Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1460 (7.3.1923)
- Date
- 1923-03-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr. 1-3, Mer in einer Verschleißstelle fFrafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Pesterr. monatl. K 28.000 Ts ehssh o-S 1 owake i: Mon. K17. Ungarn: Mon. K600. J ugoslawien: Mon. Dinar 36. P o 1 e n: Mon. Mk. 8000. Deutschland: Mon. Mark 5000. Fr an kr., ßelgien: Monatl. Frcs. 8 (MT Naehzahluogcn |>ei Preiserhöhungen Vorbehalten lener Tsch«cho-Slowakil tschech.KI.- Italien: Monatl. 10 Lir« Ru m ä n i eh, Bulgarien Monatl. 60 Lei bezw, Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei— 3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab $Uhr abds.19-483,16-301 Tel.-Adr.: .Morgenzcitung“ Wien Oesterreichisches Postspar* hassen-Konto Nr. 150.693 Nr. IM 8. Jahrgang MuWr und Prorektor. Dos Prosessorenkollegium der Wiener Technik hat Um 21. Februar, also genau einen Monat nach dem deutschen Hochschultag, dessen Forderung nach Einschränkung der jüdischen Hörerzahl, ausgeführt.Der Beschluß, der von 56 Professoren — darunter einem Juden — angeblich einstimmig gefaßt wurde, ist von uns bereits mitgeteilt worden. Er lautet: X Das PLoisessown'koll-egmm hat in der am 21. FGvuar 1-933 sta-ttgesundsnen SitzUW die nachstehenden Beschösse gefaßt: Die JmmotMilierung sremdstaatlicher Bewerber wird -WnstiMn aus Grund ihrer tatsächlichen Eignung und ihrer VoillsKUgehörigksit untere Be-wchtnahme auf^oWvich'ch-astlichc Interessen wsdlgen. Für die jüdischen Bewerber des Auslandes wird noch insbesondere .bestimmt, daß ihre JinmmtriLnIieMng in der Regel nur in dem Ausmaß ersollgen wird.dürfen, daß die GosamtZahl aller an einer Fachschule zu immatrillMerenden Mischen Bewerber zehn Prozent nicht überschreiten dürfe. ' M>i>t der Durchführung dieses DeMusses wurde ein besonderer Ausschuß betraut, gegen dessw' Entscheidung kcknerl-ei Berufung zulässig ist und dem auch zustehen wird, die geforderte Eignung der Bewerber in angemessener Weise seistzustellen. Man muß dieses Dokument genau lesen, um seine Zweideutigkeit zu erkennen. Es will sich nach allen Seilen decken. Die Zahl der zur Hochschule zugelassenen jüdischen Hörer aus dem Ausland wird mit zehn Pro- . gent ftstgestellt; ob dies nun zehn Prozent der Gesamtzahl der Hörer oder der Ausländer sein sollen, wird nicht gesagt; aber die Gesamtzahl aller an einer Fach- . schule zu immatrikulierenden jüdischen Hörer --- wohlverstmlden aller jüdischer Hörev^MM.Mva.nM der - Mischen Ausländer — wird mit diesen.zehn Prozent abgrenzt. Zwar beeilt sichder--Prorektor Ferstel,, dessen Unterschrift die Kundmachung trägt, zur Beruhigung aller Bodenständigen zu versichern, daß sich Beschluß .und ProzentMer . nur auf 'die ausländischen Juden bezieht und unter diesen hauptsächlich den aus Polen und Ungarn kommenden Zustrom eindämmen will. Er hat dem Agitationsmaterial der völkischen Hochschulkammer entnommen, daß in Warschau nur . zwei Prozent Juden, in Krakau nur fünf Prozent Juden, in Budapest nur zehn Prozent Juden zugelassen sind, wie denn auch an amerikanischen Universitäten die Prozenteinschränkung eingeführt sei: An diesen Angaben ist nur richtig, daß in Ungarn die Schande des Numerus clausus gesetzlich festgelegt ist. In Polen besteht keine derartige Verfügung und in Amerika, dessen Universitäten übrigens ausnahmslos private, nicht staatliche Institute sind, hat nur die .Harvard-Universität einen solchen Beschluß gefaßt, aber nicht dnrchge- .führt. Aber selbst, wenn-das alles richtig wäre.— ist : das Beispiel für eine Wiener Hochschule so nachahmenswert? Die Unklarheit der Wiener Kundmachung ist eine ' gewollte. Es ist doch schwer an-Mnehmen, daß die von ihrem Deutschtum so eingenommenen Professoren ihre Sprache so schlecht beherrschen, daß sie das „Juden raus!" nicht einwandfrei ansdrücken könnten. Die Sache liegt anders. Es sollte für die auf Grund der Kundniachung zu erwartenden Schritte von jüdischer Seite ' etwas zum Ab handeln übrig gelassen werden. ' Man wird' im Wege einer nachträglichen Kommentierung gnädig gestatten, daß die inländischen jüdischen Bewerber, die durch das Staatsgrundgesetz einstweilen noch ^geschützt sind, . außerhalb der ProzenteinschränÄmg bleiben. Damit will man vielleicht auch erreichen, daß wiederein Keil zwischen Oft- und Westjudentum getrieben wird und daß trotz alles' Rassengeschreies die Möglichkeit der Absorbierung - jüdischer Avbeit ftir die arische. Sterilität-gewahrt bleibt. Zwar trägt das Tor her Technik seit gestern ein riesengroßes Hakenkreuz in Kreide, alber sicher ist sicher.- Man kauu unter Umständen auch jüdischen Fleiß verwerten. Wenn in- Zukunft ein jüdischer Ingenieur etwas Gutes leistet, so will man doch mit Stolz vermerken können, daß er M her Wiener Technik ausgebildet worden ist Md der deutsschen Nation clngehort. - Das geschicht an dereinen Hochschule, Md,-da wir chekansttlich nnt. der Autonomie der Hochschulen gesegnet 'sind, die 'ebenso bekanntlich zum Zweck der Sicherung -^der Lehr- und Lernfreiheil nnenttvegt mit deutschem Muß und HeA'hyck^)cMn-''-iviich'j.. so^ --werdeü die länderen autonomen Hochschulen' bald Nachfolgen. Die 'hohe Regierung ist aber peinlich berührt,, wenn die In- Der Beschluß der Wiener Technik. Die Kundmachung am schivarzen Brett der Wiener Technik, die wir gestern mitgete'rlthaben, besprechen wir an anderer Stelle. Der Beschluß ist von dem Prorektor Ferstel gezeichnet, der an Stelle' des erkrankten Rektors' M a y r e d 'e r die Ämtsgeschäste. führt, und wurde von.dein Professorenköllrgmm, das' aus 56 Mitgliedern besteht, angeblich einistlm'mkg gefaßt? Das Ärste kaum richtig sein, 'da sich im KollegiMn em Wffcher Professor befindet. In verschiedenen Interviews gibt der Prorektor eine Erklärung undeutlichen Beschlusses. 'Danach sei 'die Beschränkung bei den Ausnahmen der Studierenden so auszusassen, daß fortab Juden ö st e r r e i ch r s ch e r.StaatszugehörWert wie - bisherohne Begrenzung ausgenommen werden, auch .wenn der Prozentsatz lO.übersteigen sollte. Sind aber einmal die 10. Prozentder jüdischen Höver, erreicht, so werden' Auslandsjnden (man denkt hjer vor allem an solche-aus Polen und'Ungarn) überhaupt nicht aufge-nommen. Nur wenn einmal bLifPrelsweise bloß 8 Prozent österreichische Juden sich emschreiben ließen,, .würden-noch 2 Prozent jMsche Ausländer zu-gelassen -werden. Mit einem Wort, eine-fast vollkommene Ausschließung ausländischer Mischer Höver. Das Unternchtsministerium-als Aufsichtsbehörde, meinte der Prorektor, werde und-könne nichts da'gegen unternehmen, denn gegen, die Staatsgrundgesetze verstoße die Neuerung nicht und-ausonften -stehe der- Unterrichtsmin-ister aus-dem Standpunkt, Laß die Regelungder Aufnahme vpn Schülern ehre,autonome ^ÄngeWiHeft.der Hochschule sei. ' Zu bemerken ist,- daß drr Beschluß' bevoits i n K rast ist. Da.Las Kollegium, der Wiener. Universität erneu ähnlichen Beschluß, gefaßt und^perch-Eüla-ß nur anders,aMe^ zäumt/Hat, und die übrigen" WWer -und österreichischen Hochfchrrlen, wie -bestimmt'verlauM soHen werden, -ist es jetzt, von Jntevessch zuwissen, -wie die Signatarmächte des Friedensvertrages von SainEermain sich zu dieser Verletzung des Vertrages stPen werden und welche Haltung die Tschecho-Slowakei emnehrnen wird, mit der in den Verträgen von Bvün-nrmd -sLanä Mgdüseiiige.volle Gleichberechtigung alter Staatsbürger einschlteß'lich der Min- Lerheitell Veveinbart -wilrde. Im Friedcnsvertrag von Saint-Germrain ist der fünfte Abschnitt dem Schutz der Mnde-rheiten gewidnret. Dort wird ausgeführt, Laß kein Gesetz, kerne Verordnung und keine amtliche Handlung gelten Vnne, die sich im Widerspruch mit den. vorgezeichneten Grundsätzen befindet. Ausdrücklich wird hervorgehoben, daß. die Bchimrmmgen über Len Schutz der Minderheiten unter die Garantie des Völkerburvdes gestellt werden. Ueber die nrontägigen Ausschreitungen an den Hochschulen äußert sich der ^-ProvÄtor:' ,Masdie' antHemitischen Ausschreitnugerl aw den Hochschulen betrifft, so kann ich nur sagen, Laß' nrich derartige' Vorfälle, die das Deutschtunr b I o ß st e l l nt Und 's ich ad i g e n, mit tieffter Mrpörung erfüllen und ^Laß ich sie aufs erckschiedenste Mißbillige. An den antlsenritischen Knudgebungen 'waren -vorwiegend M i t-- t e l- und Ha nd e l s f,chü ler und .rmr vereinzelte- Hochschüler boteiligt, und die deutsche-Hoäffchulkammer steht den antisemitischen Exzessen vollständig ftrne. Ich wünsche urid hoffe, daß die'- erregte 'Stinnnung -bald wieder sachlicher Arbeit Platz umchen und daß es zu einem friedlichen und herzlichen' Einvernehnren zwischen -der deutschen und der -jüdischen ^Studentenschaft kvuünen möge. Hoffentlich wird dieser Appell in beiden Lagern berstäuduisvolle Ausnahnre fiuden:" ' - , ' ^„Diesen Optimis-nM kann Man leider nicht ganz erklärlich finden. AN'-das Tor der Technik wnM gestern mit den sich wehren. Da ist am . Samstag in der jüdischen . Protestpersarrnnlung. einkräftiges Wort gesagt worden. Die Herren Minister -sind beftemdet. Antisomitisnms? .Unterdrückung der Juden? /Wir iy unserem Ressort werden - dttrch solche Vorlvürse nicht getroffen. Mir san -eh' dje.reinstxnHamperln! Herr Waber hatkeinen Optionserlaß -lsiMnsgegeben, .Herr Frank nichtdie Raffen-- zählung ängeovdnet nnd Herr Schmitz hat nicht die jüdischen Führer der Sozicrwemokratie angeklagt, sich eine arische Terrorgarpe geschaffen ztr haben! Und am 'Samstag sinh Tausende, von Bulben in Reih und Glied unter mMtärischent Kommando durch die Straßen mar- Kreide ein großes Hakenkvortz Meichuet und dazugoschrie^ ben: „Parasiten hinaus!" Zum Pendant sei erwähnt, daß in einem Anstaudsraum der Universität die Worte prangen: „Nieder mit dem jüdischen Terkor! Hoch Hitler!". - An den Hochschulen wurde gestern die Ruhe nicht gestört. Die Numerus elausus-Frage irr Polen. Warschau, 6. März. (LÄ. -der' ,Mr.-MovgenzeitunH".)!- Die!hiesnge jüdische akademische Jugend veranstaltete: gestern eme große P r o t e st Versammlung gegen den Vorschlag -der Nationa-ldemokrätsn auf EiuMruug des- Nmnerus elausus. Die Abgeordneten Dr. Leon Reiche und Grünbaum betonten in ihren Reden die Unzulässigkeit der Einführung eines- Mmerus clausus, tvelcher der Verfassung- -widerspricht. Die Regl-erung -wurde aufgefordert,, gegen die Hetzpol-itik der NationMemokvaten an den HochschuTen aüszutveten..— Aus dieser dRelduug kann- Herr Prorektor F e r st e l-entnehmen, daß zumindest h\‘ Polen kein Numerus clausus besteht. Die Judenpolitik -ep Tschecho-SlowaTei. Während Oesterreich, wie jeder Tag beweist, immer tieserj in den Sumpf der Hakenkrouglevei gerät, bemüht sich die- Tschecho-Slowaker mit allem Ernst) He jüdische Dankbarkeit fest an ihren Staat zu binden und sich moralische ErobemngeNvon unaibsehharer Bedeutung zu sichern. Im ' „Berliner Tageblatt";. schrckrÄ /-der - Prager Journalist --Dr. Gustav Fuchs über dieses Dhrma; . - „Wie Robinson auf dem Eilande '-iwÄr^a^TsHe-'" . chent-um. mitten - im - .. antisWit-ischen Meer judensreundliche Politik . Im Morden,' Westen und Süden, umfangenvom deutschen Häkenkreuzlertuw, wächst ehemalige. Toleranz zur dollen Gteichber-echiigung -und nicht -b l o tzaus dem'Paprer. Es -ist auch Politik. Aber man fragt:: warum nicht auch anderwärts? Der Jude soll! nicht verbrannt, sortdetn Ver-lveudet lrerden int Dienste be§j Staates, im Dienste der Arbeit. Das in Dentschböhmen aus-'- gerichtete Hakenkreuz, die Flucht der Deutschnationalen vor! dem tschechischen Gegner in derr maudatsicheren Antisemi-^ . tismus erleichtert den Tschechen die Arbeit, aus dein beut*; scheu Juden nu r d,e n'I ud eA.zu. machen. Die tschechische; Gesetzgebung geht noch weiter. In dem Eniwuvf eines Gesetzes zum Schutze der Republik wird Antisemitismus zur; staatssemdlichen Aktion gestempelt,. seine llebn-ng in Wort,; Schrift oder Tat als schtveres Ber-Zeher^ gcahrcdet. Ziel der! 'Norm ist.Unterdrückung.der -im Zeichen des Hakenkreuzes' 'stehenden Presse." VersammlungsvevHoL? Das „Prager Tagblatt" meldet aus Wien: Sonntag sprach eine Abordnung hervorragender Kausleute aus dem; - 1. Bezirk -per Bundeskanzler Dr. Seipel vor, um über; die samstägigen Ueberfälle aus die Juderr Klage zu führen. Der Bundeskanzler erklärte, daß er die Vorfälle auf; das tiefste bedaure. Er verurteile die Rassenhetze. Sein Standpunkt in dieser Frage sei in seinem vor einigen-; ^Jahren erschienenen Buche festgelcgt, wonach er jede; Rassen-h etze als der christlichen Religion widersprechend auf das schärffte verurteilt. Der Bundeskanzler stellte? .in Aussicht, daß er in kürzester Zeit Maßnahmen treffen .werde, um die Wiederholung ähnlicher Vorfälle unmöglich' zu machen. Wie man erfährt, beabsichtigt der Bundeskanzler, im -nächsten Kabinettsrat den Vorschlag zu erstatten, wonach Maßnahmen-ergriffen werden, die die Whaltuug öffent- .l-icher Versammlungen einschränken sollen. schiert, haben;Männer und Frauen blutig geprügelt uifb dazu applaudiert, sind der Wache mit 'Messern zu: '.Leib gegangen und haben nath-der Verhaftung ans den; Polizeistuben ein Arsenal vvn Gmmniknütteln, Draht-z 'stücken und Revolvern abgeben müssen. Wo siitd die .Ausrüstungsstätten und wer belvaffnet diese Schuli jugend? Die Herren Minister, die..so bös angegriffen: 'wurden, denken angestrengt über die Konkretisierung! 'der erhobenen BoMürfe nach. Inzwischen besetzen; Hakenkreuzhorden die Tore der autonmueir -Universität! und weisen jüdische Skldetlten nn't dein Gnuunitnüttel; ab. Die Herren Minister haben ihr dtachdewkev noch!