Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1457 (4.3.1923)
- Date
- 1923-03-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Re. 1457 Mm, Sonntag Wiener Msraen-ettnns. 4. März IM Seite L!>.. Taborstraße 4 Telephon 47-1-73 En gros En detail Urteer Prinzip: -arlsnche. Dannstadt. Mannheim beseht. Siratzhurg, 9. Marz. (HavaZ.) Die französischen Truppen haben heute früh den Rhein auf Vix Brücke von Maxau Kberschritten, sind in der Richtung auf Karlsruhe vorgerückt und haben die Werkstätten von Darmstadt sotvie die Häfen von Mannheim und Karlsruhe besetzt, um die Zollkontrolle der Alliierten zu erpichter». . Große Srregnm kn Larmstadl. ' Darmstadt, 3. März. (Wolff.) Der Befehlshaber der französischen Abteilung erklärte den Brtriebsvorständen, daß die Besetzung lnä der Eingriff in den Betrieb ^in Versehen untergeordneter Organe sei. Man habe nicht die Absicht, irgendwie in den Betrieb emzugreifen, wenn die Arbeit und der Bc trieb sofort wieder ausgenommen wurde::. Als jedoch die Franzosen die aufgestellen Posten nicht einzogen, touxüte die Wiederaufnahnre des Betriebes vorläufig abgelehnt. Auf der ganzen Chaussee von Darmstadt bis Griesheim ist eine Postenkette eingerichtet. Der Bevölke-, rung hat sich große Erregung bemächtigt. Die Lebensmittelgeschäfte werden gestürmt, hre Schupo ist vorläufig zurückgezogen worden. Der Hauptbahnhof war bis heute noch frei, doch ist der Zugsverkehr eingestellt. Paris, 3. März. (Wolff.) Die Versuche, d-'e Diskussion über eine französisch-italienische Annäherung in Fluß zu bringen, werden trotz der Erklä- \ rung Mussolinis, haß er einem kontinentalen Block nicht beitreten tvevde, fortgesetzt. Heute verbreitet die Parier Nachrichtenagentur eine Meldung aus Rom, in gewissen römischen Kreisen werde der Austausch von Besuchen des italienischen Königs und des Präsidenten der französischen Republik vorbereitet. Suffak von de« Aaliern gerSnml. Rqck, 3. März. Heute ist gemäß der Vereinbarung der paritätischen Fiwnaner Kommission di« Räumungvon iSussak durch die italienischen Truppen ohne Zwischenfall erfolgt. N nun mehr wird die Räumung der dritten Zone Dalmatiens folgen. ftemal Wr bte SHebensfrage. London, 3. Marz. (Wellst.) Nach einem Telegramm der pTimeö" aus Konstantinopel erklärte Ke mal Pascha h: seiner Neujahrsrede noch, die politische" Ernte des Sieges Über die Griechen fei noch nicht eingebrächt worden, da m Lausanne kein Ergebnis erzielt worden fei. Das neue Jahr , werde vielleicht den Frieden bringen, es sei jedoch hesser, Voraussicht ' zu zeigen und jede Vorsichtsmaßnahme für den Fäll eines Krises zu treffen. Wenn der Krieg fortgesetzt werden sollte, könnten sich die Türken, die daran aut gewöhnt seien, auf ihre Armee verlassen. Das Leben, bedeute nichts ohne Unabhängigkeit. Im letzten Jahr sei die Türkei ohne irgend eine auswärtige Anleihe ausgekommen, ihre eigenen Hilfsquellen hatten ihr genügt, aber er. hoffe, sie werde auch im neuen Jahr keine auswärtige Anleihe brauchen.' Balsam bleibt im SBRerttntbrai. London, 1. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitun-g") „Daily Mail" veröffentlicht eine Erklärung des Sekretärs Lord Balföurs, in welcher dieser die Gerüchte über die Absicht Lord Balföurs,. aus dem Völkerbundra 1 auszutreten, kategorisch demen11ert. Sfir bte tlnteilborleit bes'Srof. London, 1. März. (Tel. der, „Wr. Morgenztg/^) Nach einer Meldung aus Bagdad wurde dem König Faisul eine von hundert hervorragenden Bürgern Unterzeichnete DenL'chrift überreicht, in tvelcher gegen alle'Versuche einer Teilung d.s Irak Protest Erhoben wird. Die Unterzeichner der Denkschrift, unter derben sich auch das Haupt des Stammes von M o s s u l befindet, fordern eine unabhängige R e g i e r n n g und erklären, daß sie niemals irgend einem Einflüsse, welcher die nationale Souveränitat des Irak zu beeinträchtigen geeignet wäre, weichen würden. Die Stämme und Burger des Irak seien entschlossen, gegen jeden Teilnngsversuch mit den äußersten Mitteln anzukämpsen. . Sie zahl der Notleidende» in der Ukraine v Berlin, 2. März. (I. C. B.) Nach den letzten au§ der Ukraine eingetroffenen Nachrichten sind dort 1,2 0 0.0 00 Personen auf öffentliche Nahrung Sun 1erstützung angewiesen. Bon diesen befinden sich im O d e s s a e r Gouvernement 350.000, im Gouvernement Ielaterrnoslaw 550.000 Personen. Vorschriften Wr die russischen ßmlgrantea. Wie das JdgM»m mitteR, desteHe» für die Emigrauten ans Rußland gewisse Vorschriften, nach denen , sie sich zu richten haben, wenn sie einen Ausreisepaß erhalten wollen. Zunächst muß sich der Emigrant die Einreiseerla./onis in das betreffende Emigrationsland verschaffen. Daß Paßgesuch muß dann bei der politischen Verwaltung und bei dem Volkskommissariat für auswärtige Angelegenheiten nngereicht werden. Männliche Personen zwischen 16 und 40 Jahren bedürfen außerdem noch die Ausreiseerlaubnis der m i l i t ä r i s ch e n K o m m i f f i o n; Per-» Jonen höherer Qualifikation, wie z. B. Ingenieure u n d A e r z t e, sowie Sowjetangestellte bedürfen ebenfalls e»nkr besonderen Erlaubnis. Jeder - Emigrant muß seine-rüa.mud'r..'» Steuern bezahlt haben. BeMwSrvngaanNage ln Sinftea. Rom, 2. März. Die „Tribuma" meldet, daß gegen die gesamte Leitung der-maximalistischen Partei wegen des von ihr an ihre Delegierten in Moskau ergangenen AuftvageS, f r e m d e Int ervention anZurvftn, die Anklage wegen B e r sch w ö r .u n g echoHon werden wird. — Der ,^ldauti" logt in 'seiner heutigen Nummer gegen die Verhaftung Terratis Verwahrung ein. Eine Kundmachung der Parteileitung fordert zur Einstellung der Polemiken auf. ■ V#'*. AM M Chaim Nachntan B i a l i k, der Sänger des nc^sh hebräischen Liedes, der Meister ' derwiedererwachleß alten Sprache, hat sein fünfzigstes Lebensjahr volleMjj Die ganze jüdische Melt, die an dem Erstarken der jüdtz schon Kultur unddamit der. sprachlichen Renaissanch Interesse hat, ehrt und feiert den größten Dichter dH neuhebräischen Epoche in der Zeit^ da er die SchweA des reisen Mannesalters überschreitet. Nicht an der Tag ist dieses Gedenken gebunden; das.hat die zentralst Organisation der Juden,' welche für die: hebräischt Sprachrenaissance eintreten, sinnfällig zum Ausdrug gebracht, indem sie das ganze Jahr, in welches Bialikä fünfzigster Geburtstag fällt, als Jubiläumsjahr bei zeichnete. . Eine Reihe Don berufenen Männern , hat hier daß Wort genommen, um BialiU Persönlichkeit, der nicht nur eine überragende dichterische- Erscheinung, sondern ein Publizist ersten Ranges, ein Forscher von gründlicher Tiefe, ein kraftvoller Kämpfer für. kulturelle, Er, Neuerung, kurz das lebendige. Symbol der jüdischen Er«? Neuerung ist, in einzelnen Darstellungen'zu. umreißech Das jüdische Volk möge nicht bloß suhlen, sondern Nüssen, daß es einen Großen in seiner Mitte hat, dem größte Ehre gebührt. Von Dr. Josef Meisl (Berlin). An der Wende einer großen Zeitepoche in-der Geschichstl der russischrn Juden hat Cheim Nachmänn Bialik daß Licht der. Welt erblickt und seine Jugend, verlebt. Die Hase kalah mit der russisizierenden Assimilation lag in deq letzten Zügen und ein« neue Welt war im.Anbruch. Bialif hat diese Evolution mit - allen Fasern seines tiefen, emp, sanglichen Gemüts aus-gekostet -und zu einer inneren Har» Monte verarbeitet. Er hat die altjüdische Tradition in. sich aufgesogen, er hat den Werdegangdc's Jeschibath Lachuj in allen Phasen dmchwandelt, er hat aber auch die weitq Welt geschaut, di« ihn nicht zur Vergessenheit seines Judenq tu-ms brachtet sondern ihm Ansporn und Bestätigung semey jüdischen Grundnote wurde. Eine frühreife Natur voq eruptiver Lebendigkeit, ursprünglich und unmittelbar, doil Sehnsucht nach jener Harmonie, die das schwere Lehen der Galuth-Juden nicht bieten kann — so war er als Kind^ wenn er in Gottes freier Natur abseits vön der Stratzq seiner Altersgenossen sich ev'-ötzte, so war er als Jüngling wenn er sich m der Welt der Agava, der Kabbala und dev Mystik vertiefte, so ist er alsder gestierte Dichter seines Volkes geblieben. „Nur einer bliebiMfi seinem-^rynd von Stein" — so singt er von Ächad Haam, dessen Einstuß auch er dich verdankt, und man könnte sagen, das; er damit sich selbst gekennzeichnet hat. Schon sein Debüt in der hebroischm Literatur „An den Vo^el" zeugt in der Tat von einer durchs aus eigenen Note, und wenn in rafch-r Folge seine Popu- Bialils „Hamathmid". Bon.David Rothvlnm. Zur Zeit als Bialiks »Hamathmid^ fortsetzungsweise ßvm erstenmal im „Haschiloach" verössentlicht wurde, weilte David Frischmann in Krakau. Hebräische Schriftsteller, Osias rrhon an der Spitze, veranstalteten zrr Ehren des schon damals berühmten Kritikers und Erzählers einen feierlichen Abend. IJn Ansprachen und Trinkspüchen, ernsten und launigen, wurde der Gast geehrt. Frischmann ließ alles Lob schweigend über sich ergehen. Man erwartete wenigstens ein Schlußwort. Auch dieses blieb aus. Als ich am nächsten Tag, einer Einladung Jrischmanns folgend, in seinem Hotelzimmer erschien, lag das haschiloach"- Heft aufgeschlagen auf dem Tisch. „Sehen Sie", sagte Frisch, mann zu-mir, nicht ohne Erregung in der Stimme, — „gestern las ich den .Hamathmid" und wurde lief erschüttert. Ich stand den ganzen Tag unter dem Banne dieser Verse. Ich konnte mich, bis in die Nacht hinein nicht fassen und nicht smnmeln. Das ist auch der Grund meiner Schweigens inmitten so lieber Freunde." . . Er fügte hinzu und seine Worte waren bezeichnend für die damaligen Literaturverhältnisfe und die eigene seelische Konstellation; „Einst mußte ich mir sagen: Sperre ich die Schubladen meines Schreibtisches in Lodz oder Warschau ab, so sind die Tore der ganzen hebräischen Literatur verschlossen. Heute aber leuchtet ein Stern über uns, er heißt Bialik. Ich sehe in seinem Lichte eine neue Periode vor uns. Ich glaube, ich bin diesmal kein falscher Prophet." Mehrere Jahre später — es war auf dem Haager Kongreß —( machte mich Schalom Aleichem, der Gütige, Mit dem großen Dichter, dessen Genius nur noch von seiner Bescheidenheit übertroffen wurde, bekannt. In später Nachtstunde setzte sch dann mit dem unvergeßlichen Humoristen am Gestade der Nordsee unter funkelnden- Sternen,'die sich im Meeresgründe spiegelten, die Behandlung des Themas Bialik fort, das wir nach allen Richtungen variierten. Der jüdische Mark'Twain ward ernst und seine Stimme vibrierte: Er sagte: „Zwei Tatjachen MteM gerne kM Ich war der uüe. der die Lebmifche Bezeichnung für „Großvater" (Seide) Reb Mendele fand: daS Wort „Saba" hübe ich geprägt uwd glaube, auch der erste gewesen zu sein, der nach der Lektüre des „Hanmthnuo" Biaük zum größten hebräischen Dichter unserer Zeit ausrief." Das Urteil zweier so Hervorragender, in der geistiger: Richtung und Art ihres Schaffens grundverschiedener Meister legt beredtes Zeugnis ab von der Wirkung, die ,Hamathmid" in der hebräischen Literaturgemeinde hervorrief. Seither hat der Dichter unsere Literatur mit einer wahren Fülle poetischer Schöpfungen beglückt. An visionärer Gestaltung überragen ,Are^ Toten der Wüste", an heiligem Zorn. ,Jn der Stadt des Mordes", an mystischer Tiefe „Die Feuerrolle", an poetischer Schönheit die Geistergedichte, an feinem Empfinden die Liebes« , lieber und an sprachlichem Schwung vieles andere — den ,Ha> mathmid.". , Aber die Sensation, die seelische Ergriffenheit, fast nrochte ich sagen, die Erlösung brachte „Hamathmid". -Die Erklärung hierfür liegt ausschließlich in der seelischen Verfassung und den inneren Verhältnissen des literarischen Judentums jener Zeit. „Die Sonne der Haskalah" stand tief im Mesten. Ihre Strahlen keuchteten noch, wärmten aber nicht mehr. Die Herzen lagen brach da und verzweifelten an der blauen Blume. Wohin sollte das Judentum? Welchem Schicksal ging das Volk entgegen? Juda Leib Gordon hatte seinen Wehruf hinausgeschmettert: „Für wen mW ich mich ab? Bin ich der letzte Dichter Nicht?" Das krampfhafte Streben nach Befreiung von der inneren Knechtschaft brachte die Erlösung nicht. Die Befreiten gingen in Scharen dem Judentum verloren. Der glatte Btuch mit der Tradition wirkte tragisch. Er war sine Verzweiflungstat. DaS gvfetzeStreue Judentum, wurde verpacht, seine Uebertreibnngen verspottet und gebrändmarkt. Chassidismus wurde für Dummheit uyd Schwindel erklärt. In Smolenskis. berühmtem Romane .Hatoeh" ist der Chassid der Missetäter und Müßiggänger.' Brandstätter, Smolensk: wablverwandt und von ihm gefordert, schüttete die ganze Dange.seines ätzender- Witzes über den Wunderrabbi und seinen Anhang. Und der Dalmndiünger? Der Chlvwvsch, Both Hamidrasch und Hamath:nk2? Er war bald litemrischer Prügels knabe,<bald Ge^nstand mit-IeidrM:n Lächelns, bald Faulpelz, bsÄ der Mr die meükchliche Getelljchall ^»rlorem Gsüv. M« blickte ja auf vre grnze rabb'.nffche Zeit cklS auf eine unMSfelrge Epoche des Juidrntums zurück. Und was sollten diese, armseligen -Ueberbleibfel einer überwundenen Gvfftesrichtung inmitten lebender Dlenschrn? Da kam Bialik und Machte den Tcklmudsünger zum Trägsi^ eines Poems. Er hob ihn zum Schicksalismenschen empor, zsigtLj chn im GLanye einer leuchtenden jüdischen WeltarschauMg und' stempelte ihm zum Märtyrer. Cr schwang ihn m4t einem' prophetischen Rück über die Köpfe aller Bolksglkder. Er leuchtch» 1e in -die tiefften Tiesm der Seele des Jünglings, dieses Kindes, das sich dem sichern Untergänge, weihte, , einem Ideal züliche. Er stellte seine Kvcvst über drn FÄs, den bie M-eeresWelle« feindliich umspülen. Er feierte, bewunderte und liebkoste ihn, denn der „HamathmD" schveiket auf der Brücke, die vor« unpenklic^n Zeiten -in die Gegenwart führt. Er ist - unser Schatzbvwahrer, der' Hüter unserer gchermen Kvast, unseres ganzev RätsÄs Lösung, ' \ So zeigte Bvalik den „Ha-mathmi^. Wenn auch die ketztm Zeilen stines Poems mit einem schweren Seufzer schließen.^ in unseren Herzen hat er die Fackel der Hoffmvng und FveuLl entzündet. , .. * Die Spötter verstummten. Der Sturm und Drang regdsich. Die große Erkenntnis von der Kontinuität der jüdischen' Geschichte ging auf. Den Herzen wurde'die Liebe zum- Volke wieidergegvbenl Man erkannte, daß die bloße Befreiung au3 innerer Knechtschaft wiLer Lösung noch Erlösurg ist. Nur da:' Gefühl der Zufammengehörigksit ist beglückend, und alles verstehen heißt alles verzechen. Peroz, Nom-Serg, Stöinberg, Bechi-.. ezewski, Rabbi-nowitz führten die große literarische Versöhnung, mit dem Chassidismus herbei, und machten ihn so zur Ouel* schönster literarischer Schöpfung. Es war eine wahre Moderkchr zum Volkstum, die sich afleuthaWen vollzog. - Bialik ließ iw-'„Hamathmrd" - .die'Tvadtt-io« .tm' Elorif«^ schein ergliänzrn.. Er faßt« häs Judentum an seinem Lebens-! nerv an und w«8 auf die Quelle'hin, der wir letzten Endes unsere Existenz-- und. die Bewahmng unseres Volkstums zu verdankm Haften... . - - ... - So wurde-e^nüs picht 'mir' der Dichter., .iou-del-n aüchl ÄLeEwesier urch Prophet» -la-airtfirtfit-'it