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Wiener Morgenzeitung · 1923-04-08 · Heft 1491 (8.4.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1491 (8.4.1923)
Date
1923-04-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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«-. 1491 Mm, Gsmttag SBSeitet MortztttzeNüng. 8. AM 1923 m*n Vor einem Gasthaus sitzen die Ausflügler in dichten, Schaven, Die allermeisten verzehren mitgebrachten Propi<mt zum Bier oder' Kaffee, ©i« legen die Vorräte breit knfe essen behaglich vor sich hin. Bei einem Tisch ^upft man verstohlen Bisten um Bissen aus einer. Tüte. Die Heimlichkeit ist geboten, f8 ist Pessachpvovia'lvt. Na, und man darf doch kein „Aer-- tzevtöis" geben. Das aber könnte es bedeuten, wenn wem pffen imtfo mit der ruhigen Würde des Stammestreuen einfach jedevnvmm sehen ließe, daß man jüdischen Brauch ein- |ß!tt Statt sich dessen zu schümen wie eines Unrechts. Wohin mau blickt, trifft das Auge auf mürrische, gehässige, verdrossene Gesichter, auf Geringschätzung. Hohn, Verachtung. Wir sütd in Feindesland. Ans jedem Ausflug, ^uf jeden Spaziergang können, wir es von neuem erfahren. Süß flötet die Amsel im Abendschatten, als wir hciinjvärts gehen. Aber die Freude daran ist uns verdorben. Zielleicht singt sie nur, weil sie noch nicht weiß, daß wir suden sind und daß Juden iur Wienerwald nichts zu rchen haben. Wenn es so weiter geht, tragen im nächsten xahr die Vögel Hakenkreuze und die Veilchen duften nur Lr rassenveme Arier. ■ a, K. M. Sie netten Me der Mrsorgeabgabe. Der Magistrat macht die 'Fürsorgeabgabepflichirgen ßuftnerksam, daß die Fürsorgeabgabe für die iur Monat Februar 1923 ausbezahlten Lohnsunnnen 4,12 Prozent, mr Banken, Bankiers nsw. 8,5 Proze«t betagt. Für die pom 1. März 1923 an cmsb^ahlten Lohnsimnnen sind 4,25 Prozent, für Banken, Bankiers usiv. 8,50 Prozent zu entrichten. Abgabepflichtige, die für den Monat Februar 1923 nur 4 Prozent, beziehungsweise 8 Prozent abgerechnet haben, können den Nachtrag für Februar gleichzeitig mit der Abrechnung für März «mzahlen. Wird der Nachtrag für Februar bis längstens 14. April 1923 einprahlt, so werden Verzugszinsen oder Verzögernngszuschläge nicht angerechnet. Sie Migkett der Schlichtmtgsstellen in Mietsachen. Da- ««re Mietgesetz bestmmtt bekamMch, daß m Gemeinden, in denen bereits ein Wohnungsamt bedie Mietkommission erst dann augerufen werden m, trenn die Mietstreitigkeit vorerst bei dex Gemeinde Uchängig gemacht wurde. Die Gemeinde Wien hat in den einzelnen Bezirken sofort Schlichtungsstellen errichtet. Es liegt nunmehr die Statistik über die Tätigkeit der Wiener Schlichtungsstellen in den ersten zwei Monaten nach dem Inkrafttreten des neuen Mietgesetzes vor. . Am Jänner 1923 liefen bei den 21 Wiener Schlichwmysstellen 854 Anträge ein. Im Februar stteg deren Zahl bereits auf 1663. Nicht weniger als 36 Prozent ßller Streitfälle wurden auf gütlichem Wege beigelegt. Daraus geht hervor, daß die Schlichtungsstellen der Gemeinde Wien die Gerichte ganz äußer-ordentlich entlasten. Berüaftmr« wesen Hinterziehung der Lnftbarkeussteuer. Wir wir erfahren, wurden zwei Direktoren und der Chefbtrchhalter eines bekamrten Ringstraßeneafes övegen Nichtablieferung, beziehungsweise Hinterziehung der Luftbarkeitssteuer verhaftet. Sie werden beschuldigt, doppelte Bücher zur Täuschung der Behörden geführt zu haben. Der Schaden, den hie Gemeinde Wien dadurch bisher erlitten hat, wird aich -60 bis 100 Millionen Kronen geschätzt. Verteuerung der Kohle. Ab 1. April wird die Preisfestsetzung für Kohle nicht!Mehr in deutscher Wähwnh, sondern in Polenmark erfolgen. Dies wird in Verbindung mit einer Neuberechnung der Fwchtgebührm eine Verteuerung der Kohle in -Wien zur Folge haben, die ungefähr 40 Kronen beim Kilogramm, also 4O.0OO K. pro Tonne betragen dürfte.' ■<—Ttti ■ 5 feinste Herrenwäsche, Pyjamas nach! ■ Mass und Herrenmodeartikel S ■ ' 277 ■ : Wien, 1., Liliengasso 2, Tel. 89-29 S ist fast doppelt so viel als im Frieden. Da aber bis zum 31. MäiH d. I. nux 68.6 69 Hundemarken ausgegvben worden sind, so gibt es auch ungefähr 14.000 Hundebesitzer, die für ihren Liebling die Steueran die Gemeinde schuldig geblieben sind. Stadtrat Breitner hat mm, wie lvir im Rathaus erfahren, durchaus nicht die Absicht, von seiner erfolgreichen Praxis in der Steuereiutreibnng abzugehen und wird gegen die säumigen Zahler unerbittlich Vorgehen, indem er strenge Strafmaßnahmen gegen, sie erlassen wird. Die säumigen Hundeliebhaber müsion sich in ihrem eigenen Interesse nun schnell entschließen, ob sie den Weg zur städtischen Steuerlast« gehen oder ob sie ihre Lieblinge dem städtischen Wasemneister überliefern wollen. Re Theorie Knsteins bestätigt. London, 7. April. Aus Toronto wird gemeldet, dass die Beobachtungen der, kanadischen Sonnenfinstevmsexpedition am 21. September 1922 die, Einsteinschi Theorie b e st ä t r g t e n. Der Leiter der Expedition tu klärte, die Beobachtungen hätten den Beweis erbracht, das das Licht der beobachteten Sterne , in der Nähe des Sonnenvan'des ungefähr um den von Einstein trrechneten Betrag abgelenkt werde. ,. . Sstgalizien im 18. Sahrhnndert. den Memoiren eines galizischev Inden. Fntematiomtle Ladendiebe. Vorgestern find in dein Geschäfte des GoNarbe'rierS Moritz Warkany in der SchmelMste 6 eine ältere Frau und ein weitaus jüngerer Mann erschienen, ließen sich Ringe zum Kaufe vorlegen und entfernten sich, ohne etwas gekauft zu hoben. Gleich danach stellte der Goldarbeiter den Abga-ng eines Paares BÄllantohrgehänge im Werte von 18 Millionen fest. Als nun der Juwelier am nächsten Tage durch die Stadt ging, sah er plötzlich vor einem Juwelengeschäft die Frau st>chen, die am Doge vorher bei ihm sich Ringe hatte vorlegen lassen. Sie tvar diesmal in Begleitung eines anderen Mannes. Er trat auf sie zu, um sie festhalten zu lasten, da verabschiedete sich ihr' Begleiter und wollte flüchten, lief jedoch, ger>M einem Stadtschutzmann in die Hände. Beide wurden verhaftet und zum Kommissariat LeopÄdstadt gebracht' Die Frau nannte sich Ethel Freudenberg und gab an, aus KonstanÄnopÄ vor drei Tagen nach Wien gekonnnen zu fein, da chr blinder Gatte einer Augenoperation unterzogen werden sollte. Als Krimmalbea-rnte in ihrem Wsteigquartier in der Großen Mohrengasse 18 erschienen, trafen sie dort den Sohn der Freröden-berg, den 18jährigen Morthe Freudeickerg, und den Gatten der Frau, der tatsächlich blind ist. Als Freudenberg sim. zum Kommissariat gebracht wurde, erkannte Wavkany in Hm den Begleiter der Fvcm und somit auch ihren Komplicen bei dem Diebstahl in feinem Geschäfte. Der zweite Begleiter ist der 36jährige Agent Salomon L e w Y, der in dem gleichen Quartier in der Großen Wtohrengasse 6 wohnt. Alle drei leugneten, irgendwie mit dem DÄbstahl in Verbindung zu stehen. Sie ivurden dem Landesgevichte emgeliefert, da mit Sichevhsit atM-nchrmit ist, ixrß cs sich hier nm internationale Ladendiebe handelt. Keren Kajemeth i'Nrael Mischer Nationalsonds). Donnerstag den 12. April, halb 7 Uhr abends, findet in unserem Bureau, 2. Bez., Taborstraße 59, die Landeskommistionssitzung statt. Das Sie säumigen Hundesteuer-zahler. Wie sich aus Berichten aus dem Rathaus ergibt, scheint die sogenannt« ' Hunde ft euer gegenwärtig wirklich auf — den Hund gekommen zu sein. Einst bildete die „Hundeabgabe" in den Friedensvoranschlägen der Gemeinde Wien eine schr bedeutende Eimuchmequelle, heute aber ist sie zmu Leidwesen des Stadtrates Breitner förmlich zur Bedeutungslosigkeit zusammengrschvunrpst. Der Voranschlag der Gemeinde sieht ans eigenen Steuereinnahmen die Riesensumme von 325 Milliarden Kronen vor; in diesem Betrag ist die Hundesteuer" mit bloß 600 Millionen Kronen enthalten. Aber auch diese geringe Steuersumme scheint den HundÄiebhabern zu groß ruck unerwünscht zu sein. Die Gemeinde hat auf Grund des TierseuchengesetzeS kürzlich eine Hundezählung vorgenommen, nach der in Wjen rund 7 3.O O 0 H u n d e gehalten werden. D a S w*' """m * I. Adlergasse 5 " II. Taborstrasse 17 b : ladet das P. T. Publikum | zur freien Besichtigung der soeben eingelangten iü in original englischen und französischen höflichst ein. Die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Struktur ty\ Iudenheit Galiziens zu der Zeit, da das .Land noch 'ein Teil des emt Ende des achtzehnten Jahrhunderts aufgeteilten polnischen Königreiches war, ist in ihren Details wenig bekannt. Es fohlt sozusagen an Einzelillustwtionen für jene Zeit, di« für das Leben der Juden Galiziens politisch («durch den Zerfall des polnischen Königreiches), in religiös-kultureller Beziehung (durch die Ausbreitung des Chassidismus) und auch sonst bedeutsam war. Um so dankenswerter ist es, daß jetzt die Memoiren eines galizischev Juden herausgegeven wurden*), welche sehr interessante Streiflichter auf das Leben der Juden Galiziens in dem für ihre Geschichte bedeutsamen achtzehnten Jahrhunderts <ttku fett. Der Memoirenschreiber war ein Jude aus Bolechow mit Namen Ber Birkenthal und lebte von 1723 bis 1805, also zu einer Zeit, in welche wichtige Begebenheiten in der allgemeinen und in der jüdischen Ge« schichte, besonders der Jrtdetr Polens, fallen. Fällt doch in diese Zeit die für die politische Struktur des polnischen Judentums, so bedeutsame Aufhebung der Bierlärcher- Synode, ftrrter der weit über die Grenzen Polens hinaus, gehende Streit zwischen den Frankisten, den Anhängern des Pseudomessias und Sabbatiäners Jakob. Frank und hem offiziellien rabbinischen Judentum und endlich das Ausstreben der chassidifchen Bewegtmg. Bolechow, di« Vaterswdt des Ber Birkenthal, in der er lebt« und starb, und nach der er mit dem Beinamen Bolechower benatmt tvnrde, ist ein Städtchen in Ostgalizien ttahe detn nöMichen Karpachenabhang. Ber Bolechowers M-etnoiren erzählen, daß das Städtchen im Jahre 1612 von dem polnischen Gutsbesitzer Mikolay G i dzinski begründet wurde. Der Gründer ließ sich bei btt Festsetzung der Verwaltung der Stadt von denr heute nt polnischen Kreisen wenig befolgten Grmtdsatz leiten, daß Jrtden und Christen in Emtracht leben sollten. Er setzte fest, daß die Juden Anteil an der Stadtverwaltutrg haben sollten und daß bei Rechtsstreitigkeiten zwischen Endest und Christen ein jüdischer „Sachverftündiger" furngieven solle. Jeder Bürgermeister des StÄ>tchens mußte schwören, daß er die Rechte aller Einwohner ohne Mtersthisd woihretf werde. Nach einenr Brande, welcher die junge Siadk fast gänzlich zerstörte, gab der Guts-Herr Wiederwufbcvranleihe^ an Juden und Christen in gleicher Weise, em damals unerr hörtes Borkomttmis. Die Judenschaft von Bolechow betrieb, auch zur Zeit, wo unser Memoirenschreiber lebte, hauptsächlich den .Handel mit Sah» ferner den mit Bi-ch, Hauten, Leder und Wein. Ber Bolechower -war, wie sei» -Vater Jehnda, Wemhändler. Zlach der Heirat lebte Ber Bolechower eine Zeillanß beint Schwiegervater in T h § m i e u i e a, das dauvrls ern^ ziemlich bedeirtender Handelsplatz ivar und sich auch durchj kultttvelle und Brldmtgsregsanrkeit auszeichnete. Zur Zeit, als sich Ber Bolechower bei seinem Schwiegervater aufhielt, erschien das Buch „Chemdath Hajamim", welches einer der Propheten" des falschen Meffias Sabbatai Zwi versaßt hrtte. Das Buch übte große Wirkrmg, der sich üitdjij Bor Bolechower und die ganze junge Generation, die da-? mals in Tysmienica wohnte, nicht entziehen konnte. Sie! alle begannen die dom saVbatianifchen Ritual gebotenm! religiös-ekslatischeu Hebungen, fasteten, schlugen sich mit! Steinen gegen die Brust, sMzten sich in Kot und Schnee^ und dergleichen. Ber Bolechower waMe sich jedoch bald, von diesen sabbatiamschen Brauchen ab/ deren Lächerlich-! Mt und Schädlichkeit er erkannte. Er begann, auch di«! Sektierer Zu bekcbnpfeu. Seine Neigungen zogen ihn, obwohl er zeitlebens der jüdischen Tradition treu blieb, viel-! fach ztnn Studium ftemder Sprachen, Wiffenschafteu unvj Literaturen. Er kannte die deutsche, französische, ungarische, lateinische mrd — was damals besonders selten war — die, Polnische Sprache in Wort und Schrift, befaßte sich auchz mit historischen und religtonsgeschichtlichen Studien. Dies brachte ihn bei den Frommen seiner Heimatstadt in einigen^ Verruf und er sah sich sogar eine Zeitlang genötigt, feines Studien sein zu lasset:. Ber Bolechowers Krnntnisse Mitten jchoch später der jüdischen Allgemeinheit zunutze. Als uäm-! lich in Lemberg der bekannte Disput zwischen Rabhi Chain» Kohen Rappaport und «den Frankistet: stattfand, bedttrste, Rabbi Rappaport eines Doltnetschers für die polnisch^ Sprache. Als solcher fmtgiebte Ber Bolechower zur Iuq friedenheit aller. In seinen Memoiren erzählt. Ber Bolechower viel über die allgenreine Lage Galiziens in den Zeiten der Auflösung des polnischen Königreiches. In Ostgaliziett herrschte *) Ber Bolechower: „Erintrerungen." Im Klal-Berlag^ Berlin. - 6es Lskeunä Qsrten- Eonstanfinhügel unter neuer (Endstation der elektrischen Leitung RcstSUrSflto 1JJI Pl HäliptällSÖ Strassenbahn L,M, H-u. 4) Zu jeder Tageszeit warme und kalte Tnnffiiiirijrf ripp plflnunfon Wolt schlechter Witterung geheizte^ Speisen» Vorzügliche Biere und Weine iiuitßluliil llul mu||(lliiuU WUli Prachtsaal» Besitzer; Otto Käserei 02535323485391234823232323012323484853534823484848232323488953530223 999999999999999999999999944555551455 4654^698498^ 5323482323234848534823532323235323534823532301484848234823534853485323532323480148232301

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