Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1455 (2.3.1923)
- Date
- 1923-03-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Lrisck-jüdiscbes Verbrüderungskest Mvtr im Restwrant „Zur Stinkbombe" große Hakenkreuzler-DerbrüdernngSfeier mit dev bode-ständigen Juden. Sprecher: Dr. Walter Riehl, Siegfried Fleischer. Gnmmiknüttel mitbringen! Heil! Usfischkin eimssr Scheck von tausend Billionen Sowjetrübel erlegt. Heute nachmittags fand ein offizieller Empfang der Wiener Abordnung durch den Hohen Kommissär! Sir Herbert Samuel statt, dessen warme Begrüßungsworte i Banvat Kempler mit einer hebräischen Ansprache j Leantwortvde. Sir Hevbert Samuel drückte seine besondere Zufriedenheit darüber aus, daß die Wiener „bodenständige" Judenschaft sich mit solchem Eifer an dem alljüdifchen Werk ^des Aufbaues PalDinas beteilige. Heu-'e beginnen die Affenstierungen für eine neue jüdische Legion, welche .jfes Wiener Professor Dr. Königstein vornehmen wird. Tagesbericht. -er Prunkstuhl im Seiteuftetten-Temvel. Ein Kanapeeprozetz. Gn begeistertes Gemeindemitglicd widmete für den Soitenstettentempel, der jetzt renoviert wurde, eiren Pvunkseffel im R^naissaneestiil. Daraus entstand im Schoße des Kuitusvorstandes ein Kanapeeprozeß über die Frage, ob ' dieser Sessel dom Obervabbiner oder dem Präsidenten als Betsitz zu dienen habe. Da weder die Wiener Juden «och unsere Redaktion jetzt andere Sorgen haben, als di« Lösung der Frage der Prund'tlchlverwendung 4m Seirensdettentempel, suchte ein gelegentlicher Mitarbeiter unseres Blattes den Kultus- Präsidenten» Generaloberstabsarzt 1. R. Dr. Alois P i ck. auf Md berichtet nns hiermit über den Verlauf seines mit dem Präsidenten geführten Gespräches. Ich: «Wie steht's mit dem Stuhl, Herr Präsident?" Präs.: «Danke der freundlichen Nachf:age gut. Aber Mst Pflege ich diese Frage an mnne Besucher.zu stellen." Ich: „Immer witzig, Herr Präsident, und immer beim Fach, aber ich meine den Prunkstuhl im Seitenstettentempel." . ' . V ' Präs.: „Ach so, da kann ich Ihnen leider.keine Auskunft geben. Da müßte ich erst die hohe Meinung des Herrn Amrates Kempler emholen." Ich:??? Präs.: ,Mlvmn? Zehntens hat er als Architekt zu be- Merlen, wo der Stuhl aus innenarchitektonischen Rücksichten stehen soll, erstens aber — ich verrate Ihnen wohl kein Geheimnis — sitze ich ja hier selbst auch gewissermaßen auf einem Prunkstuhl, der eigentlich dem Bauvat Kempler gehört." Ich: „Immer wieder der Baurai Kempler. Was ist eigentlich mit dem?" *" Präs.: „Daist so einer, den niemand mag und der deshalb ursprünglich zum Präsidenten gewählt wurde. Wissen Sie, so eine Art Dawke-Präsident. Er will immer das Gegenteil von dem, was alle anderen wollen, und da er feine Pappenheimer kennt, machen diese ihm die Majo- Ätät." Ich: „Ja warum sitzen Sie denn da, Herr Professor, Lud nicht der Baurat Kempler?" Präs.: „Ja wissen Sie, das ist so eine eigene Sache." (Seine Stimme dämpfend.) „Wir haben auch Zionisten hn Borstande. Besonders der Dr. Plaschkes, das ist das enfcmi lerrible des Vorstandes." Ich: „Terrible — mag sein, aber Infantiles habe ich an ihm noch nichts bemerkt, höchstens, daß sein Glaube, daß diese Gemeinde mit dieser Majorität vorwärts kommen könne, wirklich kindisch ist." Präs.: ,Ia, wissen Sie, man konnte ja mit den Zionisten ganz gut auskommen, wenn die sich damit begnügen wollten, für uns zu arbeiten, aber sie lassen sich nicht beherrschen vom Kempler." Ich: „Und von Ihnen lassen sie sich beherrschen, Herr Präsident?" Präs.: „Ru, herrsche iä>?" Ich: „Wir sind, Herr Präsident, von unserem Thema abgewichen, kehren wir zum Prunkstuhl zurück." Präs.: „Also gut? Die Widmung hat wie eine Rizmusöombe gewirkt. Es entstand die peinliche Frage, was der gan-e Verstand mit einem Stuhl ankaiwan soll. Man Trauet vrstWmrmms. _ war ja so ziemlich einig, daß die Auszeichnung eines quasi Ehrensitzes im Tempel, dem'Oberrabbiner gebühre. Aber der Kempler machte Einwendungen. Wir leben in einer Republik, wir seien eine Laiengemeinde, dürften nicht klerikal erscheinen und überdies könne es ihm nicht, passen, wenn es ihm einmal gestattet werden sollte, den Präsidentensitz einzunehmen, nicht auch im Tempel Jemen Herr« scherthron zu haben" Ich: „Ist nicht vielleicht der Stil des Prunkstuhles ein Fingerzeig dafür, daß er dem Oberrabbiner zugedacht 'st? Ich höre, daß das Kunstwerk im R e n a i s s a ne e st i l gehalten ist, da ist doch der Oberrabbiner der richtige Mann, sein ganzes Leben ist der Renaissance gewidmet: der Renaissance des jüdischen Volkes, . der Renaissance der Gemeinde." Präs.:- „Ja, wissen Sie, sehr schö-t, die guten Absichten des Oberrabbiners in allen Ehren, aber erlist wie ein Kind, er weiß nicht, daß der Kultnsvorstand in seiner jetzigen Zusammensetzung kein Boden für Renaissancearbeiten ist, da macht man doch nicht solche Sachen." Ich (für mich): O. heilige Einfalt! v Präs.: „Was meinten Sie?" Ich: „Ob diese Prunkstuhlkrise noch irgendwie Leigelegt werden könnte?" Präs.: „Odoch, auf die einfachste Art von der Welt. Wir bekommen noch einen Prunkstuhl für den Präsidenten, so hat der Oberrabbiner seine . Renaissance, der Kempler seinen Thron und ich meine Ruh'." Ich (mich verabschiedend): „Ich danke, Herr Präsident." Präs.: „Darf ich auch wissen, für welche Zeitung Sie schreiben, Herr Redakteur?" Ich: „Ich bin der ungelcgentlichste Berichterstatter des jährlich einmal erscheinenden Purim-Blattes." Präs, (rührend gutmütig): „Ra. dann ist es ja gut. Ich bitte Sie nur, die Angelegenheit mit gebührendem Ernst zu behandeln." . - Ich: „Gewiß, Herr Präsident/' Ms der Wiener zionMcken Bewegung. Bon der Keren Hajessod-Kommission. Die Wiener Keren Hajessod-Kommission hat beschlossen, die Arsschrift „Geschätzter Gesinnungsgenosse" nur ' jenen Zionisten zuzubilligen, welche die Schätzungskommisson des Keren Hajessod mHandslosv passiert haben. Kongreß-Wahlen. Dem Zionistischen LandeAomitee ist ftlgende Anregung zugekommen: Mit Rücksicht auf die bevorstehenden Kongreßwahlen empfiehlt es sich, jene Scheke-lzcchler, welche freiwillig auf ein Mandat verzichten, rechtzeitig zu, vermerken. Zusatzantrag einer Gruppe rvgelmäßiger Kongreßbesucher: Alle übrigen Wiener Schokelzahler.müssen Mandate erhalten, zu welchem Bchufe sofort Bechandkmgen direkt mit Chaim Wetzman« eutzulleiten sind. Achtung! Parteitags-Delegierte! Diejenigen Delegieren des letzten Parteitages, die keiner Kommission angchorten, werden ausgefordert, sich beim Sekretariat des Lande s-komilees zu melden. Sollte die Anzahl solcher Delegierter die Zahl drei übersteigen, wird am nächsten Parteitage noch eine Kommission kreiert 'werden. An unser-. Frauen! Der.Andrang zur zionistischen Frauenarbeit hat derart beängstigende Dimensionen angenommen, daß leidet zum Abbau geschritten werden muß. Als Entschädigung erhalten jene Damen, welche freiwillig das Feld räumen — für die bevorstehende Sommersaison. ein ganz entzückendes Dirndlkost um. Bom Mischen NatiomifonÄs (Seren Jtoiemetö TSftaeD.; Die Haup'kommission des K. K. L. hat ein neues Spendenmittel geschaffen, das in weitesten jüdischen Kreisen dankbare Aufnahme, finden wird. Es . soll eine Brith-Mila-Spende kreiert werden, welche jedem . Juden überreicht werden soll, der dem Mischen Volle mindestens acht Söhne geschenkt hat. Hingegen verpflichtet sich jeder Vater einer dritten Toch er, dem K. K. L. einen Betrag in der doppelten Höhe der Brith-Mila- Spende zuHus'ühven. Dafür wird jedes Jahr für die Spender von vertrauenswürdigen Personen in Palästina Kadisch gesagt werden. Man rechnet auf sehr günstige Resultate. Die Vorarbeiten zur Ak.ivierung der Spende haben bereits eingesetzt. Sie erfolgen siprengellveise. Gitt seltenes gubilstum. Heute albends fnidet im großen Saale des Restaurants „Zum aufgehängten Ha man" eine seltene %em statt, welche zahlreiche zionistische Freunde des Jubilars, des bekannten zionistischen Propagandisten Dr. N. M. Grüner, vereinigen wird, welcher an diesem Tage feinen 500. Vortrag über „Napoleon und die Juden" hält. Der Jubilar hat aus diesem Anlasse zahlreiche Mückwunschdepefchrn und -Adressen von seinen Wiener Verehrern, aber auch aus den verschiedensten. Ländern, namentlich aus Polen, Amerika und Südafrika erhallen. Seine Freunde haben für den heutigen Tag eine- Festschrift vorbereitet, dis Beiträge namhafter Geehrter enthält' A. Müh rss» 6i|iiHi»ifriti[(e Pule! fit StjtouU * WW Ml * Heute den 14. Adar in der Volkshalle des Rathauses grotzß proletarische Purimfeier. Festredner Abg. Dr. Ott- Bauer, Anzünder» her Purimlichter mit HakennäSler» Chor Oberkantor Abg. Austerlitz, hierauf Dortrag Über Purim und die vierte International- Abg. Dr. Danneberg. Jüdische Genossen erscheinet in Massen! * * * kim Hochzrttsfeier aus dem NteraMrn Men. 'Extern ha! »m Eflleitftetteittamjwt dic DermäWwg de» bekannten Redakteurs der „Neuen Freien Presse" Karl Kr aus mitder rühmlichst -bekannten Kriegsbnichterstatterm und Knnstphotog<ra>ph'm Alice Schale! stattgoftuden. Die Feier, welch.' in allen Wiener literarischen Kreisen Sensation hervorrivf und an der die gesamte Journalistenwckt wilnahm, wurde mit den Klagen des Regimentsmarsches aus -der „Letzten Nacht" eingelettet, welchen die Kapelle der Irv-ntkümpfervev» einigung vortrug. Als Trauzeuge des Bräutigams fungierte Dr. E-rnst Benedikt, für die Braut J-ngenieu-r R., der bc>lannte Ew'k.ckcr des „Gmbenh>"udes". Das glückliche Paar hat die Hock-zeiisreise nach Monfalcone angetreten und wird die Flitterwochen m den Schützengräben des Jsonzo verbringen, Verleihungen und Frnemuaara. Seine Mcr'astät der E i -s e n k ö n i g Bressibart hat mit Wivksamkeit für den 15. Adar zu verleihen geruh't: dem öfterreichlichen Bunidesfinanzm'.nister des Aeußern Dr. Gvüntbevger und dein Bundesfrnane,minister Dr. Kienböck eine av'tsche Raiffenrnbrik mi-t Nachsicht des Nachweises; dem Pr-äsildenten der israÄitischen Kultiuss?.m-cWde in Wien Generalstabsarzt a. D. Dr. Pick den Orden für Bcder.ständigj^'it amld breiten Bande. (mit Nachsicht des Nachweises); dem Sekretär d« österroichisch-israelitischen Union Siegfried M.ischer das Pvovisionsverdii.nstkreuz mit der Goldkrone (mit Nachsicht der Fc..'i>evuM); endlich dom Wolf Pappenheim, Präsidenten der Wiener Agaduß-Iiswvl, wohl nicht den Tidol, aber den Ehaivakter eines Ehrenmannes; dem Chefvdakteur des „Nonen Wiener Journals" Lippowitz den persönlichen Adel mit dem Prädikat. Edler v. Wahllos und Scherenschnitt, Halenkrenzler beim BreMmt-Fllm. / GÄtevn kam es im KMenmum eines hiesigen KimoS g» einer Panik, welche leicht für.die den Raum füllenden Personen verhänismisvoll hätte werden können. Zwei -junge Leute, anscheinend tzochschüler. mit gelbem, dauergewelltem Haar, die chr Hakennaskreuz und das goldene Hakkenkreug im Knopfloch ostenvat'w qur Schau trugen, wollten nicht atbwarten, bis in der langgostveckten Polo.naist' die Reihe an sie käme und versuchten» sich Mva-ltisam den Weg zum.Schalter zu bahnen. Als sie sich in antisemitischen Ausdrücken gcsüelen. dreht« sich der vor ihirrn stehewde ansMeichnete Außenseiter d.r Hakoah N. um und gab den Kvei vcvdächt'igon Autisomrten fe einen Boxer, daß «ihre Nasm eine rassenmäßig -omtvandfr>.ie Gestalt annahmen. In diesem Moment verbreitete sich 4m KassenrMim dcS Kinos ein penetranter Gestank, daß mchrere Frauen in Ohnmacht fialen, und das PuW-ikum begann u.nt>.r dem Rufe „Stinkbomben" dem Ausgang zuMtrömen. Be>i der Polizei, wohin sowohl der Hakoahner als auch die beiden Hakenkreuzler gebracht wurden, konnten die Hcvkenkveuzler Nachweisen, daß sie schon zumindest seit zwei Jahren Urchristen und Förderer des Szabo-DetachementS sind. Persönlich haben sie sich bisher an Ausschreitungen nur als Geldgeber betei'Dgt. Bei ei-n.r Leibesvisitation stellte der Polizelibeamte fest, daß der Gestank im Kassenvaum nicht von ein« Stinkbombe hevge-rührt haben dürfte und daß es sich um einen rein physiologischen Prozeß handelt. Infolge de- Boxers des HakoahnerS fiel nämlich den hakennaskreu^lerische« Dvuischnattonailen der Haken-kre-nzlermmt in die Beinkleider.., Die Aim'.shandlnng gegen die drei Beteiligten wird fovtigefttzt. __ Lar Haken-Mogeu-Lowid. Aus Berlin wird unS gemeldet: Der Nationalivevband der deutschen Jusden hat b.Mossen, seirrm Mitgliedern das Tragen eines Hake n-M o g e n-D o w i d als Bereinsaibzeiche« zur Pflicht zu machen, um ihre Zugehörigkeit zur rassenrei-n-en deullschrn Kultur zu dokumentieren, dabsi jedoch nicht pt Kreuze kriechen zu müssen. Schlachmoner. Was schenken wir zu qtarim? Unseren Lesern: Einen Topf Druckerschwärze -zä. gelegentlichen Nachfärbeu unleserlicher Zeitungsexemplare der „Wiener Morgenzeltung". DenAssimi lauten: Allen verfügbaren Farbstoff zum Schönfärben, weil wir keine Verwendung dafür^ haben. Ter A g u d a h r Herrn Slegftied Fleischer, den sie für, Peffach auf CharoseS verwenden kann. DenPoaleZtonr Ein Hausmittel zur Bekämpfung . des Spaltpilzes. Dem Bundeskanzler Seivel schenke» wir den 8foftßvr%