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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-16 · Heft 1529 (16.5.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1529 (16.5.1923)
Date
1923-05-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SLe. 1690 Men, Mittwoch Am vorliegenden Falle erstatten wir die formelle Anzeige an de« HerrnLandeshäupt-mann ^von Oberosterreich Prälaten Hauser, der smm das seini-ge zu tun hat, um das in der Verfassung gewährleißete Recht dev Freizügigkeit zu schützen. Lar hat der Sieghart davon. Die grüne Woche. An ,Muen Wiener Tagiblatt" war gestern eine scharfe, aber durchaus richtige Kritik der Bauern zu lesen, jbte aus dem Geld, das ihnen die Not der Städter zuführt, Teppiche und Klaviere kaufen, statt damit die Landwirtschaft zu heben. Dies setzte den Herrn Zwetzbacher, seinen Landwirtschaftskammer-Großkopferten, derart in Zorn, daß er auf der „grünen Woche", die am Montag begonnen hat, von dem Schmähartikel eines führenden Ardenblattes redete. — Das muß dent Sieghart passieren!! Bei dieser Tagung konnte man auch noch den Reichsritter Simitfch von Hohenblum begrüßen. Der alte Herr, Vorkämpfer der Zollkriege gegen Serbien und Rumänien, rühmte die grüne Internationale. Kammeramtsdirektor Dr. Winter besprach verschiedene Steuer- und Zollangelegenheiten. Er gab zu, daß sich die Bauern vollkommen entschuldet haben. Er vermochte es nicht, den Vorwurf der Raubpolitik und wucherischen Ausnützung der Konjunktur durch die Landwirte beweiskräftig zu widerlegen. Vor allem nahm er Stellung gegen einen Vortrag, der in der letzten Zeit in der Gesellschaft der Aerzte gehalten worden war und in dem den Bauern der Vorwurf gemacht worden war, daß sie durch ihre Preistreiberei das Ansteigen der Tuberkulose in den Städten verschuldet haben. 2er Ueberfall auf den sozialdemokrMchen Aroler Laudeshaudtmann-Stellvertreter Dr. Grüner. Jnsvruck, 15. Mai. In der Berufungsverhandlung tzogen die fünf jungen Leute, die im November vorigen Jahres einen Ueberfall auf den Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Grün er'ausgeführt hatten, erkannte der Senat auf Abänderung des erstrichterlichen Urteils. Die Angeklagten wurden der Uebertretung gegen pie körperliche Sicherheit nach § 411 schuldig erkannt und bei Anwendung verschiedener Milderungsgründe zu Arreststrafen verurteilt, und zwar Ernst Proeopovrer, Ernst Mayr und Manfred Schullern zu drei Wochen, Hbrmann D o d l und Richard Fende zu zwei Wochen. Das S chm erzen s- A«ld wurde mit drei Millionen bemessen. Wiener Morgenzettrmg. Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt jeden Donnerstag zwanglose Zusammenkünfte für Mitglieder und eingeführte Gäste Morgen Donnerstag den 17. Mai 1. j.» 8 Uhr abends, im Cafe Fetser, II., Praterstrasse VORTRAG Gemeinderat Dr. Jakob Ehrlich: JMalto Tagesfragen der fiieinft -MM“ Ungarn. Die Frage der ungarischen Pfandrechte. Budapest, 15. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Nach einer Pariser Depesche des „Az Est" sind die Pariser politischen Kreise dahin informiert, daß die Reparationskommission noch am heutigen Tage unbedingt einen Beschluß über das Ansuchen Ungarns bezüglich der Pfandrechte fassen werde. Vertagung der Entscheidung. Paris, 15. Mai. Die Neparationskommission hat die Entscheidung über das ungarische Ansuchen auf Mittwoch vertagt. Bethlen in Rom. RoM, 15. Mai. Ministerpräsident Mussolini empfing heute den ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Bethlen, der.die allgemeine Lage Ungarns gegenüber den Nachbarstaaten darleg^e. Die Frage der Aufnahme einer ungarischen Anleihe wird zur Verhandlung gelangen, sobald Finanzminister deStefanr in Rom eintrifft. Das Mißtrauen gegen Ungam. London, 15. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) „Manchester Guardian" befaßt sich mit den Bedenken der kleinen Entente über das ungarische Ansuchen bezüglich der Aufhebung der Generalpfandrechte. Die kleine Entente findet hauptsächlich die ungarischen innerpolitischen Verhältnisse von dem Gesichtspunkte der. Demokratie aus bedenklich; außerdem findet sie, daß einzelne bedeutende Posten des ungarischen Budgets sehr verschleiert sind und die berechtigte Vermutung aufkommen lassen, daß diese Posten die Spesen einer geheimen militärischen Rüstung verdecken. Die Reparationstommission müßte vor ihrer Entscheidung diese Posten des ungarischen Budgets einer gründlichen Untersuchung unterwerfen. Das Blatt bemerkt, daß Graf Bethlen sehr leicht mit den Einwendungen der kleinen Entente fertig werden könnte; indem er das ungarische Budget der Reparationskommisiion vorlegt. l_16. Mai 1923 Seite 0 Jas Blutbad in Kecskemet und feine Folgen. Budapest, 16. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der Landwirt Paul Hejjas, dev Sonntag in Kecskemet zwei Frauen durch Gewehrschüsse getötet und 18 Personen verwundet hat, befindet sich in Untersuchungshaft. Der Untersuchungsrichter schenkt dem gerichtliche« Attest, wonach Hejjas geistesgestört ist, keinen Glauben. Die Staatsanwaltschaft erhebt gegen Hejjas die Anklage wegen vorsätzlicher Tötung. Das furchtbare Blutbad hat eigentümliche Folgen nach sich gezogen. Me Polizei fahndet eifrig nach gewissen Per. sonen, die nach dem blutigen Zwischenfall unter der Bevöl« kerung gegen die bewaffneten Erwachenden Magyaren ,/rufteizende Bemerkungen" fallen ließen und die Regie, rung beschuldigten. Acht solche Personen wurden bisher verhaftet und der Staatsanwaltschaft eingeliefert. Die Anklage wird gegen sie wegen Aufreizung erhoben „Gerade fetzt." Budapest, 15. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die. internationale Handelsunion, welche für den 21. Mai eine parlamentarische Konferenz nach Prag einberufen hat, sandte auch dem Präsidium der ungari. schen Nationalversammlung eine Einladung. Heute fand im Ministerium des Aeußern eine Besprechung statt, an tvelcher auch die Vertreter der politischen Parteien teilnahmen. Obwohl die Regierung für eine Teilnahme an der Konferenz ist, machte sich in den Kreisen der Parlamen, tarier große Opposition bemerkbar. Die Abgeordneten der Regierungspartei und anderer nationalistischen Parteien erklärten, man dürfe mit den Tscheche» keine Annäherung suchen und.ihnen keine frich, liche Miene zeigen. Demgegenüber machte Außenminister Daruvary darauf aufmerksam-, daß gerade jetzt eine Verbindung mit den Tschechen äußerst wichtig ist, weil die Tschechen in Paris einen großen Einfluß besitzen. Endlich wurde die Teilnahme an der Prager Konferenz beschlossen. 27 Abgeordnete treten die Reise an. Führer der Gruppe wird der gewesene Ministerpräsident Karl Hirszar sein. Aus der magyarischen WWerfabrik. Aus Budapest wird uns berichtet: Der Haupt, städtische Zentralwahlausschuß hat in seiner letzten Sitzung die Revision der von den sogenannten Konfkriptionsdelegattonen richtiggestellten Wählerlisten beendet und diese Listen nunmehr als Wählerliste angenommen. Die neue Wählerliste stellt einen unglaublichen Wahlrechtsraub dar, da nach annähernder Schätzung nich^ weniger als 60.000 Wähler, die als Anhänger fortschrittlicher Parteien und der Sozialdemokratischen Partei bekannt sind, aus der Liste einfach gestrichen »wurden. Dieses Vorgehen -wird noch krasser dadurch, daß die zur kurz befristeten Reklamation aufgelegte Wählerliste nicht erkennen läßt, GROSSE OKKASION Regenmäntel . . K 125.000 ffl Leinenwaren, Waschwaren, v Stoffe, Wäsche - sehr billig H Waren- [Schiff mann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-70 En gros En detail Ler Arzt in Artur Schnitzlers Werken. Von Karl Seligmann. „Professor Bernhard!" führt uns — wie „Die letzten Masken" — wieder in ein Krankenhaus, das Elisabethinum, und e8 find fast nur Aerzto und klinische Professoren, welche .im Personenverzeichnis erscheinen. Man hat Schnitzler oft vorgeworfen, daß er nur das «erotische Problem behandle und dieses allerdings unerschöpfliche Zh-ema variiere. Hier tritt unS der Autor als Dichter einer politischen Komödie entgegen, es ist die politische Komödie, die Heinrich Bermann („Der Weg ins Freie"), der sicher viel autobiographische Züge Schnitzlers tragt, so gerne schreiben möchte, um feinem Vater ein literarisches Denkmal zu setzen. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, 'daß auch des Dichters Vater Arzt war. Und nur ein Arzt konnte dieses durch feinen Ernst und Humor gleich hervorragende Buch, welches uns mitten in die ärztliche Gelehrtenwett führt, schreiben. Wir lernen alle hinter den Kulissen wirkenden Kabalen kennen, die Strömungen, Unterströmungen und Gegenströmungen, wie Bernhardts Sohn so treffend bemerkt. Da das Stück nur 1900 und in Wien spielt und eine politische Komödie ist, nimmt die Erörterung der Judenfrage einen breiten Raum ein, sowie im ,Mog ins Freie" der Zionismus. Aber Schnitzler hat Licht und Schatten objektiv verteilt, es tritt uns btt Vertreter der christlichen Weltanschauung, der Pfarrer Roder, in achtunggebietendster Form entgegen. Nur der getaufte Jude kommt ziemlich schlecht weg, und es ist der mit überlegnem Witz undHchn gezeichnete Advokat Goldenthal her Typus des Asstmilanten, dessen Frau ein großes Halskreuz trägt und der seine Söhne in 'Kalksburg studieren läßt. Auch Schnitzlers nächstes Bühnenwevk, der Einakter „Stunde des Erkennens", ist ein Aerztestück; der Gegensatz zwischen dem klinischen Professor (Ormin) und dem praktischen Arzt (Eckold) wirb beleuchtet. Ormin findet cs geradezu unheimlich, in ein unbekanntes Haus gerufen zu werden, wo chm nicht ein Mensch, sondern ein kranker Magen vorgestellt Wird, der praktische Arzt lernt doch wenigstens seine Patienten kennen. Schnitzler mag da an der: Banmeister Solneß gedacht hoben, der auch die Menschen erst kennen lernen will, ehe er fKr fie Heimstätten baut. Auch hier liegen die Ereignisse, die zur Katastrophe führen, schon viele Jahre zurück, und ein Abwesender (Mding), spielt hinter den Kulissen mit. In diesem 9h$c U SchnWr au fetarnt Thomas welches va mehr oder minder das aller Dichter ist, der Erotik, zurückgekehrt, und ein geistvoller, echt Schmtzlerischer Gedanke trägt das kurze Schauspiel, der Gedanke, daß sich die Frau dem DLanne, den sie liebt,' versagt, da der Geliebte ihr zum Schicksal geworden wäre. In dem Journalistenstück „Fink und Fliedcrbnsch" kommt als Epifodist der Dr. Kunz vor, er soll nur der Vollständigjkeit und seiner originellen Duellstatistik wegen Erwähnung fiu>den. Auch in den erzählenden Schriften begegnen wir einer stattlichen Anzahl von Aerzten. Schon die erste Novelle, „Sterben", konnte nur ein Arzt geschrieben haben. Das Thema ist rein medizinisch, es behandelt die häufig gestellte Frage, wie ein Mensch, von einer unheilbaren Krankheit befallen, die Gewißheit seines unabwendbaren Schicksals erträgt. Felix, ein Schriftsteller, erfährt von einem Spezialisten, welchen er durch Vortäuschung besonderer Familiertitiechättmisse überlistet, daß er binnen Jahresfrist seinem Leiden, der Schwindsucht, erliegen müsse. Alfred, der Freund mrd Arzt des völlig zuifammenbrecheniden Kranken, versucht nun im Bunde mit der Geliebten das Zutrauen zu der Diagnose des Professors zu erschüttern. Die Novelle schildert meisterhaft die steigende Angst des denk Tode Verfallenen und, wie die kerngesunde Geliebte, die anfänglich Willens ist, dem Freund in den Tod zu folgen, allmählich von, Felix abvückt. Es mutet wie ein Witz des Schicksals an, daß der Autor den Professor Bernard, dessen Diagnose das Todesurteil über Felix aussprach, schon wenige Wochen später sterben läßt. Trotz der Sommerrüife des Paares macht das Leiden erbürmungÄ'oS seine Fortschritte, heimgekchrt, wird der Kranke bettlägerig und fährt schließlich, von seiner treuen Gefährtin begleitet, nach dem Süden, uau dort zu sterben. Diese knappe Handlung bietet den Rahmen zu der ergreifenden, mitunter quälenden Schilderung der Todesangst des sich an das Leben, an die Geliebte klammernden rettungslos Verlorenen. In den folgenden Novellen tritt der Arzt als Figur und Dichter weniger hervor, zu erwähnen wäre höchstens das tragische Ende der Frau Rupius (Berta Garlan), ein klinischer Fall, welcher im späteren „Professor Ber-nhardi" wiederkehrt. Erst in der Erzählung „Der Tod des Junggesellen" lernen wir wieder einen Arzt — ohne Namen — kennen. Die handelnden Personen sind übrigens alle nur durch ihren Beruf, Arzt, Dichter und Kaufm!anu, unterschieden, und tragen keine Namen, ebenso wie die Hauptperson, der eben verstorbene Junggeselle. An seinem Sterbet-te erfahren seine Freunde, daß der Heimgegangene der Geliebte ihrer Frauen war, und es ist psychologisch vollendet gezeigt, wie die drei diese schmemliche poschume Nachricht aufnehmer^ Unstreitig hat der Dichter in seinem Wiener Roman ,Mr Weg ins Freie" den Gipstzl der erzählenden Kunst' erreicht. Der Roman spielt int Wien Luegers und das an Geist und Witz so reiche Buch spiegelt die uns schon so fem liegenden Zeiten des chrich'lichsozialen Ausstieges. Bon den vielen Personen, die an uns Vvrüberziehen, sind es die beiden Mischen Aerzte Stauoer, Bater, und, Sohn, welche näher betrachtet sein sollen. Doktor Bertold Stäuber, der Sohn, den wirgleich zu Anfang bei Rosne-rs treffen, ist Arzt und Politiker. Angewidert durch das skandalöse Parlamentstveiben, es ist die Zeit des triumphierenden Greislers, legt er sein Rei^sratsmandat nieder, um sich in Paris ganz dem Studium dev Bakteriologie zu widmen. Allerdings miag bei diesem Entschluß die Erkenntnis Mitwirken, daß ihm Anna Rosner wieder einmal entglitten ist; mit dem durch Eifersucht geschärften Mick mag er vielleicht die erst im Entstchen begriffene Neigung zu dem ihm unsym-, pathischen Georg voraussehen. Und, Mch einem Jahr inzwischen hat Anna ihren Roman mit dein Baron durchlebt, kehrt Bertold ins politische Leben zurück. Er will sich hauptsächlich mit den Fragen der öffentlichen Gesundheit beschäftigen, und -interessant sind f-eiue Ideen, die er im Gespräch mit seinem Bater entwickelt. Sie kulminieren in dem Gedanken, kranke, für ihre Umgebung gefährliche Individuen-zu beseitigen oder wenigstens von der Fortpflanzung auszuschließen. Der Bater Stäuber ist der Typus des bejahrten, von der Liebe zn-r Kreatur durchdrungenen Menschen, dessen Mick mitunter infolge 'der allzu großen, bedingungslosen Güte in die Irre gehnr mag. Münzeud in ihrer Lobendigkeit sind die Empfänge bet Ehrenbergs wiodergegeben, der geistreiche Dialog verrät den Dramatiker und schon beim ersten Jour bringt der alte Chrenberg den Zionismus aufs Tapet. Bei dieser Gelegenheit und später in einer erbitterten Debatte zwischen Leo Golowsky und dem Schriftsteller Heinrich Bermann wird dieses Thema nach allen Richtungen hin durchgefprochen und eine ebenso zntr-esfende Äs vernichtende Kritik an den dcmialrgen politischen Zuständen und an den Bernfspolitikern geübt. Besonders deutlich tritt der Arzt, nicht Äs handelnde Figur, sondern als Autor, im achten Kapitel in Erscheinung, -welches uns au das Wochenbett Annas führt. Mit einer in einem Roman vielleicht -überflüssigen Gründl'ichkeit werden uns die Vorgänge geschildert und erklärt, warum der kaum geborne Knabe sterben muß, „bestinrmt, von einer Dunkelheit . durch ein sinnloses Nichts hindurch in eine andere einzugchen", In „Beate und ihr Sohn" zieht ein ergreifendes Schick-

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