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Wiener Morgenzeitung · 1923-03-13 · Heft 1466 (13.3.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1466 (13.3.1923)
Date
1923-03-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung. IS. März 1923 SeiteLj Polen. Mets Nel geschossen. Wie uns aus Wilna berichtet wird, hielt dort bei -er feierlichen Eröffnung eines nationalpolnischen Klubheüns ein nationaldemokratischer Abgeordneter einen Vortrag über „j ü d i s ch e n I m p e r i a l i s m u s". Daran, daß die antisemitischen Parteien und ihre Vertreter jede, auch die unpassendste Gelegenheit beim Schopf fassen, um ihrer Weisheit ersten und letzten Schluß, welcher immer ,>der Jude" heißt, von . sich zu geben, ist weiter nichts Be-! merkenswertes, auch nicht daran, daß der Redner alle abigestandenen Phrasen für den Lokalgebrauch neu aufwärmte,!wie daß der Bölkerbu^rd eine jüdische Mache sei, daß an 'dem Konflikt zwischen Polen und Litauen die Juden schuld! wären und dergleichen. Interessant ist aber, daß der Vertreter der polnischen Partei, die im Großgrundbesitz und in der Beamtenschaft ihren Besitzstand an Mitgliedern hat, in seinem blinden Judenhaß auf ein Gebiet kam, das' für den .Bestand seiner Partei und ihrer Schlagworte sehr gefährlich ist. Er sagte nämlich am Schluffe seiner Ausführungen: „Die kapitalistische Gesellschaftsordnung ist den Juden sehr nützlich. Daher muß sie durch eine andere Gesellschaftsordnung ersetzt werden." Nun gibt es fyeitte bekanntlich nur 'die Mahl zwischen kapitalistischer oder sozialistischer Gesellschaftsordnung. Die kapitalistische ist dem Redner zu „verludet", obwohl ihre schlimmsten Nutznießer in Polen die Schlachzizen und ihre beamteten Strohmänner sind, die den Grundstock der nationaldemokratischen Partei ausmachen; bleibt also nur die sozialistische Gesellschaftsordnung übrig, jttt der diese Klassen der polnischen Gesellschaft und somit »hre Partei Wohl ziemlich stark ramponiert werden -würden. iWeshalb eigentlich den Wünschen des nationaldenrokratiischen Redners die baldige Verwirklichung zu wünschen!lrare. Wozu blinder auiisemitischer Eifer, gepaart mit Uniwiffercheit, führen kann! Staatssanierung und AntffemMMNs. Warschau, 11 März. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) ^jn der letzten Sej-msitzm.g ergriff Abg. Grünbaum im Namen des Jüdischen Klubs in der Budgetdebatte das Wort. Eingangs stellte er fest, daß der Jüdische Klub mchi garan glaube, daß die Staatssinanzen mit Hilfe eines Finanzplanes Werden refundiort Werder.«. Solmrge die innere Wirtschaftspolittk auf dem Systenr der Protekttvnswirtschaft beruhen wird, .kann von einer Gesundung der Staatsfinanzen nicht gesprochen werden. Dia Bestrebungen nach einer Entjudung de§- Handels und Gewerbes kommen -dem Staate sehr teuer zu stehen. Es ist bekannt, daß Mische Firmen Staatslieferungen nur durch Vermittlung von Mchtjüden erlangen können. Die Lieferungen werden in der Regel au Nlchtjuden verliehen, die keine Fivmenbesiber sind, sondern gegen hohe Bezahlung den Mischen Firmeninhabern ihren 'christlichen Namen zur Verfügung stelle«. Hierdurch verteuert.» sich Äe meisten Lieferlingen. Ebensowenig trage die Unterdrückung der, nationale» Minderheiten zur Gesundung der Staatssinanzen bei. Redner verlangt die BevücksichtigurH der jüdischen Jr.-teressen und eine größere Belastung der Dorfbevölkerung. Der Jüdische Klub sei bereit, an der Finanzsanierung teilzumhmen. verlange aber, daß die Sanierung des Staates nicht aus Kosten der jüdischen Bevölkerung geschehen solle. Um den Staat zu sanieren, müsse ntttr.« eMich einmal der kostspieligen antisemitischen Polittk und den Bestrebungen, die gegen die nationale» Minderheiten gerichtet sind, die Spitze abbrechen. Der Wiederaufbau der Kriegrgebiete. Die „Polnischen Stimmen" teilen mit: Die Wiederherstellung der im Weltkriege und während der polnisch-ruffischen Kämpfe zerstörten Ortschaften und Gebäude hat sich bisher folgendermaßen gestaltet: Nach der Statistik für das Jahr 1921 wurden in Polen von den Geschädigte» 1,546.892 Baulichkeiten als zerstört angegeben. Noch bis znm Jahre 1920 warm wiederaufgebaut worden 405.673. das sind 26,2 Prozent. Im Jahre 1921 wurden wiederaufgebaut 268.364, demnach insgesamt bis Ende 1921 674.037, das sind 43,6 Prozent. Im Jahre 1922 haben die aus Rußland rückkehrenden Repatriierten nachträglich 105.000 Gebäude als zerstört angegeben, wodurch sich die Gesamtzahl der in der Zeit von 1914 btö 1920 in Polen zerstötten Gebäude <rof i,651.892 erhöht hat. Im Jahve 1922 wurden 106.000 Grbäude wiederaufgebaut, wodttrch sich die Gesamtzahl der -bisher wiederaufgerichteten Baulichkeiten Ms 780.037 erhöht, demnach fast die Hälfte der Gesamtsumme der als vernichtet M.gcgcbenen Gebäude. Ungarn. ' Polkzelrat und Erpresser. Budapest, 12. März. (Tel. d. ,/Wr. Morgenzeittm^.) Wre bereits berichtet wurde, hat die Budapester Polizei sich pevanlaßt gesehen, den Polizeirat Julius Tarnay wegen dos Verdachtes der Erpressung au jüdischen Kaufleuten zu .verhaften und der Staatsairwa-ltschaft zu übergeben. Das vom Polizeivctt Tarnay ausersehene jüdische Opfer ist der Kaufmann Samuel W o l l n e r in Rakos-Äevesztur. Die bisherigen Erhebungen ergaben, daß Polizeirat Tarngy pwivr dem Vorwände, daß der genannte Kaufmann knapp Vor der Internierung stehe, diesem in mchveren Erpressu-ngsangriffen zusammen den Betrag von rund 600.000 Onsen Prinzip: Gilt *■ Zionistische Bezirbsse^tion Leopoldstadt *; S HEUTE Dienstag den J3. März, 8 Uhr abends, im ■ * Cafd-Restaurant Central, II., Taborslrasse 8A, ,! foosso jüdische S j Versammlung j! Redner:! J Oberbaurat Robert Stricker S ■ Oemeinderat Dr. Plasohkee J! Gemeinderat Dr. Ehrlich » ■ Jüdische Mitbürger! Erscheinet zahlreich! » nmmmmumm ■■■!■■ na ■*■■■■■■■■■■■■■» imgar. Kronen entlockt hat. Es liegen Verdachtsmomente vor, daß Samuel Wollner nicht der einzige wohlhabende Jude ist, den Tarnay, ein bekannter Judenfeind, sich zu Opfern seiner Erpressungen ausersehen hatte. Bezeichnend ist die Haltung der antisemitischen Pveffe zu diesem neuen Skandal im Lager der Chrfftlichnationalen. Das niedrigste Antisemitenblatt, das von Horthy mit seinem hohen Besuch erst jüngst beehrte „A N e p" hilft sich über die Verlegenheit einfach mit dem alten Auskunftsmittel hinweg, daß es Tarnay kurzerhand zum Judenstämmling stempelt und ihm and'.chtet, daß er früher Tatsch man n geheißen habe. In dasselbe Horn bläst auch -das andere Horthy-Blatt, der „Szozat", welches an diese Lüge die Forderung knüpft, daß man daraus Lehren ziehen möge, in Zukunft bei der Auswahl der öffentlichen Beamten größere Vorsicht walten zu lassen und nur raffenreine christliche Ungarn anzustellen. Das dritte Antisemitenblatt „Uj Nemzedek" aber nimmt den Erpresser in Schutz und erzählt dabei, daß Tarnay, der stark verschuldet sei, am Tage der Erpressung einen „unserer hervorragenden Politiker aufsuchte, ihm seine traurige finanzielle Lage schilderte, worauf dieser hervorragende Politiker sich sofort in ein Auto setzte und Tarnay -das nötige Geld verschaffte. An Wollner habe Tarnay keine Erpressung verübt, sondern ein einfaches Darlehensgeschäft gemacht,. was er allerdings hätte, unterlassen sollen, weil man mit Juden keine Geschäfte machen soll. Gegenüber all diesen phcmtasiereichen Märchen hat die Untersuchung festgestellt, und „Uj Nemzodek", welches, wie erwähnt, den Erpresser bedauernd in Schutz nimmt, bestätigt es, daß Tarnay einer alten, vornehmen, magyarisch christlichen Familie entstammt. Der Vater Tamays, Julius Tarnay, war unter Tisza Obergefpau in Miskolcz und auch seine übrigen Verwandten bekleideten hohe politische Vertraueirsstell-en. Jedenfalls sind bereits alle einflußreichen Stellen des christlichnationalen Kurses eifrig an der Arbeit, Taway aus seiner peinlichen Situation zu b efreien. - Airponyi Wer feine BGrrchnvaen mV M«. Budapest. 18. März. (N. T.-K.-G.) Gmf Albert Apponyä, der etwa drei Wochen in.San Sebastian bei der Königin Zita und ihrer FamMe verbracht hat, ist wach Budapest zurückgekohrt, wo er vor Journalisten auif das nachdrücklichste beotnte, daß seine Reise absobut keine« polliÄiischeu Zweck verfoW habe. Die in der auMMschen Pwffe erschieuenan Nachrichten, als ob die Königin sine ProNamatton cm die ungarische Mtton zu richten gedachte, fei vollftaMg unrichtig. JrgerÄ»- eine politische Mion in legittmistischer Richtung besitze nicht die geringste Aktü-Mät. Königin Zita sollst wisse am besten^ daß Mwal unter den gegenwärtigen außerordeMich schwiovigen BechAtmssen des Landes alles vermieden werden müsse, was die Ruhe geifähvden könnte. Der Arbeitenmsstand «nd Erwachende. Budapest, 12. Mich. (TÄ. der „Wiener M-ovgenMnnig".) IN der Holz- und ZiegÄboanche ist die Einigung zwischen Arbeiter und Arbeitgeber zustande gekommen. Die ZiegÄtfiabMen nahmen die Arbeit heute stich aus, in der Holzindustrie beginnt die Arbeit am Dienstag. Dagegen sind heute die Schneider in den Streik getreten. In.der Eisen- und Metallindustrie gibt es noch keine Zeichen der Annähovung.. Die Erwachenden Magyaren wollten sich in den Lohnkampf einmengen und beabsichtigten für Dienstag eine Volksversammlung einzubevustn. Die Behöche verbot «aber die Aflichiemmg der bezüglichen PMrte wegen ihres ausveizenden Inhaltes. _ Rumänien. Re Wrangel-Soldatrn. Bukarest, 12. Mach. (Tel. d. ,Mr. Movgenzeitmrg".) Der Mniftervat befaßte sich mit der Angelegenheit der in -Rumänien noch immer Asylrecht genießenden Wrangel- Soldaten. Auf Grund eines früheren Uebereinkommens hatten sich alle alliierten Mächte verpflichtet, für die Erhaltungskosten dev nach Rumä-wien geflüchteten Wrangel- Armee gemeinsam aufzukommen. In letzter Zeit -haben jedoch die alliierten Mächte die Beitragsleistungen eingestellt, und da diese Leistungen trotz mehrfacher Urgenz nicht uvchr einlausen, beschloß der Mimstervat, die Repatriierung der noch in Rumänien befindlichen Wvangel-Sol- - baten nach Rußland durchzuführen. Ueber die DurchführungSmodalitäten ist nichts -bekannt geworden. Re Notlage der Berliner Mischen Gemeinde Aus Berlin wird Ulis gemeldet: Zur Frage der Reorgauifatiou der Finanzen der Berliner jüdischen Gemeind^ erfahren wir, daß, aibgesehen von den Gehältern bciq Beamten und Angestellten, die, selbst lvenn die hmtej geltende Reichsbesoldungsordnung keine Erhöhung erfährt^ einen Aufwand von 1.75 Mittiardelr erfordern, für die J-n«i stitute K-ohle zum Preise von etwa 1 Milliarde Mark beschafft werden muß. Zu dreserr 3 Milliarden komrnenj noch die Aufwendungen für elektrisches Licht sowie die ins Unermeßliche lvachseuden Summen für die Erhaltung dcy W o h l f a h r t si n st i t u t i o n e n. Zur Stützung diesey Jnstituttonen liegt ein Plan der R e o r g a n i s a t i o n deq Bertvaltu-ng, Neuorgan-isierullg der finanziellen Versorgung der Wc-hlfahrtsinstitute vor, die vom Hauptetat tunlichst losgelöst und durch freiwillitze Zuschüsse dey Gemeindemitglieder wenigstens zum Teil erhalten Werder^ sollen. Es wurde ein besonderer Finanzausschuß eingesetzt >der einige prominente jüdische Persönlichkeiten kooptiert hat. Die Aufgabe dieser Kommission ist es, zunächst durch! Beschafftlng entsprechender langfristiger Anleihen, die nötigen Mittel, für die Gemeinde zu beschaffen, sodann, Steuevvorschläge zu machen, deren Durchführung die Balancierung des Etats trotz der ungeheuren Anforderungen, die an die Kaffe der Gemeinde gestellt werden, erzielen soll.' Eine Reihe von Gemeindemitgliedevn hat der Gemeinde sofort größere Beträge als langstiftiges Darlehen M Verfügung gestellt. _ Anstel« in Manien. Ehrendoktor der UniverfitA Madrid. Wie aus Madrid telegraphiert wird, wurde Professor Albert Einstein am 7. Marz vom König von Spanien ernpfangen. Am 8. März erfolgte die feierliche Einkleidung Einsteins zum Ehrendoktor der Universität Madrids Bei der Zeremonie wurden nach altem Brauch verschiedene Reden gehalten. Auch die deutsche Botschaft gäb^zU Ehren Einsteins einen Empfaugsa-bend. Keren Haiessod in Pole«. Die in Verbindung mit der Anwesenheit Sokolo w-S, in Polen organisierte Aktion ist in vollem Gange. Das polnische Keren Hajeffod-Zentra-lbureau hat aus einer, Reihe -von Städten Nachrichten über den Fortschritt der, Arbeit und die Zunahme der Zeichnerzahl wie auch dev . gezeichneten Summen erhalten. In Warschau selbst sind m den letzten zwei Wochen recht schöne Resultats erhielt wmären dank dem Umstande, daß eine Reih« angesehener Persönlichkeiten sich dem Lokalkomitee für die Arbeit zur Berfügmrg gestellt hat. Etliche Kommiffionen suchey die einzelnen Häuser und Geschäfte auf. Es ist kein einziger Fall der Verweigerung der S e l h st b esteuerung vorgekommen. Auch in Lodz entwickelt sich die Aktton in großem Aiaßstabe. Der Besuch Sokolows hat^ wie erwartet, großen Enthusiasmus erweckt, und alle Krästa in Lodz find mit großem Eifer an die Arbeit herangetreteni Als Resultat der ersten Tage der verstärkten Akttcu wlrrdg biHer über eine Milliarde Polenmark in Deklarationen erzielt, von welcher Summe bereits! mehr als die Halste erngezahlj -wurde. Die Arbert Wird Mergisch fortgesetzt. < - AntWlsche Areffe in Kowno. Berlin, 18. März. (Tel.-Kamp.) „OsteKpreß" melide-t alus tKowno: In der von Judon stark bevAkerten Altstadt^ von Kowno stunden Ausschreitungen gegsn judi«, fche Läden und Händler statt. Die Schuldigen konnten, verhaftet worden. Der Jnnenmin-ifter hat eine ver-! stärkte U-isbe.rüv'achuNg der Stadt drrrch Paiwmllen aWeordnet. v . __ Der Este Znder. In unterrichteten Kreisen glaubt man, daß der für die Periode von Mitte Februar bis Mitte März zu errechnende Index positiv sein wird. Man schätzt ihn auf ungefähr 3 Prozent. In den letzten Tagerr ist alleMngs ein gewisser Rückgang in be» Preisen mancher Artikel eingetreten, doch ivaren nn verflossenen Zeitabschnitt bei Gemüsen, Grünwaren, -muneMich aber bei Fleisch, nicht unechebliche Pveisevhöhungeu zu beobachten, auch der Mietarrfwaud zeigt teilweise eine aufsteigende Kurve. In den Kohlenpreisen ist der erwartete bedeutende Rückgang biMr noch nicht emgetreten. Wie es heißt, dürste die geplante Aenderung des J ndexgesetzes darin bestehen, daß der Index nur auf einen Teil der Bezüge der Bundesangestellten zur Auwendung gelangen soll. Keinesfalls soll es sich um e r usch rr eidende Veränderungen: des -Judexgejetzes handeln. . - - Irr Kapitön der „Anders" gestorben. BravaschwÄg-12. März. iWoG.) KqMn M See «. v. Müller, der im WÄErieg Koummndaut der ,-Gurdeu^ war, ist gestern odeuds «n Mer von A Jahren gestovbe»,' krcnikkmsnn 1L, Tabörsfraße 4e. Telephon 47-1-79 En gros En detaH n liBiMMimrMi« mm

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