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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-20 · Heft 1533 (20.5.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1533 (20.5.1923)
Date
1923-05-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Elazebrammer K1000 Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,T aborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien r>. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Ungarn; Mon, K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar SB. P o 1 e n: Mon. Mk.l2.000.D eu t s chl and: Mon. Mark 8000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 MT Nachzahlungen,'W® bei Preiserhöhungen Vorbehalten Rk. 1583 v rener Wie«, gonntofl, 20. Mai 1928 Tscheche «Slowakei ( tschech. K 1.— . 11 a!! e.n.: Monatl. lO Ur« Rumänien, Bulgarie^ Monatl. 75 Lei bezw, Lew& Lobwe! z und das übrigst Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—Jl Telephone: 44-0-38;43-3*19, ab6Uhrabds. 19-483,16-301, Tel-Adr.:,Morgenzeitung'* Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 1,50.693 5. ZahrganF Die «Lchfie Ausgabe -er «Wiener Morgenzeilung" erscheint Dienstag -en 23. mittags. Sie Wische «erschsm,. —y. W i c «, 20. Mai. Unter Donner und Blitz wurde am Horeb den Juden die Verfassung gegeben. Sie richtete sich an ein Volk; ihr Wesen und ihr Inhalt wurde aber in das Herz jedes einzelnen eingetragen. Die Verfassung war bei anderen Völkern eine Beschränkung der höchsten Gewalt, der Souveränität des Herrschers; die sogenannten Freiheits- und Menschenrechte haben eine größere Bedeutung nur als Grenzen für die Allmacht des Staates, der das Recht des einzelnen gegenübersteht. In der jüdischen Verfassung findet man keine Prinzipien, keine allgemeinen Sätze, die schön klingen, aber sich als eitel erweisen, wenn man auf das Wesen geht. Die jüdische Verfassung enthält nur eine geringe Zahl von Normen. Sie beginnt mit deni Bekenntnis zur Freiheit, die sich aus dem Gegensatz zur Knechtschaft ergibt. Diesem Bekenntnis folgt die Ordnung der Familien- und der sozialen Verhältnisse, wobei das Recht auf Le'ben, Arbeit und Ruhe festgelegt wird. Dann spricht die Verfassung die Wahrung der Rechtssphäre des Mitmenschen in bezuA auf sein . Hab und Gut und seine Familie aus. Der größte Hasser des Judentums kann nicht darüber hinweg kommen, daß der Dekalog, die GruMage jeder ethischen und sozialen Gemeinschaft, mit den Uranfängen des Judentums enge verknüpft ist. Keine theoretischen Spitzfindigkeiten, keine Zerglicherung der Begriffe, Zeine Einteilung in philosophische Mkegorien. In klaren Worten, die sich an jeden Mnschen wenden und von jAßgPenjai?« läge. Mr die soziale Gememschast. . Biele tausende Jahre sind seithev vergangen. Schwere Schicksale hat. das Volk durchgemacht. Die Selbständigkeit seines Reiches hat es verlogen,' zerstreut wandert es über die ganze Erde. Wer die Verfassung, die ihm am Horeb gegeben wurde, lebt in der Seele des Voltes fort. Sie ist unabhängig von dem territorialen Prinzip, unabhängig von Zeit und Raum, unabhängig von den Wechselfällen des Geschickes. Sie ist das Lebensprinzip eines Volkes geworden und solange dieses Volk lebt, solange wird diese Verfassung unvergänglich, unveräußerlich und unverjährbar sein. Verachtet und.verhöhnt, gequält, und gefoltert hat sich das-Volk seine Lebensfähigkeit erhalten und damit auch die großen ethischen Güter gerettet, die es für die Welt in seinem Gesetze trägt. Wenn dieses Volk heute seinen Anspruch auf Land und Freiheit immer stärker und leidenschaftlicher erhebt, so leitet es sein Recht ab nicht aus diplomatischen Verträgen und Akten, sondern aus dem, was es für die ganze Welt geleistet hat, aus dem Bewußtsein seines inneren Wertes, aus seiner Vergangenheit, die niemals tot war und heute in seinem Gesetze so frisch uNd kraftvoll lebt wie am ersten Tag, als das Volk, erschauernd bis ins Innerste, das Gesetz erhielt. Das gottgegebene Recht, das dem Juden von der ersten Stunde des Lebens an vertraut gemacht wird, ist der wesentliche Teil seines Betvußtseins und leitet ihn durch das ganze Leben. Es führte das Mische Volk aus der Wüste in das Vaterland, ging mit ihm über den Jordan und Haies auch in, die Verbannung begleitet. In der Wüste der Zerstreuung ist das Gesetz sein Stern geblieben, seine Hoffnung auf die Wiederaufrichtung. In der Brunnentiefe dieses Gesetzes rauscht das Leben des jüdischen Stammes und solange dieser Stamm über die Erde geht, erhält sich sein Recht auf Leben und freie Entfaltung. Die Verfassung vom Berge Sinai ist erteilt worden in einer Zeit, in der sich die Geschichte der Menschheit in den Mythos verliert. Mit ihr beginnt erst das bewußte Menschentum, und das Volk, das dies vollbrachte, ist eben das jüdische Volk, das heute von allen bekämpft wird, denen, der Begriff der Gesetzlichkeit und der Freiheit ein Scheue! und Greuel geworden ist. Sie wenden sich gegen das Judentum und meinen das-Recht über-' Haupt. Dem einzelnen mag schweres Leid zugefügt, seine Existenz vergiftet oder vernichtet werden — das jüdische Volk bleibt unberührt. Sein ethischer Beisitz, der sich in seinem Gesetz verkörpert, ist seine Stärke und seine Größe. Hoch steht unser Volk über dem Haß der Neider und Feinde. Ihr Geifer berührt nicht einmal seine Fußsohle. In. der heutigen Kulturgemeinschaft, die wir mitgeschaffen haben, die auf dem Boden unseres Gesetzes erbaut ist, werden wir den uns gebührenden Platz fordern und zu erlangen wissen. Wir kommen aus de: Gesihichte und wir gchm.m.die Gefchichte., «i M _a_ an ^—_ Paris, 19. Mai. (Del. der,Mener M-orgenzeitung") Wie aus einer von: „Matin" veröffenflichten Note hervovgcht, sollen die französischen Maßnahmen zur Ausbeutung des Rührgebieres ausgedehnt und afitv gestaltet werden. Besonders soll durch wirksamere Üeberwachung der Eisenbahnlinien die heimliche Kohlen aus fuhr u-nterbundcn werden. Zum Zwecke der Eisenbahnüberwachung und der Besetzung neuer Kokereien werden 15.000 bis 20.000 Mann nm-er Gruppen nach dem Ruhrgebiet abgehen. Die-Paßkontrolle beim Uebertritt ins besetzte Gebiet ist bereits erheblich verstärkt worden. Als Vergeltung für die vor einigen Tagen erfolgte Ersenbahnbrückensprengung .bei Lip oldshaus e n , haben die Franzosen gestern eine bei demselben Orte über die Lippe . führende Holz brücke ebenfalls gesprengt.. Moskau macht die Schweiz« Regierung verantwortlich. Die Schweiz'lehnt ab. Bern, 19. Mai. (Schweizer. DeP.-Ag.) Gestern nachuuctcrgS traf im Bundeshaus eine Note ein, worin die Sowietregiernng den schweizerischen Bund es rat für die Ermordung Woorowskis verantwortlich macht. Der Bundesrat nahm heute Stellung zu der Note und beschloß, sie in ablehncüdem Sinne zu bcanr- Worten. Der Wortlaut der beiden Dokumente wird Dienstag veröffentlicht werden. 1 Krupp «kuriert. Berlin, .19. Mai. Wie die Blätter melden, ist gegen die Verwerfung der Revision im Krupp-Prozeß beim Kassationshof in Paris Rekurs eingelegt worden. - krössmmg bet internationalen Verkehrskoukerenz. Bern, 19. Mai. H-ute wurde die dritte Konferenz zur Revision des internationalen Uebereinkonunens über den zwischenstaatlichen Frachtenverkehr unter Teilnahme von Vertretern aus allen europäischen Ländern eröffnet. In einer der Kommissionen wurde der öfter r ei chi sch e Vertreter Ministerialrat Dr.' W a n i eck 'zum V o r s i tz end ,an gewählt. PoluischMMche Verhandlungen in Lausanne. Lausanne, 19. Mai. (Schweiz. DeP.-Ag.) Freitag wurden die polnisch-türkischen Verhandlungen eröffnet. Der. Präsident. der polnischen Delegation führte. den Vorsitz. Die Versammlung genehmigte ein .Reglement,, - wonach- .die politischen.und juristischen sowie die Konsular« und Handclsfragen der Reihe nach verhandelt werden sollen. DasWeWWWWhMMkiWWam OakvM --^enWe lr l unentschiedell. Sie Vorbereitung zum Bürgerkrieg. Nach dreitägiger. Dauer ist gestern der Prozeß gegen die Angeklagten Söldner des Monarchistenhäuptlings SzaLo zu Ende geführt worden, der mit der Bestrafung des Hauptangeklagten zu zwei Jahren schweren Kerkers geendet hat. Die Behandlung selbst bot wenig Uebervaschungen: es ist alles so gegangen, wie man es erwartet hatte, und der Staatsanwalt sowie der Verhandlungsleiter haben darauf, hingewiesen, daß die Aussagen aller als Zeugen geladenen,^Qstara"-Leute mehr oder weniger die gleiche Hinterhältigkeit aufzeigten. Niemand will etwas Rechtes gewußt, niemand etwas gesehen haben. Es sind Leute, bei -denen nichts von Gesinnung zutage kommt und die wohl für jeden zu gewinnen sind, bei dem etwas zu haben ist. Man.hat sie mit Waffen ausgerüstet, sie haben ein Gelöbnis abgelegt, und die Verwilderttngder Sitten, die schöne Frucht der „großen Zeit, sorgt dafür, daß die Waffen im gegebenen Augenblick losgehen. Die Attacken auf das Publikum der Wiener Vortvagssäle stellten eine' Art -von Manöver dar, und da es so ziemlich -geglückt ist, kann man sich, auf den Ernstfall vorbereiten. Der- Staatsanwalt hat in eindrucksvoller Weife auf den merkwürdigen Zustand chingciwi-esen, der sich ergibt, wenn politische Parteien militärische Organisationen schaffen, und der Seitenblick ist deutlich, wenn gesagt wird, daß trotz dieser Erkennt-, nis solche Orgaisationen geduldet werden. Es' ist nur die natürliche Folge dieses Zustandes, daß es zwischen-verschiedenen Gruppen zu einer Art von Wettrüstung konlmt, und ein österreichischer Staatsanwalt ist es, der ein solches Wettrüsten die Vorbereitung zum.Bürgerkrieg genannt hat. Man kann es nunmehr seit längerer Zeit beobachten, in wie stcv'lerischer Weise mit den Errungenschaften der demokratischen Republik systematisch Schindluder getrieben wird. Die verschiedenen, militärisch organisierten Gruppen überbieten einander tagtäglich in Attacken auf die öffentliche Ordnung und Sicherheit, die freiheitlichen Gesetze, bestimmt, die Fesseln'eines allzu lange gegängelten Volkes zu lösen, werden in sträflichster Weise mißbraucht und, was die republikanifche. Demokratie zu stützen und zu.festigen bestimmt ist, soll, wenn es nach den-sichtbaren und' unsichtbaren - Drahtziehernginge, geradezu zum Fallstrick für die-Republik werden. ' Die Namen wechseln, aber die Parteien und Grüppchen gleichen einander aufs Haar. Es ist der gleiche ,;>Geist", der sie beseelt, sie mögen sich hier monarchistisch' betätigen oder-dort einen exzessiven Nationalismus zur Schau tragen, der jeden an die Gurgel will, der anderer Anschauung oder ' Herkunft ist. Hier wie dort ist es der Haß gegen Demokratie und Republik, die Sehnsucht nach dem Pferch, dem das vom Krieg zermürbte Volk glücklich entronnen ist. Ob Wtonarchisten oder Hakentre-uzler. „Ojtara"--Ritter oder Frontkümpfer, in' ihren letzten Zielen sind sie sich identische wie sie in ihren Methoden' einander würdig sind. Der Rekord scheint erreicht zu -sein: der Gümmiknüttel und-die Stinkbombe hat dem Revolver Platz gemacht und die Straßen Wiens sind zum Kriegsschauplatz geworden. Damit -das wüste Treiben nichtzur Rühe komme, muß, wie immer u-nd ülberall, wo-die Reaktion nach'Blitzableitern sucht, der Ade herhalten und im Zeichen der' Freiheit von Wort Und Druck macht sich die vom In- und Ausland bezahlte Aufreizung in ihren ekligsten Formen an allen Straßenecken bemerbar. Es gibt Kampfschätze und Exerzierübungen, militärische Fahnenweihen, die erst im letzten Augenblick untersagt werden,' weil wieder ein Opfer vom Kriegsschauplatz der Wiener Straße seinen Wunden erlogen ist. Der, Staatsanwalt hat gestern feine Verwunderung darüber ausgesprochen, daß solches Treiben geduldet wird, und damit in der Tat den Nagel aus-den Kopf getroffen. Zn sagen, daß sich die Hetze der wohlwollenden Förderung Politischer Parteien und ihrer Exponenten in der Regierung erfreut, Ware nicht mehr des Staatsanwalts Sache. Man hat in den Alpenländern die Bildung von bewaffneten Heimwehren angchen lassen oder gefördert, der groß-deutsche Exponent in' der Regierung Herr Waber hat die deutschnatioual--antisemitlsche Rassenlehre zur Regierungsmaxirm erhoben und sein Genosse Herr Frank ist getreulich in Wabers Fußstapfen getreten und fordert die Blutprobe beim Volkszählungsbekenntnis. Die Juden, deren Mithilfe bei der staatlichen Sanierungsaktion nicht zu umgehen ist, werden außer Recht und Gesetz gestellt, und das Loch im Register stopft Herr Urban vom Jndustriellenverband, der Ariern und leider auch solchen Großjuden, die über der Sarge für den Geldsack alle jüdische Würde vergessen^ die schweren Millionen abnimmt, welche dem Zwecke bien-eit» den Jnlandskrieg gegen Judentum und Republik'mit der nötigen Munition zu versehen. Es ist ein gefährliches. Spiel, welches hier mit -verteilten Rollen agiert wird, und eines, das sich noch einmal an seinen Urhebern rächen könnte. Oesterreich ist nicht der geeignete Boden für-solche-Experimente und wir sind . auf die Dauer für derartige Belastungsproben zu schwach. Wenn die Sanierung, die. der Bevölkerung so schwere Opfer auferlegt, glücklich über den Berg kommen soll, wird sich unsere Politik zu klaren-Richtlinien entschließen , müssen. Es kann auf die Dauer nicht angehen, den: Ausland den entschiedenen Willen zur Ruhe und Ordnung zu versichern und daheim die organisierte und bewaffnete Umsturzpropaganda zu dulden. Das Gelingen der-Sanierung kann sich nur auf das Vertrauen des Auslandes gründen und sie wird mit antisemitischen und anürepubli- 1 kanifchen Exzessen nicht zu bewerkstelligen fein.

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