinne des von Frankreich und der kleinen Ent e nie formulierten Antrages entschieden. Die Rcparattonskommisston bringt der 'ungarischen Regierung. zur Kenntnis, daß sie es zwar nicht ab lehnt, die Möglichkeit der Aufhebung d.'s Vorzugsrechtes auf Reparationen zu. erwägen, daß aber eine definitive Entscheidung erst getroffen werden kann, bis Ungarn die konkreten Anleihevorschläge unterbreitet. Die Kommission macht -bereits im vorhinein darauf aufmerksam, daß die Einwilligung nur unter folgenden Gcdin gnn,gen .gegeben werden kann: . 1. Ein Teil der Anleihe muß zur Bezahlung der ungarischen Reparattonen verwendet werden. ( 2. Ungarn bietet hinreichende Garantien und willigt in die Kontrolle, daß der Teil der Anleihe, der Ungarn zur Wiederherstellung seiner Finanzen belassen wird, so verwendet werde, daß Ungarn hie Möglichkeit erlangt, die . Reparationen zu bezahlen.. 3. Die ungarische Regierung wivd > ausgesorderi, den . besten, Willen kundzugeben, die ,Fri>edensvert rags- - best immun gen zu erfüllen, üyd sie wird ausmerffam ge-. ' macht, daß die Kommission bei der definitiven Genehmigung der Anleihe daraus Rücksicht nehmen wird, bis zu welchem Grade Ungarn dieser Forderung nach gekommen ist. Wohlfeile Woche! Reg@mm$nte!l ■ . K 125.000 Leinenwaren, Waschwaren, Stoffe. Wäsche — sehr billig ■ Waren- I Schiff mann II., Tabörstraße 48 Telephon 47-1-7s Eh gros En cSetaSI Sinn und Schicksal der RedolutilM. Von Dr. Oskar Karbach. Der an dieser Stelle erst vor wenigen Wochen geäußerte Wunsch, Hans Kohn auch einmal bei zusammenhängender Darstellung von seinen Fähigkeiten würdigen historischen Stoffen zu begegnen, hat ebenso schnelle wie erfreuliche Erfüllung gefunden. Nachdem er zu Beginn-dieses Jahves unter dem Titel „Nationalismus" eipe Reihe tief schürfender Aufsätze zum jüdischen Problem der Oeffentlichkeit übergeben hat, langt er nun Mit kühnem Griff nach dem lockendsten Vorwurf der Zeitgeschichte, und beschert uns eine Würdigrmg der russischen Revolution, die insbesondere an Klarheit des Ausbaues. und äußester Konzentration ihresgleichen sucht?) Denn gerade die Vorzüge der zionistischen Publizistik — Grundlage bewußt-jüdischer Weltbetrachtung — haben nicht selten einen aussichtslosen Kamps mit dem ihr eigentümlichen Mangel an Prägnanz,. Ueberblick und straffer Gruppierung des StoMchen zu führen: Um so höher muß die Taffache gewertet werden, daß ein Autor, den ebenso der bedeutende Vorwurf wie die Gediegenheit der gesellschaftswissenschaftlichen Kenntnisse, nicht zuletzt aber auch die persönliche Bekannffchast russischer Verhältnisse leicht ins. Uferlose hätte führen können,'statt mit einem redseligen Folianten, mit einem nicht eimal 100 Seiten starken Heftchen vorbMicher Konzentratton sein Auslangen findet. Solcherart müssen die Bücher beschäffen sein, die ins Volk dringen sollen: Wer aus drei Seiten Ansbruch und Sieg der russischen Revoluttou, in einem schmalen Kapitelchen die hundert Jahre ihrer Vorbereitung erschöpfend darzustellen verinag, hat die Berufung in sich, zu den Massen zu sprechen. Me unter dem Seziermesser Ersteht die Genealogie des russischen Revoluttonärs, von den Offi- Kiersverschwörungen der Zwanzigerjahre des vorigen. JahchU'ndevts anhebenjd, über .die Epoche des adeligen Liberalismus unter Nikolaus dem Ersten, die Nihilisten der Sechziger-, die Terroristen der Achtzigerjahre, zu den Sozialrevolutionären und Sozialdemokraten der Jahrhundertwende. Wie die breijey Massen der. Bauern und Arbeiter^ de-m verzwefflullgsvollen und oft verzweifelnden .*—• ’ - ♦) Hans Kohn : „Sinn und WbWall der, RMnlntin»", IC. O. Dal u. Co. WLÄaa. ILM - Freiheitsstreben.der Intelligenz verständnislos gegenüberstehen, wie an. dieser Entfremdung das erste getrennte Äufflackern der Revolution nach, dem Debakel des Krieges gege« Japan anscheinend ohne Erfolg zusammenbrechen muß (damals hat, nebenbei bemerkt, in der üblichen Politischen Neujahrsbetrachtung der Wiener „Neuen Freien Presse" Max Nordcnr ihren endlichen. Sieg, zugleich aber auch das Mitgerissenwerden der mitteleuropäischen Throne , prophezeit), wie 1905 konstttutionelle - Zugeständnisse, zwölf Jahve darauf der Widerstand gegen die so überaus bedeutungsvolle Bodenaufteilung Bürgertum und Rechtssoziäliften um. den Preis von hrlndert Jahverr todesmuttger revolutionärer Arbeit bringt, wie im Zeitalter der russischen Revolrrtionsrornantik die Agenten und Spione der Polizei ihr System der Ueberwachüng zu solcher Meisterschaft ausbanen, daß die Polizeichefs nicht nur hochrevolutionäre Reden'diktieren und halten lassen, sondern kaltblütig sogar hochgestellte Personen des zaristischen Regimes opfern, um einen Vorwand zum Eingreifen gegen die Verschwörer zu besitzen, „wie man beim Schachspiel wichtige Figuren preisgibt",. wie selbst in Lenins engstenr Frenudeskreis Polizeispitzel sitzen, die erst 1917 entlarvt werden, daskönnte nicht" knapper und logischer geschildert werden. Es verstcht sich, daß die Feder Hans Kohns, des liebevollen Deuters der russischen Seele, dev lückenlos und sovtveißend sich entwickelnden Schilderung des äußeren -Geschehens die Darstellung der national-psychologischen und sozialen Verhältnisse gleich bedeutend an die Seite stellt. Kohn kennt den Russen, niemand weiß sich-entschiedener vor einer fiktiven Verherrlichung von Vorzügen dev Masse zu hüten, deren Widerlegung'dem Geger le'cht sein -muß. Aus der Dumpfheit ihrer menjchenvntvürdigen Ssiävcrer (Kohn zerstört in einer Zeile den falschen Sinn ..des, uns für das russffche Abhängigbeiisoerhältnis geläufigen Terminus „Leibeigenschaft", mit dem wir nach' 'deutscher Analogie ben weitaus glücklicheren Zustand - der. Angehörigkeit -zur Scholle identifizieren) verfolgt er das Geschick dieser unzählbaren Massetr, deren aus den divergierensteu Merkmalen zusammengesetzte Unberechen'-- barkeit in ihrer Güte und Grausamkeit, Verträumtheit und Brntalitüt er liebevoll deutet, deren Dualismus in enro- 'päilsievende und asiatische Hälfte er auszeigt und verfolgt, , deren AeMchtsabM Wft ieMn ffolierenden .Elemettten des Terrains, des Klimas, der Raffe, der Religion, er plastffch an die Spitze rückt, deren päffiv-untättge Gewalt, die 1812 den ersten Napoleon vernichtete, er'einzuschätzen weiß. Diese Massen nun bauen sich, als der Weltkrieg endlich die drei Arme der Intelligenz, der Bauern und Ar« beiter zum reißenden Strome vereinigt, unter Greueln und Blut, unter Vernichtung und Zersetzung den neuen Staat, den Staat des vierten Standes, den Staat her neuen Völker, die, in den letzten Jahren sprunghaft dem Lichte zneilend,^ ihrer Weltvergeffenheit enffliohen. Der ,/bewußt -führende, wollende Mut der Mnderheit", die Diktatur einer zielbewußten Gruppe baut, von der nnäbweislicheu' Gegenrevolution der „nicht absolut Verzweifelnden", . von dem gemeinsamen Ansturm der an den Fronten des Westens aus Lebest und Tod ringenden, hier vereinten Westmächte und Deuffchen, ihrer ruffischen und tschechischen Werkzeuge, aller Demokraten und Rechtssozialisten bedroht, nach Orgien des Blutrausches, nach dem krittschen Zwischenspiel des Brest-Litowsker Friedens eine neue Welt. „Mt promecheffchem Mut" sehen die, die eben noch Revolutionäre waren, -/das positiv einzäunende Bild des Zukünftigen"; den Kompromissen des Alltags wohl nicht entronnen, ist es ihre Aufgabe, nunmehr selbst aus das Erhalten i h rer Zustände bedacht, den großen Kurs zu bewahren und die unabwendbare Synthese des Gedachten und tatsächlichen Geschehens in die Richtung der Revolution zn lenken: Um diese — wie auch die Zukunft fallen möge — zunr nnauslöschlich fortwirkenden Faktor der menschlichen Geschichte auch nach Aeonen zu adeln. So sieht Hans Kohn die russische Revolution: Wi" sehen ihn mit seinem gewaltigen Stoff ringen, schett ihr segnen, wo er fluchen, verdannnen, wo er lobpreisen - möchte: Doch der Geschichtsschreiber wird Herr ferner Stoffes und ordnet ihn ein in das ganze Große der menschlichen Entwicklung, unbeirrt um die Anfechtungen der Persönlichen Einstellung. Es ist gut und -schön, daß gerade ein bewußt-jüdischer Schrifffteller als erster uns die Apokalypse Rußlands.so -dargestellt hat: Nicht hintmelhoch jauchzend, nicht tobend und verdammend, nicht als Himmel noch als Hölle: sondern als Sternchen in dem großen Ban, an dem die Zukunft unendlich -weiterbanL^