Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1498 (15.4.1923)
- Date
- 1923-04-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980579--14440-3001175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9bß MS Wien, Sonntag KlKfet von Salgo- Tarjan zu lösen, in der beide {Seife den SchickAsPruch des BöVerbundrates für bindend erklärt >haben. Auch wird der Vermittkmgsversuch des Präsidenten des Volkerbundvates behandelt werden, der die n e u t r a l c 13Ottc zwischen Polen und Litauen im Gebiete von Wilna durch eine provisorische Demarkationslinie ersetzen soll. Der Bölkerbundvat tvird sich auch mit dem Vorschlag zu befassen haben, der beantragt hat, einen allgemeinen gegenseitigen Garantievertrag in der Form, Knie ihn Lord Robert Ce eil ausgearbeitet hat, den einzelnen Regierungen, die Mitglieder des Völkerbundes sind, .zu überreichen. Der khestervertrag. London, 14. April. (Wolff.) Nach einer Meldung der „Times" aus Konstantinopel ist die türkische Regierung der Ansicht, daß die an Frankreich verliehenen Konzessionen vom April 1914 gesetzlich ungültig seien, da sie nienrals vom türkischen Parlament bestätigt worden seien, und daß sie deshalb der C h e st e r k 0 n z e s s i 0 n nicht im Wege stehen. Weiters wird gemeldet, die türkische Regierung beabsichtige nicht, die Protestnote des ftanzösiMn Oberkommissärs in Konftantinopel zu beantworten. Fach i« Prag. Prag, 14. April. Der „Prager Presse" zufolge trifft Marschall Foch in Begleitung der Generale Buat und W e y g a n d -heute hier ein. Mer Ludendorffr. Dem Hamburger „Israelitischen Familienblatt" wird aus Breslau gemeldet: In der letzten Zeit häufen sich die Falle, in denen Ostjuden gelegentlich der Erneuerung ihrer jPersonaklUÄveise bei der Polizei nebenher geftagt werden, wie sie über die Grenze gekommen sind. Auf die wchcheitsgemäße Auskunft ergeht dann eine Strafanzeige lvegen unerlaubter GrenM»erschreriiung, worauf meistens ein Strafbefehl über fünf bis sechs Wochen Gefängnis ergeht. Außerdem werden den Betroffenen die hiniterzogeNLn Wifumgebühren von 20.060 oder sogar 401X30 Mark in einer anscheinend etwas willkürlichen Weise unter allen möglichen Drohunge« abverfemgt. Dieses wohl fot feoten GvMtdAügm, aber kaum in ftrrven ^mnen offenbar von oben mspivierte Verfahren bedeutet «k« Mrgsvechtftrttgte Härte und wird von den Betroffenen mit Recht als Schikane empfunden. Die fiw) seit mehreren Jahren fiat Lande urw haben sich fast invm-er tadellos achgöfuhrt. <Pvn Leuten, die sich sonst irgendwie erheblich gegen Strafgesetze t^rg-m-geu, soll hier Abechaupt nicht die Rede sem. Bor sie wird sich niemand stellen.) Es hcü.deW sich um junge Leute, deren Familien dvn Aufruf der Obersten Heeres-, leituug während der deutschen Okkupation in Polen folgten und die deutschen Mlitävmck Ber-valtWngsbchorden mit Rat und Tat rmbasiützben. Manche der jetzt Angeklagten wurden sogar gegen ihre« Willen nach Deutschland transportiert, mn in den FabrAen rmd Bergwerken den ,Msgekämnrten" Mmmfchaftserfatz zu ergänzen rwd so die deutsche Industrie wahrend des Krieges über Wasser zu halte«. Wiener Morgenzeitnng. Samstag bis 6 Uhr geöffnet Aus aller Welt.! Stockholm, 14. April. Der Führer der Koiiftrvattven Reichsgerichtsmt Dr. Ernst Trügger wurde mit der Bildung einer neuen Regierung betraut. Tokio, 12. April. In Muk den hat eine Konferenz antibolschewikischer Führer die Wiederaufnahme err.«er militärischen Aktion gegen Sowietnlßland beschlossen; der Angriff soll inlrt zum Teil in der Mandschurei und in Korea a n geworbenen Truppen, zunächst gegen das Küstengebiet gerichtet werden. Berlin. 14. April. Bei den Rundflügen, die anläßlich der Besichtigung des geplanten Flughafens ans dem Dempe-lhofer Fell)' statifanden, stürmte ein Flugzeug im Landen aus 75 Meter Höhe ab uud gnig n.« Trümmer. Der Führer und die -drei Insassen wurden schwer verletzt, zwei von ihnen find ihren Verletzungen erlegen. . Paris, 14. April. Die verschiedenen beteiligten Ddächte haben das Datum des 23. April für die Wiederaufnahme der Konferenz in Lausanne angelrvmmen. London, 14. April. Im Lagerhaus der Viktoria Docks, das niedrere Millionen Kilogramm Tabak enthielt, ist ein Brand ausgebrochen, du-rch den das ganze Lager vernichtet wurde. Der Schaden übersteigt eure Million« Pfund Sterking. Zionistisclie BezirfaMtion LEOPOLDSTADT HEUTE Sonntag, 15. April, 10 Uhr vorm., Festsaal des Hotel Kontinental, Taborstr. Vortra_ Dr. MBDH G0LDMANN (Berlin): Die Erneuerung des Judentums Regiebeitrag K 2000 15. April 1923_ Seite 5 Tagesbericht. Die Teuerung um 7 Prozent gestiegen. Die Preisgrenze vom September erreicht. Amtlich wird mitgeteilt: Die auf Grund ■ des Abbai» gesetzes eingesetzte paritätische Kommission hat in ihrer Sitzung vom 14. d. den Index gemäß der hiefür festgelegten Methode nach Einvernahme der Sachverständigen berechnet und die Aeußerung abgegeben, daß sich die.K osten der Lebenshaltung vom 15. März bis 14. d. um sieben Prozent erhöht haben. Ausschlaggebend für die Verteuerung der Lebenshaltung waren diesmal die Fleischpreisc, die eine Erhöhung der Kosten in der Gruppe „Ernährüng" um 11 Prozent bewirkten. Da Lei der gegenwärtigen Jndexberechnung das Fleisch mii um gefähr einenr Drittel des Lebensaufwandes einzustellen ist und bei einer Vergleichszisfer von 144.000 K., das ist der für eine Person in der Woche zugestandene Aufwand, die Fleisch« kosten mit 42.000 K. einzustellen find, ergibt sich, daß diese Post fast die einzige Belastungspost bei der Steigerung der Lebenskosten bildet. Die Paritätische Kommission hat festgestellt, daß die Kosten in der Gruppe „Bekleidung" vollkommen unverändert geblieben sind. Der Aufwand für die Gruppe „Beleuch,tung und Beheizung" ist fast unv<;r« ändert geblieben. Auch in der Gruppe ,Mohnung* ist keine Aenderung festgestellt worden. Dagegen wurde in der Gruppe „Ernährung" konstatiert, daß die lebenswichtigen Artikel zum großen Teil im Preise unverändert blieben,, zum Teile etwas billiger geworden sind, wie zum Beispiel Kartoffeln. Die Rückwirkung des Index auf die Bezüge der Bundesangestellten brückt sich in einer Erhöhung der Bezüge um zeh rr Märzbezüge ans. Die letzten Bezüge der Bnndesange-: stellten betragen 145.5 Märzbezüge des Jahres 1921, eine Steigerung des Index um 7 Prozent bedeutet also eine Erhöhung auf 155.5 Märzbezüge. Der hiedurch verursachte Mehraufwand ist mit etwa 26 Milliarden Kronen einzustellen. Es sind demnach die Kosten der Lebenshaltung wieder auf jene Höhe gestiegen, die sie im September voriges Jahres hatten. Bald darauf war nach einer langen Zeit ununterbrochen steigender Teuerung zum erstenmal eine Verbilligung der Lebenshaltung um acht Prozent eingetreten. In den folgenden Monaten senkten sich diese Kosten um sechs und dann um weitere drei Prozent. Im Jänner begann die Kurve wieder anzusteigen, zuerst um ein Prozent, dann folgten Monatssteigerungen um zwei und sechs Prozent, wozu in diesem Monat noch sieben PrcHent kommen. Me nachstehende Tabelle gibt einen Ueberblick über die Entwicklung des Index feit Mitte September 1922, zu welchen Zeitpunkt die Preiskurve den feit Kriegsausbruch bis dahin erreichten Scheitelpunkt zeigte. Diesen Stand mit 100 angenommen, entwickelte sich der Judex seicher wie folgt: Staub i» Monat Indexziffer pTr 0 s e«1 September-Oktober . .. -8 92 Oktober-November. — 6 86 5 er 1 St 1 -3 838 Dezember-Jänner.. . . +1 84'6 Jänner-Februar. . H- 2 ■ 86-4 Februar-März. + 6 91-6 März-April. + 7 98 zwischen den Kongressen?) Oheodor Herzls Tagebücher. Zweiter Band. Fünftes bis achtes Bach.**) Bon Ernst Müller. Wer irr HepzSls Tagebüchern aus der Zeit der stolzen .Manifestation bk politischen Zionismus in den Jahren >der ersten vier Kongresse deren persönliches Echo in der Hsele des Führers oder den Ausdruck feiner eigenen tiefsten Beziehung zur zwmMchen Idee suchen wollfe, wird vielleicht enttäuscht fein. So find z. B. gerade die Kongresse relativ am dürftigsten dargestellt.. „Zu Stimmungsbildern immer weniger Zeit. Alles ist Harü>- lung geworden" — so schreibt Herzt einmal vor Kongreßbegmn. Es liegt im Charakter des Historischen, daß es sich au einem gewissen Punkte, in der Berührung mit Mensch und Volk, von der Persönlichkeit lost und dann nicht mehr ihr, sondern dem objektiven Geschehen zu eigen wird. Und darum bilden eigentlich solche Tagebücher erst zw« sammen mit öffentlichen Reden und Publikationen sowie mit den äußeren Geschehnissen der Bewegung ein Ganzes. So fest aber ist Herzl trotz aller Gtttäuschuugen und Entmutigungen von der Richtigkeit seines Wolfens durchdrungen, daß er das Fazit des ersten Kongresses m die Worte ,zusammeufaßt: „In Basel habe 'ich den Judenstaat gegründet, das heißt, jene „abstrakte" Realität, durch welche erst ein Territorium zmn Staate wird." Doch war die Verwirklichung des Kongresses selber, oon der persönlichen Seite betrachtet, ein diplomatisches Kunststück ohnegleichen, ein „Eiertanz" zwischen allen Widerständen, welche sich am entscheidenden Punkt zusammendrängken. Was aber Herzl zur , Verwirklichung des zionistischen Zieles unternahm, war durchaus seine unermüdlich fortgesetzte, persönliche, vor allem in gewissem Sinne diploniattsche Aktion. .Heute, nach dein Zusammenbruch des alten Europa, gehört ja auch dies wesentlich einer vergangenen Epoche an. Aus den Tagebüchern geht — was mit Rücksicht auf bekannte tendenziöse Entstellungen der zionistischen Bewe- *) Siche die Zlufksätze vom 29. Oktober und 5. November 1922. : **1 Berikn. ZAdtzcher Berk«, gung festzustellen wichtig ist — unzweideutig hervor, wie Herzl aus Motiven einer gewissen Bewunderung der deutschen Politik' und sogar mit einer gewissen romantischen Blendung durch die Erscheinung Wilhelms des Zweiten, unter der ihm durch Hechler vermittelten unerschütterlichen Sympathie des Großherzogs von Baden, des ,Mten Großherzogs", wie ihn Herzl in seinen intimen Aufzeichnungen tituliert — die Erreichung des Ziorttsrnus vor allem unter deutschem Protektorat erstrebte, nachdem für seinen.ursprünglichen finanzpolitischen Plan sowohl die Türkei als auch die jüdische Hochfinanz versagte. Der Schleier einer trotz aller Mißdeutungen von Herzl streng gewahrten Diskretion erscheint hier gelüftet. Kaiser Wilhelm schien eure Zeitlang von der zionistischen Idee enthusiasmiert, zuinml die Vorstellung eines Protektorats — wemr es sich mich zunächst nur um ein solches über die zu gründende Jewish Society handelte — der in seiner Palästina-Reise sich mauiftstievenden romanttschen ' Welchewschewitelkeit schmeichelte. Dreimal wird Herzl während dieser Reise enrpfangen: in Konstanttnopel und samt der ziomstischen Deputatton in Jerusalem, wo Herzl seine wunderbar stolze Anrede hält, dazwischen in einer im Munde der Palästtnensischen Bevölkerung noch lange fortfebenden Begegnung auf der Jaffa-Jerusalemer Straße vor den Toren von Mikweh Israel. Der persönliche Eindmck ist herzlich und ermutigend, wenn auch im allgemeinen die Judenverachtung dieser höchsten Kreise, nanrentlich bei B ü.l 0 w und Hohenlohe, immer wieder durchbricht. Andererseits kommt freilich der deutsche Botschafter in Men Fürst Eulenburg Herzl in jeder Weift errtgegen. Selbstbewußt m seiner Idee hatte Herzl vor der ersten Zludienz au den Kaiser geschrieben: „Wenn wir* alles betrachterr, wird die neue Kaiftrfahrt rrach Zion vielleicht nur dann dauernde' Spuren in der Geschichte hinterlasien, wenn sie auch an die moderne Zionsbewegung anknüpft." Dennoch endet das gmrze „Abenteuer" mit einer schweren Enttäuschung. Ein offiziöser Bericht meldet den Empfang einer jüdischen Deputation in Jerusalem, ohne He^l" oder den Zionismus, lvoder dem Namerr noch der Sache rrach, zu erwähnen, nachdenr der Kaiser selbst, irgendwie umgestünmt, Herzl beim Abschied auf „einachvtdeves Sädmm der Sache und weitere Aussprache" vertröstet hatte, zu der es niemals mehr kam. Die kaiserliche Empfehlung an den Sultan jedoch soll gelautet haben, daß ,-dfe Zionisten der Türkei nicht gefährlich, aber überall eine Plage sind, die wir loswerden möchten". Bor-allem aber mrponierten diesen Kreisen, wie aus einer späteren. Aeußerung Bülows hervorging, diese ^/Juden ohne Geld" sehr wenig. Jndeffen wird vom Grohherzog noch ein glaubhaftes Motiv des M<tzuges mitgeteilt: die Furcht, das Mißtrauen Englands wachzurufen. So weit reicht ja jene Politik des wechselftttigen Mißtrauens und der Furcht des Mißtrauens, zurück, die zmn Weltkrieg geführt hat. Erst jetzt versucht es Herzl, zur Entlastung der deutschen Regieruugskreisei die juristische Person der zionisttschen Aktionen unter e n glischem Schutz §u ventilieren, unter mannigfaltigen Kombinationert, zn denen auch das finanzielle Protektorat des Großherzogs von Baden gehört. Im allgemeinen sieht sich He^l von der Freiheit der ersten Pläne i-mnrer mehr abgedrängt und zu Aktionen gezwungen, die die schwersten Hiudernisft beseittgen sollen. So erstrebt er auf verschiedenen Wegen, durch den Großherzog von Hessen, den Stgatsrat Bloch eine Audienz beim Zaren, wobei er cyrch das Argument nicht verschnräht, daß durch bm Zionismus die Judenschaft von den Um« sturzparteien abgezogen werde. Vor allem ist es ihm hierbei um die Betätignngsfrerhett der zionistischen Jnstttu» ttonen zu tun. Noch schwieriger ist es für Herzl, irgend welche Beziehungen zur vatikanischen PolM zu fiuden, wobei er auch bemr Wiener päpstlichen Nuntius vorspricht. Auf ldem -Wege restloser Verfolgung seines Zieles ge-, winnt .Herzl manchen so un-mittelbaren EiMick in die verborgenen Züge der Politik, daß schon aus diesem Grunde sein Memoirenwerk ein merkwürdiges Zeitdokuwent bildet, Uud wir gewinnen auch einen gewissen Gmblick in wanchq freiwilligen ,/guten Dienste", tvelche Herzl im Jnteresft seines Zieles und. dennoch von einer gewiffen objekttvereq Lbarte aus, allerdings mit einer persöulich ihm eignenden konservattv-aristokwtffchen Gvnndnüanee, dem smen odetz anderen Staat oder Staatsmann zu leisten versuchte. UrÄ wie er in bezug auf die Mchrung der Kongvefft gesteht, daß er jetzt erst wisse, wozu er jahrelang das Palais BouchW besucht, so macht ihm auch der Rahmen der Diplomatttz nicht bangem