Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1533 (20.5.1923)
- Date
- 1923-05-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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20. Mai 1923 Wien, Sonntag Seite S Nr. 1633 Wiener Morgenzetturrs. auf, dieses Merk zu lesenu-nd eine rege Propaganda für sek« T> In einer Unterredung mit dem Wiener Vertreter der „Prager Presse" erklärte Bundeskanzler.Doktor Seipel über die Außenpolitik Oesterreichs, daß sich diese zur Gänze in den Dienst des Mederaufbaues gestellt habe. Unsere Außenpolitik, sagte der Kanzler, hat den Zweck, «durch Vorbereitung notwendiger handelspolitischer Abmachungen die wirtschaftliche Jnnerüage unseres Staates zu^erleichtevn. Die Tschecho-Slowakei war in den verflossenen Jahren einer der ersten Staaten, die die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Kooperation anerkannt haben und in diesem Sinne ist. Oesterreich unentwegt fortgeschritten. Die verschiedenen.Besuche bei den Sukßessionsstaaten sind in ihrem Wesen der Vorbereitung des oberwähnten Zieles gewidmet und die österreichische Außenpolitik kann in dieser chrer vorbereitenden Tätigkeit auf gewisse Erfolge verweisen. Die Handelsvertragsbesprechungen mit Italien haben zum Abschluß des ersten normalen Handelsvertrages geführt, die Besprechungen mit Frankreich werden am 22. d. eröffnet, die Verhandlungen mit der Tschecho-Slowakei, die unmittelbar bevorstehen, werden, wie ich hoffe, ebenfalls ein positives Resultat ergeben, und auch mit Jugoslawien dürften nach den bisherigen Ergebnissen der allgemeinen Unterredungen die den Interessen beider Staaten entsprechenden Verträge zmn Abschluß zu bringen sein. Diese Bruchstücke einer ohne jede Ermüdung sortzusetzenden Tätigkeit zeigen, Haag, 19. Mai. Die Minister für Auswärtiges und jyi« «ranzen haben dem Präsidenten der Zweiten Kammer mitgerellt, daß im Einvernichmen mit dem Völkerbund Holland an oem Wiederaufbau Oesterreichs teilnehmen könne, ohne düsterste Protokoll zu unterzeichnen. Demgemäß wurde, die Regierungsvorlage, betreffend die Beteiligung Hollands an dem Wiederaufbau Oesterreichs, a b g e ä n d e r t. ' General Haller in Wien. Gestern ist der polnische General Haller zusammen mit rlnigen Persönlichkeiten des polnischen StaatSlcöens aus Warschau in Wien eingetroffen und wird hier die Feurtage verbringen. Lle Agrarische Woche. Der letzte Tag der Agrarischen Woche war oiner Tagung Ser Absolventen landwirtschaftlicher Fachschulen gewidmet. Vor Eingang in die Beratungen begrüßt als Präsident jet Landes-Laudwirtschaftskammer Laudeshauptmannstellvertreter Zwetzbacher die Abffolverten der landwirtschaftlichen Fachschulen als die Pioniere im Dienste det Landwirtschaft und forderte sie insbesondere zur tatkräftigen Mitarbeit aus dem Gebiet des Genossenschaftswesens auf. Er erklärte unter anderem: Wir wollen bestehende Gegensätze abschteifen und eine Verbindung zwischen Stadt und Land suchen« und ausbauen und die städtischen Konsumenten ülberzeugen, daß das Märchen vom ,Mmer als Millionär" zwar einmal geschrieben, in der Inflationszeit vielleicht dann und wann zum Ausdruck gekommen ist, aber daß unser ,Mauer als Millionär" in der Wirklichkeit nicht existiert. (?) Man versuche gar oft, einen Zwiespalt in die landwirtschasttrerbende Bevölberur.g zu bringen, aber dazu dürfe es nie kommen, agrarische Solidarität sei notwendig. Direktor Art hold hielt hierauf einen Vortrag, über dalandwirtschaftliche Fortbildungswesen, das für die gesamte Produktion von der größten Bedeutung ist. Abg. Scharmitzer hält ein eingehendes Referat über oas Zusammenwirken von Bauernkammer und Absoilventen und weist vor allem auf die mangelnde volkswirtschaftliche Durchbildung des Bauernstandes hm. Bundesrätin Dr. Berta Pichl tritt für die Ausbildung der Bauerntöchier in der Obst--- und Gemüfekonferdievung, in Kinder- und Krankenpflege ein und wünscht, daß besonders auf die Erhaltung der bodenständigen Sitte der größte Wert gelegt wird. Nachdem noch mehrere Reden gehalten worden waren, besprach Vizepräsident Rei t h er, von Beifall unterbrochen, die Erfolge der Agrarischen Woche. Er kam bei diesem Anlaß auf verschiedene Behauptungen der Presse zu sprechen und schloß mit der obligaten a n t is e >m i t i s ch e n Note. Man wisse, -daß diese Kreise die Vernichtung des Bauernstandes" wollen, daß sie alle unter das kapitalistische Joch des Juder.-iums zwingen wollen. Der Bauernstand werde sich seine Rechte von niemandem rauben lassen, er werde, meint Redner, dem Staate gelben, was der Staat bedarf, aber auch dafür sorgen, daß die Fvüchte seiner Arbeit ihm nicht wieder entrissen werden und daß er einen entsprechenden Zollfchutz genieße. Pole«. Lie «eue Koalition «nd dar Kabinett. Warschau, 19. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Ter Führer der Nationaldemokraten Gl o mb rn.sk i erschien beim Staatspräsidenten in Audienz, um ihm' namens der parlamentarischen Mchcheit die Berufung einer aus diese gestützten Regierung nahezulegen. Der Staatspräsident - berief sofort nach einer Unterredung den gegenwärtigen Minister-- präsidemen Sikorski zu. sich und informierte ihn über die. daß die SanierunBtatigikeit in Oesterreich kein bloßep Schern ist, daß sie von dem ernsten und. überzeugenden Willen getragen ist, innerhalb der von der Genfer Konvention festgesetzten Frist znm entscheidenden Ziele zu konrmen, ein finanziell fundiertes Oesterreich nicht nur zu seinem eigenen Wohle, sondern auch zum Vorteil der not- ' wendigen' Konsolidierung Mitteleuropas ausßustelten. Das ist gewiß eine große Ausgabe. Merkwürdigerweise traut man uns aber immer wieder zu, daß wir uns mit ihr nicht begnügen, sondern andere mehr oder weniger großzügige Pläne verfolgen. So konnte ich, sagte der Kanzler, kaum eine der bereits erwähnten Reisen in die Nachbarstaaten unternehmen, ohne daß an sie allerlei Gerüchte über diplomatische Sonderaktionen angeknüpft wurden. Ich werte dies lediglich als ein Zeichen der allgemeinen Llusmerksamteit, welche die österreichische Politik wieder in der Welt findet. Im übrigen weiß ich, daß sich niemand, aus dessen Meinung es uns wirklich antommt, beunruhigt ftihlt. Wir haben es , uns ja geradezu zum Grundsätze gemacht, daß wir über jeden politischen Schritt im Auslande offen mit den zuständigen Vertretungen der anderen Staaten reden. So können diese im vorhinein unseren Weg verfolgen. Offenheit und Klarheit, schlöß der Kanzler, sind nach meiner Ueberzeugung die besten Mittel der Politik. Lösung der Regierungsfrage ohne sein eigenes Eingreifen vorstehen. Die Rechte und die ihr koalierten Gruppen beabsichtigen anscheinend, das Kabinett Sikorski in offener Sejmsitzung zu Falle zu bringen Mischer Wiederaufbau in Polen. Aus Warschau wird uns gemeldet:. Vor einigen Tagen hat hier eine von der Warschauer Joint- Abteilung einberusene Konferenz für jüdischen Wiederaufbau stattgefunden, an welcher die führenden jüdischen Institutionen und der jüdische Parlamentsklub vertreten waren. Auch die Regierung hatte Vertreter entsandt. Aus dem Bericht des Joint geht hervor, daß dieser bis zu Neujahr 1923 zur Errichtung von über 2000 Häusern im. Gesamtbeträge von 100.000 Dollar beigetragen hat. Der New-3)orker Joint habe zur Weiterführung der Aufbauaktion in Polen w-eitere 400.000 Dollar bereitgestellt. Vox . BegM der Aktion wurde eine Enquete durchgefuhrt, welche ergeben hat, daß während des Krieges über 100.000 jüdische Häuser "zerstört worden sind. Im allgemeinen hat der Joint über 42 Prozent des Ausbaubudgets, welches zusammen eine Milliarde und 345,500.000 Polenmark betrug, bestritten. Die Regierungsunterstützung machte rund eineinhalb Prozent der «Kosten aus, wozu 11 Prozent an Krediten der staatlichen Anfbaubank hinzukommen. In der von der Konferenz beschlossenen Resolution wurde dem Joint für seine Bemühungen der Dank ausgedrückt und die Notwendigkeit betont, den Wiederaufbau mit unverminderter Intensität fortzusetzen. Mit Rücksicht auf die beschränkten Mittel darf die Einzelanleihe 1100 polnische Zlot nicht überschreiten. Der Bauvorschuß für die Heimkehrer seit 1922 soll auf 76 Prozent des Bauwertes erhöht werden. Mit der Verwaltung der vom Joint zur Verfügung gestellten Gelder wird die zuständige Ausbauorganisation betraut, nach Li.uidierung der Aufbauabteilung des Joint soll zur Uebernahme der Agenden ein zentrales öffentliches Organ geschaffen werden. Die Konferenz hat sich an den Joint mit der Bitte gewendet, eine besondere Summe für den Aufbau von im Kriege zerstörten öffentlichen jüdischen Gebäuden bereitzustellen. Lie antisemitische Hetze in Pomerelleu. Aus Warschau meldet I. C. B.: Die Judenhetze in dem n-euerwovbic«-en Gebiete von >P o m e r e 1 l e.n nimmt schärfere Formen an. In der Zeit -nach der Erschießung des Prälaten Budkiewicz in Moskau hatte die Hetze solche Dimensionen angenommen, daß -in Kröten Orten die jüdischen Einwohner nicht wagten, die Straße zu betreten und ihrem Berus na-chzugchen. An den polnischest Läden liest man jetzt int-mer häufiger' die Aufschrift: ,/Juden und Hunden ist der Eintritt verboten." Die antisemitische Presse hetzt in unglaublichster Werse. Auswärtigen jüdischen -Kanslenten wird in den Hotels vielfach das Nachtquartier verweigert. Polnischer Antisemitismus. Die technische Gesellschaft in Lodz hat -die technische Gesellschaft in dem früher preußischer«, jetzt polnischen Brom be r g zu einem Besuch sowie zur Besichtigung der beiderseitigen Industrieanlagen aufgefordert. Die Bromberger technische Gesellschaft nahm das Anerbieten an, stellte aber zur Bedingung, daß kein Jude sich an dem Besuch der Lodzer Gäste tu Bromberg beteiligen dürfe. Die Lodzer Gesellschaft sagte deshalb den Besuch ab. (I. C. B.) Eine polnische Ausgaibe der „Protokolle der Waisen von Zion". Der extreme antisemitische Rozwoy-Bund hat einen besonderen Verlag für die' Ausgabe „achklärender" antisemit-ischier Schriften gegründet. Ms erstes Werk wurde das fce-i rüchtigte Pamphlet ,Me Protokolle der Weisen von Zion"- zum ersten Male in polnischer Sprache herausge-geben. —< Das Hetzorgan „Twa Grosze" widmet diesem Falsifikat einen langen Artikel,- in -dem -aus die Bedeutung dieses funneu Verkauf zu entfalten. Antijüvische Beschlüße dqr allpolnischjen venz. Die foedon ibevnde-to dritte Konferenz der Studenten^ kooperatione« PotlW faßte in. ihrer letzten Sitzung den Be^ schluß, daß Mitglieder ihr angchchl-ossener Verbände keinem, Jude« Satisfaktilw gewähren sollen. Ferner Wurde« schlösse angenommen betreffend PollonffierüNg der Städte und Städtchen, Entjndung von Handel, Industrie und Hands Werk, Erhaltung des Grundeigentums -in polnische« Hände» und Ausschaltung jüdischen Zwischenhandels. . Abnahme der AivbeMosigkeiit. Wie der „Kurjer Polski-, mitieilt, betrug d-re Zahl der Arbeitslosen in ganz Polen .am, 4. Mai l. I. 94.000. Iw Monat April hat sich demnach' di-el Zahl der Arbeitslosen in Polen um 20 Prozent verringerte Es ist dies auf den Beginn der Feldarbeiten sowie Ms die, Verstärikung der BautätiMeit in Polen zurückstchühren. Der Joint und die Tarbuth-Schulen in Polen. Die Pro. testbewegung wegen der Entziehung der Subventionen än die Tarbuth-Schulen detech die Warschauer' Joint-Abterlung hat bis jetzt die Wirkung gehabt, daß sich das Joint-Komitee bereit erklärt hat, 8000S>ollarin4 Monatsraten zu 2000 Dollar für die Tarbuth-Schulen in Polen bereit zu stellen. Hierbei erklärte die Joint-Ahteilung kategorisch, daß weitere Subventionen nicht mehr erteilt werden sollen. (I. C. B.) Ungarn. Bethlen Met weiter. Budapest, 19 Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Dis Regierung trat heute zu einem Kabinettsrat zusammen, in welchem der stellvertretende Ministerpräsident, ' Außenminister Daruvary, Wer die Ergebnisse der Auslands, reise und der Verhandlungen des Ministerpräsidenten Grafen Bethlen und des Finanzministers Kallay Bericht er. stattete. Wie in politischen Kreisen verlautet, wird der Minister Präsident seinen Aufenthalt im Ausland noch um eine Woch, verlängern und erst Ende nächster Woche ndch Ungar» heimkehrem Montag wird Graf Bethlen, niach seinem' Em pfang durch den Papst, sich mit dem Finanzminister Kall ah neuerlich nach Paris begcken. Er will dort W Kreditbitte Ungarns nochmals zur Debatte bringen. Rumänien. Abreise der russischen Handelsdeiegattou. Berlin, 19. Mai. (Tel. d. ,Mr.. MoMnzeftung^ Nach einer Meldung der,Boffffchen Zeitung" aus Bukarest ist die sowjetrussische Delegation, -die sich in Vu. karest zum Abschluß eines ^Handelsvertrages mit R-umä. nien ausgehalten hatte,' plötzlich a b g e r e i st, nachdem die rumänische R-egievung den russischen Punsch nach einer de jure-Anerkennu'ng -der. ruffischen. Sowjet« repu-blick ab ge-lehnt hatte. Litauen. Ler Berlatzf der Wahlen iuLttanea. Aus Kow n o -meldet I. C. B.: Obwohl -das Resultat de» soeben beendeten Parlaments W ahlen in Litauen offiziell noch nicht bekannt geworden ist, steht schon heute fest, daß die nationalen Minderheiten trotz -des Wahlterrork der reaktionärer: Parteien gut abgeschnit ten halben. In Ko-wno sind 90 Prozent der jüdischen Wähler zur Wahm'rn« erschienen, während von der allgemeinen Bevölkerung insg-e« samt 60 Pwzent de^ Wahlberechtigten ihr Wahlrecht ansgeübt hckben. Laut telephonischer MÄteilu-ngen ans -den verschiedenes Provinzstädten hat sich auch dort die jüdisch« Bevölkerung mit Enchusiasmus an der Wahl beteiligt. An manchen Or-ten haben fast 100 Prozent der jüdischen Wähler -das Wahlrecht Msgeübt. Man rechnet mit sechs bis sieben jüdischen Mandaten und drei -bis vier Deputierten der übrigen nationalen Minderheiten. Me Wahlen verliefen nicht ganz ohne Zwischenfälle. 2\ war vor den Kowuver Wahllokaten Dtiliz postiert, welche die Pässe der jüdischen Wähler revidierte und mchmre wegen angeblichen Formfehler nicht zur Wahlurne ließ. Später wurde aut -den Protest der jüdischen Mitglieder der Wahlkonrmission hin die Miliz entfernt. Besonders schrof ging man gegen die Av beiterwählier vor. Den Arbeiterkandidaten wurden zum Teil di- Pässe abgenomwen; es droht ihnen sogar das Schicksal, aus LitEn ansgewiefe« zu werden. Palästina. Die Einwanderung im April. Wie der I. E. B.-Bertrete» in Jerusalem -erfährt, sind während des Monats Ap r il 969 Einwanderer in Palästina eingetvoffen. Eine Gartenstadt polnischer Juden. Die Landankaufsgesellschaft Geulah hat die■ historisch denkwürdige Sank Parzelle Bnej-Brctk in der Nähe von Jaffa käuflich erworben, um sie einer Gruppe Polnischer Juden zwecks Anlagt einer Gartenstadt za übergeben. Dieser Gedanke stimmt mit dem neuen Plan des Jüdischen Natiönalfonds überein, wonach jüdische Kolonien aus Angehörigen einzelner' Länder nach' d'et^ Landsmannschaftsprinzip' gegründet werden. sollend Auf diest Weise wird erre'cht, daß die Judenschaft. derbetreffenden Lätrder dem Gedeihen ver Kolonien ihrer Landsleute besonderes! Forderung GlombmMS. ntft Berr»evter^ er würde sm»' damentaten (!) Werkes hrugewiesen wird. Besonderes Loib wird der Rozwoy-OrFanisatiou für die „Bereicherung dev /PMischen LjteratMr" gezollt.,TaS. BWt sochevt jchM Pote» Interesse znwendet, (J> .C. NI Teilnahme am Bölkerbnadlredit