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Wiener Morgenzeitung · 1923-04-19 · Heft 1502 (19.4.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1502 (19.4.1923)
Date
1923-04-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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M Demission Pafic'. Belgrad, 18. AM. (Del. der,Mr. Mo«gsntzößtmiy".) Die «nässision der Retzierung und die MchtteUnahme der adic-P artet on der Eröffnung der SBupschtina geben ber Situation den Stempel der Vevwtrvung. Die Radie-Part-ei jM die. fvlyenden BeischWsse bekannt : 1. Kroatien, Slawonien, die Mwinlsel und Dalmatien jttiit Ausnahme Ccvttaws ftnto ganMch zu einer stvaMchen Einheit zuisammeiMifassen, an deren Spitze der Banns in. ^lyram zu suchen hat, wofeWst auch der separate kroatische Scvbor tagen soll. 8. Slowenien soll svirve Legislative durch den Landtag in Laibach erhalten. 3. Bosnien und die Herzegowina sollen als das zwischen Serlben und Kroaten strittige GeMet eine einiheiMche Provinz nck speziellvm Statchailter, doch ohne Landltag, bleiben. - 4. Die Biunjewazen in der Woiüvoidina sollen wie die Kroaten ihr eigenes Gebiet bilden. Pasic hat vor seiner' Demission den König von diesen Forderungen in Kenntnis gesetzt'. Die Verhandlungen zwischen der Regierung und Radic sind somit .Wert, doch nicht gänzlich ab gelb rochen. Wahrscheinlich wird auch die neugrdiödete Regierung mit Radic Fühlung nahmen, der nrit K o r vsee «und Spaho in fortwöchrender D-evbiudimg stcht und mchr denn je aus der Erfüllung seiner Forderuntgcn beharrt. Geistern hat der König den früheren Präsidenten der Nationailversainrmbung, den Demokraten Dr. Lu Linie, zu sich berufen, der ihn: cmstjiührilich über die Verhältnisse im Parlaprent und über die Stellung der Demokraten berichtete. Der König äußerte den Wunsch, man möge eine Konzentrotion der nationalen und der die Staatseinheit anstwbenden Elemente durchführen. In den Abendstunden wurde der Chef der Demokraten Ljuba Davidovte zrrm König berufen. Dapurch hat die Krone selbst die Jnitrative zur Bildung der pavla-mentarifchen Mahvheit ergriffen. Der in Demission befindliche MnisterprÄsident Pasic hatAsher kein Mandat zur BAdurvg der neuen Regierung erhalten. Wem die Bildung der «even Regiemug auvevtraut werden soll, wird sich erst nach pen Konferenzen mit den anderen Parteiführern entscheiden. ll«gam. 8tm« im Parlament. Budapest, 18. April. (Tel. d. ,IZr. Mor-genzeitiMg".) An der heutigen Sitzung interpellierte Mg. Rcrinpre ch t wegen einer Aeutzevnng des Ministerpräsidenten, der anläßlich enter seiner Letzten paAameniarischen Reden sehr scharf Kegen die rePuLlAanische Staatsform Stellung genommen hatte. Eine derartige Aeußerung sowie Ausfälle des Ministerpräsidenten gegen den Pazifismus^ müßten schlechten Eindruck im AuÄande erwecken. Mg. W a n c z a k (Sozraldernokrat) brachte einen vertraulichen Befehl des Ministers des Innern zur Verlesung, wonach die Pwvinzbehorden angewiesen werden, sozialDanrokmbische Versammlungen Zianistiscbe Bezirkssektion Leopoiestait ieden Donnerstag zwanglose Zusammenunkte für Mitglieder und eingeführte Gäste HQUte Donnerstag den 19. April I. J., 8 Uhr abends, im Cafe Fetze r, Il.f Praterstrasse VORTRAG IFrau Dr. Martha Hoflmann: I ,DieJüdin im deutschen Geistesleben' nicht zuzulasten, Sozialdemokraten als gefährliche Individuen besonders zu überwachen und nicht zu dulden, daß Reden gehalten werden, wo das Los der ungarischen Arbeiter mit jenen er ausländischen verglichen wird. Die Mitteilungen Manczaks riefen einen allgemeinen Sturm hervor, so daß die Sitzung geschlossen werden mußte. Minister des Innern Rakovsky gab in seiner Antwort das Vorhandensein des zitierten vertraulichen Befehles z u, setzte jedoch hinzu, daß die Regierung die Sozialdemokraten. nicht als Feinde des Vaterlandes betrachte. Pole«. Rauferei im Seim. Warschau, 17. April. In der heutigen Sitzung des Sejm kam es aus Anlaß der Debatte über die Ausweisungen der russischen Judenaus Polen und der Enteignung der deutschen Ansiedler zu turbulenten Vorgängen.. Während der Rede eines deutschen Abgeordneten kam es zu einer regelrechten Schlägerei zwischen den jüdisch en und den nationaldemokratischen Abgeordneten. Die Raufszenen verpflanzten sich von dem Sitzungssaal m das Couloir. Mtersuchms gegen Romanisch«!. Lemberg, 18. April. (Weftukr. Presseagentur.) Die Lemherger Staats-anlvaltschaft hat gegen den ehemaligen Vizepräsidenten des österreichischen Abgeordnetenhauses Professor Julian Romautschuk, der anläßlich der ukrainischen Demonstration in Lemberg am 18. März 1923 den Teilnehmerin den Schwur abnahm, niemals die Herrschaft Polens über Ostgaligien anzuerlennen, eine Untersuchung wegen Hochverrates eingeleitet. In Luzk wurde der ukrainische Sejmabgeordnete aus' Wolhynien Marcko Laretewycz verhaftet. . Millionerrarileihe der jüdischen Gemeinde in WarsHcm. Die polnische Postsparkassie hat der Berwabdung der Warscha-uer jüdischen Gemeinde eine Anleihe vorh-undert Milltonen Mark gewährt. (I. C. B.) Das hebräische Schulwesen in Gefahr. Wie die Warschauer jüdische Presse übereinstimmend mitteilt, stehen sämtliche, von der Kulturorganffation „Tarbuth" gegründeten hebräischen Schulen vor der Gefahr, schon in der nächsten Zen geschlossen zu werden. Diese katastrophale Lage entstand 19. April 1923 Seit« S durch die plötzliche Einstellung der Subventionierungen durch das Joint Distribution Committee, die um so unerwarteter kommt, als sich die Ioint-Dertreter verpflichtet hatten, die Tarbuth-Schubeu mindestens ein Jahr karg zu unterstützen. Die Su'bventionen für die Jiddischistenschülen sowifür die von dm Orthodoxen gegründeten Talnvud-Dhora- Schulen werden vom Joint auch weiterhin regelmäßig «näge zahlt. Verbot einer jüdischen Arbeiterkulturorganisation. Au Grund einer Verordnung des Innenministeriums wurde die •! Aröviterkuiturtzesellschast „Unferc Kinder", die 20 Abteilungen in der Provinz zählt und eine ganze Reihe Schule und Kinderheime erhält, verboten. (I. C. B.) Rozwoi-Hetze gegen die Rabbiner. In einer Versammlung des Rozlwoi-Bundes in Biala wurde die folget de Resolution angenommen: „Die Regierung wird aufgefordert, sämtliche jüdische Rabbiner in Polen gilt bet* haften und .der jüdischen bolschewikischen Regierung Rußlands mitzuteilen, daß, falls der Erzbischof Cieplak und die anderen verurteilten Geistlichen nicht mit dem nächsten Zuge ii, Polen eintreffen, sämtliche Rabbiner gehenkt Werber würden." (I. <£. B.) ^_ Rundschau. Einowiew über Rußlands Beziehungen zum Ausland. Moskau, 18. April, (3tust. Tel.-Ag.) Auf dem-Kongreß!her russischen Kommunistischen Partei führte Srnowjew im politischen Referat des Zentralkomitees aus, daß in 18 Staaten russische Vertretungen bestünden; mit 9 Staaten würden Unterhandlungen gepflogen. Die Basis der auswärtigen ' Politik Rußlands bilde vornehmlich die K o o r d i n a t i v n mit dem erwachenden Orient. Eine Besserung der Beziehungen zu England sei wünschenswert. Auch eine Annäherung an Amerika würde gern gesehen werden. Im zweiten'Quartal des Jahres 1921 habe die Ausfuhr Rußlands 2 Prozent der Einfuhr betragen, im Jänner -des lausenden Jahres dagegen 65 Prozent. Die neue Wirtschaftspolitik definierte Srnowjew als ein System des Staatskapitalismus, der sich die Zusammenschweißung des Bauerntums mit dem Proletariat zum Ziele gesetzt habe. Die Flache des mit Wintergetreide bepflcmzten Bodens sei um 17 Prozent gewachsen. Die Ernte dürfte in diesem Jahre 3,5 MWavdtzn Pud Getreide ergeben. Das Martyrium der Wische« FlSchMugt aus Rußland. London, 17. April. (I. C. B.) Me die Londoner I. C. B.-Räaktion erfährt, fott am 20. April 1923 in Genf eure Sitzung des beratenden Komitees beim Oberkommissär des Völkerbunds für die Angelegenheiten der russischenFlüchtlinge stcrttfmden. Die Sitzung soll auf die Initiative des englisch-jüdischen Joint Foreign Committees, der Alliance Israelite Universelle und des World Victim-es Committee zu dem Zwecke einbe- 1502 Äfcsi, DvMerZtag Wiener Morgenzeitung. Jugoslawien. 68055c: OKKASION 'äis“2I “»Mi Wäsche, Strickwaren Ullllßßf] PFfilSCH!i Schiff mann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-78 En gros En detail Sei de» Vertriebe«». Bon Klara Mautner. Ms die Nuvnevus clanfals-Gewogmrg jüdische Studenten hellen Schaven aus Umgarn vertrieb, äls die poetischen Verhältnisse sie aus Polen und der Ukraine jagten, flammte mich bei unS mancher GleichMtige in Entrüstung auf und erging «sich in feurigen Reden gegen Reaktion, Gewalttat und Brutalität. Aber darum, was aus diesen Opfern des Hasses geworden ist, hahen sich nur wenige den Kopf zerbrochen. Die Sorge für die Bertriebenen überließ man getrost dem großen Herrn Irgendjemand, der sich ihrer schon cmnehmen würde. MüMcherweffe fand sich auch ekt solcher Irgendjemand. In Wien war es der jüdische HochfchuLmlsschuß. Seine erste Sorge war, für die Kameraden Obdach Zu beschaffen. Daß 'das heute in Wien keine leichte Aufgabe ist, , muß nicht erst büwiesen wer-den. Nachdem alle anderen Möglichkeiten Ns pit letzten Punkt ausgenützt waren, gründete nmu eine Kolonie in einer der BarackensMte am äußersten Ende Mens. Eine Baracke eines ehemaligen Militärspidvles wurde den Mschen Studenten überlassen und nmß denrnachst — auf Grund äußerst verwickelter Rechtsverhältnisse, die mir ein junger Jurist mit schönem Eifer und unter Anwendung wundervoller fachtechnischer Ausdrücken (die für mich die Mgelogenhsrt noch dunkler machen) zu erMären trachtet — sogar vom .Hochschulonsschuß käuflich erworben werden. Diese Baracke, auf die ihre Bcwohrrer stolz sind als Ware sie ein Schloß, enchält etwa 30 Zimmer und beherbergt M Studenten und Studentinnen. Daraus zn schließen, daß jedes Zimmer für Kvei Bewohner gedacht ist, hieße eine unverzeihliche Voxeiligkeit begehen. Eigentlich war die Baracke, glaube ich, für 24 bestünnnt. Aber da es senk muß, finden 60 Platz. Ursprünlich gab e§ allerdings auch ein Gesellschaftszimmer. Jetzt dient es fünf Kollegen als Untervmrst und alle anderen stnd gufvieden. Denn es herrscht der Geist echter KaiineradMft unter jben Bevtrieber.«u Sie wissen alle, die 60 Insassen der Ba- ,racke, wie schwer die Angst vor der Obdachlosigkeit drückt, lsie wissen alle, was es heißt, in der großen, frenr^u, fciudßel^en Swdt nnr ümerknuft brten zu müssen. Ueberhauvt W»e» tcki Bertrjeb-nen vom friicbsftöhlichen jWWWlichM noch herzlich wenig erfahren. Um so besser kennen sie die Sorgen des geistigen Arbeiters, den- Blick aus der trüben Gegenwart in die trübere Zukunft. Dumpfe Ratlosigkeit liegt über allen Hoffnungen. Was soll ein Mischer Akademiker beginnen? Die Juristen und Welthandelsakademiker haben noch eine schwache Hofft.«wng, nach Vollendung ihrer Studien durch einen Zufall in einer Bank, einem Jndustrieiunternehuren, einem Großhandelshaus Unterschlupf zu finden. Die Mediziner, Philosophen, Techniker .aber sehen ins Leere. In Oesterreich und Deutschland darf ein ausländischer Arzt seine Praxis nicht ausüben, in Ungarn ivird es dem Juden umnöglich gemacht, in Polen fordert man die Nostvifizievuwg des Diploms, die man mit hunderterlei Schikanen zu Hintertreiben sucht, und der russischen Sprache sind die wenigsten mächtig. Wie eng ist doch die Welt geworden! Trotz all dieser Schwierigkeiten studieren die jüdischen Hochschüler weiter in die absolute Aussichtslosigkeit hinein. We>: den traurigen Mut hätte, dieses Phänomen nur mit der „bekannten jüdischen Zähigkeit und Vordringlichkeit" zu erklären, den will ich nicht um seine Phantasie beneiden. Blinde müßten sehen, daß solche Wunder an Ausdauer und Aufopferungsfähigkeit nur der reinste und höchste Idealismus zu vollbringen vermag. Ein Idealismus, der das laute Wort verschmäht und seine Glut schamhaft hinter nüchterner Rede verbirgt. Sie könnten es sich bequem machen. Aber sie darben, sie nehmen Sorgenlasten auf die Schultern und — sie studieren. Unsere Hochschulen, die vom Hepp, Hepp'.-Geschrei und vom Lärm völkischer Roheit widerhallen, müssen sich dieser Bürger nichr schämen. Die „Zellen" der Baracke sind die richtigen Studentenbuden. Bett, Tisch, Sessel, Waschtisch, ein Kleiderrechen, ein Nachtkästchezc und ern großes, großes Wandbrett firr Bücher, das ist zumeist das ganze Mobiliar. In zwei Zimmern gibt es auch sauber mit Packpapier tapezierte Schreibtische, um die die glücklichen Nutznießer von den Nachbarn glühend beneidet werden. Auf manchen Tischen thront ein „Primus", ein Kochapparat. Dort ist des Morgens Treffpunkt der nächsten Nachbarn, denn dort wird einträchtig das Frühstück, ein sehr kriegsmäßiger Tee, für den Prinmsbesitzer und seine weniger mit irdischen „Glücksgütern" gesegneten Kollegen bereitet. Die LlLnföN,. die SMMnnen beherherqen, unterscheidw sich vou den Männerbuden nur dadurch, daß es ein Spreglem-an-der- Wand gibt imd der Kleiderrechen mit einem Tuch überdeckt ist. Sonst herrscht dieselbe klösterliche Einfachheit und dieselbe Kälte. Denn die winzigen Oefchen sind aus Sparsamkeit an dem kühlen Dvrsrühlingstag doch nicht mchr geheizt worden und sehen übrigens auch durchaus nicht so aus, als wären sie imstande, wirkliche Wärme zu geben, am wenigsten in den grausam. kalten Nordzimmern einer Parterre-Baracke. In diesen spartanisch einfachen Räumen Hausen die vertriebenen Studenten. Sie stammen fast alle aus reichen Ländern und sind sicherlich zum größten Teil an ein Leben des Behagens, vielleicht sogar des Ueberflusses gewöhnt. Dennoch finden sie sich mit bewundernswerter Gelassenheit und heiterer Selbstverständlichkeit in die Entbehrungen des Exils. Das verdient in unserer Zeit, da die Jugend im Fordern nicht bescheiden ist, besonders vermerkt zu werden. Da für Wohnung und Esten (zu sehr bescheidenen Preisen) gesorgt ist, sind die persönlichen Bedürfnissen der jungen Menschen gedeckt. Freilich sind sie darum nicht sorgenfrei. Denn eine schier erdrückende Sorgenlast lastet auf den mittellosen Süldenten: die Sorge um das Studiengeld. Kollegiengelder, Prüfungstaxen, Laboratornnnsgebühren, wiffenschastliche Instrumente verschlingen Unsummen. Sogar das Studium der Rechtswissenschaften (ungefähr das billigste) kostet im Semester eine halbe Million. Das Studium der Medizin, ist etwa dreimal so teuer, wenn Privatkurse inskribiert werden, noch wesentlich teurer, und die Dinchführung .einer Distertationsarbeit kostet für Chemiker mehr als zchn Millionen Kronen. Da heißt es dann oft genug knapp vor dem Ziel abbiegen, aus ein verwandtes Fach ,>umsatteln", kurz, seinem Lebens- Wunsch entsagen, um mit „Ersatz" vorlieb zu nchmen. Wer da meint, die Studiengelder waren, am Maßstal der heutigen Zeit gemessen, nicht so gewaltig hoch, der bedenke, wie dieses Geld zusammen gebracht werden muß. Von den vertriebenen Studenten erhält fast keiner Unterstützungen von seiner Familie, Studiengeldbefteiüugen gibt es für Ausländer nicht, und Stipendien oder Aehnliches, womit sich jrüber der arme Student über den „toten Punkt" hinweghalf, sind schon längst Sage und Legende geworden. Also heißt es, das Geld selbst verdienen. Dar» gibt es fast nur einen Weg: die Privatlektioik

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