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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-18 · Heft 1531 (18.5.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1531 (18.5.1923)
Date
1923-05-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Sk. 1631' Wien, Freitag ' Wiener Morgenzeitung. __18. Mai 1983__Seite i iflBfii Sie Bibel und die Fugend.*) Bon Dr. Z. P. Chajes. 1. Ich habe mich so ziemlich -in der Geschichte und der Etevatur der Kulturvölker umgesehen, der alten wie der «euen, der europäischen und auch nichteuropäischen. Ich greine es aussprechen zu dürfen, und zwar nicht als eine Persönliche Ueberzeugung, sondern als eine geschichtliche Wahrheit: ,Mn Verhältnis, wie jenes des jüdischen Volkes zu seiner Bibel gibt es ein zweites Mal nicht." So Paradox es klingen mag, man kann sagen, ixtS Göttliche' jjn uns hat die Bibel geboren und die Bibel ihrerseits hat -aL Mische Volk geboren. Dieses ganz eigenartige Bewußtsein (ein mittelalterlicher Mystiker prägt dafür das Mort: „Das Göttliche, das jüdische Volk und die Bibel Pilden eine untrennbare Einheit"), bringt es mit sich, daß -vir zu den Zuständen und zu den Menschen der Bibel Eigentlich nicht das Gefühl der Distanz haben. Die Juden Y-- ich spreche natürlich von den Juden, die in einem »Mischen Milieu leben, und die mit der Mischen Tradi- |fctt im Zusammenhang« sind — empfinden das Leben, jtote es uns die Bibel schildert, so grundverschieden es in «seinen Bedingungen von unserem heutigen Leben sein mag, als das Natürliche, der jüdischen Art Entsprechende, Dährend sie das Leben, das wir seit Jahrtausenden im Exil zu leben gezwungen sind, eben als etwas Fremdes, pus Aufgedrängtes empfinden. Vor Jahrtausenden sind die Bücher unserer Heiligen Schrift entstanden? So sagt es 'unser Verstand, unser Wissen. Aber unser Gefühl sagt uns: Mein, es ist dies keine graue Vergangenheit. Es ist dies slebendige Gegenwart, es ist dies das Lebendigste, das Gegenwärtigste in uns. Der Jude, der im Ghetto lebt, ganz gleichgültig in welchem, im jemenitischen oder im russischen, tut marokkanischen oder im nordamerikamschen Ghetto, jtoenn er sich in seinen meffianischen Träumen und Hoffmrngen das Wiedererstehen des Landes und Volkes Israel denkt, so stellt er sich vor, daß wir unmittelbar Dort anknüpsen werden, wo wir zur Zeit der Propheten find der Könige gewesen sind. Er denkt sich, wenn der Messias kommt und wir nach Erez Israel gehen, so werjben wir alles so finden, wie es. vor Jahrtausenden war. |©t wird sich gar nicht Wundern, wenn er auf dem Marktplätze Jerusalems eine Rede von Jesaias wird hören Können und Jesaias wird er nicht wie einen Mann anjstaunen, dev seit Jahrtausenden tot und begraben ist, sondern wie einen guten, ihm innig vertrauten Freund. der Jude von Abraham awinu spricht, von unserem Datei Abraham, so denkt er sich nicht irgend eine legendäre ^Gestalt, die vor Jahrtausenden im grauestes Altertum gelebt hat, sondern er denkt wirklich an einen Vater, an hen Erzeuger, um ein Wort Jesaias' zu gebrauchen. So ist es zu erklären, wenn eine schöne talmudische Erzählung uns davon berichtet, daß ein talmudischer Gelehrter Des dritten Jahrhunderts während seiner Untersuchungen jrn dem Grabdenkmal des Patriarchen bei Hebron in die Mvabeshöhe Abrahams kanr und dort unseren Erzvater antraf, den Kopf gebettet im Schoße Saras. Der Gekehrte richtete an die Erzväter eine Reihe von Fragen, als ob er mit ihnen im innigsten Zusammenhang gewesen wäre. Wenn der fromme Jude am Sukkothabend in die Laubhütte geht, und seinen Gruß den Gästen entbietet, die Mäste, 'die der Jude in der Laubhütte erwartet, sind 'Abraham, Isaak, Moses, Aron, David, Josef usw., so denk er sich in der Tat, daß diese Erzväter in seiner Laub- Mite anwesend sind, und er würde sich gar nicht Wundern und sie gar nicht als fremde Gestalten betrachten, wenn [ie plötzlich als Gäste an seinen: Tische säßen. Und wenn »er fromme Jude am Pessachabend seinen Becher für den Propheten vorbereitet, so wäre es ihm ourchaus natürlich, idaß sich plötzlich die Tür öffnete und Elia, der alte, gute, fiertraute Elia, an den Tisch träte. Ganz einzigartig ist auch das Verhältnis des Juden $tt Moses, dem Gesetzgeber unserer Religion. Moscheh rabbenu, Moses unser Lehrer! Wieviel Herzlichkeit, wiefi'rel 'Intimität steckt doch. schon in, dieser Bezeichnung! Kennt man etwas Aehnl-iches in dem Verhältnis von Re- Ngronsgenosfen zum Gesetzgeber? Wenn sich der fromme Ehrist und der fromme Moslnn in seinen verzückten Träumen seinen Religionsstifter borstellt, so derckt er an irgend eine göttliche Erscheinung, und wenn er ihn sehen könnte, er würde auf die Knie fallen und ihn anbeten. Für uns ist unser Moses unser Lehrer, der Lehrer eines jeden von Ms, und wenn wir ihn sehen könnten, wir würden ihm vertraulich zum traditionellen Schalom alechem die Hand reichen. Und so konnten sich unsere alten Juden denken, daß Moses als Gast in dem Lehrhause von Rabbi Akkiba wellte. Die Bibel stellt uns eben nicht Heroen, sondern Menschen von Fleisch mrd Blut dar, und wir empfinden, eS sind Menschen von unserem Flasch, Menschen von unserem Blut. Hier haben wir auch die Antwort auf die Frage, die so häufig an uns gestellt wird, die eigentlich wehr ein Vorwurf als eine Frage ist: Warum habt Ihr Juden denn so wenig an der kritischen Erforschung der Bibel mitgearbeitet, warum sind denn die wichtigsten Arbeiten und Entwicklungen aus das Konto der nichtjüdischen Gelehrten zu schreiben?. Wenn Man mit einem geliebten Me ottf mm Mischen KoMMag in WieNx. Wesen lange Jahre hindurch zusammenlebt — und wir leben mit unseren Geliebtesten seit Jahrtausenden Tag für Aag und Stunde für Stunde —, so ist man zur Kritik eigentlich gar nicht geeignet. An Aeußerlichem entgeht einem manches, was ein ftemdes Auge sieht. Ein Arzt entschließt sich nur unter dem Drucke der äußersten Notwendigkeit, an einem teuren Wesen eine Operation vorzunehmen. Aber wenn es' auch wahr sein mag, daß über die Form, über die äußere Zusammensetzung der Bibel nichtjüdische Gelehrte Wesentliches, sehr Wesentliches in den letzten Jahrzehnten zutage gefördert haben, die Seele kennt doch kein anderer als der Jude. Jedes nichtjüdische Volk — und wäre es auch das englische, das nach dem jüdischen am innigsten mit der Bibel verwachsen ist —, jedes andere Volk und jeder aridere Mensch, der nicht Jude ist, muß ein Gefühl der Fremdheit überwinden, ehe er in die Bibel kommt, denn die Bibel ist nicht Fleisch von seinem Fleische und nicht Blut von seinem Blute. 2. Die nichtjüdische Welt sägt uns: ,Mure 'Aufgabe war es, uns die Bibel zu geben; Ihr habt uns die Bibel gegeben und könnt nun gehen. Wir, sagen die Nichtjuden, haben NVMWMWGWMWW Ankündigung. Zuschriften für die «Jüdische Jugend" sind an das Ingen drei erat des Zionistischen Landeskomttees, Wien» 2. Bez.» Taborstraße 20 a, zu richten. Adressen der Fugendgruppen: I. Ahawath Zion, 2. Bez., AusstellungSstraße 15, Restaurant Menczer. II. Blau-Weiß, 9. Bez., Währingerstraße 15. ■ III. Bund jüdischer Jungwanderer, 9. Bez., Türkenstraße 9. IV. Cheruth (Sportklub), Adr.r Scherzer, 2. Bez., Ennsgasse Nr. 13/18. V. Erez Israel, 2. Bez., Zirkusgasse 33. VI. Jung-Juda, 10. Bez., Gudrunstraße 140. VII. Jugendgrnppe 12./15, Bez., Herklotzgasse 21. VIII. Makkabi IX (Zögltngsabteilung), 9. Bez., Liechtensteinstraße 20. IX. Mettoral), 6. Bez., Amerlingstraße 19. X. Misrachi (Jugendgruppe), 2. Bez., Praterstraße 43. XI. Schomer, Adr.r Nathan Sperber, II,, Lilienvrunngasse 8. XIl. Zionistische Jugendgruppe XXj?" Joachim Kmbil, 20. Bez., -Nomanogasse 11/13. : XIII. Z. M. B., 2. Bez., Molkereistraße 7 (Teller). XIV. Mödling, Jugendgruppe, Rudolf Seiden, Mödling, Stetnselderstraße 28. XV. Baden, Grundwald, Böslauerstraße. die Bibel in alle Sprachen der Welt übersetzt, wir haben die Bibel allen Völkern der Welt zugänglich gemacht, Euch braucht man nicht mehr." Gewiß, das habt Ihr getan. Und wenn Ihr noch weit mehr getan hättet, Ihr seid doch die Fremden, wir sind die bene bajith, wir sind die Hausgenossen. Und wenn es wahr ist, daß wir durch die Bibel leben, dann ist es aber auch wahr, daß die Bibel nur durch uns lebt. Wenn es wahr ist, daß die Bibel die Seele unseres Volkes ist, so ist es auch wahr, daß wir der Körper der Bibel sind. Wir sind der lebendige Kommentar der Bibel. Wenn jemand uns sagt: Wir haben die Bibel, wir brauchen Euch nicht, so kommt eS mir so vor, wie wenn jemand sagen würde, jetzt brauchen wir körne Philologen, keine Kanzel für Griechisch und Lateinisch mehr, denn wir haben die griechischen Klassiker, gedruckt und schön gebunden und sie sind in>allen Bibliotheken zu haben. Gewiß! Aber wenn es keine Philologen gäbe, wären diese Bücher tote Buchstaben. 'Und ein totes Buch -wäre die Bibel, wenn es keine Juden gäbe. Darum habe ich es für einen sehr glücklichen Gedanken gehalten, daß Sie Ihre Tagung mit einen: Bibelavend eröffnen und auf diese Weise beweisen wollten, daß Sie in das Judentum eindringen wollen. Und ein.ganzer Jude kann man nur feinten« man mit der .Bibel lebt, die Bibel kennt, nicht nur wie der Nichtjude sie kennt, sondern wie einzig und allein nur der Jude sie kennen kann und kennen muß, wie etwas, was Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blute ist. Ich warne Euch davor, die Bibel durch Uebersetzungen kennen lernen zu wollen. Es ist eine papierene Wand, die zwischen dem Original und der Uebersetzu-ng steht. Aber diese papievem Wand ist undurchdringlicher als manche eherne Mauer. Das Gefühl der Befangenheit, das jeder Nichtjude hat, müssen auch Sie haben, wenn Sie die Bibel aus Uebersetznngen lesen. Biele von Ihnen werden dies als Kind erlebt haben, wenn Sie gezwungen waren, eine fremde Sprache zu lernen und um in der Uebung zu bleiben, von Ihrer Erzieherin veranlaßt wurden, auch mit den Eltern in dieser fremden Sprache zu sprechen. Ihr werdet Euch erinnern, welchen Schmerz das für das Kind bedeutet hat, als es sich plötzlich seinen Liebsten, dem Vater und der Mutter; so fremd gegenüber.gefühlt t Hat, Das ist das Gefühl, das ein Junge Haben muß, wenn er die Bibel in Uebersetzungen lesen muß. Unsere Alten, sagen: „An dem Tage, an dem die Bibel ins Griechische i übersetzt wurde, da war eine große Sonnenfinsternis." E-j ist dies ein tiefes und wahres Wort. Die Uebersetzung der,' Bibel ins Griechische, die älteste Uebersetzung, die die Welt-i geschichte kennt, ist für die in Alexandria «bebenden Juden-, entstanden, die nicht mehr in der Lage waren, die Bibel zu lesen, und für Juden, die die Bibel in ein:c lieber« setzung lesen müssen, ist die Sonne tatsächlich untev-> gegangen. Wollt Ihr wirklich in der Tiefe jüdisch werden, wollt: Ihr zum Judentum zuvückkehren vor der Rückkehr in dach Judenland, wollt Ihr im Juden lande nichts Halbjuden und Vierteljuden wie im Exil,' sondern Volljuden sein, wollt Ihr die großen Kräfte! kennen, die in uns leben, die Möglichkeiten, die wir Wirklichkeiten umgestalten können, so müßt Ihr wieder in die Seele der Bibel tief eindringen, so eindringen, wie es' nur. ein Jude kann. Nur dann, wenn Ihr Euch bemüht^ die Seele der Bibel zu erfassen, werdet Ihr es selbst kennen lernen, Ivevdet Ihr Eure eigene Seele finden, das Größte, und Stärkste in Euch allen, das Hellige und das Ent-! scheidende. Echawuoth. 11. Buch Moses, Kap. 19, Kap. 2V, Kap. 23, 5. 22, v» Kap. 34, 6. 22; 3. Buch, Kap. 23, 5. 10—29. -Moses hatte das< Voll aus Aegypten geführt. Drei Monate schon dauerte die Wüstenwanderung, ein Weg voller Beschwernisse und reicher Erlebnisie lag hmtetz! unseren Ahnen. Sie kamen zum Berge Sinai; dort, wo Mose allein^ die Offenbarung Gottes erlebt hatte, sollte sie auch da- Volk erhalten. Drei Tage banger Erwartung vergingen noch, die Ahnung des gewaltigen Erlebnisses, das ihnen! bevorstarrd, lag über allen. Scheu sahen sie zum Berge hin-! auf und niemand wagte, sich ihm zu näheim oder gar hinauf-! zusteigen. : Am Morgen des dritten Tages verfinsterte sich der' Himmel, Donner erscholl, Blitze zuckten, es tönte wie Po-! saunenklang und starke Rauchwolken stiegen vom Bergs! auf; es schien, als wenn der ganze Berg im lodernden Feuer verzehrt würde. So empfing das BE die zchh Gebote. i Am Schawuothfest ist «ach dev Ueberliefevung dh Gesetzgebung erfolgt: danach heißt es auch: seman rnathm thorathenu — die Zeit der Verleihung unserer Lehre. Erinnern , wir mrs dieses Erlebnisses ältester Vev>>. gangenheit! Im Anfang der Geschichte unseres Volkes stehL die Freiheit. Aber noch vor der Verkündung der zehn! Gebote wurde von unseren Ahnen verlangt, daß sie ein „heiliges Volk" seien, nach dem Höchsten streben, von alleutz Kleinlichen sich freimachen sollten. Die Aeltesten des Volkes gelobten es, aber sie ver^ sprachen dies nicht für sich allein, auch nicht allein für das Voll, das damals am Sinai lagerte, nein, für alle Ge-, schlechter in Ewigkeit! An Ms ist es, zu halten, was nn-.' sere dlhnen damals versprachen. Als das Volk in langen Kämpfen Palästina erobere und sich seßhaft gemacht hatte, als es das Land bebaute und reicher Ertrag seine Mühe lohnte, war Schawouth der Abschluß der Ernte: die Erstlinge der Weizenenrth -wurden am Schawouth davgebrachh dem Chag hakazir, chag habiknvim, dem Erntefest und Fest der Erstlinge des! Weizenbrotes. Eine Zeit Heller Freude war die Erntezeit! Festreige» ivurden veranstaltet, zum fröhlichen Opfevmahl versammelte man sich, von fern und nah strömten die Pilger M sammen. In solcher Zeit hatte jeder Tag seine besondere Bedem tung und in der Freude über den Segen des Lqndes, den' jedes Jahr von neuem offenbarte, in dem Stolz auf den Erfolg der aufgewendeten Arbeit, die reiche Früchte getragen, wurde jeder Tag gezähll als etwas Bedeutungs-! Volles Md Inhaltsreiches. So wurden 7 Wochen (Schawouth) oder 50 Tage vom Pessachfest an gezählt, die Zeit der Sephirah, der Zählung, oder des Omer, nach dem Omer, dem Ausmaß des Opfers genannt, von dessen Darbringung an die Zahlung begann. Das Schawouthfest als Erntefest führt in die Gegen wart. Bon neuem wird der Boden unseres heiligen Landes bebaut und wieder wie ehemals dort am Schawouch die Ernte in Fröhlichkeit geborgen. Mische Äugend. Motto: ,M<mn erscheint mir.«AK gelungen Mein Bemühen ans dieser Erdenk Wenn aus annen Judensnilgen Stolze junge Juden werden." ($«#.) Zum Erschallten des Jnge-ndbeMatW dar ^Wner Marge»» M'ttmg." (Sin Wunsch dev Jugend und aller derer, die mit Interesse die Arbeit unserer jungen Menschen versorgen, ist i« Evfüllung gegangen. Dank dom veustäindirkNvalle« Zirstmm»«-. wivkcn des Zionistischen La.ndeÄoml>te-es und der Redaktt«t der „Wiener Äi-orgenzeitung" werden von nnn an auch Pvobieme der Mischen Jugend hier Ervrternnv find««.

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