Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1526 (13.5.1923)
- Date
- 1923-05-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I ' 1 Nr. 1526 Wen, Svnntatz ' 1 Wiener Morgenzeitüng. 13. Mai 1923 ' , ' Seile 8 Zeugen unbegründete Forderungen gegenüber der ungarischen Regierung gestellt. Die ungarische Regierung Mug vor, an der Grenze einen Neuerlichen' Lokalangenschem durch eine gemischte Kommission abhalten zu lassem' Diese Kommission soll einen neutralen Vorsitzenden als Schiedsrichter haben. Ungeachtet dieses Planes werden auch diplomatische Dechandlungen zur Schlichtung der unerledigten Grenz-, fragen geführt." Soweit die Meldung, welche ohne Kommentar abgedruckt wird. Die tschecho-slowaki-sche Regierung hat, wie erinnerlich, Schadenersatz für die Ermordung des GrenzioachtmeisterS Sedlaeeik und die Auslieferung der Mörder an die tfchecho-slowakischen Gerichte gefordert. Me FlecktMusseuche in Ungarn. Budapest, 12. Mar. (Del. der ,Mr. Movgenzeitung".) Die Fleckthphusepidenrie verbreitet sich unheimlich rm ganzen Lande. Gestern wurden in Budapest sechs neue Erkrankungen festgestellt, außerdem wurden aus den Vororten sowie aus Transdanubien und dem Alföld mehrere Fälle gemeldet. In Budapest beginnt eine wahre Panikstimmung zu herrschen. Polen. Ae Frage der Kadknettsblldrmg. Warschau, 11. Mal. (Dal. Wc „Wr. MorgeMibuntz".) Nach der Abreise des Marschalls Fach ist die Frage der Neubildung des Kabinettwiederum aktuell geworden. Der. Sejmmarschall Rataj verhandelt gegenwärtig mit den Oppositionellen innerhalb der Mtok-Partei, um sie für eine Koalition mit den Nationaldemokraten zu gewinnen. Wie bereits gemÄdet, will diese oppositionelle Gruppe unter Führung des Abgeordneten DomüSki aus keinen Fall eine Koalition der Witos-Pavtei mit den Nationaldemokraten zulassen. Bisher ist es dem Sejmmarschall Rataj noch nicht gelungen, Dombski für die Witos-Konzeption zu gewinnen.-Wie in gut unterrichteten Kreisen verlautet,' beabsichtigt Witos, in fernem Klub die Vertrauensfrage zu stellen, selbst unter Androhung des Ausschlusses der oppositionellen Abgeordneten. Bon anderer Seite dagegen wird wiederum erklärt, daß Witos und Dombski übereirgekommen waren, die Frage der Koalition einem in den nächsten Tagen einzubernsenden Reichskongreß der VoWspartei zur Entscheidung vorzulegen. In den letzten Tagen waren aus Grund dieser Nachrichten bereits Gerüchte verbreitet, daß bei einer Neubildung der Regierung der gegenwärtige Sennmarschall Rataj das Ministerpräsidium, Witos oder Dombski.das Präsidium des Abgeordnetenhauses übernehmen sollen. Wie Ihr Korrespondent aus zuverlässiger Quelle erfährt, entsprechen jedoch diese Gerüchte nicht der Wahrheit. ' An Hochverratsprozeß. Warschau, 12./ Mai. (Del.-Komp.) In Bialhstok beginnt in den nächsten Tagen ein großer politischer Prozeß wegen angeblicher Loslöinugsoestrebunaen Weißrußlands von Polen durchMißrussischs Znhr'r. Die Anklage gegen die 45 Beschuldigten lau et aus Schaffung geheimer militärischer Formationen m,d Organisierung bewaffneter Aufstände. ■ S&VienJ, JVildpr^tmarkt 2; tjnodeles ' UflsoaJtlav>£emt JRobes, Kos lumes, Jftanteam, 1 Seag&nms et Jrourrures STelef&n G5Ü73. rsJ Grosse Okkasion von Frühjahrs-Modellen und preiswerten Etaminkleidem, ioooo Rundschau. Der Ueberfaö auf Mmtg. Paris, 11. Mai. (Havas.) Die Kammer hqt beschlossen, den Zeitpunkt der Verhandlungender Interpellation H e r r i o t über den Ueberfall auf Caillaux an einem noch zu bestimmenden Tag anzusetzen. Bezüglich der Banque Industrielle de Chine wurde die Beibehaltung des 18. Mai als Verhandlungstag für die betreffenden Interpellationen abgelohnt. Charles Ebelot, der bei denr Usberfall - a-uf Caillaux beteiligt war, hat'beim Verhör erklärt, er fei bei dem Zusanrmenftoß der -beiden Gruppen von Caillaux mit dem Revolver bedroht worden. Diese Angaben werden von Caillaux entschieden bestritten.. Die von dessen Freunden für morgen anläßlich der Joanne d'Arc-Feier geplante öffentliche Kundgebung ist verboten worden. Ebelot, der Advokat ist, wird sich auch vor der Advokatenkammer zu verantworten haben. Hadad Pascha geftorbeu. London, 12. Mai. (I. C. B.) Der Vertreter des Königs F a i s u l von Mesopotamien in London, Generalmajor Hadad P a s.ch a, ist im Alter von 60 Jahren in Nizza gestorben. Hadad 'Pascha spielte eine hervorragende Rolle in der arabischen Selbständigkeitsbewegung. Als die britischen Truppen Palästina besetzten, wurde er zum Stab des Lord Allenby kommandiert und sorgte für die öffentliche Sicherheit in Jerusalems Er wirkte stets für eine Verständigung zwischen den Arabern und den Zionisten. r Norbert Roth WS es?, VII., Marlahilferstrasse 88 a {Zitahof) Telephon 35-1-81 24t Me völkische Freiheltrpartei wieder gestattet, Berlin, 12. Mai. (Wolfs.) Im Reichstag führte Reichs-« minister des Innern Oes er zur Entscheidung des Staats, gerichtshoses in Angelegenheit des Verbotes der deutschvölkischen Freiheitspartei aus, diese Partei sei als Partei anzuerkennen, aber nach dem republikanischen Schutzgesetz sei auch ein Verbot pölitischer Parteien durchaus möglich. Nur Fraktionen könnten nicht verboten werden. Uebrigens solle den deutschvölkischen Abgeordneten nach einem Erlaß des preußischen Ministers Severing dasR echt gegeben werden, in Ver-' sammlungen zu ihren Anhängern zu sprechen. Der jugoslawische Freihafen in TalonM. Belgrad, 11. Mai. (Avala.) Gestern abends ist der griechi» ..sche Minister des Aeußern Alöxandris in Begleitung des jugoslawische Gesandte in Athen Balugcic hier eingetroffen. Heute fand im Ministerium des Aeußern eine Konferenz mit dem Minister des Aeußern Nineic statt, bei der die letzten seit der Unterzeichnung des Uebereinkommens bezüglich der Freizone im Hafen von Saloniki bestehenden Schwierigkeiten geregelt wurden. Das genannte Uebereinkommen, das ein Gültigkeitsdauer von 60 Jahren hat, behält Griechenland die Souveränitätsrechte in den Fragen der Polizei und der Rechtssprechung vor, gibt jedoch den jugoflawischen Behörden die Möglichkeit einer ausschließlichen Anwendung des jugoslawischen Zollregimes. Die Durchführung des Uebereinkommens beginnt mit heutigem Tage, wobei noch ein Reglement für die Eisenbahntarife und für die Beterinärkontrolle ausgearbeitet werden muß. Das deutsch-tzolnische HandelsrechtsawMMM Mgenommey. Berlin, 12. Mai. (Tel.-Korr.) Der Reichstag nahm heute .in allen drei Lesungen das deutsch-polnische Abkommen über das Handelsrechtsverfahren in Oberschlesien endgültig an. Ksenbahnattentat im MhrrMer. Eine gesprengte Bahnstrecke. Berlin, 12. Mai. Nach einer Blättermeldun-g aus Essen wurde gestern gegen emviertel 1 Uhr nachts die von /den Franzosen militarisierte Strecke Gottrop-Osterfeld, etwa 800 Meter nördlich des Rhein-Hevn-e-Kanäls, gesprengt. In Essen, das etwa 600 Kilometer von der Sprengttnie entfernt ist, erzitterten die Fensterscheiben infolge der gewaltigen Detonation. An der Sprengstelle trifft die Hauptstrecke mit den militarisierten Nebenstrecken zusammen, die als Zubringerbahnen fungieren. Durch die Sprengung ' ist die nöMiche Verbindung Wanne-Duisburg-Meiderick unterbrochen. Den Franzosen bleibt jetzt vorläufig nur noch die Verbindung über Kettwig-Werden. ■ ' Ein weiblicher Minister. Prag, 12. Mai. (Tel. der „Wr. Movgenzeitung".) Wie verlautet, wird der bisherige Ernährungswinister Ranke, der während'seiner ganzen Amtstätigkeit krank war, auf Aufforderung seiner Partei zuriicktreten. Als fein Nachfolger wird die gleichfalls der Nationalsozialistischen Partei angchörende Abgeordnete Frau Frana Zemin genannt. GROSSE OKKASION Htegefcimänte!! . . K 125.0Q0® jlfa?Dn- Ohm Leinenwaren, Waschwaren, f w ü“ wrn Stoffe, Wäsche — sehr billig Mb Schiff mann!I.. Taborstraße 48 Telephon 47-1 «79 En gros En detail Bei den taubstnmmen Kindern. Ein bekannter Wiener PrMigist hat die Taubgeborenen and Ertaubten einnval die Stiefkinder -des Mitleids genannt und damit sicherlich'den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Leiden - der Blinden ist nicht nur äußerlich siurffälliger, es fpvicht auch stärker zu. uuser-er Phantasie, zu uofewn: Gemüt, uud der müßte wohl schon ganz besonders verhärtet sein, der uugevühüt bliche beim Anblick des Hilfloser:, dessen Ailgenlicht eriloifchen ist. .Das Bliudenschicksal ergreift unser Herz, dev stillen Tragödie des Taubstummen achten wir nicht, oft genug wissen wir nicht einmal von ihr. . Das Haupt des Minden umschwebt der Glorienschein unerMeßlichen Leides, um das Martyrium des Tauben, um die Quallen seiner Eiusamikeit, um den Jammer des AuAgchchlosseüseins, tun das wirtschaftliche Mnd der Arlsbentnng, die ihn trifft, bekümmem wir uns weniig. Wir gehen dran vorüber, gsleichgMtig, gedaukenllos, achtlos. So wenig wie des erwachsenen Taubstummen gedenlken wir des taubstninmen Kindes, und so kann es geschchen, daß die Grzichnngsaustalt für jüdische Taubstumme in dem schweren. Existenzkampf keine Hiffe findet, daß chre Mittel Vevsiegen, - und, wenn die jüdische Wgemekttheit sich nicht im letzten Augenblick ihrer Pflicht erinnert, die- Anstalt ihre Pforten schließen muß, und damit über die unglücklichen Kinder eine Katastrophe hereinbricht, deren Bedeutung wir gav nicht ermessen können. Denn.wir alle, die wir den Klaug de-v .nienlschlichen Stimnre, die Geräusche des Alltags, Ges-aug uud Vogelgezwitscher, das Plätschern der. Bäche, das Rauschen der Baume, hören können, wir alle, die wir sprechen und Gedanken cmsitauschen können, deren Geist! uud Verständnis gebildet würde, wir alle wissen nicht, was das bedeutet: Taubstumm. Und wir lassen uns, nichts davon träumen, wie tief das Menschentum der Unglllncklichen yerabgewürdigt werden kann, denen die Uatu< d-as Geb"r eie Urache. versagt hat. Cs werden Kinder ius Heim gebracht, die sind „wie die Wand", so sagt mir eiu Lehrer, denr die unendlich schwierige, die eigentlich an Wundertat grenzende Ausgabe obliegt, die Ansäuger zu unterrichten. Sie sind von der UnrwM völlig getrennt, sie besitzen kcmerler, auch nicht das primitivste Vevstäudigungönüttc'f, kennen keine Zeichensprache, die über die sÄbstverstmMchsterr ÄMagsnotweudigkoiten hin-ausreicht, sic wissen mit zehn oder zwölf Jahren ihren Namen nicht, ja, sie Wissen vielleicht nicht einmal, was eiu Name ist. Mit blöden Angen starren sie in wirre Welt, fassungslos,^ verzweifelt öder stumpf, wie Tiere. Dann kommen sic in die Schule, kommerr zu Schicksalsgenossen. In ein paar Wochen leruerr sie, 'was voWMige Kinder in Jahren gelernt: Erst verstehest, dann denkeir, schlie-ß- -lich sich verständigen. Der Geist entwickelt sich und ans dern verstörten, scheuen Halbwilden wird in kürzester Zeit ein K'urd, fr-eund'lich, liebenswürdig, zulraul'ch, wie alle^anderen Kinder. Deru die allgemein verbreitete Ansichtvon derr schlechten geistigen nud Genrütsairlagen der Tawbstummen^ beruht zumeist aus schlechter Beobachtung. Außer dom schr begreiflichen Miß-? trauen des nicht Vollsinuigen halben die Taubstummen keine gemeinsamen Ehara-ktermervinale, auch ihr oft genannter Jähzorn nud ihre Reizbarkeit hat seine Wurzel gewöhnlich Mur in-der Schwierigkeit, sich der Aniwolt verstäMich zu macheni Es gibt unter den Taubstummen wie unter den Bollsinnigen gute uüd schlechte', kluge und dumme, verträgliche uud und erträgliche Kinder, uud es besteht daher auch durchaus kein 'Hiud-ernis, aus ihnen durch entsprechende Ausbildung tüchtige, der Allgomeirchei-t niitzliche Mentschen zir machen. Freilich, die Ausbildung ist nnoMßlich, denn mehr noch als jedes andere, ist das Kind, das des Gehörs beraubt ist, v-ou seinen: Lehrer abhängig. Trotz alledem aber ist die TaubstunMen-anstaA gezivun-M, alljährlichhitndert oder auch hundertlfnnifzig Kinder abzuweisen, uud muß frch sein, ihre achtzig Schüler erhalten zu können. Denn von dieser: achtzig kann für dr-ißig überha-nvt nichts gezahlt w-'^ni und für die anderer: nur sehr wenig. Mit dem Artwachsen des Elends ist eberr mich hie Zahl der Tauber: angewachser^ tveil vielen Kindern bei Evkraukurrger: die notwendige Pflege fehlte, weil niemaud Zeit hatte, den Säu-gling zu beöbachten und oft genug auch, die Mittel rrnd die Möglichkeit fchlten, Aerzte zu Rate zu zieher:. Man hatte -ja in der: Jahren zwiU-er: 1014 uud 1910 viel Wichti-geres zu tun, als sich um die Gelsmtdheit von Kiudern, uu: die Kläger: il)rer Mütter, zu Nmirneru, mau mußte ja das „Vaterland" verteidigen, dieses Vaterland, das nirgends bestand als in Akten und Paragraphen. Darüber ging so rnauches junge Menschenleben zugrunde, uud im Tauibftummenheim sieht mau nut: die Saat jener Schreckenssahre reifen. Da kommen sie aus allen Teilen Mästerreichs — denn für die aru:er: Juden des Ostens hat Oesterreich noch immer nicht zu bestehe:: aufgehört uud Wien ist immer noch der Mitteliprmkt des Reiches —kommen aus Tschechien, ans de'- Slowakei, aus der Bukowina und nairmntbich aus Galizien, kommen uud bitten mit aufgchobenerr Händen um Rettung für ihr Kind. FM)er war das Jnstttrrt die-seu: Ansturm gewachsen. Da Ödiö es Spenden, regelmäßige Zwlvendungen, und bei jedem froher: Famrliensest gedachten die Neichen der tanbstnrnmer: Kruder, iuden: - sie einen ,-StistP'lätz" irm den gewaltiger: Betrag von 20.000 Kronen errichteter:. Jetzt reichen die Zinserr aller dieser St-.stungen bei weiten: nicht dazr: hin, auch nur für ein einz'ges Kind zu sorgen, beträgt doch das Monats« Amdget des Wiises fast sechzig Millionen. Die Lage der 'Anstalt wird idadurch noch weiter erschwert, daß die looWaberiden Ettern vor: taubstnrM:en jüdischen Kindern, die in Wien leben, auch kein Interesse an dem Institut nchmer: nrüssen, gibt es doch vortreffliche öffenttiche T-:-übst'N:nm.:n.schulen. Aber für das Kind, dem -in Wien kein Heim offen steht, dessen Ettern -nicht d:e Mittel zur Vermgung haben,' Wohnung, Kost, Aufficht, Slraßerchahnsahrt «t. di« Schule rrud von de'- Schule z.r be.!.-.lrl."' Ur dieses Kind gibt