Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1490 (7.4.1923)
- Date
- 1923-04-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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.'jflfc £390 Men, Samstag W-WtzMe Minifterprösident in Wien. - Gestem mittags. ist der bayrische Ministerpräsident G. Knilling w Begleitüng des bayrischen Fimmz- Mmstcrs Dr. Krau neck, des Handelsministers v. Meiuel und des Geheimen Baurates v. Miller mit einem Flugzeug auf dem Flugfelde von Aspern ein* getroffen. Di« Minister reisen ijeittc ad. Der Besuch der bayrischen Minister wird als unpolitisch bezeichnet und soll der Eröffnung einer neuen Muglime gelten Mar». »enoornrngsreforw. Budapest, i. April. (Del. der ,Mr. DLorgenzÄtmrg".) ,Die Negierung bereitet sine« Gesetzentwurf Wer die Ver-!walt ungsrefor m vor, welcher zunächst ds»r Gegenstand iciner Enquete bildm und fodcvim der Nationalver-!sammlur.-g vorgelegt werdm wird. Im Gesetzentwurf sind! Vereinfachungen ttn Verwaltungsapparat vorgesehen. Die; Obergespane und Bürgermeister werden in Zukunft ldurch das ^Staatsoberhaupt, Situhlrichter .Md KreiSuotare durch den Minister des Innern ernannt tverden. Die Verjsetzung vor.« Funktionären auS einem B^irk nr den anderen soll wesentlich erleichtert werden. Drohender Streik in de» Budapester Gemeindebetrieben. Budapest, 6. April. (Tel. der „Wr. Morgenztg") Die Angestellten der Gemeindebetriebe erschienen hntto beim'Bürgermeister und teilten diesem mit, daß im Falle einer Ablehnung ihrer Forderung nach LOProzentiger Erihöhuug des Gehalts und des Existenzmnnmums, die Arbeit Ln allen städtischen Betrieben Samstag mittags eingestellt werden wird. Der Führer der Abordnung erklärte unter anderem, es fei ein völlig unhaltbarer Zustand, daß in manchen Betrieben die Direktoren viel -mehr Einkommen genießen, als die Bezüge des gesamten Personals ausmachen. Polen. Koalition der Witos-Grnppe mit den Nationaldemoiraten. Warschau, 6. Apvll. Gel. der Atorgenztg") Ditos ist es bereits gelungen, eine neue S e jm-- majorität auf der Grundlage einer Koalition seiner Partei mit den Natiönaldemokraten zustande zu bringen. Selbst der schärfste Oppositionelle innerhalb her Witospartei Jan D o m H s k i, der schärfste Geg- Wiener Morgenzeitung. net einer Koalition mit den Nationaldemokraten, tonnte dadurch gewonnen werden, daß ihm die Stelle eines polnischen Gesau dtcit. tn Waslj i ngton zugesichert wurde. In gut mrterrichteten Kreisen wird angenommen, daß bereits-in den nächsten TaM die Demission des jetzigen Kabinetts erfolgen wird. Eine Umgruppierung der Sejmmajoritäl könne bereits als vollzogene Tatsache angesehen werden. Litauen. Kn Mock der nationalen Minderheiten. Kowno, 6. April. (I. C. B.) Div Vevttvt-er der Minderheitsnationen in Litauen, die' in den letzten Tagen wagen Schaffung eines M-inderhsitswahlblock 8 verhandelt haben/sind zu einem Einverständnis gelangt. Es tourde die Bildung eines Blocks beschlossen, in welchem Raffen, Weißrussen, Deutsche und Juden vertreten sein werden. Gegenwärtig werden noch Bechaudlmigen mit den Polen gepflogen. Wie der I. C. B.-Bertreter erfahrt, hat die Leitung der orthodoxen Achduch ulttmatw erklärt, chre Beteiligung am Block sei mr.r möglich, wenn die Kandidatur des Dr. Rachrmlowitsch zugelassen wird. Die UnterhcmdLmgen wurden daraushin abgebrochen und das ganze Ausarnmenschlußprojeikt ist in Gefahr. Es besteht aber die Wahvscheinlichksit, daß der Block auch ohne Achduch zustande kommt. Die Orthodoxen würden sodann Mständig in den Wahlkampf treten. Dr. Brutzkus' Abreise nach Amerika. Der -frühere Leiter des Ministeriums sür jüdische' Angelegenheiten amb gewesene Präsident des litauischeu «jüdischen Nation-alrates Dr. Brntzkns hat dieser Tage Lttauen verlaffen, um sich im Aufträge der Zionistischen Organisation nach «Amerika zu begeben. Rundschau. Loucheurr Plm für die denlschea Aa-lMgea. London, 6. April. Wolfs.) Loucheur, der dem Fmanzkorrespondenten des „Daily Telegraph" in Paris semen Plan sür die Bezahlung der deutschen Schlilden auseinandersetzle, erklärte, wie das Blatt berichtet, vor allem müsse. Deutschland feine augenblickliche Währung durch ein nerres gesundes Geldsystem ergänzen, das in Gotoparität festgesetzt werden müßte. Mit gesundem Geld tonne man dann zu per Handeln beginnen. Weiters müffe die Einfu h.r Deutschlands auf das unbedingt notwendige. Maß - beschränkt -verdrn, damit , die kommerzielle Wage, MgunstM. der Ausfuhr - ausschwge ma 7. April 1923_ Seite 8 und so die finanzielle Lage gestärkt werde. Ferner könne eine Reihe von Anleihen aufgelegt -werden, die durch Eisenbahnen, Kanäle, Zölle und andere Methoden geeigneter Deckung garantiert würden. Schließlich würhe chtj alliierter Finanzbeirat Deutschland helfen, sich finanziell wiederherzustellen und ferne Schulden zu bezahlen, ohlie dadurch miniert zu werden. Deutschland könne, wenn die Borschlage Loucheurs angenommen würden, etwa 150 Millionen Pfund jährlich zahlen, ohne ruiniert, oder übermäßig belastet zu'werden Louchenr ist heute um 2 Uhr nachmittags uaa, Paris znrückgekchrt, nachdem er zuvor mit Lord D er by eine Unterredung gehabt hatte. Die Reise Loucheurs nach London beschäftigt auch die 'heutige Pariser Presse. Aus den Kommentaren der Blätter ergibt sich folgender Eindruck: In den Kreisen um Po in care bestreite man. nicht, daß Louchenr die Reise in Einverständnis mit dem Ministerpräsidenten unternommen hat, scheint aber den Eindruck zu haben, daß Loucheur zuviel sÄbst gesprochen habe, statt sich aus vorsichtiges Sondieren des Termins zu beschränken. Natioaalsozialistischer Terror in Regensburg. Berlin, 6. April. Wie - die Blätter melden, ist cs in Regensburg Wischen Nationalsozialisten una Sozialdemokraten gestern abends zu schweren Zusammenstöße n gekonmien, die das Einschreiten der Landespolizei und der blauen Polizei veranlaßten. Im Laufe der Znsamm-rnstuße fei ein Bahnschreiber der Betriebs- Werkstätte Reger.-sburg von e-mem Polizeiwachtmeister, . der der Nationalsozialistischen Partei cm gehört, erstochen'worden. Jle Baterlöndler. Berlin, 6. Jlprit. (Tel.-Komp.) In 'der gckstrigeu Der. treierversantmlung der Bereinigten, vatMä.ndischen Verbände wurde ein Progranmr -für einen ak-t-iveren witt-schaMchen Widerstand gegen Frankreich Mlsgestellt. Die bisherige Mehmrbei wmde als nngenü-gend bezeichnet und es wurde gefordert, die abgeschaffte Dienstpflicht durch einen vaterländischen Hilfsdienf zu ersetzen, die Produktion durch erhöhte Mchrar-beit zu steigern und vor allem die Löhne den «Leistungen entsprechend zu gestallen. Die leitenden Stellen sollen einen Appell in diesem Sinne au die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie r ichton Werrn dieser -Appell ungchört verhalle.und Mchrarbeit nicht -geleistet werden sollte, müßte als'Detztes MittÄ die Diktatur «irfgerichtet werden. '■ Ferner forderte die Konferenz in einer Resolution die A-u-st tosung der KomiUmstischen Pavtei. W>WU>»WWW»W>»MsW>WW>WW»W>>S>W»M>SWSK 6^055L OKKASION ■_/ _.__;_ >" Le inen waren; rllWMM Waschwaren, Stoffe, l;,,. n . Wäsche, Strickwaren DII|||)OI) PffilSßll ff Vlireii- ■ im IU Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros In detail Konzerte. Es mag wMÜwMchMöN, daß in unserer veräußerlich- Mt Zeit Bachs gwße schwievlge Whorwerke lvachsendem Inteves'fe mb Bevstämtmis beim PubWnm begegnen, vielleicht bietet aber gerade die Tatsache, daß immer weitere Kreise von dien Sorgen des MüW zu ernster Kunstüb-uug Mchiten, vme Geiwähr für ihre NotwenVixsteit. „Die Kunst,!o Mensch, hast du Mein", sagt SchMer irr seinen Künstlern, die .Kunst I. S. Bachs, d>ie so recht die Tiefen arnd Höhen des Menschentums verbindet, ist in ihrer gaMn Größe erst fron cm-ÄklmgeMu 19. Jahrhundert offenbar geworden. 'Bor genau 2M Jahren kam Bach als Kvutor an die iDhomaMrche in LeUpzig, wo er bis wi sein Leibenseude ^wirkte und seine bedentendsten Werke schrtf. An der 'Thomaskirche scheint auch zu Ostt-rrr 1729 die Erstaufftch-!rung semsr ,,MatHäus-Passion" ohne jede Anteilncchnre des PMiknms ftattgeftmden zu haberr. Nach Bachs Tode gemet sie völlig ür' Bergeffenhett, und erst dem jungen Felix ^Mendelssohn Me es Vorbehalten, sie durch eine AuMH- >rung im Jahve 1829 zu uerten Leben zu erwecken. In dear Letzten Jahrzehnten wandte sich dell großen Chorwerken der iVergairgenhelt erhöhte AnfnterksamEeit zu, namentlich Siegjfvied Ochs^ m der Berliner Singakademie und Franz Schtakk iin den Wiener Gesellschastskonzerten scheuten keine Mühe, km ihr PubMvm zuim Verständnis Bachscher Musik zu erziehen. So versuchte, man es auch mit ungekürzten AuMHj-rungeir, was nicht ohne Gchchr ist. Wohl ist die Musik ^Bachs ein richtiges Stchlbad für unsere JngsrÄ, doch auch!em Stahlbad ermüdet, wenn es zu ilange währt; ja, die >Musik Bachs, die imsorem Zeitgsist viel ferner steht als jene ^Beethovens oder Wagners, erscheint dem ungeschulten lLaienchr in ihrer Folge von ReMÄvmr, Arien und Choren bei allzu langer Dauer gleiichförmig. Mit Recht rät darum Albert Schweitzer, der gründliche Bach-tKenner, in feiner Bach-Biogvaphie: „Ohne Striche läßt sich die MatthäuZ- Paffion nicht gut in einem Male ausführen, es sei denn, baß mmr einen ganzen Nachmittag dafür verwenden und eine ein-- oder zweistündige Pause zwischen die beiden Teile legen tonn. Schr zu empfehlen ist die Einteilung, wonach der erste Teil am Samstag-Abend, der zweite am Sonntäg- Nachmittag gegeben wich." Gme von der KonzevthauSgeMschast vevanstoltete Ausführung befolgte diesen- Rat, sie' begann um 4 Hhr nachmittags untk dauerte einschließlich einer avderthaMtüudigen Pause bis 10 Uhr abends. Das Konzert tvar dreimal ausvertouft, was. jedoch keineswegs die rmerträgAche Länge der Aufführung .widerlegt, sondern nur den Kunst- und Bildungshunger der Zuhörer, vielleicht auch den Snobismus eiuer kleinen Mnderheit beweist. Paul v. Klenau fchwaing den Dirigennenstab. Bon hoher Werragender' Komürmudobrücke aus befehligte er die gewaltigen Scharen des mit den Jrttentionen des Dirigenten tven'ig Vevtvlürtsn Symphonieorchesters, der Singakademie, des Schube-rtbundes und des am,FDlymp" des SaaLes postierten Pe'Lerlrnischen Knabenchores, die Orgel spielte Franz Schütz, das Cembalo Alice Ehlers. Frau GvrLruÄe F ö r stel saug mit ihrer himmelhoch jauchzenden Stimme das Sopvansolo, der edle Mt von Ermny L <s i s n e r war das schönste Organ firr den Bortrag Bachscher Rezttative rmd Arien, Doktor Lothar Riedinger fchmetterte Mdersichtlich das Tenorfolo, Alfred Jorg er schuf aus dem Jesus einen Jochanaan a la Richard Strauß, in ver chm stets eigenen Vollendung fang Richard Ma y.r die Baßpartie, Herr Mfved Wilde als Evangchst sang.-schlicht und mit technischer Meisterschaft den veMMnden Text. So hatte jeder der Mnger seine eigene Artffassung, seine eigene Gesaingsmauier, und der DWigent hatte Mühe genug, die Gegensätze zu Äberbrücken. Seine ekgem Ausfaffung wird er nur in intensivem Sttrdmm allmählich auf die zahlreichen Mtwirkendeu übertragen tonnen, in 8er Pflege eines unverfälschten Bach-Stiles erwächst Herrn Ktoncm sine Aufgabe, die deir Mühe wert «ist! Di« Auffühmmg, die nicht nur unter Stilmängelu, sondern auch unter der allzu langen Dauer und unter der drückenden Schwüle im Saale litt, stellte' gleichwohl der Energie und dem Eifer aller Mitwirkenden — nicht zuletzt der CHovveveme — ein schönes Zeugnis aus. - - * ' ■' Ernst KunWttkd erwies sich auch in Mmm zlveiten Qvchssterkonzert als erfahrener DMgeut. Die Wiedergabe von Beethovens „Erster" und ,^?ünfte< zeigte schöne EnrfiMrntz in Beethovens Wesensart, Kr Beechovens Wieder-' kreis an die ferne GMebte", den Herr Oestvig mit feiner, lÄcht nmiflortor Stimme sang, tvar ex ein anschmieg- -samer KtodiecheiMtsr. Hier wie dort tvä-re.feine Erscheinung noch erfreulicher, wenn er nicht durch seine körperlichen Emotionen allzu stark hAwovtveten tvürde. Wo das Ohr den rechten Dirigenten ftihlt, braucht das Auge nicht «minrer iviedsr an seine „Eigerrart" erinnert zu werden«. Das Triestiner Streichquartett 'hat nach längerer Pause wieder einen Bestich in Wien abgestattet. An'zwei Wenden zeigten die Herren Ja nkov i ch, B i e zzoX!i, Dudovich und Baraldi, daß sie BoMlutnnlsiker sind, die sich aus vorzügliches Z-rrsammensPiel, gewandte Phrasierung und reiche MmrgentfaLtung verstcherr. Mit Interesse horte man das Kladieiuluart^ von Richard Strauß, m deur Parst Weingarten teurperamerrtvvll den Mivierpart besorgte. Es ist eines der wenigen KammermusiAwexto des Meisters, eine Jugendacheit, die sich frei-! müÄg,zu Johannes Brahms bekennt. Mch dir Qnartttt-! veremiglmg Zik.a erspielte sich einen starken Erfolg. Wir hörten dvis C-Drw-Quartett von Paul HiudeMich, der so vasch berühmt geworden ist, in tresfl'ichsr Wiedergabe .und! freuten uns sänes rhythmischen Reichtums, feiner, unge-! Nügölten, gÄegenMch uugchobÄten Ausdruckstveise, die von! Stvaiwrnsky und Schonberg beeinflußt ist. Auch ein neues! Mlviertvw von Mkx Springer, das von der Trw-Bor-! entigung Annie Bock-Walters, Maireck er und! Buxbaum mit Schtvung und Empfinduirg gespielt wurde, verdient Beachtung.. Echter Schüvurrg unb echtes Empfiudlmg find die starken Seiten des metodiednrch-^ Krtötsrr Werkes. Ohne um modernste Sentenzen und nur! schrullenhafte Auswüchse zu wiffeir, meistert es Inhalt, und; Form und schöpft aus der Tiefe oirrcs mckompliz-icrten erfüllten GeuMs. Eine Novität bescherte auch das Konzert des bekannten Geigenkünstlers und Pädagogen Robeirt P o-l l a k. Die GeigönvWoiationen über ein altes Thema bou Ivan Langstvoth sind ein schwächliches Werk voll dankbarer Gcigen- ^küNste. Hier wie in Bmrbertmrgen altttakiernscher Meister .und in einer Solosonate von Max Reger betvies Pollak nsneÄich sckn reiches Können in geistiger und technischer HWcht. An Max Reger wurde Mau auch in einer Klaviersonate von Szhmanowski ermuert, die Artur H.e r m c l i w imiit gediegener Mnsikallitält und virttrosem Zuge voriruo. ^Hagckdicht prasseln, die Notenköpfe nieder, massig imd schweMüttg entwickeln sich Ba-viat-ionen und Fuge, in ibeiten der Ptouist eine imposante Gsdächtnislerstrrug bot. Mädchenhaft woich, mitmtter gar elegisch, spielte Ilka Steiner in.schöner pimtistischer Wtömr>n>g die Sonata Eroika von Bit. Novak. Jvüsn wir nicht, so war es die erste Wiener Aufführung dieses dankbaren iuspivierten Werkes des namhalften ffchechischou Tondichters. Erwin F elber?