Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1478 (25.3.1923)
- Date
- 1923-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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07ien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taborstr. 1 -3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. petterr. monatl. K 28.000 [sehecho-Slowakei: Ion. K17. Ungarn: Mon, 1600. Jugoslawien: Mon, Dinar 35. Polen: Mon. Ik.lO.OOO.Dentschland: Mon. Mark 6000, Frankr., {Belgien: Monatl. Frcs. 8 BV* Naohtahlttosren 'UW (bei Praiaerhöh unget» »orb«halt*n mner Tsch«cho*Slowak«| u tschech. K 1«— . Italien: Monatl.' 10 4Jrt| Rumänien, Bulgarien Monatl; 75 Lei bezw. tewa, S chw e i z und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19. ab bUhrabds. 19-483,16-301 TeL-Adr.: .Morgenzeitung'1 Wien Oesterreichisches Postspar* kassen-Konto Nr. 150.693 mmsmmtk Ar. 1478 Wien. Sonntag. H. Mer 1923 S. Fahtgang Ludendorff und Roßbach. —y. SS l e tt, 25; SJlära. Es war alles vorbereitet. Am 31. März sollte es Kn ganz Deutschland losgehen. Ludendorff führte die jmMärische, Hitler die Politische Oberleitung. Führer sind immer im Hintergrund, weil sie ungestört vom Lärm des Kampfes über die Einzelheiten hinweg ihre großen Gedanken durchdenken müssen. Für die direkte Aktion: Ermordung der . Widerstrebenden, Besetzung der ^Städte, Bearbeitung der Reichswehr stand ein großes Aufgebot verabschiedeter Generäle, müßiggehender Be- MsHMtiker und aktiver Etappeyoffiziere in Bereitschaft. Den Befehl führte Roßbach, wohlbekannt aus den Zeiten, da er im Baltikum Esten, Letten und Inden zu Ehren des deutschen Namens schinden konnte. Dieser Roßbach hatte am 17. März eine Art Potsdamer Kronrat abgehalten, mn die letzten Vorbereitungen zu treffen. Bei dieser Gelegenheit konnte er mit gutem Grund die Hoffnung aussprechen, daß die Reichswehr neutral bleiben werde. Die Reichswehr ist nämlich eine ,militärisch organisierte Polizeitruppe, die Wer die Sicherheit des Reiches zu wachen hat, und bestimmungsgemäß der Regierung gehorcht. Nämlich dann, wenn sie will. In den Fällen, wo es darauf ankommt, ist sie neutral. Sie war es, als die Brigade Ehrhardt den Herrn von Knapp und seinen Trebitsch-Lincoln nach Berlin führte, und überließ die Mederschlagung der Emeute den Sozialdemokraten. Sie Mch neutral, als die Zeitfreiwilligen in Mitteldeutschland die. Arbeiter „auf der Flucht" erschossen und sie wäre wohl auch jetzt Mwehr bÄ Fuß gestanden, wo es sich janür um Mord Md TotsMgg., gegen Demokraten und Juhen gehandelt Die Sitzung des preußischen Landtages, , in der »Minister Severmg diese . Pläne. arrseinandevsetzte, trug der Tatsache, daß man über den Hochverrat der Rech-!ten zu sprechen hatte, in befremdlicher Weise Rechnung. Kein Minister war. im Saale. .Alle hatten.dringende Ressortgeschaste. Der Reichskanzler weilt in Süddeutschland, um dort in politischer Annäherung an die Radikalen die Stimmung zu heben. Cr versucht dies durch die Erklärung, daß die Räumung des Ruhrreviers durch Franzosen und Belgier die Vorbedingung für Verhandlungen bilde. Damit hat er freilich wieder in Berlin ein Wespennest ausgestöbert. Die sozialdemokratische Partei veröffentlicht eine parteiamtliche Erklärung, die die Rede des Reichskanzlers im Reichstag einer Kritik unterzieht und volle Wahrheit über die Stellung der Rcichsregierung zu Verhandlungen in der Ru-hrsvage verlangt. Auch in den anderen bisherigen Reden, die Dr. Cuno gehalten habe, sei diese Mellung nicht klar geworden. In seiner Reichstagsrede habe er sechsmal den Willen zu Verhandlungen bekundet, gleichzeitig aber durch die Redewendung „Fort mit Verhandlungen" den Nationalisten ein Schlagwort gegeben, das diese als Beweis. für die Berhandlungsgegnerschaft der Regierung .benützten. Da nun Wiederholte Gelegenheiten, in dieser Frage Klarheit zu schaffen, von der Regierung nicht benützt worden seien, werde die Sozialdemokratie von der Reichsreglerung nunmehr Aufklärung darüber fordern, was sie zur Beilegung des RuhrkvnfWes unternommen habe und was sie zu tun beabsichtige. Die Antwort wird kaum befriedigend sein. Die Regierung hat nichts unternommen und sie wird sich auch in Zukunft nicht ohne sanftes Drängen der Linken zu einer aktiven Handlung verstehen. Sie ist der Gefangene der Rechten und wenn sie sich jetzt gegen den Terror des Mordes zur Wehr setzt, so nur deshalb, iveil ihr das Tempo dieser Entwicklung zu stürmisch scheint. Mt dem staatspolitifchen Inhalt des rechtsbolschewikrschen Programms ist sie im'großen und ganzen' einverstanden und die Minister haben darum für bie Anklagerede Severings sich das Alibi gesichert. Sie waren nichts zugegen. .Herr- Ludendorff wird ihnen in Gnaden vergeben. Denn die Aktion wird ihm nicht allzu Weh tun. Er hat den Schlag gegen die deutsche Republik nachdem bewahrten Rezepten der militaristischen Schule eingeleitet .under führt die Sache so gründlich, wie er das bei de« Verbreitung der Legende vom jüdischen Dolchstoß getan hat. Den Krieg hat er verloren, w«l - ihm die amenlkanische Rekvutenarmee in allem über war. Aber das ünbervafsiiete deutsche Voll niederzuschlagen hat er sich ^eine Armee geschaffen; den Krieg im Innern zu sichren ^st ihm selbst düs französische Geld gut genug. Ihm und den Freibeuterkorps, die unter der entrMen Hakenkreuzsahne chm folgen. Sie siirchten Gott, sonst aber nichts. Mt Ausnahme der Juden. f itttH die „Seifen Mussolini als Borbild. - Roßbach im Berlin, 24. M8rz (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung".) Minister S ev ering hat feine in der gestrigen Landtagsfitzung abgegebene Erklärung ausgeführt und die A u flösnng der deuts ch vLl f i sch en F r eih eit spart ei angeördn^t. Der heute veröffentlichte Erlaß begründet die Maßregel damit, daß . diese Partei nur als eine verbotene Fortsetzung der wegen der Versammlung am 15. November 1922 verbotenen nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei angesehen werden könrze. Das Ziel der Freihritspartei sei nach den Erklärungen des Parteivorsitzenden von Gräfe auf die Beseitigung des Parlamentarismus gerichtet. Die Partei habe im geheimen umfangreiche Vorbereitungen zu einem nationalistischest Putsch getroffen. Ein weiterer Erlaß betrifft die Bekämpfung der Selbstschntzorganisation; es Heißt darinr MWeestd auf der einen Seite die Anhänger r e a > t kaler Orgünisattonen StiGtpnPPs bilden und Näch mLMWMr MWbUdung strerä d Ifnle 'Küei s.e--) WMMieMUW W-- k o n e und Hrrndertschaften Ottd lassen diese in manchen GegendÄr sogar - polizeilichen Straßendienst versehen. - Diese Zustände stellen eine schwere Beeinträchtigung der: öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung dar. Der preußische Minister des Innern mache es allen beteiligten Dienststellen zur Pflicht, ohne jede Rücksicht auf die politische Richtung ungesäumt und mit aller Entschiedenheit einzuschreiten. Die preußische Regierung veröffentlicht ferner einen Bericht über die zum Schuhe der .Ordnung und Sicherheit getroffenen Maßnahmen. Das Vermögen der aufgelösten deutschvölkischen Freiheilspartei wurde als dem Reiche verfallen erklärt. In der vom Innenminister Severing beigegebenen Begründung heißt es, in fast allen preußischen Provinzen seien von der deutschvölkischen Freiheitspartei Hundertschaften : oder sogenannte Turnerschaften gebildet worden, die, wie nun auch für den Unkundigen bewiesen sei, innerpolitische Kampfziele verfolgten, mit einzelnen Teilen der Reichswehr Fühlung sachten, um diese beim Kampfe, besten Ausbruch noch für den März erwartet worden sei, zur wohlwollenden Neutralität zu veranlassen. Die deutschvölkische Freiheits- Partei Wurde von den Abgeordneten Gräfe und Wnlle und dem Major Henning begründet. Diese Abgeordneten hatten nach der Ermord n n g R a t h e n a n s eine, wilde Agitation eingelertet» in der sie besonders die Mörderverbindung „Organisation Consül", deren Verbindung mit dem Mord erwiesen war, zu decken suchten. Sie wurden deshalb von der Deutschnationalen Partei, Pie sich, nicht kompromittieren wollte, zum Austritt genötigt und schufen sich eine eigene Partei, deren ausschließlicher Zweck der Stnrz der Reprrblik und der all ge m e ine Inden Pogrom war. Die Leitung dieser Partei heißt Führe rschaft und umfaßt alles Gelichter, das sich in den Kreisen der exzessiven Antisemiten Namen und Ansehen erworben hat. Diesem Klüngel gehören an: der alldeutsche Literäturwotan Adolf Bartels in Halle, der jungst wegen seiner laxen Ebemorol vielgenannte Autor des antisemitischen Romans „Die Sünde wider das Blut" Artur Dinier, der Herausgeber des Ritualmordblattes „Der Hammer" Theodor F r i t s ch, ferner der als Herausgeber der Zeitschrift „Auf Borposten" bekannte Müller v. Hansen, der auch als Herausgeber der deutschen Ausgabe de r „G e h ei m n i s s e d e r W e i s e n v o n ' Z i o n" fungiert. Aus diese« frechen. Fälschung (die in der „Wiener Morgenzektung" wiederholt behandelt worden ist) hat Ludendorff die Behauptung abgeschrieben, daß das Judentum die Niederlage Deutschlands bewußt im Dienste einer geheimen- Körperschaft herbeigesührt habe. Dieser Unsinn ist die Unterlage der gesamten Hakenkrenzagitation in Deutschland und in Oesterreich geworden. Das Programm dieser Verschwörer» vande, das in einer Mmrrste von Zeitungen und Broschüren mit riesigen Geldsummen verbreitet wird, geht auf die Errichtung einer unter' LnDestd st r s sc?un^d/H ^t l e r stehenden ^nationalen Diktatur nach italieni- Wem Muster hinaus, - Das Vorbild ist die Revolution des Müssolinischen Faszismus und so wie in Italien soll buch in Deutschland und in Oesterreich der Parlamentarismus herabgedrnckt oder, wenn möglich, ganz vernichtet werden. Zur Erreichung dieses Zweckes hatte die Partei sich mit den bayrischen Nationalsozialisten vereinigt. Die Leitung lag in den Händen Ludendorfss, dessen Reisen nach .KlagenfurL und Wien einer Inspektion der in Oesterreich getroffenen Vorbereitungen galten. In Wien hat Ludendorff mit den Nationalsszialisten, mit dem völkisch-antisemitischen Kampfausschnß und — wie es heißt ~ auch mit den Schwarzgelben Legitimisten sowie mit den ukrainischen Nationalisten verhandelt. Der Oberst Bau e r, der sich noch in Oesterreich befindet, überwacht die militärische Ausbildung der österreichischen Freikorps, die nicht selbständig sind, sondern unter dem Befehl Münchens stehen. Es sind in Deutschland und in Oesterreich Hundertschaften, Kompagnien und Bataillone ausgestellt, Kaders eingerichtet und. sogar Reserveformationen gebildet. Das Geld für diese Arbeit kommt teils von den verschiedenen industriellen Scharsmacherverbänden, teils von der französischen Negierung, aus Ungarn, Italien, aus russischen Kreisen und von deutschböhmischen Fabrikanten aus der Tschecho-Slowakei. Der ganze Plan und die Bildung der Organisation war schon seit geraumer Zeit bekannt. Man erwartete schon bei Gelegenheit des nationalsozialistischen Parteitages in München einen Putschversuch, -er durch den Ausnahmszustand verhindert wurde. In der Folge . zogen die Ludendorsf-Agenten Leute in Franken zusammen, denen man angft$, es solle eilte | t Ar me e ge g e n F r a n k t c t ch [ gebildet werden. Dieser bewaffnete Hausen wurde dann ans Einschreiten der bayrischen Sozialdemokraten in der Gegend von H a ntt o v e r anseinandergetrieben. Die deutsche Regierung war bei dieser Gelegenheit in den Besitz eines umfangreichen Materials gelangt, das noch durch die bei dem Oberleutnant Roßbach gefundenen Briese und Akten ergänzt wurde. Danach stand der Ansbrucü des Butsches für den NI. Mü'rz zu er-