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Wiener Morgenzeitung · 1923-04-29 · Heft 1512 (29.4.1923) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1512 (29.4.1923)
Date
1923-04-29
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1M2 Wien, Sonntag Wiener Morgenzettnng. 29. April 1923 Se ite ß führt eine Linie. Sie hat Paul Mgener beischritten, , «M er den ShyiloÄ gestaltete. Sein hat nichts Jüdisches an sich, ist kein Bösewicht, aber auch kein Produkt der Unterdrückung, Schmach und Beschimpfung; er ist kein närrisch liebender Vater; er ist einfach ,cher Mann, der nicht Musik hat in sich selbst. Die Rebe hart und knarrend, der Körper dem eines Gorilla Ähnlich, mit langen Armen und schleppendem Gang, das Gesicht ohne Bewegung, mit ewig kalten Augen. Ein Wesen, das nichts Menschliches mehr an sich hat, Caliban, aus dem FabeVand ins Handelsghetto von Venedig verschlagen, die Zunge schwer, nur dann -besWgelt, wenn sie Zahlen murmelt, rechnet, Gewinn^! und Verluste wägt. Es wird erzählt, daß einst eine Engländerin nach der GerichtAszene unter Tränen a-usries: ,/Dem Manne geschieht Unrecht!" Wogeners Shylock kann solches Mitsühlen nicht Hervorrufen; er steht mit einer geradezu entmenschlichten Logik jensetts vom Empfinden für Recht und Unrecht» Negativ. Mephisto. Calibcm. Für diesen Shylock mußte die Szene fallen, da Salanio erzählt, der Iud^ hätte in „verwirrter Leidenschaft" von dcmr Verlust seiner Tochter und seines Geldes gesprochen. Nicht riiwen AugeMick ergreift dieser Shylock, denn er -ist nie ergriffen. Ein Geschöpf, das-noch nicht menschlich, nicht mehr menschlich ist — Caliban. Diese Gestaltung eines Falbeltvesens hat Wegener mit eindringlichster Konseguentz festgchalten (geleyentttche sprachliche Jargonfärtbung war nur Andeutung, elbenso wie die Kleidung). Eine geradezu manisch eigenwillige Gestaltung hielt in Bann; aber — für menschlichen Anteil bot 'ie nirgends Rarmi. Gewaltige Versehbung. Ein freudiges Wiederschen. Ehe Heims als Po-rzia. Gang gnadenvolle Beseelchett der Frau, harmonisch Dingender, chychmischer Mensch holl MKckender Anmut, belebendem Geist und bchendem Mtz. Gang Frätzlein ans Bettnont (aus SchönheitAhöh'n). Darum seien Frau Heims einige nicht belnvcmtische Berliner Mätzchen verziehen. Vom heimischen EnsenMe schuf Herr Lovric als Prinz von Arragon eine ausgezeichnete Figur; dieser treffliche Schauspieler wird auch noch als Gast nach Wien kommen; dann wird er wahrscheinlich den Mallvölio spielen. CLeMe Lvovsky eine sympathische^ Jessica. Die Lanzelotssenen, Perlen Shctteispeavescher Dichtung, gingen leider durch unzulängliche Darstellung ganz verloren. Wegener und Frau Heims wurden stürmisch gefeiert. ' . Siegfried Schmitz. Else stckerrberg in „Seampolo". » (Theater in der JosefftM.) In der mir einiger Feiuhstt gebauten Komödie von Dari ' Niccodemi. die in Wien durch zahlreiche Aufführungen bereits bekannt ist, eroffnete Else Eckersberg ihr diesjähriges Gastspirl. Sie gibt ein munteres, vorwrtzigeS Gasfenmädel von angenehm-rr Erscheinung und Llstigkeit. Die Wiener „Scancholo", Valerie MartenS, hat freilich nr-ch einen spezifischen. Wiener Vorzug: Feinheit und Liebreiz. Das Stück wirkte wieder angonehm und anziehend. Josef I s r n v ist noch immer?'« ausaereichnerer Bonvivant. Es gab viel Beifall. S, S. Bahr-Feier im Leutschen Bolkstheater. (Me gelb« Nachtigall"., Hermann Bahr, -der doch viel für Nächstenliebe übrig -hat, sollte seine , littvavifchen Gegner zur „Gelben Nachtigall" -laden. Sie müßten nämlich — ob sie wollen oder nicht — herzlich lachen und -das wäre eins Me Rache des trefflichen Dramatikers, der wahrlich Anspruch auf dankbare Wertschätzung hätte. ,Ms Konzert"^ ,/Der Star", Wienerinnen", ,/Der Meister", »/Die Heilbe Nachtigall" — eine ganze Reihe außerordentlicher Abende, um die er die Bühne bereichert hat. Der Spielleiter Hans Br ahm hat anläßlich der Vorfeier^ von Bcchrs 60. Geburtstag für wirklich festliche Inszenierung gesorgt. Die geschmackvollen Bühnenbilder, insbesondere die japanische Künstlergarderobe des dritten Aktes, sieht man nicht alle Tage. Aus dom Handgelenk, flüchtig hingewovfen, aber fuperb -gezeichnet, ist diese humorvolle Skizze des Lebens der Bühnenllente, und die Darsteller stritten mit Liebe für die eigene Sache. Charmant K. Günther, lustig und höchst charakteristisch Hans L a ck n e r, Aug und überlegen Lore Busch, erquicklich Ria Thiele. Ans der Fülle der lEpisodenspieler sind,insbesondere Josts Strahl und Hans Behal hervorzuheben. Me Aufführung hatte De«po und das Publikum war beffallsfvendig. A. Krieg gegen die „Nacktheit aus der Bühne". Die Piaritjer Varvetebühnen bieten jetzt Ausstattungsstnjsationen» die zjumeist in der Schaustellung herrliche«; FvcmenyestaAen ohne Gewaw« düng gipfÄn. Dieser Entkleidungstnumel hat einige -der berühmtesten Dichter Frankreichs, dar»Ktter den geistvollen Marcel P r e v o st, veranlaßt, in Vorträgen und ArMelln ,/>er .Nacktheit auf der Bühne" den Krieg zu erklären. Manche Mitglieder der Akademie nahmen ebenfalls Stellung gegen diese , MMtätenePidemie und die Folge davon war, daß nun das . Baudevillecheater eine Revue zurAufführung bringt, die fvoi von allen Unschicklichkeiten ist' und weder Ohr noch Auge der MorMten beleidigt. Diese Revue wird von der Presse als ^echt ,^vangösische Revue" begrüßt, und in der Tat erinnert sie-!an die lustigen Anfänge dieser Bühnenphantcvsien. Es gibt in! dcr neuen Revue — Wie Änst in> der, Vorkriegszeit — viel!MaKve, und PolitB und Kunst Wecken recht heiter verspottet. -Poineare und Tl-emeneeon werden ebenso aufs Korn 'genommen wie Schcha Guitry und Madame Bronfon, die geniale Schauspiel-eri-n aus-Kopenhagen. Daboi macht man sich über das -Ruhrabenteuer, fofn Shnnmy, das 'Mrsenlsi-eber und die Teuerung lustig, kurz, MM ist dem Autor der Revue (es ist Meister Rip) heilig. Koin Wunder, daß auch Tu tankhamen in Mitleidenschaft gezogen wird. Der Glanz dos, Abends ist das berühmte Lied oiu8 Puceinis - Bchome: ,Man nennt wich Mimir", daS jedoch hier variiert wird: „On m'appelle mom'ie", was ibedöutet>: „Man nennt mich -Mumie". Die Antwort des braven Rodolpho: ,Me -eiskalt ist dom Händchen", wirkt bei einer 9500 Jahre alten Mumie sicheMch' durchaus stilgemäß, weslM» auch dieser Zwiegesang vom Publikum allabendlich Mit lautem Gelächter begrüßt wird. Ein italienischer Preis für deutsche Dramem Frau Else Conn-Re inert hat dem Verband deuilscher Bühnenschriftsteller 700 Lire übermittelt, die als Preis an deutsche Dramatiker vergeben werden sollen. Ms Preisrichter werden u. a. Ludwig FuM und Lothar Schmidt genannt. Konzert Wali Pieon. Herrte, pünktlich 8 Uhr nachmittags, findet im Carl-Theater das Konzert Mali Picon statt, in welchem sich die Künstlerin vor ihrer Abreise nach Parts und London vom Wiener Publikum verabschiedet. Für das Konzert, in welchem Mali Pieon und ihr Partner Jakob Kalich neben den beliebtesten Nummern ihres Repertoires auch einige neue Lieder bringen, ist der größte Teil der Plätze bereits vergriffen. Restliche Karten nur noch an den Kaffen des Carl-TheaterS. „Menschen von heute"- ein neues Bühnenwerk von Paul W e rtyeimer, wurde vom DeutschenBolkstheater zur Uraufführung für die nächste Spielzeit angenommen. Direktor Ernst Oesterreicher hat ab 15. Mai die Rolandbühne für ein Prosagastspiel auf die Dauer der Sommerspielzeit gepachtet. Aus dm Aeatem. Staatsoper. Infolge Erkrankung des Frl. Rajdl muß die Neueinstudierung „Iphigenie i n A u l i s" verschoben werden. Im Operntheater gelangt daher heute „F i d el i o" zur' Aufführung. — Kammersängerin Selma Kurz tritt, von ihrer Jtalienreise zurückgekehrt, Mittwoch den 2. Mai als Leonore im „Troubad, ou r" wieder auf. Marie Jeritza - fingt am 5. Mai die Titelrolle in „T o s c a".' Burgtheater. Morgen, 7 Uhr abends, „D it StützenderGefellschaft". Volksoper. Heute, halb 3 Uhr nachmittags, „D e r Troubadour". Halb 8 Uhr abends „1001 Nacht". Morgen „C a r m e n". DeutfchesVolkstheaier. Äm2. Mai Feier des Doppeljubiläums ViktorKutscheras, An dem im zweiten Akt der ,,W i e »e r i n n e n" von Hermann Vahr stattfindenden Jour bei Ulrichs (Kütscherä) werden die ersten Künstler und Künstlerinnen des Hauses teilnehmen. Es gelangt auch eine vom Dramaturgen Heinrich GlückSmann verfaßte illustriert Festschrift zur Ausgabe. Raimund-Theater. Morgen ErstauMnmg von Sa^manns' Schwank „DaS weißeLam m ch e n" mit Max ' Neue Wiener Büh ne. Albert Baffermann beMnt Freitag den 4.' Mai fei»^ Gastspiel in der Komödie „D e r große B,a r i,t o n". " , Carl-Th eater. Morgen und Mittwoch letzt» Gastspiele der Frau Massary in „M a b a m e Pompadour". Ab-Donnerstag den 8. Mai spielt Frl. Mimi KStt die Rolle der Madame Pompadour und Herr Willy Strehl die Rolle Le8 Renö. Volkswirt Gerichtssaal. Roheitsexzeß eines Ksenbahuschaffners. Im August 1922 beanständete der Schaffner Josef Hahn auf der Fahrt von PfaMätten nach Wien den Krankenkassenbeamten Adolf Chamrath und einen zweiten Passagier, weil ihre Fahrkarten nicht gelocht tvaren. (was bei dem großen Gedränge, das an Samstagen an den Südbahnstationen' herrscht, bekanntlich kein todeswürdiges Verbrechen ist). Es kam zu einem Wortwechsel und als der Zug in Men einfuhr, nahm Hahn, ein auffallend großer und starker Mann, an jede Hand einen der Beiden und schleppte sie auf den Perron, um sie einem Beamten zu übergeben. Dabei faßte er vch dem zweiten Manne eine Ohrfeige. Der Ohrfeigende war im Gedränge verschwunden und so hielt sich der amtsbeleidigte Schaffner an Chamrath und versetzte ihm mit der Zwickzange für die Fahrkarten eine Anzahl von Schlägen auf den Kopf und Rucken mtt solcher Kraft, daß Chamrath blutüberströmt und ohnmächtig zusammenbrach. Auch die Zange war voll Blut. Das Südbahnpublikum, durch diesen Fall von unglaublicher Roheit aufs ttefste empört, nahm gegen den Schaffner Stellung. Seine Kollegen eilten ihm zu Hilfe und es entstand rin Handgemenge zwischen Publikum und Eisenbahnern, dem Polizei und Gendarmerie mit Mühe Einhalt tun konnte. Nun hatte sich der Rohling ' in Schaffnerunfiorm und sein Opfer vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Favoriten zu verantworten. Durch Zeugen wurde festgestellt, daß Hahn dem Chamrath 20 bis 80 Schläge versetzt habe und daß Chamrath von der Rettungsgesellschaft ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Hahn suchte Notwehr zu seiner Entlastung vorzühringen; er habe von Chamrath zuerst einen Schlag erhalten. Die^wurde durch die Aussage Chamraths und mehrerer Zeugen widerlegt. Der Richter verurteilte Chamrath wegen Einmengung in eine Amtshandlung zu 48 Stunden bedingten Arrest, den Kondukteure Hahn wegen des Deliktes tätlicher Beleidigung als öffentlicher Beamter während des Dienstes zu fünf Tagen Arrest. Ms erschwerend wurde die lles andere Roheit der Tat angestchen. Gestempelte Krone --- 0.0077 Y< Sentlmer. Auszahlung Wien -- 0.0077'/- kentimes. In Zürich notterte die östeneichische Krone . . die österr. gestempelte Krone die tschechische Krone . . . die Mark . . .. Holland . . . . New-Dork . . . London .... Paris . Mailand . . . Belgrad.... Bukarest . . . Sofia..... Budapest .... Warschau . . . 0.0077l/8 ( 0.0077 0.0077 ( 0.0077V4 16.38 ( 16.35 0.0186, ( 0.0185 215,40 '(216.- 551.- (551.60 25.58 ( 25.50 37.50 ( 87.20 27.10 ( 27.10 , 5.677g ( 6.60 " 4.10 ( 4.10 0.097* ( 0.107a 0.0118 ( 0.0120 m 27. Apri am 27. Apri! am 27. Apri! am 27. Apri am 27. April am 27. April am 27. Apri! am 27. April am 27. April am 27. April am 27. Apri! am 27. Apri! am 27. April am'27. Aprils Ier Sfterreichisch-italienische Handelsvertrag Der italienische Zolltarif vom Jahre <1921 besteht auZ Grundzöllen und emem Zuschlagskoeffizienten, den die Re, gierung ändern kann. Wenn der Gvundzoll 50 Lire und be* Koeffizient 1 ist, werden-100 Lire eingehoven. Beträgt de< Koeffizient 0,50, so ergibt sich ein Zoll von 75. Die vop Italien in den Handelsverträgen gewährten Zugeständnisss bestehen in der Regel nur in der Herabsetzung bei Koeffizienten. Vollständ i g beseitigt ist im neuen Vertrag der Koeffizient für Bier, Drahtseile, Achsen, , Kupferbleche, Messingmöbel, Nickelwa-ren/ Messer, einige landwirtschaftlichej Maschinen^ Wagen, gewöhnliche Möbel, Holzwaren, Leim, Lacke, Pappen, Papierwaren,^ Galanteriewaren. Es bedeute dies zum Beispiel diq Herabsetzung des Bierzolls von 22,6 auf 15 Lire, für Achsen von 54 auf 30, Messmgmöbel von 97 auf 65, Messer von 120 auf 80, Möbel von 27 auf 18 und von 45 auf 30, Pappe von 7,5 auf 6 (Lederpappe 6). und von 9 auf 6. Herabsetzungen der Koeffizienten erfolgen insbesondere für Draht und Blech aus Eisen, für Schrauben und Nieten, Armaturen, Stahlfedern, Eisemnöbel, Kassen, Lampen, Metallwaren, Lokomobile, Pumpen, Oefen, Sensen, Fahrräder, Packpapier.. Ermäßigung der Grundzölle und zugleich Beseitigung des Koeffizienten sind nur in einzelnen Fällen zugeftanden, jo -für Tiroler Loden, Drahtseile, Möbel aus -weichem Holz, einige Holzwaren, Lckerwarenv Der Vertrag enthält keine Herabfetzung en der Zölle aus Automobile und Magnesit. Bei Zement nur ein für Südtiwl bestimmtes Kontingent. Die schon der Schweiz, bezichungSweife Frankreich gewährten Zölle für Sägewa ve, Zellulose und Dich sind, wie auch! einige andere für die österreichische Ausflchr wichttge Pertvagszölle in den neuen Vertrag Mernommen. -Italien hat infolge der jüngst abgeschlossenen Verträge einen die' meisten Pofittonen umfassenden Vertvagstarif. Für diesen wird Oesterreich die Meistbegünsttgung zwar nicht durch sine allgemeine Klausel, wohl aber durch eine Liste einge-! räumt, die alle für die österveichssche Ausfuhr in Betracht kommenden Arttkel enthalt. Doch hat sich die italrettische! Regierung Vorbehalten, die 'zolwegirnstigte Einfuhr zu! kontingentieren, ivenn sie eine schwere Gefähckungj italienischer Produktionszweige Hervorrufen sollte. Diesel Befürchtung ist nicht gerechtfertigt, und es ist deshalb zuj p&mm mmist MQAlofoi» A llfoilfhali 2u jeder Tageszeit' wanne und kalte MUMUSUti MlBQUIaU s&km> VawÜglic^ Biere und Weine des Caf6- und Garten- Restaurants im Prater, Hanptallee 3» unter neuer Leitung Bei schlechter Witterung geheizter 2323485348232323232353235353532353534848482348232348234823482353

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