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Wiener Morgenzeitung · 1923-03-21 · Heft 1474 (21.3.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1474 (21.3.1923)
Date
1923-03-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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9fe Wf Men, Mitwvch Wiener Morgenzettuns. S1. März ISA Gerte S Jüdische Tischgesellschaft innere Stadt HEUTE, den 21. März 1923, präzise 8 Uhr abends, Im grossen Saal des Hotel de France, I., Schottenring 3 VOR TR A G d$s Herrn Chefredakteurs JULIUS LÖWY über „Innere nndänssere Politik des Jedentnms“ Gäste willkommen! Samstag, den 24. März 1923: Letzter FÜNF-UHR-TEE Das GeisamterfordernlS für 1928 ffcctfo sich cvulf 302505,434.000 K. Der imbedeckte Abgang stellt sich ans «5.717,994.000 K. Die Ertragsanteile an den gömeinschastlichen Bundesaibgaben stellten sich auf 62.876,000.000 K. und die Buttdeszu- . schüsse zum Persvnalcnrstvand, die gLeichfalls als finanzielle Deihilfe des Bundes für die Länder auUüsassen sind, werden 07 Milliarden ausmachen. Die Rassenstage. A'bg. Osenbvck (Sozialdemolvat) berichte^ Wer" ein Ansuchen des Kretsgerichtes Wr.-Nouistadt um Zustimmung zur ftrafgerichtlichen Verfolgung des Landesratcs OSkar Helmer (Sozialdemokrat) wogen Verbrechens nach § 65 b St.-G. (Verleitung zum Ungehorsam gegen Gesetze, Verordnungen nstv.). Diesem Ansuchen liegt der Tatbestand zugrunde, daß Landesrat Helmer in einem Artikel in der ,Mleich!hott" die Meinung vertreten hat, daß niemand zur Angabe der RassenTugchöriglLit, sondern lediglich 'zur Ausfüllung des mnKchen ZähWattes vernichtet ist. Der.Berichterstatter beantragt, diesem Ausliefevungsbogchven Folge zu geben, unr, wie er sagt, dem Herrn Staatsanwalt von Wr.-Neustadt Gelegenheit zu geben, zu zeigen, worin das Verbrechen liegt. Dieser Antrag wird angenüinimen. Ungarn. Ae HaihschMrnwalle vor dem Parlament. Budapest, 20. März. (Tel. der ,M Morgenztg.") Mit großem Interesse und aufgeregter Stimmung sah man der heutigen Sitzung fc»es Nationalversammlung entgegen, zumal ein energisches Auftreten der rechtsradikalen Parteien gegen die Regierung angesagt war. Am Parlaments- Platz versammelte sich eine nrohrtansendköpfige Menge, welche die Quästur um Eintrittskarten belagerte. Die Menge bestand größtenteils aus Studenten und Erwacheirden. . Es wurden drei dringliche Anfragen angemeldet. Der rechtsradikale Älbg. Csillery wegen der Angriffe der Polizei gegen die Studentenschaft, der Sozialdemokrat Stephan Farkas wegen des Verbotes der Märzfeier der Arbeiterschaft und >der legitimfftifche Liberale Grieger wegen des Wahlterrors der. Erwachenden in Komovn. Nachmittag ging die Nationalversammlung auf die dring- .lichen Anfragen ein. Unter großem Lärm und Widersprüchen der Opposition erklärte'Abg. Csillery, daß die patriotischen Studenten im Rechte toaren, als sie gegen die Zeitung „Az Est" demonstrierten. Der Minister des Innern solle die Polizei von Elementen säubern, die kein Verständnis für die patriotische Iugerck haben. Die Jugend, schloß Csillery seine Rede, fordere volle Genugtuung und wird sich diese auch um den Preis von Blutopfern erzwingen. Minister des Innern Rakovszky erklärte in seiner Antwort, daß die Polizei gegen die Studentenschaft streng gesetzlich vorgegangen sei. Die- Polizeibeamtengegen welche sich die Wut der Studenten richtet, sind Staatsbeamte, die man nicht ohne weiteres entlasten könne. Der Minister sei auch nicht geneigt, eine Untersuchungskommission mit Zuziehung der Studentenschaft einzusetzen. Die Herren der äußersten Linken sollen die Jugend nicht in eine Stimmung versetzen, Ivo sie vom Aeußerstett^nicht mehr Kurückgcha^ten werden könne. Ministerpräsident Bethlen erklärt, daß er gestern >dem Staatsanwalt persönlich die Weisung erteilt habe, daß dieser auch die Aufreizung der rechts stehenden Presse nicht dulden solle. Die Antwort der Regierung wurde mit Ausnahme von fünf Abgeordneten zur Kenntnis genommen. Neuerliche Studsntenexzefse. Budapest, 20. März. (Tel. der „Wiener Morgenztg") Bor der gestern vom Rektor Magnisikus Professor Doktor Fellner geschlossenen volkswirtschaftlichen Universität spielten sich heute skandalöse Prügelszenen ab. Antisemitische Studenten verprügelten ihre jüdischen Kollegen. Der Student Sandor Schäsfermann wurde verprügelt, flüchtete daun aus die Rakoczi-Straße, wo er unter einem Haustore Schutz suchte. Die Gegner verfolgten ihn, konnten aber die Prügelei nicht fortsetzen, weil das Publikum für d u Verfolgtem Partei ergriff. Einer Abordnung, die ihn mit der Forderung aufsuchte, jüdische Studenten überhaupt von den Hochschulen auszuscbließen, erklärte der ttnterrichtsmmister Klebelsberg, daß diese Baivegung emzudämmen sei. Irr mivr MMMhauvMann. Budapest, 20. März. (Tel. der „Wr. Morgen-Leitung".) Wie die Polizotkorrespodenz mlldet, hat der Oberstadrhauptmlaun die Untersuchung in der Angelegenheit der blutigen Zusammenstöße an: 15. d. beendet. Es tvurde seftgesttllt. daß geoen gar niemandem Berdachtsgründe vorlicgen, die für die Einleitung eines Strafverfahrens geeignet wären. Polen Ae Ukrainer?» SMMoil. Warschau, 20. Mär^. (Tel der „Wr. Morgenztg") Innerhalb des Klubs der ukrainischen Abgeordneten aus Wolhhnieir ist es nach scharfen Kämpfen zu einer Neuwahl kil o r g e li Donnerstag den 22 März, 8 Uhr abends, im grossen Saale des Hotel de Frauce VORTRAG des Herrn Dozenten Df. FELIX DEUTSCH: „Nervöse Krankheiten der Jaden“ J deS Vorsitzenden gekomen. Der bisherige Präsident Wasinezuk wuäe, wie schon berichtet, wegen seiner allzu regierungsfreundlichen Stellung zur Demission gezwungen. Zum Vorsitzenden wurde Abg. Podhirski gewählt. Es ist bereits als sicher auzuuchmen, daß die Ukrainer in den nächsten Tagen aus der Regiernugsmajori«, tät scheiden werden. Ebenso dürste der deutsche Klub zufolge der Resolution über die Angelegenheit der deutschen Kolonfften aus der Regiernngsmasorität austretm. Nach j Ausscheiden dieser zwei Klubs verfügt S i k o r s k i über! keine Majorität. Das ukrainische Organ „Hromadski Wistnik" veröffsntlicht ein Kommunique sämtlicher ukrainischer Parteien, in dem gegen den Brief des Abg. Pater Jlkow, in dem er dem Ministerpräsidenten Sikorski erklärt hat, daß die ostgalizische Frage eine innere Frage Polens sei, schärfstens protestiert wird. Sämtliche ukrainische Parteien erklären, daß der Brief Jlkows nicht anderes als ein politischer Bluff zur Irreführung der ausländischen Oeffentlichkeit sei. Das Kommunique ist von den Präsidenten sämtlicher ukrainischer Parteien unterfertigt. Ae Mchtlingsansweisnnge«. Washington, 18. März. (I. C. B.) Das jüdische Mb, glied des amerikainischen Kongresses Nathan P e r l m a n q hatte im Aufträge des amerikaufch-jüdischen Kongresses eine Unterredung mit denr polnischen Gesandten in deq Vereinigten Staaten Wroblewski über die Ausweis j sung der Flüchtlinge aus Polen. Die Unterredung hatte das Ergebnis, daß der polnische Gesandte abermals sein? Regierung ausforderte, den Flüchtlingen Zeit zum fre>i* willigen Verlassen des polnischen Gebietes zu ge« WÄhren. Der Washingtoner I. C. B.-Vertvöter erfährt ferner, daß sich der Vorsitzende der ExButive des amerikanisch-jüdü, scheu Kongresses Dr. Stephan S. W i s e an H o o v e r 1 und andere amerikanische PersönAchkeiten, die seinerzeit dem polnischen Staate Dienste geleistet haben» mit der Bitte gewendet hat, bei der polnischen Regierung zugunsten des Flüchtlinge zu intervenieren. Sokolow in Wilna imd Büühstok. Aus Wilna meldet I. C. B.: Aus Anlaß der Abreise Sokolows aus Wilna versammelte sich auf dem Bahnhöfe eine Vielt-ausendWlfige Mdenge, um von dem Gast Abschied zu nehmen. Unter den Anwesenden.! waren auch zahlreiche N-ichtjuiden. so u. a. der Führer der Ge- USI6r‘,UKKaSIOn waren’st1&Ä billigen PrellenT W» Warendaus [Schiff mann fi., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gras En detail Konzerte. Die großen Konzerte der letzten Wochen waren mehrfach Erinnerungsfeiern gewidmet. Der Wiener akademische Wagner-Bere'm hat vor fünfzig Jahren mit seiner Wagner- Propaganda eingesetzt. Eben war damals der Grundstein zum Bayreucher Festspielhaus gelegt worden, Wagner Hhatte mit dem „Ring des Nibelungen" den Gipfel seines Könnens, aber durchaus nicht die Höhe der schrankenlosen 'Anerkennung erreicht. Heute, da mancher radikale Heißblütler den alten Wagner mit einer geringschätzigen Geste äbtut, können wir uns kaum mehr eine Vorstellung machen von den Fehden, die vor fünfzig Jahren für und wider Wagner entbrannten und auch sin Wagner-Verein ausgetragen wurden. So hat dieser ein Recht daraus, den Meister von Bayreuth für sich zu reklamieren und das Gelöbnis zu ihm in einem Festkonzert zu ernertern. Ferdinand ,Löwe und Fvanz Schalk dirigierten Bruchstücke aus den,Meistersingem", „Tristan", „Parzrfal" und ,/Äötterdarmnerung". Frau Kappel, Schmedes und Manoward a waren die vorzüglichen Interpreten. Interessant war der Unterschied zwischen der Ausstvssung Ferdinand Löwes, der als langjähriger Konzertdirigent mehr zu epischer Breite neigte, und jener Franz Schalk's, der in die dramatischen Tiefen eindrang und sich wieder als treu Her Hüter der Wagner-Tradition erwies. Ein Wagner-. und zugleich ein Iubilämnskonzert war auch die Wiedevsshenseier mit Erik Schmedes, die leider nicht in der Staatsoper, sondern im Konzertsaal begangen wurde. Am 11. Februar 1898, also vor 25 Jahren, gastierte Schmedes an der Hofoper, deren Hauptstütze im Wagnev-Fache er nach dem Abgänge Hermann Winkelmanns werden sollte. Der Heldendarsteller, dessen etwas zäher. Denor erst durch Metamorphose aus einem Bariton seinen natürlichen Stimmcharakter gefunden hatte, verstand sich wie nur tvenige Sänger aus den Sprechgesang und die große Geste des . Wagner-Stils. Der „reute Tor", von dessen hnhnenhafter Erscheinung ein Naturhauch von Naivität ausging, war zugleich ein strahlender Held, em Lohengrin, der-so recht aus „Glanz und Wonne" herkommt. Unvergeßlich ist uns sein Jnng-Siegftwd, der. in unverbrauchter Kraftseine Schmiedelieder schmetterte, und sein Loge^ der im. .Wiener Apernhaus kaum seinesgleichen hatte, Mag er auch im „Evangelimann", im „Tiefland" und in zahllosen anderen Opern Schönstes dargeboten haben, so lebt er doch in der ErinUermng unserer Generation als der Wagner-Sänger weiter und bekräftigte dies neürvdiugs in seinem Festkonzert. Festlich disponiert, Hot er die „Romerzählung" und. die, „Schmiedelieder" tfc eindringlicher Charakteristik dar, im Vereine mit seiner jugendlichen. Tochter sang er die Schlußszene aus dem ersten Akt der WaMre und „der Lenz lachte in den Saal", als sich durch ein Spiel des Zufalles Vater und Tochter zmn bräutlichen Geschwlstevpaar Siegmund und Sieglinde vereinigten. Dagmar Schmedes hat von ihrem Vater die große Erscheinung und die sieghafte Wagner-Stimme geerbt, die unsichere Intonation und die schrille Höhe erheischen noch sorgfältiges Studium. Der Wiener Schubert-Bund feierte in seinem satzungsgemäßen Orchesterkonzerte sein einstiges Ehrenmitglied Anton Bruckner. Währertd seine Symphonieu Gemeingut der musikalischen Welt geworden sind, sind seine Chöre nur wenig bekannt. Mit Unrecht!. Gehört doch der.vom Schubert-Bund cmsgeführte „Abendzauber" mit seinem stimmungsvollen, von den Damen Dürr:gl, T r e n k und R n t s ch k a gesungenen Jodlerterzett gleich dem Dlännerchor Helgoland" zu den erlesensten Werken der Chorliteratur. Der letztere Chor bot mit seiner tvarnten Gläubigkett und seinen kraftvollen Steigerungen einer! geeigneten Abschluß für die von Viktor Keldorfer dirigierte urtvollendete neunte Bruckner-Symphonie,' die sonst mit dem „Te deum" beschlossen wird. Die Novität des. Abends, ein von Robert Ke ldorfer vorgetragenes. ,^JntevlMum" Bruckners fiir Orgel, mag als Gelogenheitsmusik gewertet werden. Es ist ein krtrzes, auch in der Erfindung knappes, von Wagner abhängiges Tonstückchen, das Bruckner für einen ans der Orgel dkletiievenden Wagner-Enthusiasten schrieb. Anläßlich der 20. Wiederkehr von Hugo Wolfs Todestag sang Frau Marie Guttheil-Schoder Gesänge aus dem italienischen und spanischen Liederbuch und' eine Auswahl von Mörike-Liedern. Es ist erstaunlich, wie die Vortragskunst dieser Meisterin'noch immer im Wachsen begriffen ist. Die Stimme ist nicht mehr jung und der sinnliche Glanz fehlt ihr. Und doch hört man über diese Mängel hinweg, horcht in die Tiefen ihrer seelischer! Offenbarungen und glmrbt, daß die Lieder gar nicht anders ge* s-nngen werden können. Fürtvahr, ein glän^nder Sieg des Geistes und des Willens über die Materie! — Bon der bekannten deutsch-amerikanischen Sängerin Eleatwr Reynolds hörte man Gesänge von Händel, Schumann und Richard Strauß. Ihre edle Alfftimme versteht sich am besten auf das Feierliche, mit inrposanten Stimmitteln und ernste»! technischen Können flößt sie den Rezitativen,/ die sonst mitunter unerträglich steif scheinen, Leben und Bewegung ein, ans Schumanns ,-Schatzgräber" schuf fi«; ein Keines Drama. Hätte nicht gelegentlich ein leichtes^ Flackern des Tones gestört, so wäre es ein ungetrübtev Genuß gewesen. Ein von Rudolf N i l i u s geleitetes Orchesterkonzerh brachte allerlei Feintostproben, ' reizvolle Näschereien, die vom philharmonischen Ka mm erorch est ev mundgerecht für Feinschmecker gemacht wurden und deren Würze die Kürze war. Neben Johann Sebastian Bach, \t dessen Solokantate „.Jauchzet Gott in allen Ländern" Frau Gertrude FörsteI die in ihrer Melodik an eine hohr Trompete gemahnende Sopranstinnne sang und gegenüber der Trompete des Herrn Den gl er siegreich bestand, kamen F. A.. M e i ch e l b e ck und F. L. Gaß m a n n, zwei vorklassische Komponisten des 18. Jahrhunderts, zu- Ausführung. Mag man die mehr Poü>P>hone „Sonate a quatvo" Meichslbecks als Ausläufer Bachscher Kunst- Übung tverten, so kann man Florian Leopold Gaßmannm seiner H-Moll-Symphonie als Vorläufer Mozarts betrachten. Die Satzweise ist ebenso einfach tvie die Form,, der Einfall ist ungezwungen und liebenÄvürdig, wie es sich! für einen „Hofiornpositeur der Kaiserin Maria Theresia" geziemt. Schließlich gab cs noch die Ballettsuite op. 130. von Max Reger, anscheinend eines seiner späteren Werke,, in dem er sich um Einsachhett und Humor bemi'ht. Im. Larghetto „Pierot und Pierette" rührt er an zarte) Saiten,! näher liegen ihm die Münchner Spässe.undder derbe,Merulk seines' „Härlequin". Auch ein ,^rebeswatzer" fchlt!.- nicht, dessen MÄodie und füllende 'Horustimme er Johaüu Strauß glücklich abgeguckt hat. Er klingt fast wienerisch/ doch wir ziehen einen Straußschen Walzer oder ein- Regersche Fuge dieser sonderbaren Einfühlung vor... Erwin Felben i

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