Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1460 (7.3.1923)
- Date
- 1923-03-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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iGM S Dien, Mittwoch Nicht beendet. Und inzwischen affichiert der Prorektor I seine Onndmachuny. Die freilich einige peinliche Anhaltspunkte fut aus-; ländische Interventionen liefert. Es werden der Ariehensvmrag von Saint - Germüin und die Abkommen mit der Tscheche-Slowakei gröblich verletzt und die. Völkischen werden lernen müssen, daß Verträge kein Fetzen Papier sind. Aber hat es dieser Staat gar so notwendig, die ärgerliche Aufmerksamkeit seiner Nachbarn (die sehr gerne intervenieren) auf sich zu lenken? Wenn aber seine Regierung und die Führer seines geistigen und kulturellen Äbens es dennoch tvagen, Äsrüm beschränken sie sich denn auf die yrMMschen jüdischen Studenten? Weshalb nehmen sie bei ihren KrÄitgesuchen keine Prozenteinschränkung vor? WeS» halb richten sie für die jüdischen Anleihezeichner nicht gleichfalls eine sakrosankte, stets mMM Kommissiyn rin, die deren Eignung „unter BedachLnahrne auf volkswirtschaftliche Interessen" prüft? Raffe und antisemitischer Rationalismus. Bon Graf Richard Nikolaus Cou-enhotzr-Salergi. Au den mit Recht berühmten jüngeren deutschen Philosophen gehört Graf Richard Nikolaus CouÄenhope-Kalergt. Er ist der Sohn des gelehrten» und geistvollen Diplomaten Vvasen Heinrich Co u den Hove, der vor Jahr und Tag sine wertvolle Schrift gegen den Antijemr- U 8 nt u iS veröffentlichte, die jetzt der Sohn nsu hewusgrbt und mit einer P-rrede einbegloitst. Dieser Vorrede, die Gefft und Sinn der Grasen Loudenhove wiedepsp segelt, sind die nachsoLgen^'n Stellen, entnommen: Während um di« Jahrhundertwende geistliche Würdenträger Hauptträger der antisemitischen Propaganda waren, sind heute Rassensanatiker an deren Stelle getreten. Diese Erscheinung ist eine Folge der allgemeinen Zunahme des nationalen Fanatismus, der in vielen Punkten das Erde des religiösen angetreten hat: zu dieser Erbmasse gehört auch der Antisemitismus. Der nationale Antisemit haßt die Juden, weil er sie als Fr-ntdvolk empfindet; dieser nationale Judenhaß steht geistig und sittlich auf einer Stufe mit den übrigen Formen des h.'ativnalhassts, zum Beispiel dem Franzosenhaß oder Deutschenhaß — es bedarf also keiner besonderen Argumente zu seiner Bekämpfung. Dies ändert sich aber, sobald der nationale Judenhaß der-" sucht, sich aus eine Raffentheorie zu. stützen; wenn der Gegensatz zu den Juden erweitert wird zu einer Herabsetzung der semitischen Rasse. Dieser Raffenaniisemilismus fordert die Kritik der AnchrHwlogie und Geschichte heraus. Die neuesten Argumente des Ankisemitismus stützen sich auf die Rasientheorien H. St. Chamberlains und Otto Meiningers, die von der These ausgingen, die Semiten, beziehungsweise die Juden seien gegenüber den Ariern ein unschopserisches Volk und unfähig zur Hervorbringung genialer Menschen. Wenn d'e Nassenmystiker sich schon durch das Dasein Christ: und Spinozas nicht beirren lassen, so mögen sie sich vor Augen halten, daß gerade in unserem Jahrhundert das Jud»ntum einen größeren Prozentsatz an genialen Repräsentanten hervorgebracht hat, als irgendein anderes Volk, erinnert sei hier bloß an Einstein und Ehrlich, Freud und Bergson. Diese großen Juden unserer Epoche widerlegen auch eine zweite antisemitische These, die behauptet, die jüdische Begabung wäre einseitig materiell orientiert. Ein weiterer Vorwurf des modernsten Antisemitismus bezieht sich auf die angeblich destruktive Tendenz der jüdischen Geistigkeit. Soweit sich diese Behauptung auf ihre kritische Begabung begeht, liegt in ihr kein Borwurf; wird sie aber auf ihr politisches Wirken bezogen, so bedarf sie der wesentlichen Einschränkung, baß die oppositionelle und revolutionäre Einstellung des Judentums in Mittel- und Osteuropa eine natürliche Reaktion auf den dortigen Antisemitismus darstettt. Dieser Zusammenhang wird klar durch einen Vergleich der politischen Wirksamkeit Israels in. Rußland und England. Während im pogromistischen Rußland die jüdische Intelligenz revolutionär war — bi.deie das Judentum im nichtantisemitischen England ein staatserhaltendes Element, das feinem Vaterland Männer, wie Beaconsfield und Reading, geschenkt hat. Nichts ist selbstverständlicher, als daß die Juden einem System, das sie verfolgt, feindlich — einer Gesellschaft, die sie schützt, freundlich gegenüberstehen; daß sie jenes zu stürzen, dieses zu erhalten wünschen. Es liegt also der Schlüssel zur Politischen Einstellung der Juden nicht Lei ihnen — sondern Lei den Antisemiten... So feiert unter dem Protektorat des Nationalismus, des Klassenhasscs, des Neides und der Religion („christlicher 'Kurs" in Ungarn) der Antisemitismus seine Auferstehung. Er dient als Blitzableiter für den Volkszorn (Pore Wiener MorgenzeiLung. 7. März 1923 Sie Rede der »eichrkWlm Am». Berlin, 9. Äsipz. (Tel. der M%< Mommeituriß",) Der Reichskanzler ,haf heute nachmittagseine Mt größter Spchmung erwarteten GrkltzmiMN über das Perhältttis zu Frankreich abgegeben. Mt Reichstag war voll besucht, die Galerien überfüllt. Den voll ' den Kriegshetzern verlangten Abbruch der Beziehungen zu Frankreich und Breien hat der Kanzler Nicht «usgespescherr, wohl deshalb, west hie Sozialdemokraten eMrt hatten, ein solches Wort würde das E nd e der Regierung Enno bedeuten. Der Mchskanzler begann' schne Rede mit einer einschenken Schildemntz de? Vorgänge, die zur vorgeitvgon Einberufung -es Plenums geführt haben. Bor allem wegen der Besetzung der Berkchrsanlagen von Darmstadt, Mannheim und Karlsruh?e. Er schilderte ftvner H«K Vorgehen her Franzosen im RuHvgebkt und brandmarkte die Anwendung der berüchtigten Verordnung 147 mit Zuchthaus- und Gefängnisstrafen , gegen Effenbahner. die sich nicht dein Pillen der französischen Militärgewalt fügen. Er schloß daran die Mahnung, hqß gerade di>e emander bonachbarhen Völker WvvLt sein Men, d've Kunden des Krieges zu heilen. Statt dffsen sei aus den Gewalt-maßnahmen der Fmn'osen neuer Haß empyrgewachsen und rs werde eine schwere Ausgabe sein, khn wieder ahzutryMN. Ms bei dieser Bemerkung tiefe Bewegung durch das Haus ging, reagierte der Kanzler darauf, er müsse die Dinge Leim rechten Namen nennen, denn gerade diese Worte sollten eine Warnung sein. Der Kanzler streifte die mangelhaft?n wirtschaftlichen Ergebnisse der französischen Besetzung im Ruhrgebiet und die Tatsache, daß von hundert HocPfen der französischen Industrie nur noch zwanzig in Betrieb seien und daß Kohlen und Koks in Frankreich um das Doppelte gestirgen siich. Während die Franzosen also in dieser Hinsicht nur negative Resultate erzielten, haben sie ganz bestimmt ein positives erreicht. Stärker und einmütiger als jr ist das deutsche Volk zum Widerstand entschlossen und dieser Widerstand hat trotz unserer Wafsenlosigkeit Len Erfolg jn Aussicht. Denn Tanks und Maschinengewehre haben ihren Sinn verloren, wenn sich ihnen niemand gögerr-iübevstM. Der Schwerthreb geht ins Leere. Das Vorgehen der Franzosen ist aber auch eine politischen Wahlkampf und im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf. Je mehr aber der Antisemitismus zu' politischen Ztvecken mißbraucht wird, dcsto mehr sind seine Drahtzieher daran interessiert, seine wahr? Herkunft zu verschleiern und ihn mit Hilfe einer dienstfertige» Wissenschaft künstlich zu legitimieren. »SesterreiH. Ae DollsMIung. Heute hat jeder Haushalttmgsvorstand daS Zahlblatt ynd die Wshmmgsbeschrribmrg für die Volkszählung anszusüllen. Ueber die Fragen, die der dem Zählblatt beiliegende rote Zettel, der von k e i n e r Be h ö r d e unterfertigt ist, bezüglich Volkszugehörigkeit «nd Rasse stellt, ist keine amtliche Belehrung ergangen. Die diesbezüglichen Fragen sind in folgender Weise zu beantworten: I» Frage 6, Glaubensbekenntnis, ist das Wort israelitisch zu vnterstreichen. — Frare 7, Sprache: a) Sprachliche Zugehörlgkel!: deutsch; Volkszugehörigkeit: jüdisch; Rasse: weiß. Derhandluugrn des Kmzlers mit de« Großdeutschen. Kanzler Seipel versucht aiuif die Großdputschen einzuwirken. Die Ankündigung einer diplomatischen In ervention von seiten der tschechoslowakischen Regierung, wegen der Hetze deutschnatiorEcr Abgeordneter - aus der Tfchecho- Slowalei in Lesterreich, hat die Regierung in nicht geringe Verlegenheit gebracht. Diese Abgeordneten aus der Dschecho- Slowakei sind bekanntermaßen die intimen' Gesinnungsgenossen unserer Großdeutschen und nach den strikten Wortlaut des Prager Vertrages ist es MMrt «unzulässig, daß aus österreichischen Boden tschecho-slowakische Staatsangehörige in der gehässigsten Weise gegen ihren eigenen Saat soiMiche Propaganda betreiben. Der Sinn des Prager Vertrages fft für jedermann natürlich klar, n>ur die östereichffchen Grotzdeulschen wollen ihn nicht verstehen. B'.'.rcheslanKler Seipel mutz also notgedrungen den Lehrmeister spielen, mn die Gvosideuitschen aufMAären, daß es denn doch nicht angcht, oingoMNHene Vevträs« zu mißachten. Zu diesem Zweck« ha te der Kanzler gestern längere Konferenzen mit den Vertretern der zahlreichen dvutschEisckM Gruppen. In Ne.giier-U'Nigskreiscn hofft man, daß es den eindringbichm Einweichungen des Kanzlers gelungen sei, die Großdsuffch-en zu überzeugen, die weitere Motria einzustellen, .damit der Staat nicht gezwungen f«v die Rechnung für die großsteutsche Hetze zu bezahlen. Wr sind aber nicht so optimistisch und gtoitfen, daß die Bundesgenossen. 'bet EhriMchsozialen m der jetzigen R ogievu ngsmajoridät sich mit erst durch andere Regierungen ü>berze«'gen lassen werden. Doktor Seipel hat es mit seinen KvaililionÄbrLIdern recht schwer. / Aus dem Nationalrat. ' In der gestmgen Sitzung des Finanz- und^ Buchgot-miS- Schliffes stgriff Finau^nvlnistLr Dr- Kienhö^e das Wort zu Mitt-iLunAen über die EiHahliung der eiMnaiigen großen Mißachtung -es Geistes hr- FMM , den h!e Franzoftn selbst gepredigt haben und man graM eff picht, haß räumliche 'Besitzergreifung allein entscheiido Der enffchlossöne Widevstand, den die französische Okkw pat-wn im Ruhvgrbiet gefunden hat, ist nicht von der gi'emng befohlen o>der organisiert, sondern er kommt anl den Tiefen der Volksseele, ans Tiefen, die tieser. sind als alle Köhlenschätze, sonst wäre er längst Wfami MNgrdxochen. Er »st auch nicht aus das Ruhrgebiet beschränkt, so>». dern er vevesnW das ganze deutsche Volk in diesen enti scheidenden Tagen und Wochen und die Geschichte wich einst Parteien und Männer darnach bewerten, wie viel sie für die Einheit des Volkes gewirkt haben. Der Reichskanzler 'wendete sich dann gegen die Vorwürfe der VerhaMungsunwilligkrit und der ZaMngs« unw'illtgkeit. Auch die Befürchtung sei unberechtigt, daß sich die deutsche Industrie ihrer Zahlungspflicht entziehen Wolle. Im Gegenteil, bei Staats- und Privatwirtschaft bestehe der Wille, Sicherheiten für diese Zahlu-ngs-willigkeii gu bieten und diese in feste Formen zu kleiden. Aber, ^alldahingehenden Perficherungen seien in Paris wcht gÜ Frt wovden. Man habe dort nur den Wunsch gehabt, nicht ehplich- Repamtionen zu verlangen, sondern die Zerstörung zu vollenden. Nicht die Berstänb\gung der Völker, sondemhdie Vernichtung eines freien Volkes sei das Ziel de^franMschen Politik und jetzt müsse es sich entscheiden, ob Frankreich den ehrlichen Willen bähe, mit .Deutschland zu einer freien Verständigung unter gleichberech'lgten Gegnern auch auf wirtschaftlichem Gchiett zusammenzukommen oder ob es dir Politik der Diktatur sortsetzen wolle. Unter diesem Hinweis sagte der Kanzler: Darum fort mit dem Gerede von Verhandlungen, mit MF'-nungen zur Bestem ng. die nicht an unseve, sow» dem an Frankreichs Adreste gerichtet werden sollen. Zum Schluffe wendete sich der Kanzler an das Ausl<md mit der Frage: Was sagt die Welt dazu? Was die Versailler BrrtwgKmächte, die durch ihre Untevschrfft für die Folgen des Vertrages mitverantwortlich seien? Versäumen nicht alle diejenigen, die heute die Macht ans der Erde haben, jetzt eine Stund?, die eine große genannt werden könnte zur Answttnng des Hasses, des Kampfes und der Gewalt? Wir stehen allein. Um so stärker ergeht der Appell an das eigene Volk, auszuharven, bis die Brrständigung an die Stelle des militärischen Diktats tritt. ■ Vermögensabgabe bis einschÄetzlich Jänner 1928. Es sind eingegangen: Kriegsanleihe im Nennwerte von 1918,286.225 im Annahmewert von 4.637,614461, ferner Pavbeträge 31.178.557.859 St., Gutschriften 169,328,486 K. Der Eir^ah. bungsevfvbg im Monat Jänner 1923 ist be-AAlch der Länder Oberiffterreich urch Steiermark, von wo die GinMli.mgsver'' zeichnffse noch nicht oingolangt sind, in dieser AuffiLllmiH nicht? enthalten. Laut der im Departement 13 b evliegenkten Rapporte Wer den Fortgang des Verankaglmgsgffchäf es bei der einmalige« großen Vermögensc.L.5abe beträgt die Zahl der vmnntlich M-g'?.bcPflich!>i>gen nach dem Stande vcm 1. Februar 1923 334.600. Hievon sind endgAt'ig erledigt 240.060 (72 Prozents bis §ur Antrafstellung erledigt 306.000 Fälle (92 Prozents . Der Bericht wird zur Kenntnis genommen. Sie Warenumsahsteurr. Der Bundeskanzler hat de-m antzev» ockdeiMchen KcobinÄtsrat folgenden Entwurf eines besondere» Reg lern ngSÜ-ffchluff es betreffend ergänzende Bestimmu»^ge» Äber die Umsatzsteuer von Warenlierungen und sonst igrn g üverbSmäßigrn Le ist-ungen (Warenumsa tsteuer) vorgelegt: 8 1. Im Einstchrvevl.chr ist der Umstand, o>b der Lieferer Eywewsunter-nehmer ist od>er nicht, für die Stonerpflicht ohne Belang. Die Einffchr einer Ware durch ihren Evg-rntüimer ist für die ArUverdung der Dortschrfften über die Warenmnsatzsteuer ihrer Liofevung rm JnlaNde gleich^ühalien. 8 2. 1. Die erhöhte Warenumsatzsteuer für die Lieferung von Lnxmsgegenständen kann nach Maßgabe der durch Verordnung zu ^treffenden näheren Vrstimmungen hinsichtlich be-st'mlmter Wa^vengattuWen, statt für di« Liesevuivg im Kleinhcmldel, für die. Lieferung durch den Erz nger oder für die Liesevung im Einfuhroeokehr eingehoben wenden. 2. Soweit dies geschieht, unterliegt die Lieferung ix-t betreffenden Waren im Kleinhandel nicht der erhöhten, sondenl nur der allgemeinen Waremtmsahsteuer. 3. Ter Bundesminister für F-in-anizen kann für di senigen Umsätze, die nach den zur Zeit des Jnkvafttvetens dieser Bewrdnnng geltenden Vorschriften einer Abgabe für Ztpecke der Amwi'ipfle-ge oder einer sonsti-i gen nicht zugunsten des Bundes einghobenen Abgabe unter-. ttogen, die erhHte WareMmsatzsteuer entsprechend her^bsetzen.' % 8. Ter BunLesminister für Finanzen kann anordnen»! daß die Ste-uer statt nach Maßsa'be der eingeflossnwn Zah-^ ' ltungen aiiif GvmD der dom Abuc'lMer der Liasivung oder! Leisiuns in Reck)nung gestelltcn Beträge zu eulrichtou ist.! § 4 Die den Gegeiisiand einer Lieferung bilideude Ware lwf cti für die Steuer u nd im Falle einer nach den Best im»! mnngen über die WareMmisatzstemcr st rasteren Handlung! .oder Unterlassung für diewegen dieser Tatbestandes verhängt«! MLstr-afe. H 5. 1. Diese Verordnung tritt gleichzeitig mir der! chlif Gvtltch des Msthmttcs E. 88 1 und 2, des Wicbevanfban-, N -vlalleubs^ Verordnung über die WarenunMtz-.i