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Wiener Morgenzeitung · 1923-04-29 · Heft 1512 (29.4.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1512 (29.4.1923)
Date
1923-04-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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m. Ms Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung. -V. Trp m EO VMV 3 HEUTE SONNTAG 3 Uhr nachmittags im Carl-Theater KONZEPT JAKOB KALIGH SOLOSZENEN // LIEDER // TÄNZE Restliche Karten - - ' " " * an den Kassen des Carl-Theaters Dingungen die große Anleihe zu placieren, noch einmal die Notwendigkeit zu betonen, welche für die österreichische Regierung, das Parlament und das österreichische Volk besteht, iie S a n i e r u n g s m a ß n a h m e n richtig d u r ch z ujü h r e n. Ich weiß, daß die zur Erreichung dieses Zieles notwendigen Maßnahmen vielfach als sehr hart empfunden berden. Ich vergesse aber bei der mir in Oesterreich obiegenden Aufgabe niemals, daß hinter den Ziffern, mit denen pir arbeiten müssen, das Schicksal eines ganzen Volkes aus »em Spiele steht. Man wird Opfer bringen müssen, denn sonst pird man nie zum Ziele kommen; aber es ist eine der grundkgendsten Pflichten derjenigen, die an der Ausführung des jfa nierungsplanes Mitarbeiten, darauf zu achten, daß diese hpfer so klug wie möglich auf alle Schichten der Bevölkerung Erteilt werden. Me Repnratiourkommission über dar Burgenlaad. Paris, 26. April. Die Reparationskommistion hat feilte gewisse, durch die Uebergabe des Bnrgenlandes »n Oesterreich aufgeworfene Fragen fittanzieller Statur geprüft Und unter gewissen Vorbehalten, die von den Regierungen -Oesterreichs und Ungarns zu genehmigen sein werden, beschlossen, den Regierungen O e st e rreichs und Ungarns die Regelung der' Entichädigung zu überlassen, die für die im Bnrgenland gelegenen Staatsgüter gemäß dom Spruche zu zahlen ist, der von dem aus Grund des Venediger Protokolls vom {>3. Oktober 1922 eingesetzten Schiedsgericht gefällt worden ist. Die Reparationskommistion beschließt kraft Artikel 180 des Vertrages von Trianvn, Oesterreich unter den in Artikel 11 des vorgenannten Schiedsspruches allsgegebenen Bedingungen die in der schweizerischen Kreditanstalt in Zürich deponierte Summe von 500.000 Schweizer Franken auszuzahlen. Jugoslawien. Die Kabinettskrise. Belgrad, 28. April. Heute vormittags kmrferierte D avidovie mit Pa sic, um seine Meinung über den Eintritt der Demokraten in die Koalitionsregierung zu hören. Pasic erklärte, daß nach seiner Meinung von der Bildung einer Regierung, die gleichzeitig auch eine W a h l r e g i erung wäre, keine Rede sein könne. Er wolle sich aber poch heute mit seiilen Millistern beraten. Der König ersuchte Davidovic, die Besprechungen zur Bildllng des Kabinetts fort zusetz ei; und ihm morgen abends endgültig Bericht zu erstatten. Zu politischen Kreisen wird cht Erfolg seiner Missiorl bezlveiselt. Man erwartet, daß Davidovic schon morgen abends sein Mandat in die Hände des Königs ztlrücklegen werde. Ungarn. Eine Kundgebung der oktobristkschen Parteien Budapest, 28. April. (Tel. der „Wr. Morgenzoitnng".) Knapp vor seiner Abreise nach Paris, London und Rom hat der Mmisterpräsidcut Graf Bethleu die Führer sämtlicher Parteien zu sich berufen und sie gebeten, während seiner Abwesenheit Frieden zil Hallen. Die okto'bristischen Parteien hielten unter dem Vorsitz des Grafen Theodor Batihyanyi eine Konferenz ab, in welcher sie ihre Grnndforderungen für eine Wiederausrichtung Ungarns zusamimenfaßren. Tie verlangen die Anfchtießnng der nngarisch sprechenden Minoritäten in den Nachfolgestaaten an das Mutterland, die Erleichterung des Wirtschaftsverkehrs, die Gewährung einer internationalen Anleihe, die Ocffnung des Weges nach Fiume und — für den Fall des Anschlusses Oesterreichs all Deutschland — die Rückgabe des Blirgcnlandcs. Die Konferenz verwahrte sich schließlich gegen die Duldung der Habsburgerpropaganda in Ulrgarn, die das Mißtrauen des Auslandes erregt. kiue Legitimiftendebatte im Parlament. Budapest, 28. April. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung beantragte Ministerpräsident Bethlen mit Rücksicht aus seine Auslandsreise Vertagung bis zum 23. Alai. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. In der Sitzung interpellierte Abg. Melchior K i ß über die schwärz-gelbe, ungarnfeiMiche Gesinnung des Offizier-- korps der Nationalarmee. Er erzählte, daß anläßlich des natiomlen Tranertages am 6. Oktober Ofsiziere in einem Debveeziner Gasthaus das Bild Ludwig Kvssuths von der Wand riffelt und die Kaiserhymne „Gott erhalte" sangen. Es gebe eine ganze Anzahl von Offizieren in der Armee, die der ungarischen Mtionalhymne keine Ehrenbezeugung leisten. Die Nation könne diese Schande in der Armee nicht länger dulden. Honvedmimster Belitska protestierte in seiner Alitwort dagegen, daß inan Armeeangelegenheilen vor die Oeffeutlichreit bringe. Er glaube nicht an die Behauptungen des Mg. Kiß, doch wird er die Unter* snchung einleiteli.. Abg. Markgras Pallavieiili (Legitimist) interpellierte wegen der Verordnung des Militärkommandos, laut welcher bei dem letzten Tranergottes. dienst für „Seine Majestät Karls Seelenheil" erschienene Offiziere zur Ausweißleisnrug verhalteil worden seien Minister Belitska erklärte in seiner Antwort, er iverde di" Untersuchtlng gegeil die Schuldigen unverzüglich ein ckciten. Polen. Um die SeimmajoriM. Warschau, 28. April. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Verhandlungen W ito s' mit den rechten Parteien sind iloch zu keineur Abschluß gelangt, da dieser mit einer ziemlich starken Opposition innerhalb seines Klubs, die unter der Führung des Abg. D o nt bski jede Koalition mit den National'denlokraten bekämpft, zu rechnen hat. Die unter Füll rnng Dombskis stehenden 16 Abgeordnetelc drohen mir iKm Austritt ans der Witos-Partei. Wie in gut unterricht Iden Kreisen verlautet, dürfte es jedoch Witos geXirtgett, mit Zuhilserrahme der kleinen Parteien bereits in den näcl^ sten Tagen eine Sojmmajorität zn schaffen. Mehrere polnische Blätter verbreiteten Nachrichten über angebliche Ver- Handlungen des Jüdischen Klubs mit der Witos-Partei und den Nationaldemokraten betreffs Beitrittes zur neuen Sejmmajorität. In den Kreisen des Jüdischen Kkubs wird erklärt, daß diese Nachrichten völlig aus der Luft gegriffen sind. Die Wahlen in die Wische« Gemeinden. Warschau, 26. April. (Tel. d. „Wr. Morgenzcitung".. In der letzten Sitzung der Vertvaltungskommission wurde als erster Punkt der Tagsordnung der Dringlichkeitsalltnag des Jüdischen Klubs aus Ausschreibung von Neuwahlen in die jüdischen Gemeinden in Galizien behandelt. Mg. Dr. Schipper begründete die Dringlichkeit und erklärte, daß die gegenwärtig noch amtierenden RegierungskoaNMissäre ans der österreichischen Zeit den Verfall der jüdischen Gemeinden verursacht haben. Die meisten von ihnen haben mit dem Jlldentmn nichts gemein und es sei daher - notwendig, Neuwahlen ctuf demokratischer Grundlage auszuschreiben, 6R05SE OKKASION Regenmäntel . . K 125.0001 Leinenwaren, Waschwaren, 9 Stoffe, Wäsche — sehr billig ® Waren- [ Schiff mann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-73 En gros En deiai —■I1IU Uli IIHl 1111 HillII „Antonius und Kleopatra." Bitrgtheaier. Antorrius, der grattmelierte, -und Kleopatra, die vielfache Mutter, dieses Paar vdn Shakespeares Gnadelt ist durch nichts verbrrnden als durch Lust, und es erwefft sich, daß dieses Band das stärkste ist. Romeo und Julia sehen einander durch die rosenrote Brille jugendlicher Verliebtheit. Wer weiß, wie lange diese beideir — einte sie nicht frühzeitig die Gruft — seufzend gewünscht hätten, es wäre, ach, die Nachtigall und nicht die Lerche, wer weiß, wie >bald sie satt und rnatt und enttäuscht geschieden wären. Aber Anton-ius rmd Kleopatra, die Aeltererr, Reiferen, sind vom Dämon Lust znsannnengeschmiedet und lassen einander nimmer. Er kennt diese Kleopatra genau und sie — klüger ist das Weib — diesen Holden Antonius noch geirauer. Wiederholt hört man ihn die ägyptische Metze fluchend verdammen, die er vorfand „einen kältgewordenen Bissen aus Casars Teller, ja ein Ueberbleibsel von des Pompestis Tafel", wiederholt schildert er sie ab, als wäre der Liebestolle ein objektiver Geschichtsschreiber. Aber los kommt er nicht von ihr. Stets schärfte die jüngste Schäferhunde den Durst nach dem nächsten Gewähren. Sie sieht den gewaltigen Feldherrn nüchterner und bester als seine h eir unde enden Zettgenosten. Ihre Weiberkünste teufen seine Schlachten. ,^JHm nicht zuwiderhandeln", erkermt sie, „ist törichter Rat, der Weg ihn zu verlieren." Sie kennen einander. Keine Gloriole ftir den geliebten Partner der Lust stt vonnöten. Die stärkste Macht einigt die Leiber. * Merklvürdig bei diesenr Paar van Shakespeares Gnaden, lvie sich zugleich der Kampf der Geschlechter spielt: E r nützt jede Atempause des ewig währenden Baechanales ^mit Kleopatra, um sich zu ermannen, irn'b loszukommerr. .^i e trägt doch stets die Sorge, ihn zu verlieren, tlud jede, ^Atempause muß den Ränken dienen, die sie spiiutt, ihn sestzuhalten. Merkwürdig, daß diese große Leidenschaft der beiden detr nagenden Wurm „Eifersucht" nicht kennt. Daß Antorüus, der Witwer, Octavia geheiratet l)at, sicht sie nicht an, nur daß sie schöner sein könnte, besorgt sie, und da ihr!OEtavias Gestalt und Temperament geschildert wird, jarlchzt W tyjO Äwe. .Lirft Mlrt fkÜMN. — Mterkwürdig, wie die gewaltige animalische Kraft ,-Buhlsuchi", die zwei Menschen u,nrschlang, das ga!nze Leben der Beiden erfüllt, so daß sie es wegwerfen, wenn ihm dieser einzige Inhalt genomnterr ist. Eben noch ist Autonftls zerbrochen, denn er -hat sich von Kleopatra an Cäsar verraten gewähnt, er schüttelt sich vor Ekel und ivill sie töten. Da er aber erfährt, daß sie Selbstmord beging (sie läßt ihm's nur sagen, es ist nicht währ), stürzt er sich in sein Schwert. Keinen Angenblick länger atmen, wenn keine Nacht bei Kleopatra mchr winkt! Und wenn dann Antonius in ihren Armen stirbt, schreit Kleopatra auf, daß diese Welt ein Stall ist und nichts tnehr Beachtenswertes unter der Sonne und legt die Giftschlange an die Brust. Stephan Hock hat in seiner neuen Bearbeitung dieses Drama der Lust sozusagen nackt herausgeschält. Es ist der Vorzug seiner Bearbeitung, die freilich viele Kostbarkeiten fallen ließ, befremdende Ansdrücke gebraucht und einige Shakespeare-Gestalten bedenklich verkleinerte. Insbesondere der Krieger Enobarbus mußte es büßen. Er hat ihn geradezu um den Kopf gekürzt, nämlich tViesenlos gemacht. Nur wer diesenr ganzerr Kerl in der (gestrichemn) Szene auf der Galeere begegnet, diesem rauhen, klugen, trinkfesten Römer, verftcht feine Ueberlegenheit gegenüber der Liebesaffäre des Antonius, sein Mrücken von dem geliebten Feldherrn, versieht, daß er später aus Grant über begangerre Untreue stirbt. Wesenlos wurde arrch Charmion, Kleopatras Dienerin i der .Hock die Wahrsagerszene nahm, minder schmerzlich ist der Verlust des Pontpeftls, der gänzlich gestrichen wurde. Kleopatra, die Außerordentliche, die hungrig macht, je reichlicher sie schenkt, die gwße Tochter der Venus, von der Enobarbus sagt, daß die Priester sie segneil müssen, wemr sie lnchlt — spielt Frau M e d e l s k y. Uub den liebesrasenden Antonius, voir denl Kleopatra schwärmt, daß feine Freude aufblitzt, wie der Rückeli der Delphine über beit Wellen — spielt Herr Aslan. Muß man hinzusügen, daß-Shakespeares Drama der Lust nicht lebendig wird? Höchst überflüssiges Beginnen. Erschütternd ist Lotte Medelsky, die Tragödin, in ihrer Klage bei der Leiche des Antonius, geloaltig in der Szene mit dem Sklaven, der ihr des Antonius Vermählung meldet, aber einfach unerträglich allüberall, wo sie die lockende, bezwingende Liebeskönigin fein nmßte. Und herrlich ist Raonl As lau. wo er Halruug- und Pathos seines trefflichen Coriolanus annehmen darf. Mer leider untauglich, wo rasender Mannestrieb den hochmütig-herben Römer vergessen machen müßte. Er hilft sich mit einer Shawschen Geste des Humors, eine Msslucht, die Herrn D a n e g g e r, dem Darsteller des Enobarbus, für seine vom Bearbeiter geköpfte Rolle zustatten kommt. Freilich ist dann sein tragisches Sterben am gebrochenen Herzen schwer begreiflich. Den slaumbärtigen Cäsar spielt Herr Schott nicht gerade glücklich. Unter seiner formenden Hand toird aus dem ernsten Imperator ein unsympathischer kleiner Gernegwß. Eine Freude der junge Herr E i d l i tz als Eros, ausgezeichnet Herr Häussermann als Hämling. — Winzige Rollen sind mit Herrn Direktor P a u lsen und den Herren Treßler, Romb erg, Reimers und Heine besetzt. Vermutlich Spiegelbild der Vorgänge hinter den Kulissen. - * Roller und'Heine durften wieder Zusammenarbeiten. Das Rollersche System — Kompromiß zwischen Shakespeare-Bühne und modernem Kulissenzauber — bewährt sich sehr. Bei raschestem Szenenwechsel eine Fülle stilvoller, wunderschöner Bühnenbilder. Hinter den festen Seitenstücken, diesmal grün-schtvarzes Getäfel, farbige Gehänge bei tiefgegliederter Bühne für Aegypten, Marmorlvand für Rom. Eine ägyptische Nacht mit dnnstderhülltem Vollmond, ein Blick auf die scharf beleuchtete Akropolis und eine grandiose Halle in >der Pyramide sind einprägsame Bilder des Abends. Höchsten Lobes ivert die Atzüeit des stark unterschätzten Spielleiters Heine. Wie wird der Ausbruch des Jähzorns der ffebevnden Kleopatra ldadnrch erhöht, daß sich die ganze Dienerschaft abwendet und niederloirfl, die Herrin allein lastend mit ihrer barbarffchen Wut. Wie bezeichnend und stimmungsvoll ist die erste Szene, ein sinnbetörender Festzug der Verliebtheit, eindrucksvoll der stumme Schluß des idritteik Aufzuges, ankündend dte Tragödie der Liebenden, wie scharf gesorint Angstgeste und Aufschrei der Dienerinnelt (die Damen A k n a h und P e r c y). bevor Kleopatras Abschied von Antonius anhebt, — klastischer Auftakt einer klassischen Totenklage. Wie kömlü man sich dieses Abends freuen — sähe man uebst rüPulichsten Ausstaru.'u--: . und Nwersetzertaten auch noch Shakar sp--ar - . G -n U7Ä> Kleopatra. ^Otto

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