Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1533 (20.5.1923)
- Date
- 1923-05-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kl 1683__Men, Sonntag Tagesbericht. Ar SageadgerichtsMe «ad die Mm. »Jüdische Familie. Der hohe Inhalt dieses Begriffes, besteht vielfach nicht mehr zurecht und so wird sich niemand darüber Wundern, daß die »Mener JugendgerichtshWe" allwöchentlich ein bis sechs neue jüdische Fälle zu behandeln hat: «PflegschaftSsachen" und „Straffachen". In jedem EhsscheidungSsalle, in welchem es nicht Kar anS dem Gange des gerichtlichen Verfahrens hervorgcht, wem die Kinder zuzuisprechen sind, Hai der dem Jugendgericht helfende Fürsorger darüber zu urteilen, welcher der beiden ElternteÄe günstigere Voraussetzungen für die Erziehung der Unmündigen bietet. Auch bei den Jude« hat die Zahl der Ehescheidungen in den letzten Jahren eine bedeutende Steigerung erfahren, doch weitaus häufiger »och hat sich die JugendgerichtShiffie mit Kindern alleinstehender Mischer Frauen zu beifassen. Unverheiratete jüdische Mütter gLt es, trotz' Krieg in judeurercher Gegend, Flucht, HeimaEolsiKeit und spezieller MüchtchrKwohMUgSnot, auch heute verhältnismäßig wenig. Immerhin stelle« die unehlichen Kinder keinen unbetrücht- Teil der verlassenen jüdischen Kinder dar. Unter den fünf Kleinen, von denen das AÄteste etwas 'Aber zwei Jahve zählte, die rm Vorjahr im Juni nach PoLe« in ihre HevmatSgomeinden geijendet werden muhten — die natürlichen Versorger hatten sich aus dem Staude gemacht, um sie der AnstM, in der sie sich befanden, zu überlasse« —, gab es drei uneheliche Kinder. Bon den acht als. »WMinge" in den verschiedenen Internaten gofühvten jüdischen Zöglingen erwiesen sich, nach genauen Nachfovsthungen, gleichfalls drei als unehelich. „Ausnahmen!" wird derjenige sagen, der die stolzen Phraftn ,Jüdischer FavGienft-mr", jüdische Muttes, .jüdische SiMchlkeit" uftv. liebt. DiMvicht hat er nicht so unrecht. Liede und Bchovgthett um die Kinder Herrscht wahrscheinlich auch in den nicht seltenen Fällen, wo die Kleinen betteLn gchhickt werden, ober, der Straße LberLaflen, sich schlechter Gesellschaft anMiehen. Die veÄafsvuen Frauen können, obwohl in Men und seiner nächsten Umgebung sieben Mische Institutionen bestehen, die, ihrem ursprünglichen Progmnrm gemäß, verlassene Kinder anszunehmen hätten, nicht Haffen, ihre Meinen- Mckentfprechsnd unterzubringen. Die KultuSgsmoinde, die ihnen ftvbft pro Kind monatlich einen Zuschuß von 25.000 K. gewährt, biotot «amLich auch unseren vor dem materiellen Zusammenbruch stehenden BeveimSinstzibuton nicht mehr als SOM) K. pro Kind im Mmraü. Da nun die meisten der alleinstehende« Mütter mehrerer ,/ivfozt einem kümmerlichen Erwerb nachgchm, viele von ihnen ' Nervenzerrüttet oder sonst kräuM-ich sind, wird man eichchen, daß die derzeitige« wirtschaftlichen und politischen VerhaÄnisse hie Reihe der unangenehmen »Musnahmvn" stetig vergrößern müssen. Nur die. drei krassesten Fälle der letzten zwei Monate seien erwähnt: Eine geprüfte Lehrerin, in Men Privatlehrerm, wohnt . an der äußeisten Grenze Wiens, eine halbe Stunde von der Straßenbahn, unterrichtet bis 9 Uhr abends. Der elfjährige Knabe dieser Berufserzieherin ist sich selbst überlassen und so verwahrlost, daß er, trotz guter Anlagen, im Verdachte der geistigen und moralischen M'MerwertdKeit stand. Eine Mische Näherin, 48 Jahre alt, die im Sprengel deS Bezirksgerichtes Korreuburg wohnt, hat sich einem L3jährigen Strolch angeschloffen und ist gegenwärtig schwanger. Sie hat ihre Nähmaschine und ihre Möbel verkauft und das Geld mit dem Burschen durchgebvacht. Die sechs Kinder, die sie einmal des Tages cmffucht, schlafen in zwei,, eisernen Bett- Wiener Morgenzeitung. .titzzi?" * JVierKt, JVildprvtmarkt £ Jtt°°’inia'y£emtt JRobes. J(es turne s, Jflanleaux, tTeagomns et Sfourrures ^Telefon 05373. Grosse Olckasion von Frühjahrs-Modellen und preiswerten Etaminkleidem ioooo gestellen ans Säcken. Sie sind in verrtable Lumpen goklvidet und können daher die Schule nicht besucher.«, sind voll Ungeziefer, und die schwere Vergiftung des. einen Knaben soll daher stammen, daß er Erdäpfeffchollen ans dem MisÄistchen gegeffen hat. Es ist bHeichneitd, daß zwei der drei erwähnten Mütter zu den erlassenen Frauen" zählen, und es mutz einmal gesagt worden, daß sich die rituelle Ehe in vieler.- Fällen, besonders dort, wo die Religiosität deS Mannes schwindet, als ein sehr lockeres Band erweist. Diese Schilderung der ,AfleO'chaftÄsachen" dürste es begreiflich machen, daß auch „Strafsachen" jüdischer Jugendlicher nicht zu den Seltenheiten gehören können. In der ersten Maiwoche gab es nicht weniger als vier hier ii* Betracht kommende Verhandlungen wegen Diebstahls oder Veruntreuung. Und die Juden Mens? Jedes Bozirksjugendamt, mehrere katholische Heime und Vereine sowie die evangelische Mission haben der JugendgerichtShiffe ihre Kräfte zur Verfügung gestellt. Die Juden aber waren infolge ihrer Interesselosigkeit large unvertreten. Seit kurzem ist ein Mischer Privatmann dort, der zwar durch feine Verbindungen hier und da etwas zu leisten vermag, jedoch nicht mehr als eben ein Privatmann, der auch seinem Berufe nachzugchen hat. Und doch wäre hier so viele wichtige, würdige Mrrsorgearbeit zu leisten! Wohl können wir heute r.-icht die fehlenden jüdischen Internate für Kinder im vorschulpflichigen Alter, für Schwachbegabte, für schwer Erziehbare und sittlich Gefährdete schaffen und werden daher noch oftmals nicht verhindern können, daß dieser oder jener Zögling einer nichtjüdischen Anstalt dem Judentum abwerdig gemacht wird/. Mer jeder einzelne Jugendgerichtsfall könnte aufs genaueste recherchiert werden, durch Unterbringung in einer der bestehenden Tageshermstätten, Ausspeisungen, Erziehungsinstituten, durch Beschaffung von Arbeit könnte vielem künftigen Unglück vorgebeugt werden. Und über jeden Jugendlichen, der durch Uebermut, Unüberlegtheit oder infolge schlechter Erziehung etwas Straffälliges begangen hat, könnte ein ernster Erwachsener die Schutzaufsicht übernehmen, ihm wie ein Vormund helfen und ihn beraten und allmonatlich über die Ausführung seines Schützlings berichten. Könnte! Aber die Juden Wiens schlafen ruhig,, weil sittliche Verwahrlosung, lieblose Mütter usw. nicht jüdisch sind und, wenn diese Dinge doch Vorkommen sollten, eine höchst seltene Ausnahme bilden. Siegfried Abeles. 20. Mai 1923 Seife S Der Prim. Bon I. Opatosch«. * Im Wartezimmer der Kupfevschen Wohnung, wo M junges Stubenmädchen' die Möbel abstaubt«,' saßen M Männer, Zeitungen in den Haiden. Sie sprachen nicht mif einander^ Wie sie so mit gesenkten Köpfen dasaßen, erinnertes sie an KranLe im Warteraum eines Spitals. Jedesmal las eis anderer in seiner Zeitung die Anroneen durch, in der der reich Zuckerfabrikant Kupfer einen Chauffeur suchte. Ein schöner, gut gekleideter junger Mann mit sorgjfUti manikürten Fingernägeln trat ein, musterte die Wartende, und sah nach einem leeren Sttchl aus. Seir.« schwarzes Hao, siel weich in die Stirn, der Kopf erinnerte an ein Windspiel das sich graziös sonnt. Das Stubenmädchen rückte ihm einen Stuhl hin; ga sprachig geworben, erzählte sie, Madame würde bald empfan gen. sie brauche nämlich einen Chauffeur für ihre ,Mq schirre". Der neue Ankömmling hatte mit seinem Eintritt toy Stille, die im Raume herrschte, zerrissen. Die anderen Charrf feure Dhen in ihm einen Konkurrenten und blickten einandq lächelnd an. Eine Klingel tönte — das Mädchen öffnete eiw Seitentnr, durch die einer der Chauffeure verschwand. Der schöne Bursche, welcher bis zu seinem achtzehnte, Jahr in einer Mietgarage ausgewachsen war» die sein Date, leitete, wartete mit klopfendem Herzen, bis die Reihe an ih» käme, sich der Dame, die hinter der Seitentür saß, vorzustellen Vor der Garage des Vaters hotte er stundenlang stehe, können. Verächtlich hatte er ans die Pärchen geblickt, die, m, Geld zu ersparen, ein Auto mieteten. . Seine größte Freud, war, durch die fünfte Avenue zu schlendern, den reichen Dam«, nachzublicken, die mit ihren Koalieren vorüberfühven nutz dabei von Prinzessinnen und Milliardärstöchtern zu träume» In Romanen hatte er gelesen, daß reiche Damen sich in arm« Chauffeure verliebten und mit ihnen in die Berge flohen; tief im Herzen war er überzeugt, ihm sei das gleiche Los bv schieden. Am Abend, wenn die Chauffeure in der Garage saßen, hatte er am liebsten dem alten Bill zugehört, welcher von de, Zeit sprach, da noch nicht jedermann ein Auto besaß. Sam horchte atemlos. Die Worte verwandelten sich in seinem Geiste in Automobile, in denen serdennmrauschte Damen vorbei, schwebten, und Diener in schwarzen Livreen wie Schatten nachhuschten- und mit ihren Damen in hellerleuchteten Paläste» verschwanden. So oft Sam den Geschichten Bills zuhorte, machte er dann in seinem Zimmer Gesichtsmassage, pflegte seine Hand« mit Hautcreme und lag bis tief in die Nacht wie im Fieber. Auf die Mädchen, mit denen seine Kameraden spazieren gingen, schaute er verächtlich herab; derbe Witze der Chauffeur« konnte er nicht hören; die Unschuld, die er ir.« sich trug, hütete und zärtelte er und verschloß sie unter sieben Schlössern. Er war sicher, morgen oder übermorgen würde eine Dame erschauen, seine Dame, an die er so oft dachte; dann würde er, rein und Hutter, bereit sein. Sam sah sich um. Das Vorzimmer war leer. Das Stubenmädchen kam «A der Nachricht: „Madame hat bisher noch nie,mür.den ausgenommen." „Warum?" „Keiner hat gefallen." „Darf ich eintreten?" „Einen AugenMck". ~ ' Das Dienstmädchen verschwand. Eine Frauenstimme fragte: „Ein älterer?" ,Min, Madame, ein ganz junger." „Marttzttum." Das Martyrium des jüdischen Volkes bestcht heute picht in' den gelegentlichen Nrsbrüchen des Hasses, wie sie stoischen allen Völkern, besonders zu Zeiten, da die Hemjnmigen gelockert sind, vorzukommen pflegen, sondern in der organisierten, methodischen Haßpolitik, tvie sie fast überall gegenüber dem jüdischen Volte geübt wird. Pogrome oder Exzesse entstehen nicht von sewst, sondern pnd die letzten Auswirkungen dieser politischen Mechoden, welche von vielen Regierungen den Juden gegenüber cm« gewendet werden. Das Martyrium des jüdischen Volkes ist nicht der Pogrom als solcher, sondern die Erziehung per anderen Völker zum Pogrom. Diesen Grundsatz illustriert Jakob Kr aus z*) durch Materialsammlung aus den Ländern, wo die antijüdische Politik zu den Ausschreitungen geführt hat, die wir als Pogrom zu bezeichuen gewohnt sind und die eigentlich nur*das letzte GliÄ in der Kette des wohlorganisierten Judenhasses bilden, in welche das Judenvolk verstrickt ist und gegen die nur ein Ausbau des^ Völkerrvechtes in ehrlicher Form durch einen ehrlichen Völkerbund Schutz bieten kann, so wie die Errichtung einer jüdischen Heimstätte* in Pailästtna einen Wall der Sicherheit und der Gleichberechtigung der'Juden pls Volk, im Gegensatz zur individuellen Gleichberechtizung, gewähren wird. Die erste dieser MaterialsamMmger:, die alljährlich rrfcheinen sollen, liegt nunmehr vor. Es ist eine stattliche Prlblikation 'in ernstem Gewände. Die dunkle Tttelseichmmg auf lichtem Grund, welche Emimrich Göndör kMvorfen hat, führt mit deutlicher Symbolik zu dem Inhalt der Schrift. Es ftitb nach einer grundlegenden Borsetrachtung des Herausgebers, in welcher der Begriff des, jüdischen Martyriums historisch und soziologisch festgelegt *) „Martyrium", ein jüdisches Jahrbuch, redigiert und herausgegeben von Jakob Kr aus z. Im Selbstverlag, 1923. wird, Daten und Materialien, ohne Aufputz und Beiwerk; sie sprechen für sich. Ihre Sprache ist furchtbar eindringlich. Denn sie Austrievt mchr, als es langatmige Appellrufe an das Mitleid und die Menschlichkeit vermöchten, die Unsicherheit des jüdischen Schicksals und die Mtwendigkeit, es völkerrechÜich zu sichern. Ist der Pogrom — und die dargeboten'en Materialien beweisen es eindringlich — nicht eine zufällige Explosionserscheinung, sondern eine Folge einer bestimmten Politik, dann darf er nicht mehr eine innere Angelegenheit der Staaten sein, . tpelche durch ihre Politik oder durch die Duldung eiirer . judenhetzerischen Politik den Pogron; hervorgerufen haben, sondern er muß durch völkerrechtliche Sicherungerr vermieden ivevden. Die Materialien, welche das Krauszsche Jahrbuch diesmal liefert, strotzen von Akttralttät. Sie umsassen die lebendige Gegenwart seit der traurigen Zeit des staatlichen Zusamrnenbruches bei Beendigung des Weltkrieges. Die-im Gefolge dieser Verwirrung einherschreitenden Ereigniffe in P ö l en, unter bereit die Juden viel zu leiden hatten, belegt S. S t a n i s l a w s k i mit dokumentarischem Material. Den Hauptteil der Schrift unifassen Men über die Pogrom« in Ungarn. PrctcL llarisch ist festgelegt, was in der Zeit des Horthy-Regimes die zur. Bestialität gewordem Reaktion den Juden angetan hat. Die Proto- . kolle sagen mehr, als bisher über die Untaten der Horthyveaktion in der Welt bekannt war. Josef H a l nt i hat ’ zehn derartige Protokolle zu'ain.mengestellt, welchefür hie UNgavischen Pogrommethcden symptomatisch sind. Pe- . spnders wertvoll ist der Aufsatz von Tibor D i o s z e g h y über den unblutigen Pogrom. An Hand von Taten, wird ftstgtzstellt, -daß in Ungarn der Antisemitismus als; Jn- . stitutton in der Gesetzgebung und Verwaltung herrscht. Alle Zweige dieser beiden Gebiete werden vom Autor behandelt. Sie führen zu der Feststellung, daß die J^den in Ungarn trotz erhöhter staatsbürgerlicher Lasten in ihren Rechten als Staatsbürger dritter Klasse dastehen. Ein mtereffanter Nachweis schließt sich an diese Arbeit an. Jakob Krausz brinqt unter dem Titel „Der Kulturpogrom" eine Liste von jüdischen Gelehrten, Schliffe stellern und Künstlern, welche Horchys christlicher Kurs über die ungarische Grenze verbannt hat. Was das bedeutet, ist daraus zu ermessen, daß das kulturelle Niveau Ungarns bisher den Juden ungeheuer viel M verdanke» hatte und daß gewisse dem ungarischen Anschen und der kulturellen Entwicklung Ungarns besoders förderliche Richtungen und Bestrebungen. heute, seit der christliche Kurs ihre jüdischen Träger vertrieben hat, völlig brachliegen. Äie Zusamenstellung zählt etwa drei Dutzend Namen auf, welche auch über die Grenze Ungarns hinaus von kultuvÄer Bedeutung sind. Es find lauter Juden, welche durch die Horthy-Reaktion aus ihrem Geburtslande vertrieben wurden. Ihre geistigen Fähigkeiten und ihre kulturelle Bedeutung kommen heute anderen Ländern zugute, tvähvend das geistige Leben Ungarns verdorrt. Das ist ein Momento. Zwei Ermordungen von Juden in Ungarn, die gänzlich ungesühnt blieben, obwohl man die Mörder genau kennt, eröffnen die Reihe der in den folgenden Vublikaüonen noch fortzusetzenden Dokumente über ungesühnte Judenmorde in Ungarn; sie zergey, wohin das jüdische Martyrium führen muß, wenn nicht der jüdische Erhaltungswille den Bau des eigenen Heimes beschleunigt und .nicht das natürliche Rechtsgefühl der Böller dem System des internationalM Judenhasses und der internationalen Verleumdung der Juden, welches bisher das ewige Marchrium hervorrief, durch völlerrechtliche Maßnahmen entgegentritt. Das Jahrbuch von Jakob Krausz ist. ein. Mahnruf des Gewissens an die Juden und an die Völker. Es bringt ohne Pathos Wahrheit, traurige Wahrheit, die der ganzen Welt und auch den Juden die furchtbaren Folgen von Unierlaffung und Gleichgültigkeit entgegenhält. Darum ist diese Publikation, welche zur ständigen Institution werden soll, eine Notwendigkett. Sie für die ungeschminkte Wahrheit, Siegfried Schmitz.