Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1514 (1.5.1923)
- Date
- 1923-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1RL4 ' Men, Dkenstag tzngland md die Lieferungen sör das Ruthenberg-Unternehmeu. London, LS. April. (I. C. B.) Das ÜiiterhansmWicd Decker richtete in der letzten Sitzung des Unterhauses an jden Unterstaatssekretär der Kolonien die Frage, ob angesichts der Betrage, die England für die Sicherheit und das Wohl Palästinas verausgabt hat, nicht ein besonderes Abkommen 'getroffen wurde, daß alle Lieferungen von Maschinen und Materialien zur Ausnutzung der Wasserkräfte des Jordans ausschließlich in Gnglarrd untergebracht werden sollen. Der Unterstaatssekretär der Kolonien, Ormsby Gore, erteilte auf die Frage ein« verneinende Antwort. Mr. Becker fragte darauf, ob nicht wenigstens für den'Fall, daß die palästinensische Anleihe in England ^erfolgreich placiert wird, die genannten Lieferungen in England vergeben würden.' / ' Unterstaatssekretär Ormsby Gore: Nein. Ueber die Lieferungen entscheidet ein privates Unternehmen in Palästina. Nach den Bedingungen des Mandats sollen alle Volker, die Mitglieder des Völkerbundes sind, gleiche Rechte in bezug auf den Handel in Palästina haben. Mr. Becker: Ist das Mandat, das in der Versammlung des Völkerbundes, nicht aber im englischen Parlament, genehmigt wurde, für England bindend? Ormsby Gore: Die Frage hat nichts mit der «Genehmigung dieses Hauses zu tun. Wir haben uns verpflichtet, Palästina im Einklänge mit den Bedingungen des Mandats zu verwalten. Der Kampf gegen dar Fudentum in Sowjetrußland. Die Verfolgung der jüdischen Institutionen in Rußland wird, wie die neuesten Berichte nrewen, immer weiter fortgesetzt, wobei die Initiative namentlich' von jüdischen Kommunisten auszugehen scheint. So wurde in K reimen tschug mff Grund eines Gesuches jüdischer Arbeiiter die Synagoge von den Behörden in einen Mischen Urbeiterklub verwandet, ebenso in Borisow (Gouvernement Minsk), in Poltawa hat die Behörde den Milchen Arbeitern zwei Synagogen ansgeliefert. In Borisow fand überdies ein Prozeß gegen jene Personen statt, welche mn 'letzten Versvhmmgstage einen ant-irellgwsen DemonstrationsWg angegriffen, bezieihungswei-se mit Sternen beworfen haben. Von den vier Beschuldigten waren drei Urberter. Auf Grund der Verhandlung, die völlig in jüdischer Sprache geführt wurde, wurden zwei AngMagte zu jeiner Gefängnishaft vewrtsrlt, jedoch infolge der Amnestie auf freiem Fuß belassen. Mn Homeler Rabbiner, Schneursohn, und ebenso mehrere andere Rabbiner Wurden vor Gericht gestellt, well sie sich durch die Fällung siöligionsgesetzlicher Entscheidungen gerichtliche Furcktionen «angemaßt haben sollen. Die Sowjetbehörden verfolgen jeden Versuch von Rabbinern, Avischen streitenden Parteien, welche sie anrufen, friMich -zu vermitteln, ein $8oi> Wiener Morgenzettunü. _ gang, gegen den auch, die zaristischen Behörden nichts/ einzuwenden hatten. Der. Petersburger Rabbiner Eise nsta d t: wuvde neulich zu Hausarrest verurteilt und ist gegenwärtig wegen Verletzung des Dekrets über die Kirche vom Staate vor Gericht gestellt worden. Sämtliche Rabbiner der Stadt und dä Kreises Hornel sollen aus dem gleichen Anlaß zur Verantwortung gezogen werden. Der Homeler Rabbiner Barischansky hat eine Gefänguisstrafe von sieben Monaten abgebüßt, zu der er wegen einer Kritik an der antireligiösen Tätigkeit von jüdischen Kommunisten verurteilt worden war. In Witebsk wurde die Existenz mehrerer Relligionsschulen (Ehadarim) entdeckt, welche alsbald von denBehörden geschlossen wurden. Aravkrelch md der zionism«. In der Pariser ,Freien Beroinigmch für Speziavwissen« - schäften" hielt das frühere Müglied der französischen Regierung, Senator de Monzie, bekannt als Förderer 'des Zionismus, einen Vortrag über die Beziehungen Frankreichs zum Zior.isiuus. De Monzie erinnerte daran, daß Frankreich das erste Land gewesen sei, welches den Juden die Bürgerrechte gegeben habe und drückte den Wunsch aus, daß Frankreich die Schutzmacht der Juden in Palästina würde, welches an die heiligen Orte besondere Anrechte habe. Schon Tardieu habe als französischer Vertreter in den Vereinigten Staaten Beziehungen zu den amerikanischen Zionisten angeknüpst und daraus folgert de Monzie, daß Frankreich die Initiative zum Schutz 'des Zionismus ergreifen müsse, womit es gleichzeitig sein Prestige an den heiligen Stätten böwcchren würde. Senator de Monzie ist, obgleich er im Senat der demokratischen Linken angehört, ein Vorkämpfer des Gedankens der Aufnahme der B-eziehungM Frankreichs zum Vatikan. Seine pwzionistische Propaganda muß arrf jeden Fall zur Kenntnis genommen werden, wenngleich sie mit gewissen politischen Tendenzen verknüpft zu sein scheint. Im gleichen Rahmen, hielt auch der Mische Professor an der Sorbonne Victor Basch einen zionistischen Vortrag, in welchem er auf den« wachsend«: Willen des jüdischen Volkes hinwies, seine Renaissance in Palästina zu begründen. Man müsse dämm Vertrauen zu einem Volke haben, welches seine Lethargie verlassen wolle, um sein Land wiederzugew innen. Die wa^eüde Zahl von Vorträgen über jüdische und zionistische Fragen beweist,das wachsende Interesse der Pariser Mischen und mchffüdischen Oefsentlichkeit am jüdischen Problem. V j Bott Fanres bis Leoi». Papis, 30. April. Die ans der Kommunistischen Partei infolge der Moskauer Beschlüsse ausgeschlossenen und ausgetretenen Mitglieder hielten gestern in Bon-. logne-sur-Seine einen Kongreß ab. Der Vorschlag des früheren Deputierten Brizon, eine Organisation auf breiterer Grundlage zu schaffen, um die sozialistische Einheitsfront von Jaures bis Lenin wiederherzustellen, wurde nach längerer Debatte angenommen. Die neugegründete soziallstischkourmunistische Union soll in den nächsten drei Monaten' mit den übingen Parteigruppen ein gemeinsames Vorgehen herzustellen versuchen. Gelinge dies nicht, dann solle der Name in Sozialifüsch-koMMmistische Partei «geändert werden. _1. Mai,1923 " '_Seile S Die Grenzen zwischen Syrien md PMtlNM Jerusalem, 88. April. Der Jerusalemer I. E. B.- Vertreter erfährt. . daß die- Meinungsverschiedenheiten Mischen Frarckreich :md Großbritannien bezüglich der Nordgrenze Palästinas ausgeglichen find. Es ist zu er-! warten, daß demnächst in einer offiziellen Bekannt-: machung die neuen festgesetzten Grenzen bekannt gemacht' werden. Die jüdÄche Kolonie „M e t u l l a h" w-ivd vor- MsstGlich innerhalb der Grenzen Palästinas bleiben # „Mentulldih" ist die nörMchfte Kolonie Palästinas, und liegt an der Grenzlinie von Palästina und Syrien, anschließend an die Kolonien „Kfar Glleadi" und „Tel' Ehai", wo sich vor drei Jahren Kämpfe zwischen den jüdischen Besiedleru und Beduinen abspielten, denen der populäre Arbeiterführer Trumpeldor Mm Opfer gefallen ist. knMche StaatsmSmer und der Mische Natioualsonds. Aus Jerusalem meldet I. C. B.: Bald nachdem die Bestätigung des PÄästina-Mandates bekannt wurde, hielten die Juden Beßarabiens feierliche Massenversammlungen aib, in welchen Gelder zwecks Eintragung des britischen Parlamentes, Lord Balfours und des damaligen Premiers Lloyd George in das goldene Buch des Mischen Nattonalfouds gesammelt wurden. Das Gleiche taten die Juden Mesopotamiens. Vor kurzem sind die Nationalsondszertisikate 'abgesandt worden, worauf der Speaker des Unterhauses, sowie Balfour und Lloyd George herzliche Dankschreiben an den Nationalfonds gesandt haben. Der Sekretär des Speaker schreibt unter anderem: „Der Speaker beauftragt mich, Ihnen seinen Dank auszusprechen und Ihnen bekannt zu geben, daß das Eintra-- gungszertisikat samt dem Brief des Zentralkomitees der beßarabischen Zionisten der Bibliothek des U n t e rhauses einverleibt wurden." Balfour schreibt: „Wollen Sie freundlichst der zionisüschen Körperschaften in Mesopotamien und Best arabien in meinem Namen den Dank für die mir angetane Ehre, meinen Namen in das goldene Buch des Nationalfonds einzutmgen, a-usdrücken." Der Sekretär Lloyd Georges schreibt: „Miste: Lloyd George bittet :nich, Ihnen zu sagen, daß er die ihn angetane Ehre sehr hoch einschätzt und für die Uobersendung des Zertifikats, über dessen Besitz er sich uu gernem freut, seinen Dank auHpricht." Aus aller Welt. London, 30. April. Der erste Londyn-Berli>. Daimler-Expreß,'der die Strecke in einem Tag zurücklegt, ist heute vormittags vom Flugplätze Croydon mit sieben Passagieren an Bord abgeflogen. Salzburg, 30 April. Bei einer Faltbootfahrt auf der Salzach welche der Beamte Friedrich Sora und die Beamtin Margarete Bär unternahmen, wuroe das Boot durch die Sttönmng an einen Brückenpfeiler geschleudert. Margarete Bär ist ertrunken, Hora wurde gerettÄ. B u d a p e st, 30. April. Der Offizial Johann K o v e s d y stahl aus dem Panzerschrank der ungarischen Staatskasse je eine Rolle von Goldstücken zu 20 und 10 Kronen. Er wurde verhaftet. GROSSE OKKASION Regenmäntel . . K 125.0001 {jijJfOfl- Leinenwaren, Waschwaren, I r " Stoffe, Wäsche — sehr billig ■ [Schiff mann U., Taborstraße 48 Teleahon 47-1-79 En gros En detail Aron paukt wieder Kinder ei«. Von Abraham Reisen. 1. Wären 4hm nicht seine Kinder beigesprungen, so hätte Aron, der Lehrer, in den letzten Jahren nichts zu leben gehabt. Es war offenbar — die Lehre geht von Tag zu Tag zurück in der Judenheit; die Zahl der Schüler verringert sich von Jahr zu Jahr und die wenigen, die Awn bekommt, sind die ärmsten und ausgelassendsten Kinder; er hat keine 'Kraft mehr, sich mit ihnen abzugeben! Zum Glück aber sind seine zwei Söhne und die Tochter schon seit einigen Jahren in Amerika. Gott lenkt doch alles zum Guten; Aron hatte die Nase gerimrpft, als die Kinder forlzogen: wie — des Lehrers Aron Kinder sichren zusammen mit den Kindern der Schuster und Schneider irgendwohin übers Meer! Aber ckls die Einpauker er von Jahr zu Jahr schwerer wurde und weniger einbrachtr und als die Kinder zu jedem Feiertag etliche Rubel schickten, da versöhnte sich Aron, der Lehrer, mit Aerika, und während er die Kinder von der Ferne segnete, bezog er m diese guten Wünsche auch Amerika ein. „Ein feines Land, das Amerika! Die Kinder schicken für*jeden Feiertag fündig Rubel!" Aron sagt lachenzu seiner Frau: „Was sagst du nur — für die Feiertage schicken sie so ein Vernrögen! Sie haben Item vergessen, daß die kostspieligen Feiertage — die Pefsachtage — höchstens zehn Rribrl kosten, um sie könig-!lich zu begehen!" Und das „Vermögen" reicht wirklich bis zum nächsten Feste, sogar einen neuen Tallis 'hat sich Awn!von dem Geld, das die Kinder schicken, «cmschaffen können. Aber es 'ist doch nicht das Rechte, sich so zeitig den IKmdern an den Hals zu hängen! Aron ist doch erst in den Fünfzigern! Wären nicht die Zeiten so schlecht, so könnte er ja freilich werter pauken! Einmal, da haben Leihrer bis Bibers Grab hinauf die Kinder eingepaukt! Schwer war der , Verdien st freilich immer gewesen. Aber heute — die paar -Jungen, die Avon bekommt, sind wahre Teufel! Bon GeiKochmr isistve Svurl. JMatm" Mimt. heute nickt. Aron kann sich gar nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal einen ImMN ordmrtl-ich geprügelt hat. Die ganze Einpaukerei hatte ihren Reiz bei ihm evngebüßt. Es war doch nicht dasselbe, was einmal gewesen war! Eff solches Gnchauken, mit solchen Jungen, besser... Was ist besser? . . . Aron, der Lehrer, versinkt in Grübeln . . . Warum nickst? . *, Was ist 'denn Amerika? Ein Land wie jedes andere . . . Die Kinder find schon drüben . . . Enkel find Gott sei darck auch da! . . . Und sie haben schon em paar Mal in ihren Briefen geschrieben, sie wollten ihm Schiffskarten und Reisegeld schicken, wenn er will . . . Aron lächelt >stolz: Sie haben Vater und Mutter nicht vergessen! Daraus folgert er, daß Amerika -rin jüdisches Land sei; das Gebot, die Ettern zu ehren, wird dort besser besolgt icsts hier. Bleibt nur die Frage: Was. soll Aron drüben tun? . . » Jungen einpauken? ... Nein, nur das nicht! Mer die Kinder — damit tröstet sich Aron — werden L schon für ihren Vater ein Geschäft ausfindig machen. . . Vielleicht Hausierer? . , . Man erzählt, das Hausieren sei drüben ein leichter Verdienst; und es trägt Gold . . . Die Amerikaner zahlen für emr Nadel um eimn Grbschen einen halben DtAar. . < Na ja, Geld fft dort wie Mist, warum denn nicht? . > . All' das ging wohl nicht so sö^rell, wie es erzählt wird. Aber eines schmes Tages, wie man so sagt—in Wirklichkeit war es ein trüber Morgen — fuhr Aron, der Lehrer, mit seiner Frau Godel in das ferne, ferne Land. 2. Vom Schiff holten das alte Paar alle drei Kinder ab: Die zwei Söhne — der älteste, Awrejml, hieß jetzt bereits My, und Iankel, der jüngere, hieß hier Jack — und die Tochter Basche, die jetzt Bessy 'hieß. Die Freude des Wiedersehens war unbeschreiblich. Aron küßte zunächst Mvvejml, den Erstgeborenen, dann Iankel; und dann fiel ihm Bessy um den Hals; indein zürnte Aron väterlich: Eine Frechheit, 'den Vater zu kiissen. Hieraus begann -das Küssen zwischen Godel und den Kindern. Dabei gab's schon Musikbeglei- -tung, denn Godel weinte ebenso gern bei freudigen wie bei -trauriaen AnMen; und bei der Freude, hu Kinder wiMrzusehen, weinte sie, daß es sieben Meilen weit zu hören lvar. . Dann setzten sich alle in ein kleines Schiff und fuhrelr zur Hochbahn. Awn, der Lehrer, staunte sehr und wandte sich an feinen Erstgeborenen: ,Mso, diese Bahn geht in die Höhe?" . * Aby antwortete lächelnd: ,Menn du willst, Vater, kannst du auch mit einer Bahn unter der Erde fahren!" Der jüngere Sohn warf ein: ,M gibt auch eine 'Bahn nach Rew-Aork, die unter dem Wasser fährt. . Als Godrl das -hörte, rang sie die Hände nnd bewegte stumm die Lippen, überrascht und zugleich anerkennend. Awn aber blieb ruhig, schitttelte" gelassen den Kopf und sagte: „Ja, sie sind Köpfe" » * . „Sie" — bedeutete die Amerikaner . . , Awn war gleich amerikanischer Patriot geworden. 3.' Einen Monat laug ruhte sich ArM von den Strapazen der Reife aus; zwei Wochen bei My, seinem Aelte-- sten, und zwei Wochen bei Jack (Gefsy, die noch urwerheiratet war, wohn^ bei My). An den Abenden, wem: alle von der Arbeit zufammenkamen, berieten die Kinder das „Geschäftliche"; es 'handelt sich darum, die Eltern zu versorgen. Mit dev Mutter ist ja die Sache «insivch. Me kann bei einem der Söhne wohnen, im Haushalt helfen, Lochen — so ist sie mrtergebracht. Mer was soll mit dem Vater geschchen? Alle jüdischen Gewerbe NnnLen in Betracht gezogen, vom Lchver bis MN Tempckidiener, aber Awn lehnte alle <ck. Einpcmken wül er nicht — er-hat schon genug mit ,^Kttwern" zu tun gchabt. „Me wäre es, wenn du Chasen würdest?" — fchkägt- Iack vor. — ,ßnx 'hast doch schon vorgebetrt . . Awn antwortete, er habe bloß Vovgebetet, - wenn er Iah^eit^ hatte... „Und Dempeldi-ener? Das ist doch ein leichtes unschönes „Geschäft!" Aron aber 'will auch kein Tewpeldiener sein; er kann nicht vor den Herren kriechen. So begann inan die „weltlichen" Berufe durchzu-, geheii. Zunächst kam man auf den HausiererbeMf zuj ÜWckm. Avon lvar Mt FmeMer MveVssikicheM er.Mts! /