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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-16 · Heft 1529 (16.5.1923) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1529 (16.5.1923)
Date
1923-05-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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©tite f Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung. 16. Mai 1923 Nr. 1529 bet aus der letzten Wählerliste gestrichen wurde. Die Oppositionellen Parteien und ganz besonders die Sozialdemokratische Partei hat eme Aktion begonnen, um den fiahlschwindel noch rechtzeitig aufzudecken und das geplante stahlattentat der chrisüichnationalen Majorität im Ge- Neinderat unwirksam zu machen. Die meisten der aus der Wählerliste gestrichenen wcchlbevechtigiiien Bürger stich Huden. _ Mndschau. Sie Franzose» im Ruhrgebiet. Die Höchster Farbwerke besetzt. Berlin, 16. Mai. Di« Z. am Mittag"' trnlbet aus kmntfurt a. M.: Die Franzosen haben gestern nachts die höchster Farbwerke besetzt. Die Fabrik ist durch französische Posten vom Verkehr mit der Stadt abgesperrt, ^en Arbeitern ist das Betreten der Fabrik verboten, nur die lebenswichtigen Teile des Betriebes dürfen arbeiten. Äeber die Stadt Höchst selbst ist der Belagerungszustand verhängt worden.-Die Grenze zwischen besetztem Md unbesetztem Gebiet war bis 8 Uhr vormittags gesperrt und ist nach 8 Uhr sür den Verkehr wieder freige- -eben worden. Im Lauft der Nacht hatten die Franzosen sämtliche llusgänge aus Höchst und den Uebergang über das unbesetzte Gebiet durch militärische Posten hermetisch abgeiperrt. Hinter dieser Lime, durch die nicht einmal Nachsichten gelangen konnten, haben sie dann die Höchster Farbverke mit einem starken Militärkordon umzogen. ji)et Haupteingang ist mit Ofsizierswachen und Maschinengewehren besetzt. Rings um die Fabrik patroulsieven zur Stunde noch größere Abteilungen. Die in Frankfctrt wohnenden Arbeiter wurden an der Grenze des besetzten Gebietes zurückgewiesen. Ter T e l e p h o n v e rjehr zwischen Frankfurt a. M. und Höchst ist unterbunden. Zur Besetzung der Höchster Farbwerke meldet die ,Frankfurter Zeitung": Die Franzosen forderten gestern rbends von den Farbwerken fünf Personenautomobile an. £>ie Direktion verweigerte die Herausgabe. Daraufhin umzingelten die Franzosen nachts die Werke mit Truppen, Tanks und Minenwerfern und verweigerten Dritte früh den 12.600 Arbeitern den Zutritt zu den Werkstätten. Unter den Arbeitern verbreiteten sie Flugblätter, die, von der Ablehnung der französischen Forderung pach Automobilen ausgehend, von Sabotagegesinuung der Jndustrieleitung überhaupt sprachen pnd die Arbeiter auffordern, der Stinnes-Gruppe keine Gefolgschaft zu leisten. Die Arbeiterschaft bewahrte völlige Ruhe und suchte nach Hause zu gelangen. Der Landrat des Kreises Höchst, Zimmermann, wurde von den Franzosen für abgesetzt erklärt und durch den Separatisten, Schulinspektor Dr. Hindrichs, ersetzt. Ae badische Anilinfabrik. Berlin, 15. Mai. Die „B. Z. am Mittag" meldet aus Ludwigs-Hafen: In einer Pxessebesprechung wurde heute Ae Geldquellen der Hakeukreuzler. svl der Frau im gefährlichen Alter an uns vorüber, und auch ein Arzt, der junge Dr. Bertram, spielt eine im übrigen nur unwesentliche Rolle, ohne daß sein Bevuf echMich hervortreten wüvde. Bemerkenswert ist, daß auch hier ein schon lang Verstorbener, der Gatte Beatens — einst ein großer Schauspieler —, in der Erinnerung weitevleibt, wie auf Rosmersholm hängen die Toten an den Lebenden oder die Lebenden an den Toten. Ein Gegenstück zu den bereits besprochenen Aerztedramen bildet die Novelle „Doktor Gräsler", in welchem ein Arzt im Mittelpunkt der Handlung steht. Ein alternder, vermögender Junggeselle, der mchr aus Passion als dcs Erwerbes wegen rm Sommer in einem kleinen deutschen Badeort, im Winter .als Hotelarzt auf einer Jnftl im Süden praktiziert. Wir erfahren mancherlei aus dem bewegten Berufsleben Gräslers; in früherer Zeit ist er als Schiffsarzt weit in der Welt herumgekommen und hat verschiedene, auch erotische Abenteuer erlebt. Seine unverheiratete Schwester, die ihm in den letzten Jahren den Haushalt versorgte, hat eben durch Selbstmord geendet, doch erst im Verlauf der Erzählung erfahren wir Näheres aus ihrer inhaltsreichen Vergangenhcit und die Gründe ihes freiwilligen Todes. Gräsler aber fühlt sich vereinsamt und empfindet schwerer als sonst das Hevarmahen des Alters. Er wird unschlüssig und verliert so sehr das Selbstvertrauen, daß er ein neues Glück nicht zu fassen wagt. Und so entgsleitet ihm Sabine, die er liebt, und er will, mehr aus Trotz als aus Ueberzcugung, Katharina, mit der er einige Wochen ein flüchtiges und verantwortungsloses Glück genossen, ehelichen. Aber nun tritt uns das Schicksal eines Arztes entgegen, und wir erinnern uns an den seltsamen Büdinger im jungen MedavduS". Gräsler wurde zu einem im selben Hause wohnenden, an Scharlach erkrankten Kinde gerufen; das Kind genest, aber Katharina, durch den Arzt und Geliebten infiziert, erkrankt und stirbt. Und wieder ist Gräsler allein, er findet allmählich Trost bei der dankbaren Mutter des geretteten Kindes, die uns als noch junge und etwas kokette Witwe gezeichnet wird und die er schließlich ails Gattin heimführt. Das Buch schildert uns in wahrhaft vollendeter Weise die Psyche des alternden Mannes, ein Thema, das auch in der letzten Novelle Schnitzlers, „Casanovas Heimfahrt", glänzend behandelt ist. Damit erscheint das reiche LebenÄv-erk -des Dichters, allerdings nur von dem gewählten Standpunkt aus, 'beleuchtet. Es wäre nur zu wünschen, daß Schnitzler, der schon so lange geschwiegen, bald wieder seine zahlreichen Jünger mit einem neuen M beschenL ein nationalsozialistischer Revolverheld. Wie bekannt, ist rm Verlauf des üblichen Sonntagskrawalls der Hakeukreuzler, der sich diesmal in Tulln abspielte, ein junger Bursche dabei betreten worden, wie er aus einem Revolver mehrere Schüsse abgab. Der jugendliche Radaumacher wurde verhaftet. Auf der Gerrdarmerie..stellte sich bei der Leibesvisitation heraus, daß der Verhaftete Mitglied der Nationalsozialist i s ch e n P a r t e i ist. Er besaß eine Legrtrmationstarte dieser Gesellschaft. Woraus sich ergibt, daß die Natwnalsozalisten ihre Anhänger bewaffnen, was ja keine neue Erfahrung ist. Woher sie das Geld für die Waffen nehmen, darüber kann der Präsident Urban des Hauptverbandes der Industrie Auskunft geben. Der Richter von Purkersdorf. Wie die „Arbeiterzeitung" berichtet, hatte kürzlich der Richter des Bezirksgerichtes Purkersdorf Dr. Oesterreicher über einen Arbeiter zu urteilen, der wegen eines Zusammenstoßes zwischen Arbeitern und nationalen Turnern angeklagt war. Dabei leistete sich der Richter folgenden Ausspruch: „Ihr seid's von dem Wiener Judengesindel bezahlt worden." Zwei bis dreimal wiederholte er das Wort „Judengesindel". Erst als sich der Arbeiter gegen diese Flegeleien wehrte, hörte er damit auf. Der Angeklagte wehrte sich, das Protokoll zu unterschreiben. Dr. Oesterreicher verstand es jedoch, ihn unter Androhung der Vertvahrnngshast dazu zu .zwingen. Dabei verdeckte er noch eine Stelle des Protokolls mit der Hand. Herr Frank, ist gegen diesen Mann bereits die Disziplinaruntersuchung eingeleitet? Dev Schutz in Baumgarten. Bor dem Schöffenftnat des Landesgerichtes 2 beginnt morgen den 17. b. die Verhandlung gegen jene fünf Mitglieder der Terrovgruppe Ostara der Monarchisten, die seinerzeit in Baumgarten an der Schießerei beteiligt waren, die zur Tötung des Betriebsrates der Semperitwerke Birnecker geführt hat. Angeklagt sind der Schlossergehilfe Czermak, der Postbeamte Opi ela, der Ge» fchäftsdiener Bevelaqüa, der Maurergehilft Groß uub der Schriftsteller D i'e t l, und zwar nach § 143 (gemeinsanier Totschlag im Raufhandel). Die Verschwörurrg^gegerr die deutsche In Hamb n r g sind in den letzten Tagen Verhaftun» gen vorgenommen worden; sie stehen rm Zusammenhang mit der Untersuchung gegen den Leutnant Roßbach wegen Verschwörung gegen die Republik, die gegenwärtig vom Oberreichsanwalt geführt wird. In dieser Untersuchung war ein Hauptmaun a. D. Fleck ziemlich stark belastet. worden, ohne daß es bisher gelungen war, Beweise gegen ihn zu finden. Diese Beweismittel hat nunmehr die Kriminalpolizei in Hamburg und Altona aufgedeckt. Sie hat eine erstaunliche Menge von Plänen und Karten aufgefunden sowie einen überaus belastenden Schriftwechsel über eine von langer Hand vorbereitete, sich auf Pommern, Mecklenburg und Schleswig-Holstein erstreckende Verschwörung gegen die Republik, der eine große Anzahl von Waffenlagern dienen sollte und an.der sich auch Offiziere der Reichswehr, mindestens als Mitwisser und Beschützer, beteiligt haben. Ein Teil der Waffenlager, die in den verschiedenen Städten Nordwestdeutschlands bestanden, ist bereits beschlagnahmt worden, nach anderen wird noch gesucht. Es scheint, daß diese Mafftntager den Zweck hatten, zur Bewaffnung der geheimen örtlichen Verbände zu dienen. Die Untersuchung hat ergeben, das; die von der Regierung aufgelöste Orgesch noch immer im geheimen weiterbestcht und unter verschiedenen Namen Zweigverbände unterhält. Das Merkwürdigste, heißt es im Bericht weiter, ist die Finanzierung dieser mit großem Eiftr betriebenen Verschwörung. Nach dem ausgestellten Etat müssen viele Millionen, die aus den Kreisen des Hamburger Großkapitals, stammen, für die Verschwörung zur Verfügung gestanden haben. ftüh vom französffchen Bezirksdelegierten mitgeteilt, daß die Besetzung der badischen Anilin- und Sodafabrik zu dem Zwecke stattfinde, diejenige Menge von Farbstoffen zu beschlagnahmen und abzutransportieren, auf die Frankreich und Belgien laut Fricdensvertrag Anspruch haben. Die Betriebe, in denen diese Erzeugnisse hergestellt werden, werden beschlagnahmt und auch für die Arbeiter gesperrt. Man hofft, daß diese Maßnahme innerhalb acht Tagen völlig durchgeführt sein werde. Hansbnrchsnchnngen in Limbnrg. Frankfurt, 15. Mai. (Wolff.) Um 4 Uhr morgens sind die Franzosen in die Stadt Limburg eingedrnngen, die im unbesetzten Gebiet liegt, und haben den Bahnhof, die Post und andere öffentliche Gebäude besetzt. Die Stadt ist vom übrigen unbesetzten Gebiet gänzlich abgeschlossen. In der Stadt selbst wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen. Nachmittags wurde Limburg wieder geräumt. Die Franzosen haben in der Stadt Maueranschläge zurückgelassen, wonach Limburg vom 16. Mai 1923 an zum b esetzten Gebiete zu rechnen ist. Segen die staatsfeindlichen Srganifationrn. Knilling gegen Hitler. München, 15. Mai. Im Landtag nahm Ministerpräsident Dr. Knilling zu der kürzlich erlassenen Notverordnung der bayrischen Regierung Stellung. Er erklärte, es entspreche dem Willen der großen Mehrheit des Volkes, daß die verantwortliche verfassungsmäßige Regierung im schweren Abwehrkampfe des Volkes das innerpolitische Leben in Bayern mit fester Hand gegen jeden Versuch der Störung von Ruhe und Ordnung schütze. Eine Negierung, die sich ihrer Sorge um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung bewußt sei, könne sich der Pflicht nicht entziehen, der Wiederkehr ähnlicher Vorkommnisse wie der am 1. Mai mit allen gesetzlichen Mitteln vorzubengen. Das Werkzeug der Gewalt dürft im geordneten Staatswesen nur in der Hand des Staates sein. Ein Verbot politischer Parteien liege nicht in der Absicht der Verordnung. Die Verordnung beschränke sich darauf, die schlimmsten Auswüchse und Ueberschveitungen zu treffen. Wir für unseren Teil müssen dafür sorgen, daß im innerpolitischen Leben in Bayern die Atmosphäre gereinigt, die Staatsgewalt gestärkt und die.,öffentliche Ordnung gesichert sei. Diesem Zwecke dient die Notverordnung der bayrischen Regierung. . An die Erklärung des 'Ministerpräsidenten schloß sich eine längere Ansprache, in der die Redner der bürgerlichen Parteien die Maßnahmen der Regierung billigten. Verbot der proletarischen Hundertschaften. Berlin, 16. Mar. (Wolff.) Der preußische Minister des Innern, Severing, hat auf Grund des Gesetzes zum Schutze der Republik die sogenannten proletarischen Hundertschaften für das preußische Staatsgebiet aufgelöst und verboten. FMNS Antwort an Deutschland. Berlin, 15. Mai. Die japanische Regierung erklärt in ita heute irn Auswärtigen Amt übei^ebmen Antwort auf die Note der Neichsrcgierung vom 2. Mai, sie sei nicht in der Lage, sowohl hinsichtlich des Gesamtbetrages der Reparationssmnme wie der Modalitäten der Zahlungen und der Garantien dem deutschen Reparationsplan zuzustimmen. Ta Japans gegenwärtiges Interesse an der Reparationsfrage nicht so groß und vital sei wie das der anderen Alliierten, nehme die japanische Regierung davon Abstand, sich über Einzelheiten zu äußern, wünsche aber lebhaft, daß die deuffche Regierung weitere geeignete Schritte unternehme, die eine baldige und freundschaftliche Regelung der ganzen Rcparationsfrage auf einer billigen Grundlage erleichtern würde. Bor einer -Mische» Reichstagsdebatte. Berlin, 16. Mai. Wie aus Parlamentarischen Kreisen verlautet, wird der Reichskanzler morgen um 9 Uhr vormittags die Vertreter der bürgerlichen Parteien zu einer Aussprache über die politische Lage empfangen. Der Aeltestenrat des Reichstages wird unmittelbar vor der um halb 11 Uhr beginnenden Plenarsitzung zusammentreten und es wird sich dann entscheiden, ob es noch vor Pfingsten zu einer großen politischen Aussprache kommen wird. Freycinet gestorben. Paris, 16. Mai. (Havas.) Der ehemalige Ministerpräsident de Frey einct ist gestorben. Charles Louis de Saulces de Frehcinet war im Jahre 1828 in Foix geboren. 1870 organisierte er im Aufträge Gambettas das militärische Kabinett in Tours. 1876 wurde er in den Senat gewählt, wo er sich der republikanischen Linken anschloß. Er' war wiederholt Minister für Verkehrswesen und Ministerpräsident. Als Kriegsminister im Kabinett Ribot wurde er im Jahre 1893 von Ribot wegen seiner Kompromittierung durch die Panamaaffäre zur Demission gezwungen. Im Jahre 1899 war er wieder Kriegsminister, mußte jedoch wegen seiner intimen Verbindungen mit den Nationalisten zurücktreten. Er hat viele eiftnbahntechnische und mathematische Schriften geschrieben. Begräbnis der Gemahlin Masaryls. Prag, 16. Mai. Heute nachmittags fand in Lana das Begräbnis der Gemahlin des Präsidenten der Republik statt. Gegen 3 Uhr nachmittags fanden sich Marschall F o ch mit Begleitung,' die Präsidien der beiden Kammern, die Mitglieder der Regierung sowie das diplonmtische Korps ein. Der Sarg wurde vom Sohne der Verstorbenen Jarr Masarhk und der Dienerschaft des Hauses auf den Leichenwagen gehoben. Der Präsident mit seiner Familie und den hier eingetrofftn Verwandten, Marschall Foch, die Mitglieder der Regierung und des diplomatischen Korps usw. folgten dem Sarge. gnngdentsche und Kommunisten. , Gotha, 15. Mai. (Te'l.-Komp.) Zwischen Teilnehmern an einer vom Jung deutsch en Orden veranstalteten Versammlung und einer Anzahl Kommunisten,' die diese Versammlung zu sprengen versuchten, entstanden blutige Z u s a m rn e n st ö ß e, bei denen etwa 30 Personen verwundet Wucher " .

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