Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1522 (9.5.1923)
- Date
- 1923-05-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SM 4 Nie», Mttwoch Rundschau. Irr 13. Zionistenkongreß in Karlsbad. _Wiener Morgenzeitung.__b. Mai liKa_ Nr. 1822 Ser Kampf gegen den ““;; ' '. M MgkeU der Wiener Polizei. Beginn am 6. August. Die Exekutive -er Zionistischen Gesellschaft teilt uns mitr Auf Grund der vom Aktionskomitee in der Sitzung vom 14. Jänner 1923 erteilten Ermächtigung wurde vom Präsidium des Aktionskomitees im Einvernehmen mit der Exekutive der Beschluß gefaßt, den 13. Z i on iste n-K ongreß für den 6. A u g u st nach Karlsbad (Tschecho-Slowakei). einzuberufen. Ort und Zeit des Kongresses wurden nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände und nach Prüfung der vorhandenen Vorschäge und Untersuchung der lokalen Verhältnisse festgesetzt. * Der Kongreß wird im Karlsbader Schützenhaus tagen. Das mit den Vorbereitungen betraute Kongreß-Bureau wird unter Leitung des Herrn Dr. Bruno K i r s ch n e r seine Tätigkeit am 19. Mai aufnehuien. Die Adresse des Kongreß-Bureaus lautet: Bureau des 13. Zionistenkongresses, Schützenhaus, Karlovy Vary (Karlsbad), Tschecho-Slowakei. Telegrammadresse: Congreziou Karlsbad. Zuschriften, die sich auf Unterbringung und Verpflegung von Delegierten und Gästen, auf Reservierung von Plätzen beim Kongreß und dergleichen beziehen, sind an das genannte Kongreß-Bureau zu richten. Dagegen sind sämtliche Mitteilungen betreffend die Abrechnung von Schekalim und die Wahlen zum Kongreß nach wie vor an die Exekutive nach London (77, Great Russell Street, W. C. i.) zu richten. Weitere Einzelheiten betreffend den Kongreß werden fortlaufend veröffentlicht werden. Die Sitzung des Aktionskomitees findet Montag den 4. Juni statt. Englands Antwort. Eine Erklärung Baldwins. London, 8. Mai. Fm Unterhause, erklärte Schatzkrnzler Baldwin bezüglich der Ruhrfrage, die deutsche Rote sei an die alliierten Hauptmächte gerichtet worden. Der britische Standpunkt sei demnach, daß es die beste und vernünftigste Methode gewesen wäre, zusammen mit der französischen, der italienischen und der belgischen Regierung eine gemeinsame Antwort zu erteilen, zumal, da die deutsche Note die Antwort auf eine öffentliche und offizielle Anregung sei, die der britische Minister des Aeußern Deutschland gegeben habe, und die alliierten Mächte an den Reparationen ebenso wie Frankreich und Belgien interessiert seien. Es sei die Meinung der britischen Regierung, daß es keine unüberwindliche Schwierigkeit gewesen wäre, eine Kollektivantwort auszuarbeiten, wobei es den Regierungen von Belgien.und Frankreich unbenommen bleiben könnte, die Fragen der jüngsten Besetzung deutscher Gebiete gesondert zu behandeln. Wie in politischen Kreisen verlautet, wird die -englische Regierung in ihrer Note der Hoffnung Ausdruck geben, daß Deutschland in der Lage sein werde, in naher Zukunft ein neues Angebot zu unterbreiten, das für Frankreich und die übrigen Alliierten annehmbar wäre. Es sei der Wunsch der britischen Regierung, die Tür zu Verhandlungen bis zum letzten Augenblick offen zu ballen. Jas Urteil im Krapp-Prozeß. 16 Jahre Gefängnis und IW Millionen Geldstrafe für Krupp. Werden, 8. Mai. (Wolff.) Nach mehr als zweistündiger Beratung wurde gegen 6 Uhr nachmittags das Urteil gesprochen. Es erhielten je fünfzehn Jahre Gefängnis und 100 Millionen Geldstrafe Krupp v. Bohlen und Halbach, die Direktoren Hartwig und Oesterlen, zehn Jahre Gefängnis und hundert MMonen Geldstrafe Direktor Bruhn, 20 Jahre Gefängnis und 100 Millionen Geldstrafe die Direktoren Schaffer, Baur, Schräppler und v. Cuntz, Betriebsführer Groß erhielt zehn Iah re Gefängnis und 50 Millionen Geldstrafe, Betriebsrats Mitglied Müller sechs Monate Gefängnis. 21 der 23 Schuldsragen wurden bejaht. Die Angeklagten sind eines Komplotts und der Störung der öffentlichen Ruhe für schuldig erklärt worden. Die Verurteilung erfolgte bei allen einstimmig, mit Ausnahme von Krupp sowie des Direktors Bruhn, die mit drei gegen zwei Äiwmen verurteilt wurden. Bei Müller erfolgte . die Verurteilung lediglich wegen Störung der öffentlichen Ordnung. Masarhl führt «ach Paris. Prag, 8. Mai. (Tel. der ,Mr. Morgenzeitung".) Wie in hiesigen politischen Kreisen verlautet, soll Präsident M a- I a r y k in den nächsten Woche» WÜ Msu» Vorgestern erst.hat der jetzt in Wien tagende Weltkongreß jüdischer Frauen zu der Frage des Mädchenhandels Stellung genommen und sich in ernster Meise mit dieser Pestbeule am Körper der nvenschlichen Gesellschaft befaßt. Es ist nicht das erstemal und wahrscheinlich auch nicht das letztemal, daß auf Kongressen und Bevsmrvmlungen von diesen Dingen gesprochen wird. Eine ganze Reihe von Tagungen, die ausschließlich dom Mädchenhandel gewidmet waren, haben darüber beraten, wie man dem Uebel am besten beikommen könnte. Vor nicht allzu langer Zeit hat anläßlich eines Berliner Mädchenhändlerprozsses ein Kriminalbeamter, der wohl als Fachnmnn gerade auf diesem Gebiete gelten darf, die Ansicht ausgesprochen,' daß es einen wirklichen Mädchenhandel eigentlich nicht gelbe. Dieses Gutachten war einigevnraßen überraschend. Im Anschluß an diese Aeußerung wird rS interessieren, wie es in Wien mit dem Mädchenhandeil ausisieht. Im Wiener SicherheitsbuDean ist die Zentralstelle für die Ueberwachung des Mädchenhandels; chr Chef ist Regierungsrat Dr. Weinberger, zugleich Chef der Sittenpolizei, sein Stellvertreter Regierungsrat Dr. Gellner, 'beide gründliche Kenner der Materie, denn sie arbeiten beide schon fast zwei Jahrzente aus diesem Gebiete. In liebenswürdigster Weise gelben beide Herren über den interessanten Stoff Tliusknnft, über ihre Arbeit und die Mittel, die der Polizei zu Gebote stehen, den Mädchenhandel zu bekämpfen. Da sind zunächst die Evidenzbehelfe der Zentralstelle, deren Ueberwachnngsgebiet nicht nur Wien, sondern ganz Oesterreich, früher sogar alle im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder war. In einen: eigenen Zimmer ist in einem Schrank eine Kartothek untergebracht, die die Namen aller Personen, die als Mädchenhändler bekannt oder des Mädchenhandels verdächtig sind, enthält. In einer anderen Abteilung sind die Photographien und Meßkarten sowie die daktyloskopischen Ausnahmen aller dieser Deute aufbcwahrt. Dies allein ist schon eine recht stattliche Sammlung. Biel wichtiger alber sind die aus der ganzen Welt, ans allen Ländern und Erdteilen stammenden Verzeichnisse aller öffentlichen Häuser, zweifelhaften Vergnügungslokale, Nachtcafes, Stellenvermittlungenbuvecms und ihrer Inhaber. Alle Großstädte der Welt sind hier vertreten. Diese Sammlung wurde im Jahre 1913 angelegt, wurde durch den Krieg unterbrochen und soll jetzt wieder fortgesetzt werden. Schon diese Dokumente würden genügen, mn zu beweisen, daß es einen organisierten internationalen Mädchenhandel gibt. Ms Hauptland der Verschleppung der Opfer des Mädchenhandels gelten in erster Linie Argentinien und Brasilien. Der Akt Buenos Aires'allein ist ein stattlicher Wand mit vielen Tausenden von Namen, unter denen sich zahlreiche Europäerinnen befinden. Nicht geringer ist das Material, das New-Aork stellt. Aus allen diesen Dokumenten und Mitteilungen geht mit unwiderleglicher Gewißheit hervor, daß die darin genannten Personen Die Reaktion i« Litauen. Kowno, 7. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die Regierung unternimmt alle möglichen Schritte, um die Freiheit der Wahlbewegung zu unterdrücken. Sie scheut selbst nicht vor dem Mittel zurück, die bedeutendsten Führer der Arbeiterschaft und der nationalen Minderheiten auszuweisen. So wurde der bekannte Arbeiterführer, der gewesene Abgeordnete Knziwsky, ausgewiesen, ebenso der Führer der polnischen Minoritäten, der ebenfalls dem früheren Sejm angchörte. Die Regierung verbietet das Anöringen von Wahlplakaten der Arbeiterparteien und nationalen Minderheiten. Ebenso bereitet sie Schwierigkeiten bei der Abhaltung von WMevversa-mmlungen. Die antisemitischen Parteien terrorisieren die Bevölkerung und Hetzen sie gegen die Juden und nationalen Minderheiten auf. d Bor einigen Tagen haben in der Nähe der Bahnstation Kejdanh zwei Christen in den vorbeifahrenden Zug einen Stein geworfen, wobei der jüdische Reisende RaLinowicz verwundet wurde. Der Kondukteur bestrafte den Rabinowiez mit 10 Sit., weil er „die Ursache des Sch eibeneinschlagens gewesen fei". ANS aller Wett. Moskau, 8. Mai. Das Kirchenkonzil hat beschlossen, den gregorianischen Kalender e-tnzulfühven. Alba ny. 7. Mai. <Reuter.) Die gesetzgebende Versammlung des Staates New-Uork hat das Gesetz über das Berlbot alkoholischer Getränke aufgehoben. Die Ueberwachung der Anwendung dieses Gesetzes wird fortan den Bundesbhörden obliegen. . „ Berlin, 8. Mai. Wie die ,-Bvssische Zeitung" aus Köln meldet, ha'ben sämtliche iLekboven der dortigen Universität ihre Lehrtätigkeit in diesem Semester nicht ausgenommen, da ihre Forderung nach einem ungefähr sechshundertfachen Friedenshonorar abgelchnt wurde. Berlin, 6. Mai. Reichskanzler Dr. C u n o ist von seinem kurzen Erholungsurlaub aus Freudenstadt in B e r l sin wieder eingetroffen. B e r l i n, 6. Mai. Der Sohn Hugo S t i n n e 8' ist auf einer Autofahrt verunglückt. StinneS jun. wurde aus dem Wagen geschleudert uttb erlitt eine Gehirnerschütterung. Berlitz, 8. Mai. Nach einem Erlaß des preußischen Unterrichtsministeriums sollen Hochbegabte, die namentlich im Beruf den Beweis vortrefflicher Leistungen ergeben haben, auch ohneReifezeugnrS zum Hocklichullludium JiMk!** tc ff «4» Mw» gegen ihren Willen und Wissen in öffentliche Häuser verschleppt und der Prostitution zngtk führt wurden. Die Frauen, um die es sich da handelt, stammen zumeist aus Galizien, der Bukowina, Südrußland und Böhmen; man kommt sehr häufig aus jüdische Namen der Opfer. In zahlreichen Fällen ist cs der Wiener Polizei' im Lauft der Jahre gelungen, Mädchenhändler in Wien auszufovscher und der Bestvasung zuzuführen. In früheren Jahren hat Wie« auf dem Gebiete des internationalen Mädchenhandels ein: ziemliche Rolle gespielt. Seit depr Umsturz hat Wien in diese: Beziehung glücklicherweise an Bedeutung wesentlich verloren Nun führte Dr. Gellner eine ganze Anzahl von interessanten Fällen an, die .ebenfalls für die Existenz, eines organisierten internationalen Mädchenhandels sprechen. In der großen Schar dieses Gesindels sind alle Nationen, von Spanien bis Rußland und beide Amerika vertreten, leide: auch die Juden in nicht geringer Zahl. Wenn der Berliner Sachverständige die Ansicht aussprach es gebe eigentlich keinen organisieren Mädchenhandel, so ist dies zum Teil richtig, -denn man muß zwischen Mädchenhandel und Kuppelei unterscheiden. Der letztere Begriff bezieht sich ausschließlich auf Frauenspersonen, die bereits der Prostitution anheimgesallen sind. Sicher ist, daß die zahlreichen Anzeigen, über abgängige Mädchen nicht immer etwas mit Mädchenhandel zu tun haben. Die meisten Fälle erweisen sick als ziemlich harmlos. * Wenn man das Gesagte kurz zusammensaßt, so läßt sich sagen, daß die Existenz eines internationalen organisierten Mädchenhandels nicht geleugnet werden kann. So weit sich die Frage auf Wien und Oesterreich bezieht, haben diese Gebiete seit der Errichtung der Republik und der damit zusammenhängenden Abtrennung von Galizien, der Bukowina und Böhmen an Bedeutung verloren, da diese Länder gerade der Sitz der MädchenhäMer und ihrer Opfer waren. Trotzdem hat die Zentralstelle auch heute noch Gelegenheit gohäbt, internationale Mädchenhändler in Wien anzuhalten. Allerdings konnte ihnen eine Tätigkeit nicht nachgewiesen werden, was insbesondere aus die gegenwärtigen hohen Reisekosten, die Paß« schwierigkeiten und verschiedenen Grenzrevisionen zurückznsühren ist. Begünstigt wird der Mädchenhandel übrigens nock dadurch, daß es bis jetzt in Oesterreich noch kein Gesetz dagegen gibt. Alle Fälle von Mädchenhandel wurden bloß nach den End führungsparagraphen bestraft. Im neuen Strafgesetz soll aus Anregung der Zentralstelle ein eigener Paragraph gegen den Mädchenhandel geschaffen werden. Natürlich ist das Uebel mit Polizeimaßnahmen allem nicht zu bekämpfen. So lange es öffentliche Häuser geben wird, werden sich immer Personen finden, die sich damit befassen, Frauen in diese Häuser zu verschachern. Die Polizei kann nur einzelne Fälle verhindern, überwachen — die Krankheit selbst heilen kann sie nicht. Denn «die Wurzeln des Hebels liegen in einer Gesellschaft, in der durch die Nachfrage das Angebot an solcher „Ware" hervorgerufen wird. Tagesbericht. Sie Lage in Palästina. Ein Vortrag des Ing. Robert Stricker. In einer sehr zählveich besuchten, von der Zionistischest Sektion 2, Prater, Samstag abends im Cafe Venedig veranstalteten Versammlung, hielt Oberbaurat Ing. Robert Stricker einen Vortrag über „Die jetzige Lage xt Palästina". In nahezu, einsiündiger, wiederholt von lebhaften Zustimmungsrufen begleiteten Rede beleuchtete er zunächst die ernste Lage unserer Pioniere in Palästina, der Chaluzim, und die Schwierigkeiten, mit denen diese zu kämpfen ha-ben. Umso wichtiger fei daher die A r b e i t f ü r Palästina, die von uns Juden in der Diaspora geleistet werden müsse. Diese Arbeit für Palästina kann aber keine Parteisache sein, sie muß Angelegenheit des ganzen Volkes werden. Früher habe man sich vovstellen können, daß Juden erklärtensie gehe der Zionismus, diese „Utopie", nichts an. Das >war vielleicht richtig, solange Palästina noch keim Realität, sondern nur ein Programm war. Damals durften einzelne Inden sich zu diesem Programm günstig oder ungünstig stellen, wie es ihnen eben paßte. Heute aber,, wo Palästina keine Utopie mehr, sondern Realität geworden sei, bedeute Antizionist sein noch anderes als unsinnige Pavteipolitik. Wir Juden haben einmal Palästina bekommen, und wir dürfen es nicht zurückweisen. Es kann heute keinen Antizionismus in dem Sinne mehr geben, daß ein Jude Palästina ab'lehnt. Er kann sagen, es werde noch lange dauern, bevor sehr viele Juden in dieses Land kommen, kann mit der Tätigkeit der Zionistischen Organisation unzufrieden fein, aber er kam nicht sagen, das Schicksal dieses Landes ist mir gleichgültig. Antlzwnismus bedeutet heute Volks verrat. Er bedeutet eine Versündigung an der Person des einzelnen, toU an der Zukunft der jüdischen Gesamtheit Palästina ist aber nicht lediglich eine Zufluchtstätf für unsere armen, verfolgten Brüder; wir haben früher zu ivenig betont, daß Palästina vor allem eine Zufluchtstätft für das jüdische Volk in feiner Gesamtheit fein muß. Redner verwies ferner auf die Mannigfachen Widersacher und Feinde, die dem Judentum allerorten in immer, ■ßtäkm ZM Mtehey, fMt -M jtog MM es Wi vtzp! 859556