Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-04-27 · Heft 1510 (27.4.1923) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1510 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980591--14571-3001318
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i “ Seide 4_ Wien, Freitag __ Stimes «nd die Dollarhauffe. I Berlin, 88. AM. Die ,/De.nt-fche Allgemeine Zeitung" behauptet heute gegenüber den Angriffen, denen Hugo S t i nyeZ wegen svmer großen Devifenanikänse in der letzten Zeit, die zum Marksttrrz geführt Hatz ausgefetzt ist, daß weder Hugo Simms, noch seine Firma zur Zeit des letzten MarLstnrzes Devisen gekauft habe. Dieses DenreOi ■ beschränkt sich . jallerdings auf Hugo Slmm's und die Firma, die seinen Namen jträgt. Die großen Döviftnkäufe sind allerdings nicht von Hugo sDtinnes und' feiner Firma, sondern von -der Berliner Handelsgesellschaft vorgenommen worden,- jener Berliner Großbank, die eigentlich Hugo Stinnes gehört. Das hehauptet der vorwärts", und knüpft daran neuerlich die Forderung nach einer Untersuchung, deren Ergebnisse schonungslos bekannt-gemacht werden müßten. Wie auch der Ruhrkamps ausgehen möge, schließt der „Vovwätrs" seine Ausfnhramgcn über diese Angelegenheit, das deutsche Volk wird diejenigen nickt vergessen, die durch eine neue Dollarhausse seine sozial« Verelendung in der höchsten Not Deutschlands noch zu beschleunigen suchten. Dazu gehört Herr Stinnes. Beginn der deutsche» Sevisenbewirtschsftnng. Berlin, 26. April. Honte fand im Reichswirtschaftsministerium eine Konferenz der Regierung mit Vertretern des Zentralverbandes der Danken über das neue Devisen-Notgesetz statt. Das Gesetz wird auf Grund des Ermächtigungsgesetzes Pom 24. Februar 1923 erlassen werden und bedarf daher nur der Genehmigung des Reichstages. Das Gesetz, das eine gnrndlegende Aendernng der Dcvisenovdmlng vom 12. Oktober 1922 mit sich bringen wird, wird voraussichtlich anfangs nächster Woche veröffenKicht werden. BerWrfnng der Pchvorfchrifte» i« DenMland. In Deutschland' ist soeben eine nme Verordnung betreffend die Bestrafung von Verstößen gegen die PaßdUrschriften herctusgekommen. Nach dieser Verordyung erscheinen die Strafen ganz außerordentlich erhöht. Zuwiderhandelnde werden in Zukunft mit Geldstrafe bis zu zwei Millionen Mark oder mit Gefängnis bis.zu seinem Jahre bestraft werden. Die Verordnung stellt nicht allein die Überschreitung der Grenze ohne Erlaubnis unter schwere Strafe, sondern z. B. auch die Ueberschreitung ein,es Aufenthalts t er m.i ne s. Ebenso wird derjenige bestraft, der ein Einreisevisum für einen besttmu^n deutschen Ort hat und eigenmächtig nach einem anderen Orte reist. Abgesehen vom der Strafe, werden Personen, die sich gegen diese Verordnung vergangen haben, in Zukunft aus dem ganzen Reichsgebiet ausgewiesen, während bisher nur eine Ausweisung aus einem d»r deutschen Staaten möglich war. Die erst« Jahresbilanz der Pakestine Cooperative Com- Mh. Die Paleistine Cooperative Company, Geschäftsstelle des von der BvanLeis-Grupepe geschaffenen PaWine Developpmerrt Counctl in Amerika, hat soeben ihre erste Jahresbilanz her-' ausgegäben. Die GefamtaMva betragen 428.716 Dollar in BavgÄd, Wertpapieren, Dch-ositen und Anlagen in Palästina, sowie einem NettaMevschuß von 16.088 Dollar schon nach Abzug von 5690 Dollar für Zinsen auf Fonds für die Jerusalemer Uniivechrtät, so daß der Bruttogewinn des ersten Jahres sich auf.gegen 20.000 Dollar beläuft. Die Ausgaben betmgen seit Gründung der Gesellschaft 1074 Dollar, wohl die geringsten Ausgaben eines pÄÄstinensifchen Unternehmens. Die Direktoren beabsichtigen, dme weitere halbe Million in palästinensische Unternehmungen zu investieren.-Von^ der Gesellschaft werden'zwei. Gartenstädte, DKpioch und Boneh-Baftth, finarMevt; in ersterer werden gegenwärtig S1 Häuser gebaut, die anfangs des Fr-Mahrs fertiggestellt fein sollen, während weitere 50 Bauten Ende -des Sommers fertig werden sollen. Jeder HausvHteller echÄt 60 Prozent der Baukostenals Darlehen von der. PMstrne BuWing Loan and Saving Association, der palastinenfifch-en Vertretung der Palatine Cvopevative Company. In Bone-BHch werden zurgö'rt 66 Häuser Aus Mer Welt. Essen, 26. -April. Gestern abends wurde in unmittelbarer Nähe -der franMischen Kaserne in der Segerothstvaße auf einen von Ältesten einfahrenden Personenzug durch «ine Sprengung unmittelbar r-sben dem Bähngleis ein Anschlag verübt, wobei drei Deutsche leicht vevletzt wurden. Die Täter konnten noch nicht ermittelt werden. Aus Linz wird gemeldet: Die Sodafabvik Ebensee hat wegen der zwischen der soziaDemokvatisch organisierten Arbeiterschaft uwd der Fäbriksleitnng bestehenden Differenzen das gesamte Personal, etwa 400 Arbeiter, entlassen und die Fabrik gesperrt. Die Ursache war «in Gt-veMeWnß der Arbeiter, dis forderten, daß achtzehn entlassene Arbeiter wieder ausgenommen werden stillten. Berlin, Sk. April. Eir« Ingenieur der GaVl-adM. Fluazeugwerke hat ein neues Fluggerat erfunden und mit ihm bereits zwei erfolgreich« AuMiege unternommen. Das neue Fluggerät ist ein an einem Drachen befestigter Fallschirm und wiegt nur IS Kilogramm. Hamburg, 86. April. Im Zusammenhang mit Verschiebungen von deutschen Farbstoffen, die von Zwischenhändlern aufgeckauft und unter falscher Deklaration ins Ausland verschoben worden waren, wurden in K ö l n und in Hamburg zahlreiche Berhastu-ngen vorgenoimnen. Da'S Reich ist durch Hinterzichung von Steuern und Gebühren um gr-oße Summen geschädigt. Die W-gebegerchstt zieht ihre Kreise über ganz Deutschland. Wiener Morgenzettung^ MWaff« «nd Menschenwürde. Time Hausfrau schreibt uns: » Wepn inan in Wien geboren und ausgewachsen^ obendrein weiblicheuGeschlechts ist, ist man sich von vornherein darüber klar, daß nicht nur der zweite» sondern auch der Me Besitz zu den heiligsten Giitevn der Menschheit gehört. Allerdings, wie schwer die beiden mit aiMnder zu vereinigen sind, läßt sich so mancher nicht trämneu, der sonst n:it Alltagsevsahrnngen ganz gltt Büs-cheid weiß.- Auch hei mir bedurfte es eines besonderen Anlasses, um mich über die Wechselbeziehungen zwischen den beiden Besitztiunern aufzuklären. Dieser besondere Anlaß war die Erkrankung eines Familienmitgliedes, die mich zwang, mich wieder einmal wie anno Krieg den „Angestellten" anzureihen. Um nicht warten zu müssen, machte ich mich um halb 7 Uhr morgens ans den Weg, schlupfte rasch in einen Mantel' und lief ohne Hut und ohne Schirm hinunter. Der Laden war im Nachbachanse, den Milchwagen hatte ich schon vor einer Stunde durchrassein gehört, also konnte die Besorgung eines halben Liters Milch wohl nur wenige Minuten in Anspruch nehmen. Aber alls ich auf die Straße trat, schwand meine Zuversicht wie Märzenschnee im Sonnenschein. Da standen vor dem wohlverschlossenen Tor des Geschäftsladens zwanzig oder fünfundzwanzig Menschen/ dicht aneinander gedrängt, stierend, mißmutig, vom Regen begossen, und hielten treu und fest -ihre Kannen, Töpfe und Krüge an sich gedrückt. Himer der Glastüre aber war die Milchfrau postiert, i!hr Gatte und ein holdseliges, wenn auch etwas schielendes Töchterlein. Sie blickten mit sichtlicher Befriedigung auf die harkende, ständig wachsende Menschenmasse. Die Milch war zwar da, die Beherrscherin, des Ladens auch, Käufer ebenfalls. Mer vor sieben darf nicht aufgesperrt werden, besagt die Vorschrift. Also belehrte mich, als ich meine Ungciduld nicht verhehlte, ein älterer Mann, der mit einer 3 Liter-Kanne sein „Vievterl" holen kam. Welche Vorschrift das Oeffnen verbot, konnte er mir freilich auch nicht sagen, noch weniger, warum sie es verbot. Er sah beleidigt' drein. Es war klar, daß er meinen Fürwitz mißbilligte. Also fand ich mich in mein Schicksal!, ließ mich vom Regen begießen und unterhielt mich mit meinen Nachbarn über unsere Chancen, einen „Halben" zu bekommen oder mit einem Viertel abgefertigt zu werden. „Heut' schaut's schiach drein", sagte ehre Frau sorgenvoll. „Sie wird uns doch niit ganz leer wegschicken? Was mach i dann?" Ich murmelte etwas von Kondensmilch. „Das trinken Sö nur selber," keifte die Frau, „wenn i mein ordentlichen Milchkaffee nicht haben kann, dann is aus mrt mir .." Die Milchdynastie sah mit hämischer Freude, wie das Schlänglein vor der Tür wuchs und wuchs und wie seine Bestandteile froren. Endlich war eS doch sieben Uhr. Die Pforte tat sich feierlich auf. Aber mit einem scharfen: „Nur schön lang- 27. AM.19S8 . jem! Eins nach dem andern! Daß ich jeden sehen kann wurden die Gindrmgenden znrückgewiesen. OhnennS zu «ft kundigen, warum wir denn gar so genau beobachtet werden! müssen, rückten wir gehorsam.im Gänsemarsch ein. Eine jung»! Frau trat in die Tür: „Vorwärts, vorwärts!" ermunterte sie dl»' Fürstin, „herein mit die Kmderkarten — i bin froh, wenn.ich s' wieder draußen Hab'". Die Frau, eine Jüdin und Gattin eines Mittetschulprofessors, wird duiMrot vor Zovn. Aber dep 'kompakten Majorität gegenüber versagt ihr Mut. Alles lacht beflisset: über den „Scherz" der Allgewaltigen. Das Lachen verstärkt sich, als sie eine Alte fragt: „Haben Sie vielleicht aa no an Pcimperletsch z' Haus?" Ein junges Mädchen tritt einen Schritt zur Seite. „Halloh!" heißt es, „das gibt's nit. Jeder schön an sein' Platz und da worüber bei der Kassa. Sonst vergessen die Herrschaften ans Zahlen. Das is schon Vorkommen. Sind halt gar so zerstreut, die noblichen Leut' ..." Die Schar der Angestellten duckt sich wie die Schafe tot Donnergrollen. „I Habs glei kennt, heut is'. schiach," flüftert meine Nachbarin und lächelt sofort über das ganze Gesicht, als sie ein Blick der Gestrengen trifft. Es sichen ein paar Männer in der Reihe, keiner weist die Frau in ihre Schranken, keiner sagt: „Verkaufe deine Ware und spare dir deine stechen Reden." Die Sklaven ducken sich vor den: Auge des Herrn. Jeder drückt sein Häferl fester an sich — so ein echter Milchkaffee . . . Inzwischen rückt man langsam vor. Mnrreick füllt die Frau d:e hingehaltenen Gefäße. — Ungleich verteilen die Götter ihre Gunst, ungleich die Milchfrau, ihre Gaben.- Dem einen. Ganzen, dom -einer: Halben, dem gar nur eine Schale voll. Als ein Man»: aufbegehrt, heißt cs: Der bckorumt mchr, er ist „Brol-kunde". Ein altes W-oi-blein wird abgewiesen«. „Sie kommen nur, waun's Ihnen paßt. Können S' ganz ansbleiben." Die Alte schaut in die Runde, niemand fühlt sich veranlaßt, ihr beizuspringen, un6 sie Weicht betrübt davon. Der Verkauf geht weiter. Unter Dankscilginigei: und Lächeln gehen die einen, mürrisch und-enttäuscht die anderen. Manche klagen, keiner haut mit der Faust auf den Tisch und sagt: „Ich will mein Recht, keine Gnade." Denn jeder will womöglich ein bißchen mehr als sein Recht. Darum will sich's auch keiner verderben mit der Milchtyrannin. Und läßt sich dernüngen um eines Milchkaffees willen. Weil wir doch in Wien sind, dev Stadt der Lieder und der Lakaien. Wo man sichs mit niemandem gern verdirbt und nicht alles „so ernst ni-mmt". Weil der «Kaffee nänttnch mit Frischmilch doch besser schmeckt als mit Kondensmilch. Während der Kriegshungersnot hatte diese Gefügigkeit ihre Entschuldigung. Welche gibt es jetzt.' Da spricht man immer vom Generalkommissär, erwägt, ob der ausländische Bankberater unsere .Würde nicht bet-1 letzt. Und jeden Morgen beugen sich ein paar Lausend Menschen^ in Lakaiendemut und -beflissenheit, um einige Schluck Milch zu erbeuten für ein Frühstncksgetränk. Nein, wir dürfen uns: über nnftr Schicksal nicht beklagen. Wir verzichten immer noch leichter ans -unsere Würde als ans «nferen Milchkaffee. Für Abonnenten der „Wiener Morgen«eitungw PRÄMIE: Drei elegante Qeschenkbände (Derzeitiger Ladenpreis K 200.000) Jeder, der ein Jahresabonnement auf die „Wiener Morgenzeitung", K 330.000, bis zum 8. Med 1923 voraus bezahlt, erhält das genannte Werk als Prämie. Dadurch verbilligt sich der Bezug der „Wiener Morgenzeitung“ um K 200.000 und der Abonnent erhält ausserdem ein für jedes jüdische Haus wertvolles Werk A A.+.+U*. iflliAiitrtAitl Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung" erschliesst mit dieser Prämie, die auch für Auslandsabonnehten gilt, die bedeutsamste Quelle zur Kenntnis jüdischer Geschichte und jüdischen Volkstums. Niemand wird diese Gelegenheit versäumen, das Werk Professor Graetz’ ohne besonderen Aufwand zu erwerben Die Bestellung muss bei der gefertigte« Administration bis 8. Mal d.J. erfolgen. Zugleich mit der Bestellung muss die Ueberweisung des Betrages von 330.000 österreichischen Kronen, beziehungsweise in der Währung des betreffenden Landes vollzogen werden. Bestellungen, die nach dem 8. Mai d.J. einlangen, können nicht mehr berücksichtigt werden j,Wiener AKorgertzeituiig^ Wiesa, II,> Taborstrasse 1—3 ■ *' i {SSSXSMSESOiSIWSBm Ü

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.