Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1519 (6.5.1923)
- Date
- 1923-05-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Mai 1923 ~ '*;■ _ in Favoriten. Was Herr Frank zu den Krawalle» r« sagen hat. Wiener Morgenzeitung. Men, Sonntag Kr. Md Seite 5 ttvsgien Zeiten dieser NeutvalrtWstandPunkt verlassen!wird; so hat während der Unruhen „Al Napir" eine scharfe Schwenkung zu den Pogronchetzern vollzogen,!vas das Blatt aber rvicht hinderte, später wieder neutral und sogar judensreawdlich zu werden. Auch dies ist ein Zeichen der wenig festen Position der arabischen Kresse in der öffentlichen Meinung des Landes. " ° " Set bitterernste Saphir. Die Welt kennt Saphir nur als. den Humoristen. dessen Hauptaufgabe eL war, seine Leser zum Lachen zu bringen. Kn Nachstehenden Vervffent- Uchen wir eine fast ganz mbskarmte Arbeit ans Sahirs Feder, die chn von einer ganz anderen Seite zeigt. Gratulationsschreiben an meine Freundin Sara Levi zum Tode ihres einzigen 12jährigen Sohnes. Der Gatt Ihrer Väter, dorsellbe Gott der Gnade und tt «wogen Liebe, der das Kreuz und den Halübmand, die Synagoge, die KirHe, die Moschee und die Götzemte-mpel mit seiner allwaltenden BaLmherzigkeit ülberstralhllt; der Gott Ihrer Väter, weicher in seiner Göttlich>keit WMet, in der Liebe 'der Mutier zum Sohne, so am Kreuze wie an der Bundeslade, so heim Koran wie beim Fetisch; der Gott Ihrer Väter, der Gott unserer Väter, der Gott aller Menischen, die Licht trinken aus seiner Sonne, die Lnft athmen aus seinem Odem, die Gnade saugen aus seiner Barmherzigkeit und die ein ewiges Leben hoffen von seiner Weisheit, der alleinige . Gott hat den Friedensengöl geschickt in Ihre Stube nnd mit dem Kusse des Friedens abhoken lassen Ihren einzigen Sohn, nur ihn zu seinen Vätern einsammeln zu lassen, die ruhen im Schatten des Herrn. Der Name des'Herrn sei gelobt! Gewiß, meine fromme Sara, Sie halben sich der Freude dieses Todes nicht §u schr hingegen, nicht mit mchr Freude, als es dem Herzen einer Frommen geziemt. Freilich muß es .einer Mischen Mutter eine herzinnige Fronde sein, weim der Tod ihren Sohn frühzeitig eines natürlichen Todes sterben läßt, bevor er du-vch sein Leben hindurch mehrere bürgerliche, statistische, Politische und konventionelle Tode sterben muß! Ihr Schn ist ans einmal gestorben, wie viel mal hätte er einst sterben müssen, wenn Sie das UnMck gehabt hätten, chn großzuzichen nnd-zu einem brauchbaren Menischen Heranhilden zu wollen! Was hätten Sie, zärtliche Mutter, aus Ihrem Sohne machen können? Hätten Sie ihn zum Bürger erzogen, so hätte Ihnen der Geist der jetzigen Christenliebe entgegongerufen: Ein Jud' darf kein Bürger sein! Hätten Sie ihn zum Handwerk erzogen, so hätte derselbe Geist entigegengerufen: Ein Jud' darf kein Handwerker sein! Hätten Sie ihn zum Staatsmann erzogen, so hätte derselbe Geist Ihnen entgogengerufen: Ein Jude darf kein Staatsmann sein! Hätten Sie ihn zunr Advokaten erzogen, so hätte Ihnen derselbe Geist zugerusen: Ein Jude darf kein Advokat sein! Hätten Sie ihn bloß zum Menschen erzogen, so hätte Ihnen derselbe Geist zugerusen: Ein Jude darf kein Mensch sein! Hätten Sie ihn zum Juden erzogen, so hätte Ihnen derselbe Geist zugerufen: Ein Jude darf kein Jude sein! Ja, hätten Sie ihn sogar zum Christen erzogen, so hätte Ihnen derselbe Geist entgogengerufen: Ein Jude soll kein Christ sein! Welchen Schmerz hätten Sic, meine fromme Sara, nicht gehabt, ein geliebtes Wesen groß gezogen zu Haiden, das weder Jud noch Christ, noch Mensch, noch Bürger sein dürfte. Sehen Sie, nun ist er tot, und leibt in einem Reiche, wo weder ' Charte, noch Konstitution, noch Monarchie ist, und dennoch ist er Bürger der allerbesten Welt, und das Oberhaan der gütigen Borischun-g hat ihn emanzipiert zum ewigen Lichte, und er sitzt im Parlament aller Verklärten, trotzdem daß der Minister Peel befürchtet, Rothschild könnte auf der ParlamMtsbank sitzen und,^»abanque" rufen. Denn so wahr, daß kein Haar fällt vom Haupte des nrächtigsten Kaisers und kein Haar vom Haupte -des allerletzten HausiererMens, ohne daß es «der Vater im Himmel so wolle, so wahr wird die erhabene Zeit einhorvollen und ihr mächtiger Wagenlen'ker, der ZÄ-hgeift, wird ihn vorwärts treiben, und unter seinen umtreibendm Rädern werden zerkuistern alle Peel-Motionen, alle Zensur- und alle Judemdikte, alle Jesuitenlongregatiomn, nnd selbst die Juden--BebWernn>gWombe der freien Reichsstadt Frankfurt a. M.! Sie haben ein feines Ohr, die großen Anfkläru nigshäuptor! die aber alle noch einen kleinen Hep-Hep-Teufel im Busen liebend hegen, und sie hören den Wagen raffeln auf focm Höhen der Menschheit, aus denen das Morgenrot der Zukunft schon leuchtet, und sie bücken sich geschmeidig, nicht in Liebe, sondern in Furcht. Abev*bis der Wagen angelangt sein wird, meine teure Freundin, hätte das Löben Ihres Sohnes tauseudifach geendet an den gilatten Dolchstichen unserer AnMärung, die wie eine eiserne Junigfran des Tyrannen Nabis ihre Arme öffnet, um ihre Opfer zu erdolchen! Hätten Sie Ihren Sohn verheiraten wollen, so hätten Sie warten müssen, bis einer von ihnen so gefällig ist, zu sterben, und nur die Leichenfackel Ihres Glaubensgenös-sen hätte ihm zur Hochzeitsfackel biorre« können! Nicht wahr, meine gute Sara, wir leben in, einem erleuchtetet Jahrhundert! Die Türken sind bezwungen, die Algierer werden bekämpft, von denen, die noch all--gierer. find ass die Algierer; und vielleicht rüsten die uordamerikanischen Staaten bald eine Expedition aus,.um gegen die europäische ÄnsNärpng zu kreuzen! Ihr MMcher Sohn aber 'braucht diese zweifelhafte Expedition nicht äbzuwarten, er ist glücklich gestorben, bevor er Mtvrben wurde. Friede seiner Asche! Friöde dem Gomübe sei? ner Mutter! Wollen Sie aber die.große Leidensgeschichte, die ihn dn,'Lebm erwartet , hätte, auf seinen Leichenstein setzen, jo^fttze« Sie die gewichrtigon Worte him ^Ev aß ksm Scblwoine- Jm Finanz- und Budgetausschuß kamen gestern bei der Behandlung des Kapitels „Justiz" die vorgestrigen Straßenkrawalle in Favoriten zur Sprache. Abg. Deutsch gab zunächst eine genaue Schilderung der Vorgänge und ihrer Ursachen, wobei er feststellte, «daß in Wien zuerst die Monarchisten und die Hakenkreuzler von der Schußwaffe Ge b r au g e m a ch t Haben. Im Verlause seiner Ausführungen richtete er heftige Angriffe gegen die Polizei. Er kam auch auf die Hetzplakate der Hakenkreuzler v,i sprechen und sagte: Es können sich tvohl Mittel und Wege finden lassen, um diese provokatorischen Plakate überhaupt unmöglich zu machen. Die Beschimpfungen der Plakate richten sich gegen viele Schichten der Bevölkerung. EiMial gegen die Arbeiter, dann gegen die deutsche Rcichsregierung, ein drittesmn gegen die Juden und dann auch gegen die autochthone Bevölkerung. Diese Zustände sind unda tbar und die Regierung hat die Pflicht, dafür zu sorgen, daß der Unfug mit den provokatorischen Plakaten abgestellt wird. Wir würden es sehr bedauern, wenn bei uns Methoden der Gewalt einrissen, uns trifft aber keine Schuld, dorm wir sind bis zur äußersten Grenze der Geduld gegangen und haben immer beruhigend auf die Arbeiter eingewirkt. Die Schuld trifft ausschließlich die Regierung. Redner macht schließlich auf das Gerücht aufmerksam, daß gerade jetzt die gestern, angebrachten Plakate mit einem in schreienden Lettern gerucktem Streifen überklebt wevden: „Heute, 3 Uhr nachmittags, Großkampftag in Favoriten". Hierauf antwortet Vizekanzler Dr. Frank. Er gab dem Bedauern über die gestrigen Vorfälle Ausdruck, weil sie Sitten in unsere Stadt tragen, die ihr bisher ferne waren, «nlb weil sie Verletzungen zur Folge hatten. Weiter könnaer sich als Chef des Justizamtes nicht äußern, weil man anzunehmen in der Lage ist, daß diese Vorfälle ein gerichtliches Nachspiel haben werden uufi> er den Schein vermeiden 'wolle, die richterlichen Funktionäre zu beeinflussen. Er habe noch keinen schriftlichen Bericht erhalten. Nach dem polizeilichen Berichte wuvde die Verfanvmlung schon um halb 8 Uhr abends verboten, es war also von der Behörde alles nötige vorgekchrt, um einen ruhigen Verlauf des 'Abends zu gewährleisten. Er müsse weiter seststellen, daß die Polizei in ihrer Bereitschaftsftellung längere Zeit hindurch systematisch mit Steinen beworfen wurde. Ein nächtlicher Straßenüberfall durch Hakenkreuzler. Die.Hollandstraße im 2. Bezirk war Freitag nachts der Schauplatz eines frechen Ueberfalles, den eine Bantde van Hakenkreuzlern auf einen dortselbst wohnhaften jüdischen Arzt verübte. Der Betreffende, Dr. Emil Friedman«, der in eBgsleittmg seiner Frau war, stand gerade im Begriffe,, sich vor dem Haustor von einem in seiner Gesellschaft weilenden Ehepaar zu verabschieden, als plötzlich aus der Sperlgasse eine Ile Schützlinge des Züdischen Frauenbundes. Man schreibt uns: Wer das buntscheckige Wiener jüdische Elend kennen lernen will, der besuche eine Verteilung des Jüdischen Frauenbundes. Ende März sah ich eir.e solche in den Räumen der Sozialen Hilfsgemeinschaft, 9. Bez., Bevggaffe 7. Eine alte, abgehärmte Frau —Wienerin —, in.fadenscheinigem Samtmantel und vorsintslutlichem Hut. Zu Lebzeiten >des Gatten standen zwei Dienstboten zu ihrer Verfügung. Jetzt plagt sie der Hunger. Sie kommt aus Ober-St. Veit. Eine kleine, frühgealterte Frau erzählt mir ihr Schicksal. Sie ist aus Safed (Palästina) in der Kriegszcit mit der Familie hierher geflüchtet. Das erwachsene Mädchen, das etwas nähen kann, ist die Ernährerin der Familie. Sie ist trachomleidend, darf ihren Augen r.icht zu viel zumuten. Kann sie so viel verdienen, um acht Personen zu erhalten? — Ein blasses, älteres Mädchen holt Lebensmittel für ihren 80jährigen Vater. Sie sind aus Gorlice geflüchtet. Das Mädchen hat einen Lungenschuß währercd der Russeninvasion bekommen, ist leidend. — Ern blasser Junge — Wiener — kommt an die Reihe. Sein Vater war Ingenieur. Die Mutter ist außerstarrde, ihn entsprechend zu ernähren. — Ans dem Pratevviertel kommt eine bis auf die Krrochen abgemagerte ,greife Frau. Aus Ostgalizien sind sie hiecher geflüchtet. Der Gatte, ein 7vj>ähriger Greis, eheuraliger Kaufmann-, unterweist kleine Kinder im Helbräischen. Sie haben für Enkeln zu sorgen. Eine alte Frau von krä Eicher Gesichtsfarbe — Wienerin —, kommt heran. Sie ist schwer leidend. Der Sohn wird bald mit dem Mödizinstudium fertig. Dann wird er sie hoffentlich ernähren können. Vorläufig nagen sie am Hungertuche. Plötzlich wird ein Schluchzen vernehmbar. Ein ettva zchnjähriges Mädchen fmgt: „Meine Mutter ist krank, wir sind vier Keim Kinder, haben keinen Vater, vielleicht könnt' ich auch bekamnren?" Das Kind hat eben in: 20. Bezirk von der Beteilung des Frauenbundes gehört, nnd hat das kürzeste Verfahren gewählt. Aus demseWen Bezirke kommt ein zum Skelett albgemagevter Flickschuster, der für acht mutter-lofe Waisen zu sorgen hat. Ich frage und frage, fast alle Kinderschützlinge des Frauenbundes (etwa 70 an der Zahl), siird Ganz- oder Halbwaisen. Sie rekrutieren sich aus fast allen Mener Bezivken. Ebenso die Greife, ungüfähr 60. Die Schützlinge des Frauenbundes erhalten hochwertige Nahmngsinittel im durchschnittlichen Werte von 16.000 bis , 32.000 Kronen, rnanche außerdean Geldbeträge. Viele bekamen Wäsche-; und Kleidung. Welch' liebevollom, .rnütterlichem Interesse begegnen diese Schützlinge! Sie werden nach chren Bödürfniffen ausgöfragt, die aber leider nicht befriedigt werden können. Wie die Leiterin dieser Mion, die Präsidentin de§ Jüdischen Frauenbundes, Frau Esther Rapaport-Mieses, erklärt, fanden diese BeteAungen 1920—21 (in noch viel größere«! MrSvttche), jet^ Woche statt. ILA—W alle 14 %a&A 1922-08 Gruppe zweifelhafter Gestalten, ungesähr sechzchn an der Zck^> auftauchte, die eine'Art von Umifovnr — Bluse, Kappe und Gamaschen trugen rmd plötzlich eine Schwarmlinr« über die Straße zogen. Als die Gesellschaft des Dr. Friedamrnu und seiner Begleitung ansichtig tvurde, hörte man plötzlich', einen Ruf: „Da is sicher a Jud!" Die beiden Mann«! mit ihren Damen hielten es für geboten, sich zu entfernen, -da stürzte sich uüver-sehens einer der Rowdys auf Dr. Friedmauu» der in der Duuikölheit zu Falle kain, führte mit einer Waffe — Messer oder Schlagring — einen Schlag gegen seinen Kops., Trotz der erlittenen Verwundung setzte sich Dr. Fried-- mann zur Wehre und schlug mit seinem Stock tüchtig auf de«: Strolch ein, der rasch das Weite suchte; feine Spießgesellen' hatten sich schon früher verzogen, 'da etliche Sichechettswachorgane Hera-Mahten. Wie wir erfahren, ist auch bei der Augavtenbrücke ein Mischer Passant zur selben Zeit Äbeüfallen -worden. Nach dem Tag und der nächtlichen Stunde dieser Vorgänge zu' schließen, scheint es sich M» eine nächtliche EMrsion von HakenkreuMn in die LeopolÄstadt gehandelt zu haben, die sich! wchl für ihre mißglückte Unternehmung in Favortteu an den Judm schadlos halten wollten. Das Treiben der Wiener Hitler-Garden wächst sich innner mchr zu einem öffentliche»' Aergernis crus, gegen das längst wirffame Mttel am Platze wären. Mit der weiteren Duldung ihres Treibens könnte mau sonst, böse Erfahrungen machen. Drei Tage bedingt. Wie Mch erinnerlich, tvar , während der jüdische« Protastvarfammlung am 3. März im RathMs ein Zug von Hakenkreuzlern vom Schottenring geigen den "Kai marschiert, um in die Leopoldstadt einzudringen. Um dies zu verhindern, hatte die Sicherheitspolizei sämtliche Brücken über den Sonaukanal besetzt. Ein größerer Trupp von HakenkveuKevn zollte den Kordon bei -der Stephanieibvücke durchbrechen woraus der Kommandant, PMzeirat Dr. Anton- Kraft seine Mannhaft Vorvückeu ließ und die Demonstranten nach drei Richttcngen zerstreute. In dem allgemeiuen Mrrwarr wurden der 19jährige Bankaspirant Leopold Pingitzer und der Hdchschüler der Technik Hans Schoo« arretiert, weil sie sich det Aufforderung, den Platz zu verlassen, widevsetzten. Die beider jungen Männer hatten sich vor dem Eiuzslrichter Hofrat Dr, Hotter wegen Vergehens des Auflaufes zu verantworten, wobei Staatsanwalt Dr. HeLlriogl den Strafantrag'vertrat und Dr. Felix Buritz sowie Hofrat Kamps die Verteidigung führten. Beide AngkKagten erklärten sich nicht-! schuldig, sie wurden jedoch durch die Aussage« des Revierinfpektors Joses Nemez und des Polizeirates Dr. Kraft überwiesen und vom Richter zu drei Tagen bedingt mit einjähriger Bewähvuugsifrist verurteilt. bis Ende März alle drei Wochen. Jetzt ist die Lage der Jnliand- Mtion fitf Kinder und Greise schr kritisch geworden. Fie Zahl der Schützlinge ist von BeteAung zu BeteAung gewachsen, nicht so die Zahl der Mitglieder und Spender. Ich staune, und komme aus dem Staunen nicht heraus, wie diese Beteilungen fast drei Jahre überhaupt regelmäßig stattfir^en konnten. Es wird oben opfervoll gewirtschastet. Keine einzige bezahlte Kraft. Jeder Heller wird für die Bedürftigen verwendet. Dieser Dienst für die Allgemencheit müßte von der Allgemeinheit richtig gewertet und unterstützt werden. Es ist eine Schmach, daß im April die Beteilung unteMoiben mußte, und die Leitung macht affe Anstrengungen, um im Mai ihre Schützlinge beteilen zu können. (Die Adresse des Frauenbundes ist: 9. Bez.', Liechtensteinstraße 11—13.) Waruül Fichte fei« Berliner Rektorat niederlegte. Bol! dem Portal der Aula der Berliner Universität sind jüngst die Standbilder des großen Philosophen Fichte und Savignys, des berühmten Rechtlehrers, enchüllt worden. Bei dieser Gelegenheit ist es nicht uniirtereffant, aus der Geschichte der Universität die näheren Umstände, warum Fichte das Rektorat verließ, zu erfahren. Die Berliner Universität wurde iw Jahre 1810 gegründet, zur Zeit des höchsten Niederganges Preußens, als es auch alle seine Universitäten, bis auf die in Königsberg und Frankfurt a. O., verlor. Als die Professoren ernannt waren, unter denen Fichte natürlich der hervorragendste war, der mit seinen „Rede:: an die deutsche Nation" so viel getan hatte, um das Nationalgefühl der Deutschen zu stärken, schritt man zur Rektorswahl. Nach mehreren Wahlgängen siegte Fichte, Er bekam elf, sein Gegner Savignh zchn Stimm-en. Mer schon die RektDatsrede Ficlnes machte ihn höch.'t unbeliebt, da er gegen die Aus wüäi''e oes S ---dcntcnlebens, den Trinkzwang, das Düellwesen usw. in beft cster Weise eiferte nnd die Studentensch.r.r a>tf ein« ideale Höhe erheben wollte, diweder diesen noch den Kollege,« angenehm war. Bald nachher geriet ein junger Mediziner, Josef Leyser Brogi, Jude mrs Posen, mit dem Studenten Melz e r, der auch aus Posen stcumnte, aber „arischen" Geblüts war, in Streit. Melzer, erzählt der Geschichtsschreiber der Universität, war ein übermütiger, ja brutaler Mensch, der sich durch s^in dreistes, breitspuriges Wesen unter seinen Genossen eine gewisse Stellung verschafft-hatte, er lauere dem schwächlichen, siebzehnjährigen Gegner auf und schlug ihn mit einer Hetzpeitsche vor aller Augen auf. dem Platz vor der Universität, Brogi ging zum Rektor und klagte. Fichte, bekanntlich kein Jüdenfrennd, war sehr empört, er betrachtete das, als Hohn auf feine idealistische Rektoratsrede. Aber seine Kollege« te«M Mfixm MeimmL