Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1512 (29.4.1923)
- Date
- 1923-04-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Mener Morgenzeikung. © 29; April 1928 Nr. «W . rauen in Men. Stimmen der Teilnehmerinnen ans den verschiedene« Llinderu., t -7V77U, Tomrmg Set ausländische Berater der Lesterreichischen Notenbank. Vor halbleerem Hause wurde gestern im Nationalrat baS Gesetz über die zeitweilige Bestellung eines ausländischen Beirates für die Nationalbank verhandelt und i n beiden L e s u :t g c n zum Beschluß erh 0 ben. Gegen die sofortige Vornahme der dritten Lesmrg erhoben nicht einmal die Sozialdemokraten Einspruch. Da von keiner Seite mehr neues vorgebrcht werden konnte, weil die Sache schon ausreichend bei der ersten Lesung und im Ausschuß behandelt worden war, ging die Beratung unter allgemeiner Interesselosigkeit vor sich. Erst als der Großdeutsche Doktor Waber zwischen Fricdensverirag und Genfer Abkommen Vergleiche zog, kam Leben ins Haus und die Schreier links und rechts bombardierten einander mit Zwischenrufen. Zu Beginn der Sitzung wurden das Budgetprohis 0 ri:rm und die Novelle zum Avbeitsloserwersichernngszesetz auch in dritter Lesung angenommen. lieber das „Beratergesetz" erstattete für den verhinderten Referenten K oll mann Dr. Gimpl den Bericht. Abg. Dr. Ellenbogen erklärte, die Grenzen, bis zu welchen wir uns ausländische Anleihen und die damit verbundenen Verpflichtungen gefallen lassen können, müssen fiir^cden Österreicher, der Ehrgefühl im Leibe hat, sein: 1. Würde und das Ehrgefühl der Bevölkerung; 2. das Selbstbesttnnnungsrecht unseres Vaterlandes, und 3. die - Interessen unserer Volkswirtschaft. Gestern war schon in den Zeitungen die Mitteilung verbreitet, daß nun auch ein ausländischer Berater für unsere Eisenbahnen bestellt werden soll. In Genf wurde bei der letzten Tagung des Völkerbundes weiters bekanntgegebcn, daß, wenn die zweijährige Frist abgelaufen ist, damit die ZeirderKontrollenoch lange nichtzuEnde sein wird, daß vielmehr Kontrolleure für unsere Pfänder wahrscheinlich auf unabsehbare Zeit bestellt werden solle::. Schritt für Schritt wird ein Stück unserer Freiheit und Selbständigkeit prcisgegeben. Nach unst.rer Meinung und nach der Meinung aller Aufrechten und sachkundigen Menschen ist ein Berater ganz unnötig. Ans den Erklärungen be3 Präsidenten der Nationalbank ist zu entnehmen, daß er selbst den ausländischen Berater für sachlich nicht notwendig hält. Der Berater hat die Funktton, in die Geheimnisse unserer Volkswirtschaft im großen und km einzelnen Einblick zu nehmen. Je mehr unsere Volkswirtschaft sich entwickelt, je nrehr unser Industrialismus sich ausdehnt, desto mehr wird der Berater seine Funktion darin zu erblicken haben, jede weitere Entfaltung der Industrie 51t unterbinden und die Kreditpolitik der Bank so einzurichten, daß die anderen Staaten nicht darunter leiden. Nicht um eine Kontrolle der Notenbank handelt es sich, sondern um eine Kontrolle -er Volkswirtschaft, /cls Gesamtheit und unserer PrivatunternehmnuHn im besonderen. Abg. M i k l a s betonte, es sei weder im Genfer Protokoll, noch durch irgend eine Persönlichkeit auf der Völkerbundtagung in Genf eine Forderung aufgestellt worden, die etwa beinhalten würde, wir seien verpflichtet, die Einsetzung eines ausländischen Beraters bei der österreichischen Nationalbank cm Gesttzgebungswege sicherzustellen. Von einer strikten Forderung kann daher nicht die Rede fein. Es gibt aber Umstände, die aber doch eine gewisse moralische Zwangslage /chaffen. Was den Wirkungskreis des Beraters betrifft, so schießt Dr. Ellenbogen mit der Behauptung, es handle sich um eine großzügige Wirtschaftsspionage, weit übers Ziel. Abg. Dr. Waber (großdeutsch): Die Bestellung des Beraters war sachlich nicht notwendig, da, wie ja selbst der Generalkommissär zugegeben hat, die Notenbank einwandfrei geführt wird. Doch handelt es sich hier um die Durchführung einer mit Rücksicht aus unsere Kreditpolitik notwendigen Maßnahme. Durch den Genfer Vertrag wurde unsere Unabhängigkeit nicht aufgegeben. Der Vertrag von Saint Germain und der Vertrag von Prag, dem die Sozialdemokraten zugestimmt haben, enthält viel schwerere Verpflichtungen. Abg. Dr. Ellenbogen erwiderte, der Friedensvertrag sei Oesterreich aufgezwungen worden, während durch das vorliegende Gesetz die Mehrheit sich freiwillig unter ein Diktat stelle. Lärmende Zusammenstöße. Als Dr. Waber nochmals -das Wort ergriff, kam es Zu lärmenden Zusammenstößen zwischen der Opposition und den Christlichsozialen. Abg. Dr. Waber meinte, den Krieg habe niemand gewollt. (Lebhafte Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten: Siegfriedler! Stiefelwichspatrioten!) Abg. Dr. Waber: Aus der Zwangslage des Friedensvertrages ergeben sich eben immer wieder neue Zwangslagen. Abg. Dr. Bauer wendete sich gegen die Behauptung Dr. Wabers, daß niemand den .Krieg gewollt habe. Heute, wo eine reiche Literatur über die Vorgeschichte des Krieges vorliege, wo man '-weiß, daß ConradvonHötzendorf, der Führer der Militärpartei in Oesterreich, schon im Jahre 1907 den Krieg immer stürmisch gefordert hat, berühre die Behauptung Dr. Wabers sonderbar. Abg. Dr. Waber: Was war mit Frankreich und Rußland? Abg. Dr. Bauer: Zweifellos haben auch Leute in Frankreich und Rußland den Krieg gewollt. Ebenso wahr ist ,es aber, daß in Wien die K r i e g s p a r t e i die HauptschML d««m trügt, weit, durch die KriLgser- , Die Nachricht. ' vom Zusammentreteu eines silbischen Franonkongresies in Wien bat begreif, lichmv-eise in allen Ländern, in welchen «silbische Frauen -tätiq sind, das müßte Interesse bcworgerufen. Sechzehn Länder Europas und auS liebersee senden Deiknehmerwncn zu diesem Kongreß. der die grössten und bedeutendsten Frauenorganifationell der ganzen Erde vereinen wird. Jede von diesen Organisationen erhofft von dieser ersten großen Frauentagung Förderung ihrer Arbeit auf kulturellem und sozialem Gebiete. Belehrung und neue Erfahrungen, und nicht zuletzt soll dieser gemeinsame Gedankenaustausch 'jüdischen Frauen der ganzen Welt die Gewissheit geben, daß sie alle in dieser Arbeit für das Wohl des. Judentums treu zusaurmenstcheu. Es liegen «ine Anzahl von Aenße-rungen vor, iu welchen führende jüdische Frauen ihre Ansicht »>nd ihre Hoffnungen über die kommende Tagung aussprechen. '.'Ars. Alexander Ko Hut (New-Aork), Ehrenpräsidentin des Council os Jewish Women: Wir glauben nicht als falsche Prophetinnen zu gelten, wenn wir Voraussagen, daß jetzt die Zeit gekommen ist, in der sich das geeinigte jüdische Frauentum über, viele Länder ausbreiten wird. Wir glauben ferner, daß eine Zusammenkunft jüdischer Frauen zur gemeinsamen Beratung in keiner Zeit der jüdischen Geschichte wirksamer und notwendiger geivesen wäve, als sie es gerade jetzt sein wird. Noch niemals tvaren alle Frauen so Mt ausgerüstet für die neueil Möglichkeiten und Verantwortungen, die sich ihnen im Laufe des letzten Jahrzehnts geboten haben. Mrs. Nathaniel E. Harris (Bradford), Cxprästde-ntin des Council cf Jewish Women: Tie Konferenz wird für uns Amerikanerinnen vorteilhaft fein, -da sie unseren Gesichtskreis erweitern wird. Sie wird für die Frauen anderer Länder vorteilhaft fein, weil sic ihnen den Mut und die Zuversicht gibt, welche dem Bewußtsein entspringen, überall Sympathie, Verständnis und Mitarbeit zu finden. Mrs. Elinor Sachs -Barr (New-Aork City), Schriftführerin des Council, of Jewish Women und organisierende Sekretärin des Kongresses: Meine Hoffnungen und Wünsche, die ich bei Einberufung des Kongresses hegte, sind durch die warnte Anteilnahme und die große Unterstützung, die ich von den jüdischen Frauen aller Länder erfahren habe, weit übertroffen. Diese Erfahrung, welche ich iu der Zusammenarbeit mit den Frauen aller Länder gemacht habe, läßt -mich das Schönste nicht nur für den Kongreß und die Arbeit selbst, sondern ftir das Wohl des ganzen Judentumserlvarten. Mrs. Ruth Eichholz (London), Präsidentin der Union of Jewish Woinen: Tie vorbildliche Tätigkeit, die Frau Sachs-Barr im Osten Europas geleistet hat und die beispielgebend für die Zusammenarbeit der verschiedenen Gruppen in Europa geworden ist, hat auch der Tättgkeit der Union der jüdischen Frauen in England neue Bahnen gewiesen. Mit Freude ergreifen wir die Gelegenheit, mit den jüdischen Frauen Europas und Amerikas in Verbindung zu treten und auf dem Kongreß in Wien uns zu gemeinsamer Aussprache zu begegnen. Mme. Zadek-Kahn (Paris): Ich selbst habe durch den Krieg viel Schmerzliches erlitten und kann nicht ohne Bitterkeit an die traurigen Erlebnisse zurückdeuien. Qbzlvar die Wunden, die mir die furchtbaren Ereignisse geschlagen, noch Glicht vernarbt sind, will ich doch an der Weltkonferenz jüdischer Fruerr teiluehrnen. Ich tue dies iu der Erkenntnis, daß alle persönlichen Gefühle 'zurücktreten müssen, wo es gilt, die großen einhoitltichen Ziele zu verfolgen, die uns jüdische Frauen aller Länder erfüllen: Die fruchtbare Arbeit an der Lösung der aktuellen Probleme, welche die Judenheit bewegen. Frau Karoline Wijsenbeek-Franken (Amsterdam), Vizepräsidentin des Joodschen Vrouwenraad: Wir jüdischen Frauen Hollands begrüßen diesen Konttärung an Serbien die Brandfackel ins europäische Pulverfaß geworfen wurde. (Großer Lärm rechts.) Abg. Dr. D 0 sta l: Was ist, es mit dem sozialistischen Munitionsminister? (Großer Lärm bei den Sozialdemokraten.) Das ist eine Beschmutzung des eigenen-Nestes. (Gegenrufe bei den Sozialdemokraten: Wollen Sie vielleicht die Politik des Grafen B e r ch t 0 l b verteidigen?) Ich verwahre mich nur dagegen, daß Oesterreich beschuldigt wird. Abg. Dr. Bauer: Es gibt hier nur eine Frage: Ob uns der Wunsch von einigen Londoner Finanzleuten wirklich so wichtig ist, daß wir ein weiteres Stück unserer Selbständigkeit aufgeben. Das ist die Frage. Wenn Sie dazu Ja sagen, Werder: Sie die Verantwortung zu tragen haben. Wir können nichts anderes auf diese Frage antworten, als m i t e i n e m entschiedenen Nein. Abg. K u n s ch a k: Reden Sie halt mit Herrn B 0 s el. Vielleicht gibt nns der Geld. Das Gesetz wurde hierauf mit 60 gegen 61 Stimmen zweiterunddritterLesnng angen 0 m:nen. Für das Gesetzstimmten die Christlichsozialen und die Großdvutschen, und von der Bauernpartei nur Abgeordneter Kollarz, .dagegen votierten die Sozialdemokraten. Die nächste Sitzung wird in: schriftlichen Wege' einberufen Werder». gveß besonders, denn für uns ist eine Fühlungnahme mV1 unseren Schwestertr in anderen Ländern vongrößtem Interesse. Gerde bei uns, die wir in einem Lande leben, da» frei von Antisemitismus ist und den 'Juden für die Zuknnft politische Sicherheiten gibt, ist es notwendg, dajüdische Gefühl wachzuhaltei: und nufere Kräfte, die wir nicht im Kampfe gegen ftrdenfeindliche Bestrvbmrgen Vevschwenden müssen, zum Wöhle des jüdischen BoÄeS zu gebrauchen. Frl. Berta P a P P e n h e i m (Frankfurt a. M.), Präsidentin des Jüdischen Franeuibundes: Bon jenseits des Ozeans kommt eine Botschaft zu uns, welche die versprengten Energien jüdischer Frauen zu neuen, großen Abgaben samnreln will. Begrabene Hoff-- nnngen werden wieder aufgerichtet und das Gefühl jüdi> scher Solidarität soll wieder aufleben aus dem Chaos, der uns rings umgibt. Jede lJüdin, in welchem Teile der Mel* inrmer sie lebt, wird das Zusammen treten des Kongresses mit den Gefühlen lebhafter Freude begrüßen. Jeder wird zur Verwirklichung des Planes beitragen, unsere idealen Forderungen in einem Bunde zu vereine::, welcher unt für immer aneinanderknüpft. Fr. Dr. B a r a c § (Budapest), Präsidentin der Jüdischen Frauenvereinigung: Unsere Zukunft ist unsere Jugend. Es ist -daher bu erste Sorge der jüdischen Frau, die Kinder des jüdischen Volkes zu aufrechten und nützlichen Mitgliedern der jiidischeu Gemeinschaft zu erziehen. In einem Lande, wie in Ungarn, in dem die allgemeinen Bildungsstätten den Inden verschlossen werden, müssen wir Frauen auch unsere Kraft in den Dienst der Volsbilduug und Volkserzichung stellen Wir begrüßen den Kongreß aus das wärmste, der uns Mittel und Woge zur Durchführung dieser schweren Aufgabe weisen wird. Fr. Rosa Melzer-Pomeranz (Lemberg), Mitglied des polnischen Sejm: Es ist mir eine herzcrhebende Freude, zu wissen, daß -das Bestreben der amerikanischen Frauen diesen Kongreß ermöglicht hat. Ich tverdr diesen Kongreß nach allen meinen Kräften unterstützen und bin stolz daraus, die Frauen Polens auf diesem Kongreß vertreten |n dürfen. Die großen Aufgaben, die wir jüdischen Frauen in kultureller und sozialer Rich tung zu leisten haben, sind meinem Herzen immer nahe gestanden und ich habe sie jederzeit, auch in meiner politischen Tätigkeit, vertreten. Frl. Dr. Klawanska (Kowno), Aerztin des Kinderhauses Kowno: . Die kritische Lage der Juden in ganz Europa macht es den jüdischen Frauen zur gebieterischen Pflicht, ihr» besten Kräfte in den Dienst ihres Volkes zu stellen. Je stärker die Bedrückung, desto tiefer und inniger soll di- Liebe zun: Judentum sein. Eine internationale Vereinigung jüdischer Frauen soll der Welt zeigen, daß stärker als alles Leid die einigende Liebe zum Judentum ist. , Frau A'nitta Müller-Cohen, Präsidentin der Sozialen Hilfsgemeinschaft Wien: Uns Frauen Europas ist es nicht leicht geworden, uns in die Rolle der ewig Bittenden, der ewig Beschenkten, zu finden. Wir waren einst stolz darauf, in unserer Arbeit und in unserem Geistesleben fiihrend und richtunggebend zu sein. Amerika hat uns nach den: Krieg oft materielle Hilfe gegeben. Wir freuen uns, daß diese Hilfe durch eine kulturelle ergänzt wird, die uns der internationale jüdische Frauenkongreß bieten kann. Mit Freude und Hoffnung erfüllt uns die Einladung zu den: Kongreß, bei dem über das Leid unseres Volkes in geistiger, seelischer und wirtschaftlicher Beziehung gesprochen werden soll. Wir werden! aber auch vieles hören über die Mutvolle Hilfe, die geeinte jüdische Frauenkraft dem Elend entgegengöstellt hat. Große Aufgaben werden durch gem-einsames Verstehen, durch gemeinsame Arbeit bewältigt werde können. tzine tzrlliimng des GenerallovnnMrs. Generalkommissär Dr. Zimmerman hat heute einen Vertreter der Amtlichen Nachrichtenstelle empfangen, dem er folgendes erklärte: Meine Besuche bei den Regierungen in P r a g, R 0 nt und Bern haben bei nur die Ueberzeugung befestigt, daßsowohl die italienische sowie die Schweizer Regierung s e st! -entschlossen sind, das Genfer Werk zur Sanierung Oesterreichs zu unterstützen. Neberall benützte ich auch die Ge-, legenheit, um einige Fragen technischer Natur zu besprechen, insbesondere die große Anleihe; auch in dieser Hinsicht wurde mir vollstes Entgegenkommen für die österreichischen Interessen bewiesen.' In Genf wurden vom Völkerbundrat, vom Kontrollkomitee der die österreichische Anleihe garantierenden Staaten und vom Generalsekretariat des Völkerbundes hauptsächlich die Bedingungen der Emission der großen Anleihe erörtert. Von allen Seiten ist man ernstlich bestrebt, so rasth als möglich eine günstige Lösung aller schwebenden Fragen zu finden, und ich habe den besten Eindruck über die bereits von der Mission Frankenstein- B a r k-N i x 0 n geführten Verhandlungen und über den endgültigen Erfolg der große:: Anleihe gewonnen. Andererseits war allgemein der Wunsch vorherrschend, in dem Moment, wo der Völkerbund durch getreuliche Erfüllung der iu den Genfer Protokollen übernommenen Ver- , pslichluugcu es Oesterreich ermöglicht, unter günstigen Be-