Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1454 (1.3.1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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MLrU, i/OltUjSWIfltg Veke» in m VolksbaHe des ÄaSharries. Ta^SLaa. s 3 mr «achm lta s Gegen die antisemitische Erscheinen ist Ehrenpflicht l Sie tschechisch.imgarikchrn Wlrtschasts. Verhandlungen ab»>ebn>chen. Bv-apesi, 28. Februar. (Del. der „Wiener Morgen- Feitung".) Die tschecho-^lowaMch-ungarischen Wirt- ^chaftsverhandlungen, welche am 20. Februar wieder ausgenommen worden waren und knapp vor dem Abschlüsse stunden, wurden abgebrochen. Die tschechoslowakischen Del agierten ersuchten um eine dreitägige Frist, inn neue Weisungen aus Prag einzuholen. Wie „Nemreii Ujsag" .erfährt, werdet* die Verhandlungen wahrscheinlich überhaupt nicht mehr ausgenommen werden, weil die Standpunkte der verhandelnden Parteien unüberbrückbare Differenzen aufweisen. Seitens der tschecho-slowaklschen Delegation verweilt derzeit nur Sekretär Friedmanst in Budapest. Las Vermögen Hawmtzs soll beschlagnahmt Vierden. Budapest, 28. Februar. (Tel. der „Wiener, Morgen- Feituug".) Wie „A Nep" aus verläßlicher Quelle erfährt, richtete das Staatsärar eim. Eingabe an das Gericht, das Vermögen'-des 'emigrierten ungarischen Schriftstellers und Politikers Baron Ludwig Hatvany zu beschlagnahmen. Hatvany.lebt in W i e n und war noch vor kurzem Geldgeber des Wiener ungarischen Blattes „I ö v ö". Hat-. vany, ein Mitglied der Jndustriellensamilie Hatvany- Deutsch, gehört zu den bürgerlich und patriotisch orientierten Emigranten. I-r KommenlMaMMbal. , Btchap'st, 38. Februar. (Tel. der „Wr. Movgenztg") Die Polizei hat die BomMterfuchung gegen die vier Direktoren der Bndaposter Filiale der Wiener Kommerzialbank nunmehr beerldiigt. Die Direktoren P a r o n und P o g a n y legten ein GchuMekemdtnis ab, dagegen verharrten die Direktoren Markus und Gal bei ihrer bisherigen Rechtfertigung. Heute nachmittags.gelang es, auch die beiden letzteren zu einem Geständnis zu bewein, worauf alle vier dem Landes geeicht orngoliefevt wurden. In die Affäre 'scheint auch .sind große Zahl vor. anderen Vankiststttu-ten verwickelt,, und die polizeiliche UNtersnchmrg wird' .in den nächsten Tagen aus insgesamt M Banken chrch Bankinstitute, bei denen Äe Direktoren der. .KoMnerziBbank vermutlich Guchaben evlisgen. hatten, ausgedehnt werden. Auch gegen eine Unzahl wn. PÄVÄpevsor'.m, die im Verdachte stehen, die Dirvktoren bei ihren betrügerischen Geschäften unterstützt zu haben, , wiÄ) das Verfahren smgeleitet werden. L« Geld Pr die KllllnrtmternehmmsgM der krwachrnden. Budapest, 28. Febvuar. (Tel. der „Wr. Morgenztg") In -er NatioMversammlung richiete Abg. Rudolf R u p p e r t die Anfrage an. die Ragiemng, aus welchen Mitteln die extremautisemivlschm Regierungsblätter „A Nep" und „Szozat" ihre Druckervirechnungen beglichen habm und sich sogar eine eigene Druckerei errichten konnten. Die beiden Blätter wurden jahrelang in der Druckerei des destruktiven „Az Est" hergestellt und blieben die Zahlung schuldig. Endlich leistete der sogenannt« „Nät4or«Mevband"' hie Zählung, und zwar in der Form, daß er das NaKonale Kreditinstitut zur Beistellung des nötigen Betrages ztvang. Abg. Nuppert besprach auch den Besuch des Reichsverwosers .in den Räumlichkaiten der Druckerei „Stadium", wo die Zeitungen „A Ne-P" und „Szogat" hergosteltt werden. Der Rrldner Ächtete heftige Angriffe gegen die Politik ' dieser Blatter, die oine vechtsextreme Tendenz verfolgen. Miinilfter des Innern v. Ra?ovszkY erklärte, die Darilegungen dos Interpellanten seien einseitig. Die Regiermg sei für alle Handlungen des Staatsoberhauptes verantwortlich. EhMche ungarische Männer hätten mit ehrlichem Geld eine neue Druckerei errichtet, (sie!) Der Besuch des Staatsobe rhaupttos habe diesem kUltuvellen -Untevnchmen gegolten und dürfe keineswegs als Stellungncchme für die Politik der dort hergestellten Zeitungen betrachtet werden. . Lesider Polonhi vemrteitt. Budapest, 28. Februar. (Tel. der „W:. Morgenztg/") Der bekannte Rechtsanwalt Desider Polonhi, der einen Staalsanwalt in einem Pvesseartikel wogen seines antisemitischen, Benehmens angegriffen hatte, wurde heute zu drei Monaten Gefängnis und 40.000 Kronen Geldstrafe verurteilt. Ler mgarische Flnanzmwißee Wer de« MitsvorMchlm. Budapest, 28. Februar. (U. T.-K.-B.) In Erläuterung bcäy Staatsvorauschlages führte Finanzminister .Doktor Ka llah folgendes aus: In Friedenszeiten konnte das Defizit durch ausländrsche Anleihen gedeckt werden. Jetzt ist diese Möglichkeit kaum vorhanden. Manche wünschen eine Rückkehr zur Goldvaluta. Diese wäre aber ständig nicht möglich. Ein vorübergehender Versuch würde schwere wirtschaftliche Störungen nach sich ziehen. In der Finanzge-barung vermag der Minister seit feinem Amis-» antritt einen großen Fortschritt festzustellen. Die Steuerverwaltung funktioniert viel besser, das Steuersystem, wurde ausgebaut und eine Steigerung der, Einnahmen ist unverkennbar. Die großen Schwankungen der Valuta haben aufgehört. In den prälimmiertm Einnahmen, deren Hauptsumme 80 Milliarden beträgt, ist keinerlei Neubelasümg deif Steuerträger geplant. Der Ausbau des Steuersystemsist be< ndeh und^ nur noch, die Einbringüng des neuen.^:-MWMMttnrssew angepaßM Steuergesetzes sowie ein Gesetzentwurf über die Getreide si e u 11 ist zu gewärtigen. Die S t a a t s s ch u lden betragen nach dem Status vom 31. Jänner ungefähr 5 0 M i l l iarden. Der Trianonex Vertrag hat dem Staate die Garantie für die PritiaLen Schulden seiner Untertanen an England, Frankreich, Belgien und Griechenland in der Löhe von 17 0 Millia r d e n aufgebürdet. Diesbezüglich gedenkt der Aiinist^r demnächst einen Gesetzentwurf zu unterbreiten. Der Abbau der Bkam'.cnsch.,ft ist eine dringliche Notwendigkeit. Der ) Münster verweist darauf daß das Land aus denk Vrelrexport sich uve größere Summe ausländischer Valuten bescha'sen kann, deren es verlustig werden würde, wenn der Sraat zu Viehlieserungen für Wiedrrgutmachungszwecke. g r z w u n g e tt werde. Die staatlichen Betriebe weisen Ausgaben' von' 75 Milliarde» auf, wogegen sich Pie Emnahmri, bloß aus 25,2 Milliarden belaufen. Die Staatseisenbahnen allein haben ein Defizit von 26.7 Milliarden. Es müssen Mittel gesucht wer- - den, daß sich die staatlichen Betriebe rentabler gestalten. In Verbindung damit ist eine 9! e.fo.rm der Postsparkasse j; geplant, die mit der Geldmsütutszentrale in engere Verbindung gebracht werden soll. Die Entwirrung der Lage wird dadurch erschwert, daß die B a n k n o t e.n p resse fortwährend zur Deckung der Ausgaben in Anspruch genommen wird. . . Die Höhe der Ausgaben für die Armeedie mit 16 Milliarden veranschlagt werden und sich infolge der inzwischen eingetvetenen. Teuerung noch erhöhen werden, ist auf den Trianöner Vertrag zurKckzuführen, der Ungarn Zwingt, ein kostspieliges Söldnerheer zu halten. Die Verminderung dieser Ausgaben wäre um so wünschenstoerter als ja Ungarn ein so friedfertiges, -keine kriegerischen Absichten hegeüdes Land ist. Der Minister bekannte sich als Anhänger vollständiger wirtschaftlicher Freiheit und möchte am liebsten die ganze Verbotsliste fallen lassen. Die Liste werde übrigens einer abermaligen Revision unterzogen' werden. Die Devisenzen- - trale sei unbedingt notwendig und sie könne keinesfalls aufgelassen werden, Am Schlüsse seiner Rede befaßte sich dev Minister mit dem Börsenkostgeschäft, dessen Mißbräuche er verurteilte. , . Hole«. AMemMsche Terrorakte. Aus Warschau meldet I. C. B.: Nach dem TonG-en» attentat aus die Wohnung des jüdischen Abgeordneten Doktor W e i n z i e h e r in. Bendzin wultde gegen die Wohnung des Arztes Dr. M e l o d i st a, der ein Mitglied -her Mahlkommission der nationalen Minoristen war, ein Bom-benattenE verübt, Auch dieseslnal fehlt den Bchörden jcbc Stzur von den Tätern. - M Fnkge Ües MWrn MWßM«w Kowno, 28. FÄruar. (J., C. B.) In der am vergab» Mkien Mittwoch, abends, stattgefu-ndenen Sitzung dev Kawnoer Mischen Gemeinde wurde eine Resolution an-, genommen, in welcher gegen die beabsichtigte Ernennung des Kreisrichters Fried mann zum Minister für j ü d i s ch e A n ge l eg e n Herten, energisch protestier- -und gesagt wird, jede Person, die gegen den Willen der; ' getpählten zentralen jüdischen Organe den Posten eines jüdischen Ministers an nehmen wird, werde , von der jüdischen Bevölkerung als Zerstörer ihrer Autonomie und als Gegner ihrer nationalen Rechte betrachtet' werden. \ Diese Resolution -wurde vom Gemeindevorstand dem Präsidenten der. litauischen Republik sowie der Regierung übermittelt. Unser Prinzip: Gut und billi »««- tan l Schiff mann Rutsche Modeyhilgsovhie. Graf Keyserling hat m Wien drei Vortrage gehalten. Da er nicht Fachphilosophie vortrug, sondern „Lebensweisheit", so ist es auch dem Laien in Sachen der Philosophie gestattet, seinen Eindmü wiederzugeben, der übrigens bei der gesamten Hörerschaft fo ziemlich derselbe war. Schon in seinem vrelgrlesenen.„Reisetageöuch" hat Keyserling sich als ein Allesversteher offenbart und der Leser hat das unangenehnre Gefühl, daß der Autor zwar ungemein viele interessante Dinge erzählt, daß ihm aber dtrs eine fehlt, das allein den Philosophen macht: der intellektuelle Charakter. In seinen Wiener Reden hat er aber den Gipfel dLr Modephilosophie erstiegen. Einige Beispiels: In seiner zweiten Rede erklärte er, der Osten besäße den „Sinn", der Westen deü „Ausdruck". Nun habe der Westen die Aufgabe, die „Synthche" zwischen Sinn und Ausdruck zu schäften. In seiner dritten Rede entwickelte er, daß alles Gvcßr einseitig sein müsse (eine völlig neue M'aihcheit!), daß jede Bewegung zugleich ihre Gegenbeweguug sei (eine oberflächliche Reminiszenz an den gewaltigen Hegel), daß aber der „Fortschritt" zur inweren Vertiefung dazu führen wird, die alten -Gegensätze „kontmpunktisch". zusm'nmenzusassen. Der Westen habe die bchondere Mission, die Welt in Aufruhr und Spannung zu versetzen, denn durch das „allgemeitle Zitterst der Erdoberfläche" kann eine neue Gefamtmelodie entstehen. Diese Proben mögen genügen und in ihrer abgründigen Tiefe für sich selbst sprechen. Was uns mehr interessiert, ist sein Urteil über das Judenttim. Keyserling s^gtl dt^ß der „extrem einstitige ethische Impuls der Juden" .'rnmillen einer anders eingestelllsn toleranten . Welt so stark war, daß alles seither vom Alten TWmr»t auSgM Sehr gut Ibis aus die Toleranz der nichtjüdischen Welt, die sich in blutigen Kriegen, Sklaventum, Grausamkeit, Tyrannei usw. ausdrückte), aber dann ist es fraglich,' ob irgend etwas Großes wirklich durch „kontrapünktnchö" Zusammenfässung der. Gegensätze entst.Hen wird. Keyserling selbst rückt von der ethischen Einseit'gknt erheblich ab, wenn er die Idee des ewigen Friedens als Utopie und dm Weltkrieg — den er schon im „Reis'öwMbuch" verstehend rechtfertigte — als den „kürzesten Weg zum Sinn" angesichts „der Blindheit und Oberflächlichkeit der.Menschen" erklärt. Es ist wahrljch ein ungeheurer Fortschritt zu neuen „Smneszusammenhängsn" .(ädeyserlings .Lieblings- Wort), Ittt bic deutsche Philo'öphie seit Kant getan hat! Dieser veraltete, noch nicht innerlich vertiefte Philosoph hat bekanntlich vor 130 Jahren ein Buch „Zum ewigen Frieden" geschrieben, in dem er ausgeführt hat, daß nur eine Födemtion freier . Staaten 'Träger des Völkerrechtes und Bürge des Völkerfriedeus sein könrren, hat es aber leider nicht vorMlsgeseben, daß sich die deutsche Philosophie von seinem ethischen Imperativ abw'enden werde (dt.'nn Keyserlings Standpunkt ist, wenn er es auch nicht geltm lassen will, ein: Wut comprendre c'est tout pardonner), denn sonst hätte er nicht in jener Schrift empfohlen: „die Maximen der Ph.ilosoPhie"Ü'öer die Bedingungen der Möglichkeit des öffentlichen Friedens sollen von den zum Kriege gerüsteten Staaten zu Rate gezogen werden." , Kant trieb eben bloß simple Fächphilosophie, und wie wenig Verständnis er dev sublimen „Lebensweisheit" entgegenbrstchte, ^zeigt eine weniger bekannte Schrift von ihm, die aber anläßlich des Ausbrechens der Wcisheiisepidentie sehr nützlich zu lefen wäre. Sie heißt: „Von einem neuer-- dings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie" (1796). In ihr wacht er sich, über „die alleruoueste deut- Taborstraße 4® Telephon 47»fl*79 Eb> gros Es» öeftafl; ^iiirwwwaiwiiiniimi»iiiiinum» ischr Weisheit" luftig, die „durch's Gefühl philosophiert", anstatt „durch Philosophie das sittliche Gefühl in Bewegung unv Kraft zu versetzen"«, und gegenüber dem „Ehrenmann, der für die Vision des Uebersinnlichen ein Orakel eröffnet", verficht er die Sache der reinen Philosophie, die, a-ls Metaphysik, „ihre Erkenntnis zuoberst auf Penksvrmen gründet." Was die Welt heute von ihren, geistigen Führern Ledarf, ist intellektueller Charakter und ethische Rigorosität.. Gerade' dem deutschen Volke täten Männer mit solchen Eigenschaften —wie es sie in einer ähnlichen Zeit politischer Erniedrigung zum Beispiel in Fichte besessen hatte, bitter not. Aber'das Rutsche Volk verfolgt heüte die paat Minner, die ihm ins Gewissen reden — ernerr Förster, Nicolai usw. —.und läuft Modephrlosophen. wie Spängler irnd Keyserling.nach. Wenn dieser in fernen* Schlußappell sich an die wendete, „in demn Vevantwortung und der Geist der Jnitja^ye. A'std Selbstschöpftmg. erwachen könnte," so tvar Urs eine sehr schöne Geste, nur konnten leider die Hörer seiner'drei Reden aus ihnen nicht entnehnren, was eigentlich zu Lun fei. Es soll rmch ihm der „neue Vertieftem Mensch zur Herrschaft gelangen", uns hünkt. aber, daß. Vertiefung ein leeres Schlagwort wenn der geistige Führer, oder der zur Herrschaft gelangte „vertiefte^ 'Mensch, nicht die Parole ausgibt, um was der Kampf zu gehen hat. Und wir glauben — vielleicht ist das ein jüdisches Vorurteil.---, daß keine geistige Vertiefung der/ Welt von heute etlvas nützen wird, ohne den ethischen. Furor fiir die Ideale der Humanität, daß also alle Phi^ losophie die heutige. Morschheit nicht aus ihrem Jammer, erlösenkann,'wenn sie nicht vermag, was Kant von ihr. j verlangte: „das sittlicbe 5^süU in Bewegung und Kraft ' zu Ersetzen.." ad. bm. i