Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1471 (18.3.1923)
- Date
- 1923-03-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzeilung rv. Marz ivzo w» fl Nr. 1471 Wien, Sonntag shreien, doch sein Wort erstarrt vor Kälte und Schreck; dl« stacht bricht an, die Nacht ... Der Mte merkt, daß der Sabbat schm, begonnen hat; er letzt den Kasten aus den Schnee nieder rmd wirst das GM> auS ^er Tasche. Weiter gcht es, doch die Füße versagen imWr stärker « Gehorsam. Es zieht Benjami'N zrn Erde, in den' weichen chnee. Er 'setzt sich nieder, ober bald erhobt er sich mit einem stack und geht einige Schritte weiter; alber bald setzt er sich joieder. So geht es einige Mole. Sein Körper ist schtver gejovrden; Schnee liegt aus seinen alten Wangen, den Brauen vnd den halbgeschiloslsenen Augen. Mühsam öffnet er die Mppen wnd murmelt müde stammelnd: Was wird—jetzt mit mir werden —im Felde? Was wird letzt... Er will noch etwas sagen, sich erhaben; kramvpfhast macht tt einige Bewegungen nach auswärts und fällt in den Schnee. Penfamm ist eingeschlasen ... Und einen wundersamen Traum träumt der alte Glaser. Ein Heller Sommertag. Benjamin gcht Wer Feld, seinen Kasten puf dem Mckon. Er wird müde und setzt sich ans's Gras, um MsMvuhen. Während er so dafitzt, hebt er die Augen zum Himmel. .? Der ist Kar, h-ellbkau und durchs'! chtig wie Karjkristallones Mas. Welcher Glaser Knute eine so herrliche Arbeit machen? Hinter der durMchttgen Glasglocke ficht er Hunderte, bansende von Engeln im HünvmeL schweben, all« weiß wie krischgeßallener Schnee. Alle drängen sich an einem Matz zusammen, Flügel drückt sich an Migell; Benjamin scheint es, vls imiringten sie. jemarrden, jeder will diesem einen so nahe wie mÄMch sein. Und ringsum tönen Lo-bgesönge: Gott Preisen fi«, Gott, Gott! ... Benjamin sicht ihn nicht, aber er fühlt ihn. Me Engel unSdränM Gott . . . unendlich viele weiße Engel . . . Jetzt löst sich das Gedränge und die Engel verstreuen sich nach allen Seiten. Gott hat tvvhl sein« Augen erhoben, er will ^wohil etwas sagen... Da auf etuwiwt — es muß etwas geschehen feint; alle Hri-gÄ laufen erschrocken hin md her: ,Mu UnMck, ein Unglück!" Der Schemel unter Gottes Füßen ist auSgerutfcht und hat Hn Fall den gläsernen Himmel Zerbrochen. Gott hat sich echoben und ist einen Himmel höher omporgestiegon; alle Engel sinidchm nochgsflogen. Nur om Engel ist jben anderen nicht gchÄgt, sondern durch das Loch ün gläsernen shimmsl fft er zur Erde hinabgchlogen, herab, immer niedriger.. Hmmer niedriger... Und er fliegt geradenwegs aus den Matz zu, wo Ben- Kamin der Maser ausmht; bei chm bleibt er sichen unö fragt: „BP btt Benjamin der Glaser?" „®a, der bin ich." Dv sagt der Engel: ,Mtt Hot mich zu dir geschickt, der Himmel muß repariert werden." Damit faßt ihn der Engell, setzt ihn ans seine Flügel, und schwebt mit chm empor, hoch empor, immer höher ... Der Engel wiegt sich in der klaren Lnlft und der alte Benjamin mit chm; und ist jrmg geworden vor Freude darüber, daß ihm solche Ehre zuteil ward. Natürlich wird er sich dorr Gott für Me Arbeit mchtS zahlen lasten ... Er ist ja Wücklich über diese Ehre . .. ^lüMch ... Mcklich ,., Die ganze Nacht schneie «8 unaufhörlich. Alle Wege und Stege wurden weiß, un-emrilich. Am Morgen hört« der Dchneechll auf und Sin klarer HirmmS glänzte auf die weiße Fläche «lieber. Ein BaurrnschM«« fährt luftig dahin. WPich blbekben di« Pferde stehen und wolle« nicht weiter. Di« Dauern springe« vom Wage« und sehen nach, was «S M. Da bemerken sie einen Kaste« im Schnee und sin wenig weiter ein Paar FAß«. Sie räumen den Schn« weg und finden einen Erfröre- »m. Me erkennen den alten Glaser Benjamin «iS Janowee. gbt NÄertriMproze^ zur Seit Frktzrlch» d« Großen. Fm Oktober 17M ordnete die OberamtSregiermtz kn Brieg. einer Kreisstadt in dcm erst seit kurzem an Preußen gefallenen Oberschlesten, eine Untersuchung gegen Josef Steblitzki, RatSmcmn z« Nicolai, cm.Gegen Steblitzki lag der Verdacht vor, vom katholischen Glauben zum Judentum übergetreten zu sein. Di« josefinische Prozeßordnung» welche dmrvalS m Oberfchlchien noch gültig war, legte aus einen solchen erwiesene« Uebertvrtt Leibes- und Lübenkstrofe. DaS JustiPommistaviat zu Pleß war in arger Verlegenheit: 'die buchstäbliche Anwendung der josefinischen Gesetzesbestimmung hätte ein Urteil notwendig gemacht, das zu den Grundsätzen der Aufklärung, die damals herrschten, wenig gepatzt hätte. Daher wurde boichlosten, die Sache dem König von Preußen zur Entscheidung vorznlegen. Das Ergebnis her Untersuchung ging a« Friedrich den Großen ab. Aus den Aussagen des „Beklagten", seiner Iran» seiner Sohnes und deS Abraham Samson, Eigentümers" der Synagoge zu Nicolai, ging hervor, daß Stellitzki, der im Ort« eine Wirtschaft betrieben hatte, die er, sechzigjährig, seinem Sohne gegen eine Leibrente übergab, in seiner Jugend im Jesuitenseminar zu Troppcm, dann in Tarnowitz rmd Tüschen studiert, jedoch tarnt das väterliche Fleischeogrrverbe erlemt hakte. In seinem 82. SübenSjchre heiratete er. Seinen Asbertritt zum Judenttmt bezvichnete er selbst als die Frucht eines mehr als zwanzigjährigen StudiuM der Bibel. Im Alter von 60 Jahren faßt« er den Entschluß, durch die'Beschneidung sinnfällig den Uebertritt zum. Judentum zu vollziehen, dem er sich durch Beobachtung der Speisegesetze, der GebetSvovschristen, der Sabbat'vuhe und der anderen «llglonsgesetzlichen Bchimmungen schon früher «geschlossen hatte. Er 6ummi mäntsl Orosse Vorräte Billige Preise NORBERT ROTH ,w VII.. Mariahilferstr. 88a (Zitahof) :: Tel.35-1-81 ---> Abteilung für Mantelstoffe Wien, 6. Bezirk, Mariahüferstrasse Nr. 105 1 mied auch den intimen Verkehr mit seiner Frau, da er, wie er selbst aussagte, als Jude einer Christin nicht beiwohnen dürfe. Wegen seiner — in einem stellenweise recht köstlichen amtsärztlichen Gutachten als „Hang zur Melancholie" bezeichneten — Neigung znm Judentum wurde Ste-blihki übrigens von der Ortsgeistlichkeit schon feit mehreren Jahren nicht zur Beichte zugÄlaffen. Die Bcschneidung vollzog er — nach dem biblischen Vorbilde des Erzvaters Abraham selbst cm sich» das Messer hierzu hatte er von einem Juden aus Krakau er-; halten. Bei der Veschneidung iva-hm er den Namen Josef j Abraham an. Am Jom Kippur deS erwälhn'en Jahres, der auf den 14, September fiel, nahm SteblitzEi znm ersten Male am Gottesdienst in der Synagoge teil; Talles und Kittel besaß er, da sie ein armer Jude einmal btt, ihm versetzt hatte. Die Bürgerschaft des Städtchens, <mf Steblitzkis „verdächtiges Treiben" aufmerksam gemacht, entsandte am Jom Kippur zwei Personen in die Synagoge, wclche sich von der Richtigkeit des „Verdachtes" überzeugen sollten. Die Anssa-geu diescr Burger bildeten das Substrat für eine Klage gegen SdMitzki, auf! Grund deren die Untersuchrmg erfolgte.; Die oberschlesische Oberanctsregierung begleitete das j Resultat der Untersuchung mit einem Schreiben an König Friedrich den Zweiten, in welchem sie unter anderem hervorhchr: ,Mn solcher Abfall berührt zu stark die bürgerliche Stellung des Abgesallrnen, als daß der Staat darauf nicht . reagieren könnte . . . Wir haben . . . vorläufig ... die Richtigkeit der Angaben feststellen lassen, ferner auch... sowohl die Rolle, welche die Judenschaft des Ortes bei diesem Vorfall gespielt haben mag, wie auch den Geistesz.u-> stand des Beklagten. Die Untersuchatug ergibt, daß...der Beklagte den festen Willen hat, Jude Zu bleiben; in seinem Geisteszustand finden wir nichts, was auf Derwirrmrg oder Wahnsinn hindvuten könnte, wenn auch der Kreisarzt darin anderer Meinung ist; die Reden des Mannes sind streng sachlich, seine Antworten auf die gestellten Fragen völlig passend; und eine unrichtige Borstelklung und Nlebergengung iq Glaubenssachen kann nicht für Wahnsinn angesehen werden. Die Judenischaft des Ortes kann in keiner Weise beschuDigt werden, StMitzki von seinem ursprünglichen GlaiNiben lösgerissen oder in diesem Sinne aus ihn eingewirkt zu haben." Die Entscheidung Friedrichs des Großen lautete: „Eine weiter« Untersnchung und Bestrafung ist nicht rwtig." Josef Abraham erhielt einen Schutzbrief,als Jude und bNvb unbehelligt in Nicolai wohnen. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre in Sorau bei seinem katholisch gMiöberren Sohn zusammen mit seiner Frag, die ebenfalls den christlichen Glauben behielt. Cr befaßte sich weiter mit dem Studium der Schrift, las besonders gerne und oft die Psalmen und begleitete sich beim Psalmensagen curf der Geige. Ein Zeit- und Stodtgenosse Steblitzkis, Leibe! Schindler, erzählt, bei einem Brande, der Sora« völlig einäftherte, sei das Haus, in dem StMitzki wohnte, unverschrt gcbli-chen. Am 16. .M«i 1807 verstarb Josef Abraham und wurde in Mcolai gebroiben. Die Jwschrift seines Grcchsteines lautet: ,Hier ruht der Ger Zedek Josef, ein Schn unseres Erzvaters Abraham; zum Segen daß Andenken des Gerechten, der Leib und Seele eingestellt, um unter den Flüy-ln der Schschinah sich zu bergen, und den Namen deS Hern geheiligt, um für Ihn im Kampfe zu streiten, unf«r Gesetz zu festigen und unseren Glauben. Er starb am 8. Jjar 5557. Seine Seele sei verbunden dem Bunde deS Löbens!" Die Juden Soraus chrten daß Andenken des beherzten GlaubenshvAen, den innerstes Bedürfnis zum Jcchent>um getrieben hatte, durch die Verleihung des Titels ,Moren»". Noch heute wird sein Name in Sorau beim Seckengedachtnis nach den Namen der Rabbinen vor denen der Übrigen Gemeindomiiglieder genannt. DK ,-Schlesischen ProvinziaDlätter", ein christliches Blatt, sagten in einem Mrchrnf nach Steblitzcki: ,Lchn beweinten und betrmrerten sehr Uke Menschen, denen er durch seine Ghrlichkeit uwd sei« stilles, reines Lckbon lieb war, auch ... nachdmn er befchilosien hatte» tan. Wischen Glauben a-nznnchmen... Er hat ins Grüb den Namen eines guten Menschen mitgenommen." -er Wische Palatin Kossnths. Eine der interessantesten jüdischen Typen der Ungarin schen Nevolntivnszeit tvar zweifellos Ignaz Helfh, der mit solcher Selbstaufopferung an der Revolution teilnahm und sich später an den verbannten Ludwig Kossuth anschloß, daß er in der Geschichte der ungarischon Revolution und der späteren Kämpfe der achtundvierziger Unabhängigkeitspartei sich das Prädikat „Der Palatin Kossnths"/ erwarb. Helfh war 19 Jahre alt, als er nach der Schlacht von Vilagos in Siebenbürgen, wo er sich verborgen hielt, von den Oesterreichern geftrngengenommen und vor das sogenannte „Purgationsgericht" gestellt wurde. Helfh stammte aus einer armen jüdischen Familie und war schM mit 14 Jahren auf sich selbst angewiesen. Er fristete seilten Unterhalt, wie die meisten jüdischen Jlttellektuellen jener Zeit, als Erzieher der Kinder reicher Jllden und kam im Atter von 18 Jahren nach Pest. Er war stolz darauf, am 15. März geboren worden zu sein und sein glühender Freiheitsdrang brachte ihn ununterbrochen in eine gefährliche Situation. Nach dem Zusammenbruch des ungarischen Freiheitskrieges wurde er wegen eines in Debreczin verfaßten Artikels von den Oesterreichern als gefährlicher Revolutionär verfolgt, denn dieser Artikel war so tvrrkungsvoll geschrieben, daß er in Arad und in nwhreren anderen Städten als Proklamation des wmbhängrgrn ungarischvlt Volkes öffentlich affichiert wurde. Helfy wsr von so schwacher körperlicher Konstitution, daß das Puvgationsgericht ihn nach Wien unb später nach Padua bes* bannte, offenbar in der Annahme, daß er anßertalb Ungarns sich zu einem willfährigen Werkzeug der KamarilÄ werde ummodeln lasten. In Padua wurde Helfy znm Doktor der PhilofophK promoviert. Kurze Zeit darauf erhielt er in Mantua eine Profestovenftelle, aber auch dort stellte er sich auf die Seite der Freiheitskämpfer, konspirierte mit den ungarischen» venezianischen, römischen und polnischen Emigranten, so daß er infolge eines Berichtes der politischen Spitzel im Jahve 1659 auch aus Mantim ausgewiesen wurde. Helfy ging nun nach Hailand, wo er die begüterte Witwe Charlotte Eroithi heiratete, eine Druckerei kaufte, in tvelcher er das politische Blatt „Alleanza", welches er selbst redigierte, Herstellen ließ. Im Jahre 1861 kam Ludtvrg Kostuch, nach dem berühmten Londoner Banknoteupvc^eß, nach Italien, wo er mit Helfy, der im Jahre 1848 und 1849 sein Mitarbeiter in Pest und Debreczin gewesen ist, wieder zusammentras. Hier kam das große Elaborat Kostuchs Wer die Donaukonföderation, eine Lieblmgsrdee Kostuths, zustande. Das Elaborat wurde infolge eines Mßverständnrstes vorzeltig in der „Mianza" abgedruckt und. hat in Ungarn nicht wenig Bestürzung hervovgeruftn, weil man in einer solchen Konföderation den Weg zu einem Ausgleich mit Oesterreich erblickte, In Italien gestaltete sich das Freundschaftsverhältnis zwischen Helfy und Kossuth so innig und der Mnfluß Helfys auf Kostuth war so mächtig, daß er der „Palatin .Kostuchs" genannt wurde, was Helfy mit nicht geringem Stolz erfüllte. Zu Beginn der sechziger Jahre begamten die ungart> schen Emigranten allmählich heimzukchren, aber Helft) blieb nach wie vor in Mailand, wo er an Stelle der inzrvischen eingegcmgenen „Alleanza" eine ungarische polttische Zeitschrift herausgab, in welcher er die ungarischen Vorgänge und ganz besonders den 67er-Ausgleich aufs schärfste kritisierte. Im Jahre 1871 wurde Helfy, der damals in England weilte, vom Wahlkreise Szent-Lorincz trotz seiner Abwesenheit einhellig KllM Abgeordneten für das ungarische Parlament gewählt. Er erfuhr von seiner Wahl erst durch Ludwig Kostuth, als er nach Mailand zurückkehrte. Kostuch riet t^m, in die Heimat zurückzukehren, Helfy befolgte den Rat, und nun wurde er als Redakimr des Organs der Unabhängigkeitspartei „Magyar Ujsag" und des KostuthblatteS „Egyetertes" wirklich der Palatin Kostuchs in Ungarn. Er war Jahrzehnte hindurch Mitglied des Parlaments und ist bis an sein Lebensende der verbistenste Achtundvierziger-Unabhängige geblieben und hat wegen seines großen Wissens uitb seines politischen Sinnes auch auf die liberale Gestaltung der Berhältniste in Ungarn zu seiner Zeit großen Einfluß genommen. Helfy wurde 67 Jahre alt und es zeugt für seine Vcrbstsenheit gegen alles, was gegen die Unabhängigkeit Ungarns gerichtet ivar, daß er kurz vor seinem Tode einem Besucher melancholisch sagte: „Wissen Söe, lieber Freund, ich bin jetzt 67 Jahve alt und ich Haffe den 67er so sehr, daß ich ihn nicht ertragen kann. Sie werden sehen, ich sterbe als Siebenundsechziger. Bald bat< auf starb der jüdische Palatin Ludwig Koffuchs. Neuer&fTnung! Das . ZUM Strasse Nr h.t eine *«*e