Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1524 (11.5.1923)
- Date
- 1923-05-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■EBfc 'i ffitat, OMlg ■; Meuer Morgenzesttms« Sie Maschinengewehre der Bolschewiken. LMtverg, K. Mar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Nus Dow wo treffen erschütternde Berichte über die schreckliche Lage der ruffischen Flüchtlinge, die über Korzee (in der Rahe von Rowno) nach Rußland repatriiert werden, ein. Ihre Lage ist derart verzweifelt, daß der Bezirkshauptmann von Rowno die Woiwodschaft telegraphisch ersucht hat, bis zur Regelung der Repatriierungsangelegenheit mit der bolschewikischen Regierung däe Ausweisung der Flüchtlinge einßu st eklen. Die Szenen beim Uebergang der Flüchtlinge auf das ruffische Territorium sind entsetzlich. Die polnischen Wache- Posten fuhren gewöhnlich die russischen Flüchtlinge in kleinen Gruppen zu fünf'bis sechs Personen bis zur Grenze. Hier werden sie jedoch von den russischen Wacheposten mit Maschinengewehrseuer begrüßt. Ganze Gruppen von Flüchtlingen sind in der Nähe von Rowno gezwungen worden, über einen Teich, wo sich eine schwache Brücke, die kaum einen halben Meter breit ist, befindet, die Grenze zu passieren. Ganze Gruppen sind hier nnt ihrem Gepäck infolge der Üeberlastung der Brücke ins Wasser gestürzt. Stur wenige Personen konnten kaum ihr Leben retten. Die menschliche Phantasie kann sich schwer diesen trostlosen Zustand der Flüchtlinge, die von Polen Vertrieben und nach Rußland nicht eingelassen werden, vorstellen. Bisnun sind bereits zahlreiche Flüchtlinge von den russischen Grenzposten angeschossen worden, wobei viele den Tod fanden. Auch bei Mogilni wurden die Flüchtlinge von den bolschewikischen Wacheposten, die sie nicht hineinlassen wollten, nnt Maschinengewehrseuer empfangen. Der jüdische Klub hat bereits in dieser Angelegenheit interveniert. Lord Setfl Wer Amerika. London, 10. Mai. (Wolfs.) In den „Times" schreibt <ord Robert Cecil cntf Grund seiner in Amerika gewonnenen Eindrücke, dort scheise jedermann der Ansicht zu sein, daß die B e fe tz u n g des R u h r g e b i e t e s mit dem seifte des Völkerbundes und mit den allgemeinen Verrichtungen seiner Mitglieder vollständig unvereinbar sei. Er habe keinen einzigen Mann getroffen, der nicht her Ansicht gewesen wäre, daß die Besetzung 'des Ruhrrcoietes das größte Hindernis für die Mitgliedschaft im Völkerbund sei, und viele hätten erklärt, es habe keinen Zweck, daß Amerika dem Völkerbund beitrete, solange geksisse Mitglieder des Völkerbundes zeigen, daß es ihnen sucht wirklich ernst damit sei, internationale Streitfragen anders als durch .Gewalt zu lösen. Englischen Zeitungsmeldungen zufolge macht jetzt die ehemalige deutsche Kolonie in Ostafrika (Deutsch-Ostafrika) sine schwere finanzielle Krisis durch. Obwohl die Einrahmen der Kolonie seit der Eroberung durch die Engländer aufs Achtfache gestiegen sind, deckten sie nur zur bälste die Ausgaben, da die jetzige Verwaltung zirka 800 Beamte beschäftigt. Die Steuerlast erdrückt jede Handelsrwglichkeit. Ans London wird uns berichtet: Der Vertreter der Firnes" in New-Aork meldet ein Anschwellen der Ku rlux Klan-Bewegung in den nördlichen Staaten Nordamerikas. Letzthin wurde in einer Farm im tör-dlichen Teile von New-Aersey, ettva 30 englische Meilen New-Dork entfernt, die feierliche Einführung von 1500 stovizen voltzogen. Der bei Mondschein abgehaltenen Feier joohnten etwa 12.000 Personen bei, die in Autos und auch ch Fuß herbeigeeilt waren. Die Ku Klux Klan-Bewegung sichtet sich bekanntlich speziell gegen Katholiken, Juden und steger. An Fnftizmord in Saloniki. - Der Korrespondent des Jerusalemer „D o a r - pajom" berichtet aus Saloniki über einen Justizjn o r d, begangen an zwei jüdischen Händlern, die der B e u Hilfe zum Hochverrat angeklagt waren, weil sie Drahtaösälle von Zigeunern kauften, die aus Diebstählen an Telegraphenleitungen stammten. Das Urteil lautete gegen die Zigeuner aus 15 Jahre für den einen und pnf lebenslängliches Zuchthaus für den zweiten, für die Herden Juden dagegen auf Tod dur ch Erschießen. Am darauffolgenden Samstagnachmittag, um 5 Uhr, erhielt der Oberrabbiner von Saloniki, Usiel, vom ß ti egs geri cht die Aufforderung, einen Rabbiner zur Abnahme der Beichte der Verurteilten zu entsenden, was er jedoch mit der Begründung verweigerte, >ba§ an Samstagen und Feiertagen keine Exekution vorgenommen werden dürfe. Obgleich eine jüdische Abordnung beim König Weyen Begnadigung angemeldet war, wurde die E x e k uitio-u vollzogen, worauf dann die Begnadijduing erfolgte. Am folgenden Tage brachten die griejchischen Zeitungen antisemitische Artikel, in welschen die Juden des „Landesverrates" und der ,/Spionage zugunsten fremder Mächte" angegriffen wurden. Ftaliens Mrfome für feine Auswanderer. Die Tatsache, daß Italien eimn alljährlich steigenden Geburtenüberschuß nich eine darin begründete starke Auswanderung autzrrweisen hat, hat bei dem kindlich erfolgten -Versuch, Italien zu einem Bündnis mit Frankreich zu Drängen, eine hevvorragerwe Rolle gespielt. Von französischer -Seite schlug man nämlich vor, die seither größtenteils nach?LateinameMr gerichtete Auswanderung nach Franker eich zu lenken. Italien sollte dafür Kohlen uttfc Ei s e n sowie Halbfabrikate zu Vorzugspreisen erhalten. Die italienische Negierung ist auf den Vorschlag nicht ^eingegangen; sie wendet aber nach wir vor dem für das >Land schr wichtigen Problem der Auswanderung die größte rAuftnerkscckckeit zu. Sie trifft Vorkehrmngen, daß die Lanldeskinder, die jenseits der Meere Arbeit und. Bevdienst suchen, soweit dies möglich ist, schon in der H e i m a t für will damit zugleich den Durchschnittswert der italienischen Auswanderer heben und das Ansehen Italiens in der Ferne starken. Die Aufgabe, die sich das AuswaMrungsanrt gestellt hat, ist eine doppelte: einerseits sollen diejenigen Auswanderer, die über keinerlei Schulbildung verfügen, die notwendigsten Kenntnisse im Lesen und Schreiben erhalten; andererseits sollen sie in ihrem Berufe gründlich ausgebildct werden, Ivenn möglich, in ei nein Zweige dieses Berufes sich gründliche Fachkenntniffe erwerben. In denjenigen Gebieten, die die meisten Auswanderer liefern, wurden zahlreiche Abendschulen eingerichtet, die von 30.000 Ertoachsenen besucht wurden, von denen 15.000 mit genügender - Vorbildung entlassen werden konnten. Zu beu im Jahre 1921 eingerichteten Kursen für Zementarbeiter, mit denen man in Venetien begonnen hatte, kamen im Laufe des Jahres 1922 in den Auswanderergebieten solche für Maurer, Schreiner, Zimmerleute, Stuckarbeitcr, Mosaikarbeiter; Kurse für Bergarbeiter ‘ sind in Vorbereitung. Die bis jetzt erzielten Erfolge sind mach Mitteilungen des Auswandereramtes mehr als befriedigend. Das Auswandereramt ging aber noch weiter. Um die Auswanderer in der Ferne nicht fremden Unternehmern auszuliesern. versuchte man, besonders geeignete Leute zu Führern auszubilden, die befähigt werden sollten, die answandernden Arbeiter in eigenen Unternehmungen zufam-" menzusassen. So wurden zunächst an drei verschiedenen Orten zur Ausbildung von Verwaltern landwirtschaftlicher Anlagen eingerichtet, von denen zwei für die Auswanderer nach Südamerika, der dritte für die Auswanderer nach den englisch sprechenden Ueberseegebieten bestimmt sind. Eine Konferenz der Auswandererstaaten. Gemäß dem Beschluß der römischen Konferenz hat am 9. Mai im Palazzo Ehiggi in Gegenwart von Vertretern Oesterreichs, Italiens,, Spaniens, Ungarns, der Tschecho-Slowakei, Jugoslawiens, Bulgariens, Polens und Rumäniens die Konstituierung des Permanenzkomitees der Auswan derer st aaten stattgofuinden. Ministerpräsident Mussolini eröffnete die Beratung .mit einer Ansprache, worin er erklärte, daß die Länder, die Arbeitskräfte ausfuhren, ihre gemeinsamen Interessen ebenso verteidigen wollen wie jene Länder, die Rohstoffe exportieren, ihre Privilegien zu schützen suchen. Das Nachrichtenamtdes italienischen Generalkommissariats fiir die Auswanderungsfragen soll die Verbindung zwischen den Answandevungsärntern der einzelnen teilnehmenden Staaten bilden. Die neue Oganisation wolle dafür sorgen, daß die Auswanderer in ihrer neuen Heimat eine Behandlung finden, die ihrer Bedeutung für die Entwicklung 'der neuen Länder entspreche. Ser „Wische" Kirchensturm in Rußland. Die in jüngster Zeit von den Bolschewiken angestrengten Prozesse gegen katholische und andersrelligiös e Würdenträger hoben -dem internationalen Antisemitismus das willkommene Signal gegeben, die antijüdische Walze mit verstärktem Geräusch rollen zn lasten. Was sich in Rußland' begibt, wird aus die einfache, ans der jüngsten Aniisemitensibel, den „Gcheimnisten der Weisen von Zion", bezogene Formel -gebracht und der bolschewikrsche .Kampf gegen die Vertreter -der kirchlichen Macht als ein Attentat des Alljudentuins .gegen die christliche Zivilisation ,/entlarvt". Mit den Protesten gegen die bolschewikischen Kircheustürmer wird eine heftige Pogrmnhetze entfacht, angesichts deren es wohl sicher ist, daß ihren Arrangeuren die moralische Entrüstung willkommene Vorwände bietet, und die Warschauer antisemitischen Exzedenten haben sich in ihrer Betätigung cm jüdischen Köpfen durch die Erwägung keineswegs abihalten lassen, daß die antireligiöse Politik in Rußland mit den Juden keineswegs Ausnahmen macht. Nunmehr soll der Repräsentant der autvchtho-nen russischen Kirche, der Patriarch T h ch o n, an die -Reihe kommen, der unter der Anklage steht, die Gegemevolbuti-oin gefördert zu haben, weil er nach dem Sturz des Zarismus -das Patriarchat wieder aufrichten wollte. Die Bolschewiken haben mit der russischen Kirche ihre besonderen Absichten: die orthodoxe Kirche soll ein Wertzeug ihrer Politik werben, weil dies als der geeignete Weg erscheint, die Bauern unter den Einfluß der Sowjetmacht zu bringen. 'So-wird die niedere Geistlichkeit fo* Onstigt, das Sektenwefen gefördert und in den 'letzten Tagen tagte-das Kirchenkonzi'l, welches nach dem Willen der Sowjets, Jifc» Wwt'SWto» «MüriteMiib ", fl. Mai KW_Nr. «2$ Wie nun aus einem Mlfruif des Pariser Russischen Na« tion-alkmnitees hervorgeht, haben die Bolschewiken Delle deorthodoxen Klerus und sogar Erzbischöfe auf ihrer Seite, das Konzil in Moskau hat zahlreiche ausländische Christen, auch Nichtorthodoxe, zur Teilnahme eirrgeiladen, und die starke methodistische Kirche Amerikas hat eins Delegation zu diesent Konzil entsandt. Der Aufruf dieses „russischen National» Komitees" protestiert dagegen, daß von protestantischer Seite versucht werden könnte, die Reformation -nach Rußland zu verpflanzen, und ru‘ft die christlichen Völker und Regieruu-gep auf, gegen die Verurteilung des orthodoxen Tychon ebenso zu protestieren wie sie es im Falle der Prozesse gegen die katholischen Würdenträger getan haben. Für alle Fälle verdient die Konstatierung festgehalten zu werden, daß die Bolschewiken bei ihrem Vorgehen kirchliche Funktionäre und sogar Erzbischöfe an der Seite haben, wa! aber die Apostel der ,Meisen von Zion" nicht abhalten dürste aus Anlaß -des Tychon-Prozestes ihre Meute loszulaffen. KunftauMo« zugunsten der Rothschild- Spttals. Im Knnsifalon Albert Kendo gelangte Mittwoch und Donnerstag der rsiche Nachlaß des Grazer Sammlern Alexander Koppel Mw Versteigemng. Das Erträgnis dieser Auktion fließt dem Rothschild-Spital zu. Unter den zur Feilbietung stechenden Kunftgegenistäüden befanden sich eine Menge Gemälde von der Hand bedeutender Künstler, wie Blaas, Dieffenbach, Friedlander, Kaufmann, ferner ältere Meister. Die Bilder fanden sämtlich Käufer und erzielten ansehnliche Preise. Weiters standen Antiquitäten, Bronzen, Kupferstiche und Möbel p* Versteigerung, die gleichfalls verkauft wurden, wahrerÄ verschiedene Stücke von besonderer Schönheit und großem Wert merkwürdigerweise zurückblieben. Im Auktionsfaale hatten sich zahlreiche Käufer eingefunden, und der Betrag, der den: Rothschild-Spital znftießt, dürfte ziemlich beträchtlich sein. _ Sberrabbiner Glarner in Me«. Wie bereits berichtet, ist -Oberrabbiner Glasner md- Klausenburg auf der Durchreise nach Palästina am 7. d. in Wien ang'ekommen und sprach am 8 d. w einer vom M i sr a ch i in dem Saal des ,Iteichshof" einbenffenen Maffenver-' sammlung über die Lage des Mischen Volkes und Säe Stellung der jüdischen Parteien zu PMstina. Der Redner, dcffen würdige PatriarchenerschemMg auf die Zuhörer, deren Zähl der Saal kaum fasten konnte, einen starken Eindruck nmchte, zeichnete in großen Zügen ein Bild der Lage des Jirdentums, kennzeichmte die llinhaltlbarikertder Auffaff-ung desselben als blloße Religionsgemeinschaft und beschäftigte sich dann mit den Juden, denen die Thora lieber ist als Israel. Gr zeigte, daß eine geringe Meinung von dem Werte der göttlichen Lchre darin liege, wenn man meine, sie nur durch Gewalt dem neuen Mischen Gefchlechte in Palästina auf« zlvingen zu können. Dis größte aller Wunder, die je geschehen, sei die Einmütigkeit, mit der die Mächte unseren hi^ storischen Anspruch aus das Land unserer Verfassung' anerkannt und es zu einer Heimstätte für uns bestimmt haben- Herzl habe in seinen kühnsten Träumen dieses Wunder nicht zu erwarten gewagt. Redner selbst wolle in Palästina suchen, durch die Macht seines Wortes unsere braven Chaluzim auch zu Juden in religiösem Sinne zu machen, und wünsche dem Misrachi, daß er binnen Jahresftist alle Gesetzestreuen in seirren Reihen vereinige. Stürmischer Beifall folgte den Aus»' führungen des Gelehrten. Der Oberrabbiner Glasner ist bereits mit seiner Familie nach Palästina alterst. Paderewskis neue Karriere. Ein eigenartiges Mißgeschick, das aber schr lustig ist und zugleich zeigt, wie in den amerikanischen Staaten Gesetze ge» macht werden, traf jüngst den Klaviervirtuosen Paderetvs k i, der nach der Errichtung des polnischen Staates eine Zeitlang Ministerpräsident war und Ausflüge ins politische Gv biet machte, die er aber dann gänzlich aufgab, um sich wieder völlig der Tätigkeit am Flügel zu widmen, während er potttisch am rechten Flügel zu finden war. Aus seinen amerikanischen Konzertreisen kam Paderewski auch nach Taxas, wo er. übrigens schon vor dem Kriege öfters konzertiert hatte. Das Unterhaus der ' gesetzgebenden Körperschaft des Staates Texas, welches gerade in der Hauptstadt Austin versammelt war, hatte das Bedürfnis, Paderewski zu hören und so wurde ein Antrag auf die Tagesordnung gestellt, der wörtlich lautete: „Das Unterhaus wolle beschließen, Ignaz Paderewski, dem großen russischen Expremierminister und Barilo. niste n, den Willkolnmgruß des Staates zu entbieten und ihn einzuladen, vor den gesetzgebenden Körperschaften zu singen." Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Wie ihm Paderewski entsprochen hat, wird nicht berichtet. Schade. Der GWlpuntt schamloser Hetze. „Judas Macht umb Ei-nifLüß r-m Kulturleben Oesterreichs" . betitelt sich eine Schrift Leo Hanbenbergers, von deren Existenz wir aus einer Besprechung im antisemitischen Leipziger Kammer", einem der ekligsten Msche auf diesem Gebiete erfahren. Ein MV» von: Geiste dieser Schrift gewinnt man ans den Schlußsätzen dieser Razenfion, die wir hierhersetzen wollen alks Beispiel für die beisPieKvse Gemeir.heit, nrtt welcher diese „Raffe" ihr Berhetzuirgswerk betreibt. Sie lauten: „WeibesfchäMlng, Mädchenhandel' — ein» Judendomäne. Und die immer zahlreicher vevschßvin-denden nichkjndischen jungen Menschen?! Warum, verschwinden keine Mischen. Aus Alledem füÄt und lo^iß u$an: die Stunde des Gerichts ist vxft&J!