Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1532 (19.5.1923)
- Date
- 1923-05-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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VMe 4 ' Wien, LMstag Jas Urteil gegen Krupp bestätigt. Düsseldorf, 16. Mai. Wolfs.) Die gegen das Wordener ftrtell von Krupp und seinen Direktoren eingelegte Reision ist heute vom Revisionsgericht in Düsseldorf verworfen worden. Dagegen wurde der votn Betriebsrats- Mitglied Müller eingelegten Revision siattgegeben. La» BagdaddahuMommen prrfett. Wie wir bereits am 1. Mai melden konnten, sind die Unterhandlungen wegen Ankaufes der Aktienmajorität der Dagdadbahn zwischen der deutschen -Finanzgruppe, welcher die Majorität der Bagdadbahnaktien gehört, und einem Ischweizerisch-englischen Konsortium zum Abschluss gelang:. Runmehr meldet Reuter offiziell den Inhalt dieses Abkommens. Danach wurde die Vereinbarung Kölschen piner englisch-schweizerischen Gruppe unter Führung Rothschilds und den Vertretern der Deutschen Dank und der Bank der orientalischen Eisenbahnen in Zürich getroffen. Die Kontrolle der der Bank gehörenden anatolischen Bahnen (1200 Kilometer), der Bagdadbahn (1700 Kilometer)- der Eisenbahn Mersina—Adana geht von den Deutschen, die sie bisher innehatten, aus das erwähnte Konsortium über, das über diese Bahnen mit der Türkei einen Kaufvertrag geschlossen hat. Sie kaust die erwähnten Bahnen mit einem ihr vom Konsortium vorgestreckten Anleihekapital zurück. jDer englische Antell am Konsortium beträgt SO Prozent, der der Schweiz 10 Prozent. Frankreich und Italien sollen Unterbeteiligungen erhallen, die etwa 10 bis 15 Prozent betragen dürften. Damit ist wieder ein Schritt zur Einengung der französischen Wirtschaftsinteressensphare im Orient durch England vollzogen. Mttellunse« aus dem Publikum. L Kärntnerstrasse 28 Führendes Haus in der Frisurenmode Reichhaltiges Lager moderner Haarbehelfe in allen Nuancen Verlangen Sie illustrierten Katalog! ,Stelaolle' im HOTEL DIANABAD, II., Lilienbrunngasse SAMSTAG den 26. Mai 1923 Ehrenabend der Herren Jonas Reismann und Simon IVatan (Schauspieler der Freien jüdischen Volksbühne) ’sm ii? mt MM unter gefälliger Mitwirkung der Damen- Kiara Kwartin, Hilda Dulitzkaia; der Herren: Israel Alter (Oberkantor vom Klucky-Tempel), Direktor Isaak Deutsch, Marco Goldin Zur Aufführung gelangt eine komische Szene au3 j-MCEcbiaclag Zeiten" von Goldfaden, dargestellt von Jonas Rcismann und Simon Nalan *;22 liefert in schönster Ausführung dio bekam-feste äpo iail'.rina! RUDOLF GOLDSTEIN v/jen, tt? cad'orstm 54 '7ei^45-8- Qegrünclet 1866 - Qroöe /tuswetil ks'.nMsr tto.'fe UirMnZbmtcVunf!, Damen: Jeisar, elastisch, ärztlich kinrfohlrn K lZ.VOO, jttn Dame paffend: garantiert sicher, mit GebrauchSanweinmg L S4.000, jahrelang hallbar K36.000, feinst K 50.000. 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Der Hintergrund dieser Affäre, die seit vorgestern das Schöffengericht beschäftigt, tritt langsam dank der Beharrlichkeit dör Richter und Parteienvertreter aus dem Dunkel heraus. Es ist die Verrohung der politischen Sitten durch die wüste Terroragitation sämtlicher „aus dem Boden der Republik" stehender Reaktionsparteien, denen die politisch unreifen, einfachen Menschen wehrlos in die Hände fallen. Diese Angeklagten sind, wie man auf Grund ihrer Tat annehmen sollte, politisch interessierte Menschen. Aber an ihnen erkennt man, eine wie grosse und weitausgreifende Erziehungsarbeit die Republik und vor allem ihre Schule zu leisten noch vorfindet. Sie sind, wie sie sagen, Monarchisten. Springt aber die Fragestellung des Gerichtes auf diesen Punkt, dann leiern alle fünf Angeklagten einschliesslich des Theologen Dietl, der so gerne Papst werden wollte, die Antworten herunter, die ihnen eingepaull wurden. Eintönig, maschinenmäßig. „Sie sind Monarchist?" „Jawohl!" „Was verstehen Sie darunter?" „Hall so, Monarchie . . . Schutz der Ordnung . . . Unterstützuug der staatlichen Organe bei Plünderungen." Mehr wissen diese überzeugungssesten Männer über dieses System nicht, für das sie doch die Waffe geführt haben. Sie sind willenlose Zöglinge der Kriegserziehung. So wie das in der großen Zeit des Seelenaufschwunges praktiziert wurde, so hat es aus sie abgesärbt. Irgendwo hören sie von einer monarchistischen Organisation. Sie sind aus dem oder jenen Grund auf die Republik schlecht zu sprechen, also melden sie sich an. Man ftagt sie nach gar nichts, läßt sie in einer Kirche einen Eid leisten und gibt ihnen dann eine Waffe. „Wenn Sie angegriffen werden, so schießen Sie!" Niemand denkt weiter nach. Sie waren gewöhnt, ohne eigenen Willen auf den Namensaufruf mit „Hier!" zü antworten, aus Kommando zu warten und zu schießen. Aber das „man", die befehlende Stelle, das ist der Punkt, um den sich dieser Prozeß dreht, der aber immer der unsichtbare, nur supponierte Erdmittelpunkt bleibt. Stundenlang lief das Verhör mit den einzelnere Angeklagten an dem Aenqnator, der Sache näher kam man nicht. Erst der so viel genannte Oberleutnant" S z a d o brachte eine teilweift Aufllärung. An der Spitze der mit ihm vorgeladenen zehn Ostara-Burschen trat er vor die Richter. Der Gedanke zur Gründung der Terrorgruppe ist, wie er aussagt, von der monarchistischen Partei angeregt worden. Der Zwecks Die Aussagen Szabos, eines schmächtigen Menschen mit niederer Stirn, stimmen auffallend mit de» Angaben der Angeklagten: Monarchie . . . Schutz der Ordnung. . . Unterstützung der staatlichen Behörden bei Plünderungen . . . Szabo, derzeit Beamter der Versicherungsgesellschaft „Gisela", hat die Waffen ausgeteilt. Woher hatten Sie die Waffen? Szabo kann leider nicht Antworten, er hat sich zur Verschwiegenheit verpflichtet.... Der gestrige zweite Tag begann.mit der Einvernahme des Zeugen AloiS Fojtek, der an dem kritischen Abend in die Schießern hineingeraten ist. Er selbst zog in der Bedrängnis, da er verfolgt wurde, einen Revolver und gab einen blinden Schuß ab. Der Psychiater Professor Dr. Bischofs bezeichnet den Theologen Dietl als nicht geisteskrank, wohl aber als degeneriert. Der Verteidiger Dr. Loh sing beantragt, die Zeugen über die Beziehungen Wischen Monarchisten und Hakenkreuz!er zu beftagen. Oberstleutnant Kolb. Sachverständiger im Schi-Z.^!', erklärt die bei der Affäre satsierten Pistolen für tödlich. Es wird nun der Zeuge Alexander Szabo vorgerufen. Er hat eine schmächtige Figur, trägt Jacke: ia? o, und Strohhut. Er gibt aus Befragen des Vorsitzenden an,'er sei 1875 irr Budweis geboren, verheiratet, Privatbeamter. Vors.: Haben Sei beim Militär gedient? Zeuge: Ich war Berufsoffizier und habe 1908 wegen meiner Heirat bte Charge niedergelegt. Im Krieg bin ich dann als Kadettaspirant eingerückt. Vors.: Seit wann gehören Sie der Monarchistenpartei an? euge: Seit der RückkHr vom Felde, ors.: Wann ist die Idee aufgetaucht, die Ostara- Grupp'e zu gründen? Zeug e: Das war im Vorjahr im Frühherbst. Vors.: Von wem ist die Joee ausgegangen? Zeuge: Von der Partei selbst. Vors.: Zu welchem Zweck? Zeuge: Um Versammlungen zu schützen und, da die Ostara gleichzeitig ein Bestandteil des Selbstschutzverbandes für Wien und Niederösterreich war, bei eventuellen Unruhen und Plünderungen sich zur öffentlichen Sicherheit der Wache zur Verfügung zu stellen. Vors.: Sind die Mitglieder der Ostara irgend ausgewählt worden oder wurde jeder ausgenommen, der sich meldete? Zeuge: Jeder, der monarchistischer Gesinnung war. Vors.: Haben Sie das überprüft? Zeuge: Das läßt sich s e h r s ch w e r überprüfen, st llt ’^a^cn Belohnungen in Aussicht ge- Zeuge: Nein, es mußte nur jeder monarchistischer Gesinnung sein. Vors.: Was war der Anlaß, daß Waffen verteilt wurden? Zeuge: Nachdem schon früher Terrorakte vorgekommen waren, wobei auch Mitglieder bürgerlicher Parteien verprügelt wurden, kam eines Tages ein Mann zn mir in mein Bureau. Es war knapp nach Weihnachten; er wollte in die Ostara ausgenommen werden. Er zeigte mir jedoch gleich eine sehr aggressive Absicht, und als ich ihm scharf zusetzte, gestand er, daß er ein Arbeiterratfei und gegen mich Vorgehen wolle. Er sagte dann, drei w e i t e r e bis zu den Zähnen bewaffnete Arbeiter stünden unten. Aus der rückwärtigen Tasche roa dann einen uelAbencn Revolver und einen Totschläger» Bors.: Nun, Was war weiter? Zeuge: Er ist dann, da er mich nicht einschüchVerS konnte, in Ruhe abgezogen. Vors.: Wie heißt denn der Mann? Zeuge: Er hat es mir gesagt: Rudolf Lapaschil, uns wohnt in der Blumverggasse. Bors.: Warum haben Sie der Polizei davon keine Mitteilung gemacht? Zeuge: Weil ich keinen besonderen Wert darauf geleat habe. Auf die Frage des Vorsitzenden: Woher haben Sie die Waffen? erwiderte Szabo: Auf diese Frage kann ich leider nich? antworten, es sind Grunde vorhanden, daß ich schweige, ich müßte sonst Personen in die Sache hinein reißen. Vors.: Das Recht, andere Personen zu schützen, haben Sie nach dem Gesetze nicht. Nur wenn für Sie selbst ein Nach, teil an Ihrer Ehre oder Ihrem Vermögen erwüchsekönnten Sie sich der Aussage enthalten. Szabo: Jawohl, es wäre ein Nachteil an meinen Ehre, denn ich habe mich in dieser Frage zur Verschwiegenheit verpflichtet. Vors.: Dann werden wir im Sinne des § 153 Sie v»*» läufig von der Ablegung einer Aussage über diese Frage enibinden. — Haben Sie nicht die Empfindung gehabt, daß das fürchterlich gefährliche Waffen sind, besonders die Steyrer Pistolen? Szabo (lächelnd): Allerdings, das weiß i# Vors.: Haben Sie es nicht im höchsten Grade unvorsichtig gehalten,' derartige Waffen Leuten zu geben, die sie doch nicht gekannt haben? Szabo: Ich war der Ueberzeugung, daß von der Waffen überhaupt kein Gebrauch gemacht werden würde und habe den Leuten eingeschärft,v so lange keinen Gebrauch zu machen, bis ich eventuell Weisungen gebe. Vors.: Wenn es Ihnen darum zu tun war, oen Leuten durch Aussolgung von Waffen ein gewisses Gefühl der Sicherheit zu geben, so hätten doch wohl harmlosere Waffen auch genügt. Szabo: Allerdings. Es sind mir keine anderen Waffen zur Verfügung gestanden. Auf die Frage des Vorsitzenden, warum er einem Menschen, wie dem Czermak, Waffen gegeben habe, meinis Szabo: Er war mir sonst als ruhiger nno besonnener Bursche und als ein unbedingt gesinnungstreuer Mensch bekannt. Vors.: Er war zweimal wegen Verbrechens des Dieb? stähls vorbestraft. Szabo: Das habe ich nicht gewußt. Vors.: Nun, die Erkundigungen über Ihre Leute muffen schon sehr wenig erschöpfend gewesen sein, und da geben Sie denen solche Waffen? ■ . Uebcr die Ereignisse in Baumgarten weiß Szabo nichts Neues zu sagen. Er habe sich nicht darum kümmern können, ob alle Angeworbenen vertrauenswürdig seiend Zeuge W i e s i n g e r erklärt auf die Frage des Vorsitzen-- den, ob er Monarchist sei: Nein, ich bin nur von der Front-. kämpfervereinig un g ein geladen worden, die Versammlung anzuhören. Der Hilfsarbeiter TrautmannhatBirneckerpersönlich gekannt und ihn auch während desUeberfalles bei der Cabos-Planke gesehen. Er sagt: Birnecher hat auf den Wiesinger losgeschlagen. Vors.: 'Wer war der erste, der dreingeschlagen hat? Zeuge: Die ersten Hiebe hat der Wiesinger vom Birn ecker bekommen. Josef B ü r g e r, der Fahrer der Elektrischen, sagt, et habe zwanzig bis fünfundzwanzig Schüsse von den beiden Beiwagen abfeuern gehört. Daß von der Straße gegen den Wagen geschossen wurde, hat der Zeuge nicht bemerkt.' Der Fahrer Ignaz Schefzik erklärt, daß von der vorderen Plattform des zweiten Beiwagens drei Personen, von der hinteren Plattform vier Personen gegen die Leute unten geschossen haben. Bors.: Haben Sie bemerkt, daß die Leute unten gegen die Bassagiere im Wagen Vorgehen wollten? Zeuge: Nein, sie haben nur einem im Wagen zugcrufen, er soll doch herauskommen. Nun wird der Kronzeuge, der Schaffner des zweiten Beiwagens, Wilhelm Zimmer manu nernanimeil. Auf Antrag des Verteidigers Dr. Loh. sing :nnrdr er beeidet. Er gibt an: Bei der Waidhausennasse si"d sechzehn Leute in seinen Wagen gestiegen, und zwar gingen alle in das Innere des Wagens, e in er,, er bezeichnet 5s) p i e l a. h a t d i e K a r t en g e l ö st. Bei der Haltestelle Zehetnergasse sind die Leute des zeite u B eiwage u s ausgestiegen und zu 'meinem Be'wa--!.en nach vorne gegangen, ein Teil auch auf das Trottoir zur Blanke. - Äors.: Haben die Leute etwas gerufen? Zeuge: Ja, „kommt's 'raus, Wenns Courage habt's!" Bors.: Was ist nun geschehen? Zeuge: Da sind meine Leute aus dem Wagen herausgekommen auf die Plattform und e e i u e r hat etwas aus der Tasche gezogen und damit ge-zcn die Leute hinunterg e s ch l a g e n. Nun haben sie Plötzlich z u s ch i e tz e n begönne n. B o r s.: Wie sind die Leute gestanden? Der Vorsitzende lässt mm die drei Angeklagten Czer m a k, Opi ela und b)r o s; ansstehcn und der'Zeuge nimmt nun die Aufstellung der Person en vor, wie sie damals auf der Plattforni 'gestanden sind. Er selbst stand nahe an der'Brüstung der Rückwand, bei der Bremse. Hinter ihm rechts steht Opiela, neben und vor ihm Ezermgk und Groß. Der Zeuge gibt nuu an: er selbst war mit dem Gesicht gegen die Straße, zugewendet. Da habe Opiela rechts a n s e i n e m K o p f über der Achsel v o r b e i g e s ch oss e n. Gleichzeitig schossen auch Czermak und Groß. Bei der Rekoustruktton der Situation auf der Plattform des Straßenbahnwagens kommt es dem Vorsitzenden darauf an, festzustellen, mit welcher Waffe nt ruhiger Haltung geschosseil wurde. Der Zeuge sagt, daß der Mann, der hinter ihm stand und eine Langlanfpistole in der Hand hielt, ruhig schoß, während ein anderer m Auf- und Abbewegung feuerte. Der Zeuge sagt dann noch, daß einer dev Schießenden ihm auf eine Frage, ob das nur Schreckschüsse gewesen sind, erklärt habe: „W e n n i ch s ch o n e t w a s m a ch e. dann tue ich ganze Arbeit!" Es gelangen noch eine Anzahl Zeugen zur Vernehmung, womit das Beweisverfahren erschöpft ist. Mit -denPlaidoyerS wird heute die Sitztmg ' eröffnet toetben. Das Urteil dürfte in den heutigen Abendstunden go( fällt werden. _^