Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1478 (25.3.1923)
- Date
- 1923-03-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980559--14216-3000931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
EM 6 Men, Somttag r—----: — Gummimäntel Grosse Vorräte Billige Preise NORBERT ROTH . VII., Mariahilferstr. 86a (Zitahof) Tel. 35*1-81 «« Abteilung für Mantelstoffe — Wien, 6. Bezirk, Mariahilferstrasse Nr. 105 Tagesbericht. Reifebriefe Von Dr. Wolfgang Weisl tJernfalem). Jnr Land der Pyramiden. Lieber Herr. Redakteur! Bk haben sicher keine Ahnung, wksjo Sie 'dazukommen, auf einchal wieder einen Bericht Über Aegypten von mir zu bekommen, obwohl ich zur Strafe meiner Sünden seit Wochen schon in Europa sitze. Die Sache ist nättüich so. In meinem letzten Brief habe ich Ihnen versprochen, Ous Athen zu schreiben, wie es mir in Aegypten, weiter erging.. Als ich aber in Griechenland landete, begrüßte, mich der Winter Europas, aber ohne seine Oeftrr. Weder ist Wien noch in Saloniki gab es so etwas wie ein geheiztes Zimmer, und ich, an andere und angenehmere Temperaturen gewöhnt, saß mit einem Riesenschnupfen im Uebergreher, mit Handschuhen angetan, in 'meinem Zimmer und vwHuchte mein Dasein. Wenn ich schreiben wollte, so fror mir die Hand beinahe am Papier an — so bekamen Sie damals keinen Brief von mir. Und später dachte ich nicht Mehr an meine Abenteuer zwischen Nil und Lybischer Wüste. Bis ich Vor einigen Tagen in Preßburg bei dem dortigen Msvachi-Verern einen Vortrag hielt. Ich sprach! Aber die religiöse Frage in Palästina, ich versuchte, zu -eigen, wie unbedingt nötig es sei, daß unsere zionisttschen Orthodoxen hinaus auf das Feld und in die Werkstätten gehen, um den mchtreligiösen Arbeitern sprechm und ihnen die Lehre erst wieder bMyen, die jene nicht mehr kennen. .» ' Ich hatte sehr ernst gesprochen und glaubte, einigen Wchuttk.gemacht zu haben. Als ich endete, fegte ich, ich Erde gepve auch Fragen beantworten. Nach evmgsm Zögern erhob sich em Mngsr Mann und stotterte ein wemg ßchüchiern: er ttüfft nW, ob er fragen dürfe, er wolle nicht Md so fort. . ~ Mit der ganzen Seetengnte, Pie ich mir, prmzrMl Mr für Ve^anMlungen auMbe,. ermunterte ich den Äraven, mrgefchsnt zu sagen, was chm am Herzen liege. And da platzte er mit holdem Erröten heraus: ,Mas fft mit Ihrer ^)se geschehen, Sitz dcmnO «M der Dheops- Phramwe zerrrgm Habens Dablean! .. . Als mir ein paar. Tatze Mter in Brünn «WO Achn- Lches passierte, Woß ich daraus notgedrungen, daß den jüdiWn Mssen eine Misftrft Hofe rnteressanter sei als Fragen des Kulturkampfes in Erez Israel. Da Sie wich ja als überzeugten. Demokraten kennen, der vor dem Willen des Volkes immer yMndigen ResPÄt hat, beeile ich mich, Ihnen die Geschichte von der zerrissenen Hose zu Ende zu erzählen. Der Wille des Volkes geschehe^ qi ' Ich stand auf der Spitze dev gwhen Pyramide. Unter m!'r das Dal des Nils, Kairo, die unendliche, geheimnisvolle^ herrliche Wüste LybienS, die Berge von Mokattam, die Pyramiden des Datenfeldes, der Sphynz... Und über mir der strahlende, flimmernd, hlaue Dmmel, die seng>ende Sonne.' t Rasch stieg ich ein paar Stufen an der Nordfeite der Pyramide nieder und streckte mich im Schatten aus. Es -war so köstlich, Schatten zu haben, die Augen weit öffnen zu können, ohne vom gelben Sonnenglanz geblendet zu werden. Weit mehr als. die Aussicht, tveil mehr als das erregende Gefühl, auf der Spitze des berühmtesten BaulyerkeS der Welt zu stehen, erfaßte mich das danWare Gej fühl, in Schatten gekonrmen zu sein, ohne Hitzschlag bekommen zu haben.. Minuten vergingen, ehe ich - meine Müdigkeit und Aufregung so weit überwunden hatte, , um die Augen cmftnn zu könn'en, das Land zu schauen, aus dem vor dritthalbtausend Jahren meine Väter auszogen, von den Aegyptevn vertrieben. Und ich erinnerte mich der Worte der Schrift: „Und mit harter Hand ' drückte Mizraim auf das Volk und sie trieben'hinaus das Volk aus dem Lande.." Das Volk, die breiten. Massen, der Pöbel . . ..auch damals scho-n mußte er vertrieben werden. Wollte nicht heraus aus der Knechtschaft, bis die Gummiknüppel' und Stinkbomben der ägyptischen Hakenkreuzler ihm Beine ntachten. Das Volk, das Volk! Nie hört es den Ruf der Erlösung, nie glaubt es, daß die Freiheit schöner sei als Knechtschaft. Bis die Aeghpter es vertreiben, nach den Worten der Schrift: „Und der Herr sprach zu Mose: Du wirst seihen, was ich Pharao tun -werde. Mit Gewalt wird er sie hinausjagen und mit ftatfet Hand wird er sie hLnaustreiben aus seinem Lande..." Nichts, gar nichts hat sich verändert Ln den dreitauftiid-- undfünfhundert Jahren seit dem Auszug aus Aegypten. Die Pyramiden, an denen unsere Mter gebaut haben, stehen noch heute, unser BoA lebt noch immer wie damals, will noch immer nicht auf den Ruf der Befreiung hören «vor Seutzen und Angst und harter Arbeit" ,.. und auch die Aeghpter leben noch heute, die uns mit Gewalt zur Freiheit.zwingen, wenn wir ftWft, Äe sie zu wollen, zu schwach sind. ,ßm Sechzen mid Angfi und harte« Arbeit." Mrttett ttr Meine Gedanketr ftiffterte ein« sansio Stiurme: „Herr! Herr!" Ich fuhr auf. Der angebliche Scheich kauerte hrutop Mr mw sah wich mit sehr ernsten Ängm forschend an. . . «Herr, Wichtel BchffchW Mjt W WS gchmr, vMü wttr mttm smd?" . , ' Weise erwähnten dramatischen Werke von Jonathan Halstern. Drehe ,Pücherwekt", Verlag Kulturliga, Marschau, L, Jahrgang, Heft März—April 1922.) Es kann hier nicht der Platz sein, über den Wert von Arw-skis MW Und dessen unvollendeter und von Kazisin ergänzten Tragödie „Tag und Nacht" zu streiten, aber sicher ist, daß iftit dem Hinweis darauf, daß diese Werke ,/eus dem Milieu schöpfen und ethnographisch-folttoristische Darlegungen «Halten", dtt erschütternde Wirbrng dieser Werke auf die-breitesten jüdischen Massen und die epochale Bedeutung des bei der Regie angewandten Stiles nicht Abgetan erscheinen. Nur nebenbei sti das vielleicht literarisch wertvollste Stück ÜeS gespielten jüdischen Repertoires, „Der Stnme" von A. Weiter erwähnt. (Drei weitere Dramen dieses Dichters urä herrlichsten Menscheuthpus der russischen Revolutionszeit Weben bisher unausgeführt.) Daß Herr Schmitz diese vrm der breitesten jüdischen Oeffentlichkeit im Osten mtt geradezu religiöser Inbrunst aufgenommene Aufführung der Wilnaer „lächerlich und langweilig" findet, müßte geradezu als Frivotttttt -zeichnet werden, wenn num über Geschmacksrichtungen disputiere» dürfte. Es wurde bereits erwähnt, daß diese lÄn^ich beispielsweisen Andeutungen nicht den mindesten Anspruch auf Vollständigkeit «heben. Aber es hätte auch keinen Sinn, Lei vollständiger Aufzählung des Repertorreschatzes der jüdischen Böhne hier von etwas Abgeschlossenem zn teten. Denn während hier über den Untergang des jüdischen ^Theaters dispntiut wird und Herr«Schmitz mtt profefforaler Gebärde dem Talent des jüdischen Schaffens ans dem Gebiete des Theaters die Note schwach" erteilt, wirkt in ^Warschau und in Wilna, in Kiew und an New-Hork eine bvdeutmwe Reihe schöpferischer Talente an der jüdischen Litera-' der im allgemeinen und dem jüdischen Drama im besonderen, mW jeder Tag kmw dev jüdischen Bühne ein neues Werk offenbar««, eme neue Tat setzen, die ihr den mächtigste» Ansporn gibt ans dem dornenvälen Weg ihrer Entwicklung. Bei dieser Auseinandersetzung kst absichtlich die Frage »»erörtert gebliebm, ob die jüdischen dramatischen Schöpfun-! ge« lediglich Mlimstücke find oder nicht. Demr abgrseheu da- ' vrm, Hatz ' von den erwähnten Dramen die von Pins ki, P^r e z, Le i wsk, zM TG Uch, nicht durchwegs als solche angesprochen werden können und daß bei vielen anderen die : Grenze zwischen Milieustück und Heldendrama verwischt ist, kann dieses Kriterium als Wertmaßstab überhaupt nicht anerkannt werden. Ich glaube vielmehr, daß es in der Literchnr keine PauschalaburteilMgen gibt und daß es bei einem Drama lediglich aus die Tiefe der Problemstellung und auf dessen Durchführung ankommt, auf den lebenden Rhythmus des Werkes, auf bfe Vitalität der Handlung und d« in.Hr agierenden Menschen. So viel über das jüdische Drama. Wie steht es mit den Entlchmmgen ans der fremde» Lsieratnr? Es wird doch niemandem ehtfaftett, ein paar hakenkveuzlerische Heißsporne vielleicht ausgenommen, heute eine Art nationaler Autarkie auf dem Gebiete des Theaters .zu predigen. Auch Herr Schmitz anerkennt, ^lß die Helden .Shakespeares' ebenso gut Misch rede» dürfen wie dmtsch oder .französisch, Äensv wiich man glatt zugeben, daß Äe, wenn auch noch so sehr cm das nordische Milien ^wmdenen.Gestalten Ibsens — oder soll man diesen Dichterfürsten deswegen aus dem Tempel der Kunst verbannen? — lediglich rfymt heimatlichen Dialekt sprechen dürfen. Wie hllst sich mm Herr Schoritz äus dieser Verlegenheit? Hier muß die Darstellung herhalten. AM Nrkette hierfür dient dabei das naturalistische Spwl. „Mnuiiöser Natnrismus scheint ein Wesen^rg Mischer Darstellungskunst M sein." Da aber über diese Spielart „jede fechstrangige europüische Bühne hinaus ist," ist das Mische Theater eben höchst unmodern und fehlt es chm an Darstellern. Mich wA eS bedünken, daß es auch hier weniger auf die Methode ankommt als auf die PersünlichkÄt, und öS liegt wahrlich hier kein Naturalismus vor tut Sinne der photographischen Wiedergabe hes-DargestMep, sondem ein km^res, wahr- und wesenhaftss Erleben^ ein inturtwes E^ühle» und eine tiefe, leidenschaftliche Hingabe cm das Dargestellte, dcS mkt dex Seele erfaßt, allen Methoden und Künsten" zmu TrotzaO sich heraus gestaltet, nein, erlebt wbw. Das ist wchl das charaktekistische Wesensmerkmalder Mische« KunstW^w, das sie mit der russischen DarstMmgZknnst der Schake G t <*> «tslaVSkrB gvmmfa« hat, welch sichte« gerade «tt den Milieustücken Tschechows,-Gogols «rch .AGdKe--j.e^WS eine Wett ins Erstamre» versetzt hat. New/ nicht au . Darstellern schlechthin gebricht es der jüdischen Bühne, Und eS'ist bekannt, daß sich oft an der kleinsten galizisch-jüdischen Operettenschmiere bedeutende Spieltalente M MÄz 1098 Nr. 1m f ORIGINALMQDELLE VON WORTH, PAQU/N PATOU, PREMETu. a. EWGELANGT & Ulllllllllllll I., KfiRNTNERJTRflSSE 34 (EINGANG MAYSEDERGASSE 3) Qtanderte Vsltphvnnummer 732t4 IM Nun war das im vorhimm ausgemacht. Ich wuBe, grob, streckte nrich der Länge nach auf der Stuft aus unversuchte tvieder tu Stinrnm-lrg zu kommen. Uncköglich. Auf der Plattfonn hockten meine dver Be-, gleiter und tauschten im M'chnenftüfterton ihre Ansichten, aus,-wieviel Bakschisch wohl der Gentleman geben würde,> wenn er nuten sei. Dabei erzählten sie ad usunr delphinij herrliche Geschichten von englischen Herren und Damen, die! so begeistert von der Pyramide waren, daß sie jedem Füh-> rer ein Pfund Bakschisch gegeben hätten. „Dorn Schlich! na-türlich das Doppelte", erinnerte der Alte würdig. Wie gerne hätte ich etwas gegvben, nur um Ruhe M haben! Aber ich mußte sparen, wollte ich etwas von Aegyp». ten zu sehen bekommen, und das Loch in meiner Hose hatte; zugleich auch ein.großes Loch irr meinem Budget verursacht.. Ich -warf den Beduinen alte arabischen Schirnpfworte^ die ich kannte, an den Kopf. Das wirkte für ein Paar M-->- nuten — aber rneine Freude ivar beim Teufel. Ich warverdrießlich, verstimmt, kam nicht dazu, wirklich mit dem! Herzen zu schauen . . . und wenn Sie mich heute fragen»! was ich von der Cheopspyramide aus gesehen habe, so mußj ich ehrlich antworten, daß ich rrur noch den Kontrast deri Farben Gmn und Blau und Gelb in Erinuerung habe.! Vielleicht noch die zierlicherr Konturen der Palmenwälderi am Muser, vielleicht noch die nächste Umgebung der Py-i ramide, das kleine Dorf zu unseren Füßen, das Ueber-! schwemmungsgMet des Nils, das vielstöckige amerikanische! Hotel . . . Zlber nichts, wirklich plastisch, alles mühsam in! der Erirmepung rekonsMüert. Der Abstieg begaim. Man band mir einen Schal um den Leib, ein Araber hielt nrich hinten, ein zweiter fing! mich cmf, wenn ich zu straucheln drohte, Md im GahM> ging es die Pyramide -wieder hiMNter. Man steigt nicht, wenn man-weise ist, sondern manz springt. Ich war nicht Werse und versuchte im Ansmch, m meine langen Beine vertrauend, würdevoll die Stufen -hiw», MustoiKn. Kvachzerriß meine Hose noch mchr. IÄ war 'Ehrt und sprang wie die Führer. In weniger M zwei Mmrten waren wir mtten> sollten Mn 'm das Iwvevel dev Pyramide kriechen. " y Doch m dem Moment bog' Me Gesellschaft enKWerj Damen um die Ecke, die auch das' PyranMnirmere beftt-! chm wollten. Denen kyrmte ich mich m.meinem AufWgj nW zeigeq, Ach bm mcht ftig» aber Wem 3W W Grenzw, " ' ';i ■ ■:= gefunden haben. Es wird ja auch Herrn Schmitz nicht unbe4> kcmnt sein, daß die bestm Darsteller der Freien Jüdischen! Volksbühne solchen Schmieren entstammen, und man weiß, daß mrch die Wilnaer mtt sehr wenigm Ausnahmen nicht an ben europäischen Schauspielschulen den „Naturalismus* ft*. diert haben. Am Ende bedeutet dfts vielleicht ihren größten VoMg mW liegt darin vielleicht der Grund hierfür, daß die allererstchrenste», allerstrengsten ftemden Kritiker in einer Zeih wo das Wort von der Krkft des emopüffchen Theaters auf den Lippen aller Interessierten schwcht^ in der Dar-- steldmgsweffe der Wilnaer und früher auch der VolkSbichw, eine Offenbarung sahen und manchmal, geradezu über die Schnur hauend, aus dem begeisterten Hosianna gar nicht hincmskommen wvltten. So bricht auch die zchette Säule der Schmitzschen Tragödie des jüdischen Theaters in sich Msammen, und was übrig bleibt, fit, daß es bisher dank der durch den Krieg hervorgerufenm Zchtörung und Zersplitttrung des Mischen Lebens im Osten nicht gelungen P, dem jüdischen Kunsttheater ein dauerndes Heim zu schaffen. SDfeffe fief traurige Tatsache, die kn Warschau eine Saaffrage ist, in Wien eine Geldftage, in New-Aork eine Frage dev Unkultur des'Landes, in Lemberg (wegen der .Halümg der poknffchen Behörden) eine politische Frage, k» Czernowitz eine organisatorische Frage fft usw., kcnm ledigttch durch eine kräfttge Anstrengung und organisatorisch» Zusammenfasjung aller in Pejwcht kommenden Fccktoreu Werwnndeu werden. Es mag müde, denr Mischen Leben eutrüAe MerrscheÄ geben, dir wegen der Ungunst der Zett und der. VerhältniFe an der jüdischen Kuttnrentwicklung überhaupt verzweifeln wch. tote es in Zetten des Ueberganges oft vorkommt, in einen hilismus verfalle». Aus einer solchen Mgememeu Stimmung heraus mag man dann mtt dem ganze» Mischen Kutturba» auch das Mische Theater als eine hoffnungslose Angelsgerchott anfthen. Wne Te-ilaburteisimg ist hier unmöglich. Glaubt ober jemmrd an die Regenerationskrast der Mischen Masse und an ihren kulturellen Aufstiegs dann wird er auch das Mische Theater, als den lchendigstey und markantesten Zug knttmelle» - Entfattnng, nicht unter allerhand sachkundigem! Getue M eine tote Angelegenheit darznstellen versuchen, Dr. Fe iw el Sier nberg.