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Wiener Morgenzeitung · 1923-03-25 · Heft 1478 (25.3.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1478 (25.3.1923)
Date
1923-03-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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r"'(v w"^"1 i VJ Jjul;i-A|S'! IT^' ff ■ "''"i'i1! <ii,-‘»S*^1i^lS‘iV «. Jif< ’\|',’ VoNe 9 Mett, Somttag Wiener MorgenKitüng. 25. März 1923 Nr. 1478 warten. Aus diesem Grunde mußte die Negierung sofort einschreiten. Rotz Vach und sieben der Verhafteten sind auf Grund eines richterlichen Haftbefehls dem Untersuchungsgefängnis in Moabit übergeben worden. Gegen die Abgeordneten Grafe, Wolle und Henning wird der Oberreichsanwalt die Aufhebung der Immunität beim Reichstag beantragen. Diese drei Abgeordneten hatten von der Sache rechtzeitig Wind bekommen, so daß sie alles belastende Material aus ihren Wohnungen in ihr Zimmer im Reichstag retten konnten. Das Parteibureau wurde bei der Hausdurchsuchung bereits ansgerärrmt vorgefunden. Der Schreibtisch des Berliner Organisationsleiters Major Schrötter und des Herrn v. B ü l o w war bereits leer. Gestern abends hat in Berlin eine Tagung der vereinigten vaterländischen Verbände Deutschlands stattgefunden, an der der deutschvölkische Abgeordnete Mulle, der deutschnationale Abgeordnete Graf Westarp und der aus dem Weltkriege und aus den späteren Bandenkämpfen in Finnland und im Baltikum -bekannte General von der Goltz teilnahrrren. Der Hauptredner der Versammlung, der dieser Tage von der deutschen Volks- Partei ausgeschlossene Abgeordnete Geitzler, griff die Regierung heftig an, weil sie die Selbstschutzorganisationen der Rechtsparteien unterdrücke, während sie die komumnisirschen Selbstfchutzverbände, die den Keim einer roten Armee darftellen, ganz anders behandle. Graf Westarp warf dem Minister Severing ungeheure Frivolität vor, daß er die Kommunisten als politische Kinder bezeichne. Die Berfamutlung «ahm eine Resolution an, in der gesagt wird, datz 15V vaterländische Verbände die Reichsregierung anffordern, sofort und mit aller Entschiedenheit gegen die roten Militarformationen vorzugehen. Dieselbe Aufforderung wird vor allem an die Ln der Preußischen Regierung gemeinsam mit den Sozialdemokraten sitzenden Parteien gerichtet. Für heute abends ist in Berlin und alben größeren Städten Alarmbereitschaft der Schutzpolizei angeordnet worden, da die Völkischen aus Rache mit Putschversuchen zur Befreiung der Verhafteten drohten. Ae Untersuchung gegen die Gcheimbiindkr. Berlin, 24. März. (Tel. d. „Wiener Ntorgenzeitnng".) Die gerichtliche Untersuchung gegen die Mitglieder der aufgelösten deutschvölkischen Freiheitspartei wegen Hochverrat und Geheimbündelei ist in vollem Umfange ausgenommen worden. Von den festgenommenen Truppenführern ist eine Reihe freigelaffen worden. Die Haftbefehle gegen Rotzbach und andere Führer der Partei werden anfrechterhatten. Sie sind heute ins Untersuchungsgefängnis in Moabit eingeliesevt worden. Me Kuriere Hitlers. Berlin, 24. März. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung".) Die Schutzpolizei in Berlin und anderen Großstädten ist heute in e rhöhteAlarmbereitfchaft gesetzt worden. Wie die Blätter melden, ist einer, -er Hauptgründe für diesen Befehl die Tatsache, daß in Thüringen drei Kuriere Hitlers abgesangen wurden, die mit Marschbefehlen für die Truppen nach Preuße« versehen waren. Die preußische Regierung hat unter diesen Umständen sämtliche Oberpräsidenten der Provinz telegraphisch angewiesen, die Polizei Ln den Bezirken in erhöhte Alarmbereitschaft zu setzen. Irr mtEstete Here MM. Berlin, 24. März. (Tel. d. „Wiener MorgenZeitung".) Der Reichstag v e rtagtc sich heute bis zum 11. April. Der Schluß dev heutigen Sitzung war außerordentlich lebhaft. Der Abgeordnete Gräfe von der deutschvölkische» Freiheitspartei verlas eine Erklärung, in der gegen die Auflösung der Freiheitspartei durch den deutschen Innenminister Severing Einspruch erhoben und diese für unzulässig erklärt wird. Er fordert die Reichsregierung auf, gegen solche Vergewaltigungen Front zu machen. Es kam während der Verlesung dieser Erklärung zu stürmischen Auseinandersetzungen mit der Linken des Hauses, so daß. es einen Augenblick schien,! als würde es zu Handgreiflichkeiten kommen. Der deutschnatiönale Abgeordnete Schnltz-Bromberg teilt mit, daß seine Partei eine Interpellation in dieser Augelegenheit an die Regierung gerichtet habe I und beantragt eventuell Mr heute oder Montag eine neue Sitzung. Dieser Antrag wurde pon der Mehrheit des Hauses abgelehnt. Reise in WeU-KarM. Bon Colonel Patterson. Zlls ich die AufforVerung erhielt, int Interesse des Keren Hajessad eine Tour durch 'Kanada zu unternehmen, war ich in weiter, weiter Ferm, im sonnigen Bagdad. Und der Weg von Bagdad nach Vaneouver ist wahrlich lang. Viele eigenartige Länder, Völker und Städte liegen aus dem Wege einet solchen Reise, und zahlreich und nicht weniger mcm-rgsiältig sind die Beförderungsmittel fite diese halbe Weltumschiffung: Das stille, geduldige Kamel in den Wüstengegenden, das dahinrasende, fauchende Eiserwoß in den zivilisierten Ländern, der gigantische Dampfer auf den Meeren uitd das riesige Flugzeug, das durch gekräuselte Wolken zog, alle diese Verkehrsmitelt dienten ntir auf meiner langen Fahrt. Aber wahren Genuß und geradezu himmlisches Entzücken danke ich nur dem Flngzeug. Meine erste wirkliche Station war Winnipeg, wo unsere Reise für den Keren-Hajefsod begann. Ich muß ge» stehen: ich war betreffs der finanziellen Resultate der von Dr. A. Gold stein und mir übernommenen Mssion ein iveckg nervös. Bon allen, von Juden nnd Nichtjuden, hörte man deprimierende Berichte über die im Lande herrschende Wirtschaftskrise. Der .Handel sei ins Stocken gerate^ die Getre-idepreise, von denen die Prosperität Westkanadas abhöngt, feiert stark gefallen. Mchtsdestotoeniger hatten die Winmpeger Ziomsten den Mut, ein Bankett und ein Masfemneeting zu veranstalten. Dr. Goldstein legte den Zu- Hörern die dringende Notwendigkeit der Aufbringung von Geldern für den Aufbau Erez Israels klar, während ich ihnen die Geschichte von Palästina erzählte, von seiner Schönheit und seinem Rühm und dem wundervollen Werk, das von der Zionistischen Organisation und dem Keren Hajefsod dort schon vollbracht worden ist. Die Ergriffenheit der Menge bewies das rege Interesse der Juden Winnipegs am Wiederaufbau Palästinas an ihrer natromLm Heimstätte. Der finanzielle Erfolg war w eit über unser Erwarten, groß. Dasselbe kann man belichten von allen voll uns fin Westen besuchten Städten Regina, Catgwrh, Vanwuver, Winnipeg, Edmonton, Saskatoon und Fort William. Es ist mir unmöglich, die Namen der Männer und Frauen in all diesen Städten zu nennen, deren Mühe unser Erfolg in der Haupffache ztt danken ist, wenngleich ich dies, hätte ich genug Raum dazu, sehr gern täte. Gme sehr bemerkenswerte Emvichtung der westkcumdischen Jttdercheirt fft die Organisierung von Z ü g e n unter je einem Führer in jeder Stadt, die von Haus zu Hans gehen, um M jedem emzelnen Juden für den Keren Hajessod zu werben. Man hofft, das sich dies als eine fruchtbare Methode erweisen wird, die Emkitefte zu erhöhen und das BoMirrtereffe auf den raschen Ausbau Palästinas zu lenken. Mr Winnipeg allein haben sich nicht weniger als 160 Werber gesunden, und diese haben versprochen, in diesem Jvhre 50.000 Dollar cmszubrmgen. Es war uns vergönnt, nicht nur in Winnipeg, sondern in allen auf unserer westkanadischen Tour ausgesuchten Städten in besonderen Werbekonserenzen zu sprechen, und wir hoffen, daß dies gute finanzielle Resultate ergaben wird. Ein anderer bemerkenswerter Zug, den wir mit Freude wahvnahmen, war djie Tätigkeit der Wischen Frauen zugunsten der Hadassah. Es war erfreulich, das starke Jntereffe zu beobachten, das sie aim Palästma-AusbaDweä bezeugen, und ihre Bereitschaft, mit der sie die Ausgabe auf sich nehmen, für die großartige Institution, die jetzt alles tut, um Palästina zu einem der hygienischesten Länder zu machen, zu.toerven und Gelder aufzubringen. .Was ich sah, schien mir zu zeigen, daß die jüdischen Frauen West-Kanadas wirklich dm Namen „Mütter Israels" verdienen. Die vvllctcht charakievistffchefte Erscheinung aus imserev Reise war wohl das lebhafte Interesse der jungen jüdischen Studenten und StudenKnnen. der Universität von Edmonton, als ich ihnen in einer Rede von der jüdischen Legion mch ihren tapferen Taten in Palästina erzählte, oder ccks Dr. Goldstern Wer die zionistische Jugend in Emvpa und die Chaluzim 5n Pälästtna sprach. Es war mir auch vergönnt, Ehrend dieser unserer Tour im Canadian Club zu sprechen, einer prachtvollen s-Men Organisation, der alle Angesehenen von Kanada ängchoren und die in jeder Stadt des ganzen großen Larrdes lMle Orgamsationen hat. Ich fand mn das PMftma- Problem viele Legenden und Mißverständnisse verbreitet, aber' wo immer ich im CauMan Club Wer PMstina stine Vergangetcheit und seine Zukunst sprach, hörte mmß mir mit tiefftenr Interesse zu. Die FrermMWeft <urw Gastlichkeit, mit welcheiv wir in allen Städten ausgenommen wtrrden, war rührend und tvirtt Ms immer in Eriniveruitg bleiben. Ich bin sicher, daß die großzügige Antwort der westkanadischen Zionisten atlf unseren Appell eine außerovöent«, lich moralische Wirkung nach sich ziehen und jedem Juden, der noch mcht „herÜbe-vgeganMt" ist, es ans Herz legen wird, daß es auch seine Pflicht ist, am Aufbau ZionS Mt» Schelfen. ‘ Oesterreich. ß WerbetMoMentenstirdie f I „Bleuet MüMAzeitMs"! Seipel Wrt nach Nom. Irr parlamentairffchen Kreisen heißt es, daß dey Bundeskanzler sich noch in dieser Woche nach Rom begeben wird, um dort die .HandelsvertragZverhandktltgen uüd die Besprechungen über das SWahwroangement abzuschließen. Die Anregung zu dieser Reise soll der p ä p stl i ch e Nuntius in Wien gegeben haben. Bei dieser Gelegenheit tvird der Kanzler, der bekanntlich die Würde eines päPMchen Protonotms bekleidet, auch vom Papst in Audienz e-nrpfangen werden. Nach der Rückkehr aus Rom soll sich Dr. Seipel nach Prag begeben. Ae zusammenlegung der Ministerien. Der außerordentliche Kabmettsrat setzte gestern die; Debatte über die Zusammenzichung der Ministerien fort, Dr. Dinghofer hielt onw „Einerseits-Audererseits- Rede", wie er es von deir Zeiten des ehemaligen deutschen Natiorralverbaudes her gewohnt ist. Teilweise stimmte ep den Argumenten Dr. Bauers zu, namentlich bezüglich der verfassungsrechtlichen Frage und der Beibehaltung der Selbständigkeit des Heeresamtes. Das Ministerium des Innern — so schlug er vor — solle kültstig »Dundesmimstevimrt für Inneres und Heerwesen" heißen, damit zmn Ausdruck gebracht werde, daß wir dutHarts mcht daran denken, unsere Wehrntacht abzubauen. Abg. Leuthner >wars den Großdeutschen m der, Wehrsrage undeutsche Haltung vor. Die Gvoßdeutscheni hätten nie eine wirkliche deutsche PolM gernacht, sie habe« die BaNrirPolitik der Habsburger unterstützt. Im übrigen aber habet: sie sich nnt den Tschechen hei-umgeprugelt. Mt den Tschechen können sie sich heute nicht mehr prügelst mÄ da die Betätigung ihrer nationalen Gesiu^ nung das Prügeln ist, geht es jetzt gegen di«- Jttden los. Nächste Sitzung: Morgen 11 Uhr vornÄtags. Dir zoStaristwvÄe. Die Verhandlung der Zolltavisnovelle im Finanz. Ausschuß geht nicht mit der von -der Regierung gewünschten Raschheit vor sich. Gestern wurden nur zwei Zollposit'rnen (reife Nüsse m.d Haselnüsse) erledigt. Da über eine Reihe anderer Zollsätze die Mehrheitsparteien selbst Abändec'-ugen wür.schen, worüber new Verhandlungen «nät dem. Finutz-. Ministerium geführt werden müssen, wurte die Sitzung nach, kurzer Darier geschlossen und die ForHetzung bu B.-c.rt.inj; auf Montag vertagt. : >,• Ne Mdbahnkonferenz. Fm gestrigen Mü/lsierrai erstattete der nach Wien ge», reiste Delegierte bei de»r Siidbahnkonserertzen Sektionsches Dr. Karl Polla! Bericht über die bishevigen Ergebnisse der Behrandlungen. Da die DÄogiertert nicht für alle Punkte, diejetzt in Beratung gezoM werden, Vollmacht zum Abschluß! hatten, wurde eine Erweiterung der Ermächtigung ertM, fül daß die österreichischen Delogierten in die Lage kormnen, diezn treffAide».» Abmachungen über die Regelung der Südbahn, ftage zu underzsichnen. Sektionschef Dr. Pollak kehrte gestern abends nach Rom zurück. Mittlerweile wirvdm die Bechandlungerr aus öfter. Devhandtengen. Da die Delogierten nicht für alle Punkte, die die llMerzorchnnng des Uebeveinkontmens, wenn nicht neue Hindernisse eintreten sollten, für den Anfang der kom. wenden Woche. ' >;■ •»; Set FinanzbemtA Set SstetteWfche« Rationalbank. Dm Schweizerische Depeschen-Agentur berichtet über die Berufung des GeneraMrektors Schnhder zum Finanzexperten bei dev österreichischen Natiorvalbmck, daß die Uebernahme dieses Postens das Ausscheiden Schnyders! aus dem Direktorium dev Schweizer Nationalbawk zur Bomussetzung hätte. So sehr Herr SchnYAVv prinzipiell geneigt sei, dem ehr-Uivollen Riff nach Wien Folge zu geben, so könne doch von einer definitiven Ent-« scheidung für so lange nicht die Rebe sein, als seine Situation bei der österreichischen Nationalbank nicht geklär t und vor allein die gesetzliche Grundlage für den Posten tücht geschaffen fei, “; ,k' Albert Thomas bekm BmdeÄmMt. , ■ Wie«, 34. März. (T. K. B.) Dev Direktor des Arbeitsamtes des Völkerbundes Mbert Themas.! der zu kurzem A>tftnchalt w Wien eingelar.gt ist, hat gesterr im Parlament Besuche bei verschiedenen politischen Persöm lichkeiten geinacht. Vormittags ist er git einer länaeren Aus» ivrache bem B n u d e Z k -a n z l e r erschieiteit.

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