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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-04 · Heft 1517 (4.5.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1517 (4.5.1923)
Date
1923-05-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. ISETi Wim, Freitag' Sefterreich. AußeroNenükcher Kabknettsrat. Die Gener-aÄsbatte Wer die Steuer-verfÄhren,- «ovelle wurde fortgesetzt. Mg. Dr. Gürtler beantvagtr: „Wird gegen einen StMerpfliichtigen> das 'ordentliche Verfahren, eingelortet, so ist ihm, tvemr er früher ein Bekenntnis noch nicht eingvbracht hat, Gelegenheit zu geben, das Bekenntnis nachträglich einzubringen. Aus die Angaben eines solchen ^Bekenntnisses ist im weiteren Verfahren so Bedacht zu nehmen, :wie wenn er es innerhalb der gesetzlichen Frist erstattet hätte. -Dies gilt nicht, wenn der Steuerpflichtige das Bekenntnis ltrotz besonderer Aufforderung nicht eingebracht hatte." Aby. Dr. E r s l e" vertrat die Beschwerden der Sterrer- : Pflichtigen übf r die burttlnLratijche Willkür und die lange Darnr des Steuerversahrcns. Beftn^rs wichtig wäre, eine rasche und vollständige Erfassung wirklich vorhandener Gewinne. Er verlangt die Erlassung eines Gesetzes über -die Erfassung der Börsengewinne. Bei der Abstimmung wurde die Vorlage mit dem Antrag Gürtler angenommen und sodann die zweite Nowelle patt Besoldungsgesetz verhandelt. Di^ Novelle enthält im Weisen die Rückkchr pr bloß eimna'ligen Auszahlung -der Bezüge im Monat. Der neue Auszahilungsmodus für die Staat sangest-ellten wird vom 1. Juli an eiugeführt. Die Vorlage wurde angenommen. Nächste Sitzung honte. Bundesrat. Der Bundesvat hat gestern das Gesetz Wer die Ernennung eines Beraters für die Na-tionakbonk ohne Einspruch passieren lasten. Die nächste Sitzung wird im schriftlichen Wege bekannt gegeben werden. - Riederösterreichischer Landtag. In der gestrigen Sitzung wurde der Gesetzentwurf Wer die Zusammensetzung dos Landesschulrates für Niederösterreich verabschiedet. Der Laudesschulrat wird in Zukunft aus dom Landeshauptma-nn, seinem Stellvertreter, aus zwölf Vertretern des Landtages, sechs Vertretern der Landesregierung, zwei Referenten für Schulangelegercheiten, fünf Landesschulinspektoren, vier Inspektoren für den R eilig ionsunterricht und acht Vertretern der- Lehrerschaft bestehen. Die Sozialdemokraten hatten beantragt, daß die Religiönsinspektoren an den Abstimmungen nur bei Angelegenheiten ihres Bekenntnisses teilnehmen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Ae neue Wahlordnung. Der Unterausschuß des Verfastungsausschustes zur Beratung des Wcchlgesetzes trat gestern p einer Sitzung zusammen. Ueber Vorschlag des Berichterstatters Schön st ein er wurden in längerer Aussprache, an der sich sämtliche Mitglieder des Unterausschustes beteiligten, die strittigen Punkte des Wiener Morgenzeitunü. Zionistische Sektion» H«, Prater . Morgen Samstag den 5. Mai 1923, präzise 8 Uhr abends, im Cafe „Venedig“ (Winkler), II., Stuwerstrasse 1 über . „Pie Jetzige Lage in Palästina““ oberbmirri Robert Stricker Gesetzes einer eingehenden Erörterung unterzogen. Um den Parteien'Gelegenheit zu geben, zu den im Läuse der Debatte gemachten Vorschlägen Stellung zu Nehmen, tvnrden die Verhandlungen auf. Mittwoch den 9, 4 Uhr nachmittags, vert agt. Jas Besoldungsgesetz and die Vorbildung. Das Finanprinistetrium hat den Organisationen der Bundesangestellten den Entwurf einer Regierungsverordnung über die Berücksichtigung von Dienstzeiten der Bundes-- a-n-geftellten für, den Anfall von Borrückungsbeträgen ülbermitt-olt. Danach soll die Anrechnung einer Vordienstzeit, die für die Bundesangestellten besonders bei der Bemessung des Ruhegehaltes von besonderer Wichtigkeit. ift, von der Zurücklegung eines bestimmten Studienganges, abso von der Vorbildung, abhängig gemacht werden. Da das Be-soDungsgesetz keinerlei Zusaimnenlhang zwischen Anrechnung der Dienstzeit und Vorbildung enthält, sind die Bundesangestellten mit dieser Auffassung nicht einverstanden und lehnen grÄßtenteÄs diese Bestimmung als unannehmbar äb. Der neue rumänische Geschäftsträger. Bukarest, 3. Mai. Wie der offiziöse ,/Biitorul" mitteAt, ist Karl Mitilvneu pm rumäniischen Geschäftsträger in Wien ernannt worden. Der Mörder ftrzbergerr in Tirol. Wie die Innsbrucker Nachrichten" melden, soll sich einer der Mörder Erzbergers, der Kaufmann Schul tz, dessen Verhaftung, .in Genua jüngst gemeldet, dann aber von deutschen Zeitungen 'dementiert wovdemwar, vor etwa einem Monat am Brenner aufgehalten und dort im Gaschose Kerschbaumer genächtigt haben. Gemeldet hat er sich als Freiherr v. Mettnitz mit Diener". Der angebliche Diener wurde clls Innsbrucker erkannt. Angeblich soll S ch u l tz in Innsbruck auch? eine Geliebte haben. Es wird vermutet, daß Schultz über die Grenze auf SchrmMelpfaden glommen ist und daß er diese Pfade öfters benützte, um von I t a l i e n oder S ü d t i r.o l aus, wo er sich d e rzeit auf halten soll, mit seinen Bekannten in Innsbruck in Verbindung zu bleiben. '4. Mai 1923 ' Seile S Lschecho-SlowM. Wiederaufnahme der Vreuzverlehrs M Ungarn. Preßbmg, 3. Mai. Auf Grund der die tMochv-flowakn sche Regierung befriedigenden Ergebnisse der kom- Missionellen Feststellung bezüglich des Grenzkonfliktes mit! Ungarn hat das Mnirsterimn für die Verwaltung der Slowakei Weisungen ergehen lasten, nach denen binnen! 48 Stunden für den Grenzübertritt aus.Ungarn , detz frühere Zustand wieder hergestellt sein wich. tzrkrankung des Ministers Bechyne. Prag, 3. Mai. Nach einer Meldung der „Narodny Listy hat Unterri^tAmmister Bechyne heute einen B'lutstnrz ep . litten; er wurde in das Sürvatorinm gelbvacht. Ungarn. Die Bettelreise des Grafen Bethlen. Aus Paris wird uns berichtet: Die Erfahrungen, bib Gras Bethlen in Paris machte und deren Eindruck durch seinen Lor.doner Aufenthalt wohl noch verstärkt tmrden dürfte sind für die Horthy-Elique nicht rosig. Trotz dec ans Budapest verbreiteten TendenMeldungen, daß es der ungarischen Regierung gelingen werde, einen Auslandskrcoit zu erhalten und die dazu erforderliche Aufhebung der Pfandrechte zu erwirken, ist es schon heute klar, daß das heutige Ungarn, auf Hilfe der Weststaaten nicht rechnen kann. Es han-> 'best sich um' kein wirtschaftliches Prinzip, wie es die urgari^ ' scheu Regierungsblätter der Oeffentlichkeit. plausibel machen wollen, sondern es gcht um eine hochpolitische Fmge, die zuerst gelöst werden muß, ehe' eine Kredithilfe für Ungarn in Erwägung gezogen werden kann. Das sehr schlechte Verhältnis zwischen den jetzigen Regie-s renden in Budapest und den Nachbarstaaten ist der Haupt» grund, warum jede Bemühung der Horthy-Rogievung scheitert muß, die eine ausländische Hilfeleistung anstrebt. Es ist bekannt, daß die Regierungen der kleinen Ent ent e' im! Prinzip für eine Regelung der wirtschaftlichen Verhältnisse' Ungarns sind. Diese Bestrebungen würden' von der kleinem Entente tatkräftig unterstützt werden, wenn mar? es in Uw* garn mit einem Regierungssystem zu tun hätte, das europai» sche Sitten und Prinzipien hat und nicht asiatische Vechält-j niste irr Mitteleuropa etablieren will. Eine Hampffordevung der! kleinen Entente 'bei der Lösung des ungarischen Problems ist! die wirkliiche Demokratisierung des Regierungs-' systems. Diese Forderung der Aeinen Entente wird auch ir>! London und Paris voll gewürdigt und Graf Bethlenj dürfte aus den Gesprächen mit den führenden Persönlichkeiten! 'der großen Entente entnommen haben, daß Ungarn diesen! GROSSE OKKASION Regenmäntel ■ ■ K 125.000 Leinenwaren, Waschwaren, Stoffe, Wäsche — sehr billig I Schiff mann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail' zssnsss»; Jas Reger-Feft. Es ist kaum eineinhalb Jahve her, daß die Gesellschaft her Musikfreunde gemeinsam mit drr Konzerthausgesell- . jschaft eine dreitägige Re-ger-Feier vemnstaltete, nun hat die in Leipzig bestehende Max Rtzger-Gesellschaft durch ,ihre Wirn-er Ortsgruppe und die Geisellschast der Musikfreunde neuerlich zu einem viertägigen Reger-Fest geladen, jdas einer: -würdigen mnd festlichen Verlauf nahm.- Dir Spitzen der Behörden, alles was in Wien einen musikalischen Namen hat, die Witwe des Meisters und ein dichtgedrängtes Publikum wohnten den Aufführungen bei. Mag auch Roger gleich so manchem seiner Brüder sn Apoll zu Lebzeiten unterschätzt worden sein, so nähert er sich seit fernem Tode mit Hilfe glaubensstarker werbender Freunde mit Riesenschritten der Unsterblichkeit. Auch für ihn gelten Mahlers ahnungsvolle Worte: „Sterben Word' ich, um zu leben." Seine Orgelkornpositionen gehören 'heute neben denen 'des alten Bach zu den Meisterwerken, der Orgelliteratur, seine Kammermusik gewinnt immer mchr Boden, nur seine nicht Ben zahlreichen Orchesterwerke halben es schwer/ sich durchzusetzen. Sie nehmen gar zu wenig Rücksicht auf den Zeitgeschmack, und hier zeigen sich am schärfsten Negers Mängel, die die Kehrseite feiner Vorzüge sind. Er kann Ben zu viel: Die Hypertrophie seiner einseitig polyphonen horizontal orientierten Kunst, die sich in mathematische Tausendkünstelei verliert, die dem kompliziertesten Satzgebrlde noch weiter Themen und Stimmen aufpftopft, die die Melodik förmlich in Kontrapunkt einknetet und so zu einem Scheindasein vemrtM, die den starren, schwer beweglichen Ovgelklang in massiger Dickflüssigkeit auf das Orchester überträgt, erdrückt den Höver mit der unökonomitschen Fülle gleichzütiger Einfälle. Der ordivende Kunstverstand hält mit der Inspiration nicht gleichen Schritt, der pibrievende Klang kommt gegen die gehäuften Mittel nicht auf, in ständiger Ruhelosigkeit prallen >die 'Harmonien aneinander, derb und vierschrötig poltern die Instrumente, Mssig und settteibig breitet sich der Orchestersgtz aus, dem eine Abmagerungskur bisweilen uottäte. Und trotz allem fehlt das blühende Fleisch, fehlen die Farben und Linien gesunder Sinnlichkeit, fehlt seiner Melodik, die sich gelegentjlich in Adagrosätzen so innig und seelenvoll aussingt, gar oft die einpvagsanre Bewegung, die ursprüngliche Sanglichkeit. In der „Böcklin-Suite", in der Roger nicht Pvogrammlmusik, sondern Ausdruck der Empfindung gibt, findet er Mr das BUd des ..oMgenden Eremiten", der sich fern von der Außenwelt in seiner Zelle durch die Musik erschließt, zu Herzen gehende Töne. 'In gewissem Sinne ist Reger .selbst zeitlebens «rin solch geigender Eremit geblieben trotz aller noch so derben Späste und trotz seiner innigen Beziehungen zum Dänron Alkohol. Die künstlerische Arbeit war seine Religion, in die er sich asketisch versenkteunbekümmert um Richtung und Mode. Wenn auf irgend einen neuzeitlichen Künstler passen aus ihn die Worte, die Ibsen seinem Bildhauer Rubek.sagen läßt: „Ich muß ununterbrochen arbeiten, Werk schafftn auf Werk, bis zu meinem letzten Tag." — Schon als Dreizelhnjähriger begann, er seine Tätigkeit als Organist seiner Brterstadt Weiden und -drang immer tiefer m die Mysterien des Orgelspiels ein. Wie Anton Bruckner sein Innerstes in Improvisationen auf der Orgel gab, so mag auch mit Negers momentanen Eingebungen im OrHelsPiä fein Bestes verloren gegangen sein. Bon der Orgel ging er aus und kchrte immer wieder zu seiner ersten Liebe zurück. Da versenkt er sich in die alten Meister von den Niederländern bis zu Bach, er belebt die alten Formen neu, schafft Fugen, Chaconnes und ^Passacaglien und ist unermüdlich in der Variationentechnik. Er schafft Suiten und Konzerte „im alten Sil", wobei er ftellich. dle alten Formen mit neuartiger Akkordrk über--, gießt, und begründet so trotz mancher impressionistischer Anwandlungen eine neue Barocke, ja Ueberbarocke, die bereits Schule macht. Erst eine kommende Zeit wird erweisen, ob es sich hier um eine lebens- und zeugungsfähige Art oder'um eine unfruchtbare Bastardierung handelt. Schließlich wirst er sich auf die Orchestermusik, auch hier schenkt er sein, Bestes in den Variationen, auch hier hört man dir Ovgelregi-ster, wie utan ja auch in seinen größeren Chorkompositionen niemals den Eindruck des Instrumentalen ganz los wird. Reger war sich seines begrenzten sinMchen Ausdrucks wohl bewußt; bezeichnend dafür, daß er sich nicht an das Theater, die eigentliche Domäne der Sinnlichkeit, -wagte. Wahl versuchte er eine Ba-llettsuitr, in der sich Empfundenes mit Konstmiertem paart und ein 'bewegter Wiener Walzer aufhorchen läßt, er schrieb auch den „symphonischen Pwlog zu einer Tragödie". Man denkt an Brahms, den er so verehrte, und an dessen tragische Ouvertüre"; doch welche Einfachheit und Geschlossenheit dort, welch schwerfällig zerissener Ausdruck hier, welch' mnständliche Ausdrucks- Weise, die bereits alle Leiden der Tragödie voransnimmt, welch schwer bewegliche Rhythmik! Die rhythmische Begabung ist bei Roger niemals starkgewesen. Hier versagte db» Ursprünglichkeit -des Musikers. der in der Technik alle Tonkünstler der letzten Generationen überragt. Bon der Höhe dieser Technik scheint er sich selbst bisweilen hinwegzusehnen, da entstehen seine schlichtes Westen, seine einfachen Lieder und Klavierstücke und manche' langsamen Kammermusistätze, die -bis zu Boethovenschev Höhe emporragen, wie ja überhaupt seine Kammermusik die ganze . Größe seiner verhaltenen Empfindung offenbarte So geraten, bei Roger Ae Gegensätze aneinander und der. bei aller Subjektivität objektive, formbetonende, absolute. Musiker bleibt ein Einzelfall und ein Rätsel in unserer süb-i jektiv nervösen Zeit.' Dieser eminente ^Könner wirkt als starrer Fels tv unserer musikalischen Umsturzbewegung, und schon darumj ist seine wachsende Werstchätzung und Verbreitung berech-; tigt und die Gesellschaft der Musiksveunde, die Reger so eifrig’ propagiert, hat ihre Gunst keinem Unwürdigen geschenkt.: Als Haupt der Wiener Reger-Gemernde darf wohl Kapell-: mestter Leopold Reich wein gelten, der als Dirigent! des Reger-Festes restlos befriedigte. Ihm sitzt Reger in! Fleisch und Blut und er dirigierte ihn auswendig — bei: Rogers komplizierten' Partituren eine erstaunliche Gedacht^ nisleiftung — mit fanatischer Hingabe, die durch die Dank-- barkeit der Zuhörer reichlich gelohnt wrwde. Philharmoniker und Symphonie-Orchester spieltenunter seiner Leitung voll Begeisterung, und das uudmch-' sichttge Reger-Qrchester erhielt Farbe und Klarheit. Dev prächttge Wiener Männergesangverein unter Chormestier Lnzes Leitung, das san-gesftohe Mairecker-Buxbaum-Quartett, der ausgezeichnete Organist Professor Franz Schütz und die vornehrne Altsttin Frau Anna E rl e r - S ch n a u d t wirkten nnt vereinten Kräften zusamnren, um den alten Ruf der Musikstadt, Wien neuerlich zu bestätigen. Das linde Mcailnfterl, das seit Schuberts und Lanners Tagen, in der Wiener Musik wcht, kann durch Rogers, herbere und derbere Bewegung nur erfteuliche Kräftigung: erfahren. Zur Erreichung dieses Zieles wird bei der Gleich-: formigkeit -des Regerschen Schaffens eine ^häufige Auf-- fühmng einzelner Werke ein geeigneteres Mittel sein als die Veranstaltung mehrtägiger Reger-Feste, die trotz allem Idealismus 'die Mtwirkenden und Zuhörer vorzeitig . er> müden und so kaum zur Poprtlaristerung der schwierigen problemschwangeren Musik dieses wenig volkstümlichen: Tondichters beitragen dürsten. Die Oekonomie, die-Rogers, cyttopenhaftem Schaffen mangelt, scheint uns bei der Anfsührung seiner Werke geboten. E r w i u F e l b e r.

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