Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-02-18 · Heft 1443 (18.2.1923) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1443 (18.2.1923)
Date
1923-02-18
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980524--13830-3000510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

V?h * ffii' * „ v•*' -* v/*j’' >fi'’-j. 'S ''^'**\* /*'*1 *V'^i'’S''SS'"''^i' ''''.' ' J ' . , * M'^ ' ' *1 ‘ IS ■* '1 ' . ' . . , > M!' mt IMS M6r/Sonntag ffiöiettct MorKenzeitung. .•*v*.. r J6. Febrüar 1923 ,Serl» L MW-geWges Lebe» in Sowietmß!o»d. , I» eigner.chor .letzten Nummern der he>bväffchen Monats- Orift a t o rcn" in Ncw-York betoffen Ucht Dr. S. V«r« stein. einen interessanten. ArlÄell über die geiftim Wttdevgeünrt des' vusfifchen JuidervtnmS. Der Verfasser tob$ ans den materiellen ZusEmenüpuch und den ökonomischen ,Sturz der Ddischen Masse« hin» wellche sich jedoch dagegen mrflchrvten» dein Gedanken Raum' zu g^en, daß auch die Zerstömng,auf geistigem Gebiete nahe sei.. Mährend die wirtschaftliche Not,«m gorneinsames Unglück für gang Rußland ist, hat bisher kein BovAkerungsteil Rußlands die grausame« Gesetze gegen seine Sprache und nationale Li eratur so zu Wen Hchar» prie das Mische Bo«. Ader gevc.de 'diese Erscheinung ^ar einen wunderbaren Wi-devstand gezeitäg^. .Es ist mn nouer jüdischer Typus entstanden, der für die Sprache und die W'vcdevgcdurt. seims Stammes kämpft, und einst wird der Historiker berichterr können, was der jüdische Drchrer in Sowjetrußtand geleistet hat, um das nätiona>le Ebbe der Zerstörung zu en ziehen. Als die Regierung d'.e Schließung der, jüdischen Schulen angeovdnÄ.chatte, öffneten sich! alle Mischen Häuser dem Studium her Biüel, und Juden, die niemals irgendeine Beziehung zur Mischen MicKergeburt oder zur hebräischen Sprache hätten, begannen za tausenden die Lehrer in. ihre Häuser zu nahmen. Daneben war auch Me kleine Schar der Mischen Intellektuellen nicht müßLg, es wurden unter großen Mühen wissenschastlliche Kurse und eine Art Volkshochschule errichtet, und man hatte auch den Matt, kleine BärDchtn zu vevösfen-tlrchen. Die kooperative Druckerei Kadimoh in Pe rograd druckte «in bescheidenes Jahrbuch von zpwlf Seiten in zehntausend Exemplaren, welches in zwei Tagen m Moskau > verkauft wurde,- das erste hebräische LobenSzvichen . in dieser Aert der Agonie. Im März dieses Jahves wurde das periodische Erscheinen einer Zeiffchrfft.m russischer Spvache „J-swreskff Wjestnik" angMssdigt, von welchem jedoch aus MangÄ an Papier mit wenige Nummern erschienen find. Da die Regiemng verboten ha te, von lebendem Menschen und DmZen zu sprechen, sind die Hefte voll von Nachrufen auf Mische Schriftsteller und Führer. Aber dieses Buch der Taten wurde ein Buch der Wiedergeburt für die ganze Mische Jntelliganz von Rußland. Hi-eraus kam die Nachricht, daß die Mischen Studenten in. Moskau die Erlaubnis erhalten häten, eine Awoiwochanischrift „Der jüdische Student" in russischer Sprache erscheinen: zu lassen. Das Programm war durchaus veu: „Die Zeb'schrfft wird dem Studium der pa-lästmensifchen Idee und ber la^dwivtfchaf lrcheu Wickdevgckbnvt der Juden in Palästina gawildmet sein." Im Mai erschien in Petrograd eine wisserrschaftlich->lttemrffche Revue unter dem Titel „Jewrejskaja Mjs>l", heransgegeben von der, lAcsellschast zur Verbreitung der Kultur unter den Juden Rußsands, vn er der Redaktion von Scurl G i n s d u r g, gedruckt von der Mischen Kooperative Kcbimcch, Petrograd IlW, 201 Seiten. Da das Volkskommissariat die Ausfuhr ins Ausland verboten hat, ist die Revue den Juden außerhalb von Sowj-otrußlanid volltg.urrbcikaimrt. Dr. ..Bernstein, welcher die Meglichlett hatte, ein -Exemplar §u i erha! -en, terü mit, daß ihr Inhalt in drei Teile'zerfällt: '1. einen wiffenschaftlich->lrierarischen, 2. Nekro- Loge, 8. ' BÄlvographre. Der bMograPhische Teil gilbt Auf- Müsse über die auf Misch-litevarifchem Geriet in Rußland erschienenen Werke in ^n Jahren 1918 biä 1920. Tie wichtigsten darunter'sind: „Reschuanoth" von A. Drujanow, Band 1, Verlag Moriah, Ldessa; S. Gin sdurg ,H-raLv-ar", zwei Bande,. Petrograd 1918; jüdische Altertümer" von S. Dubnow, russisch, Band 10, Petrograd, 1918; ,P. A. L«- wanda im dveMKen Jahre seines Tcdes", .nach unveniisfertt-- kichten Materialien und 2^'kumenten von A. A. BuchÄ i nder, Petrograd, 1918; ,^Der jüdische Journalisnms in Nußbrnid 1917—1918", von I. W. Jaschunski, Petrograd; ^Materialien zur-Geschichte der Pogrome in: Rußland", her- Lus-gegeden von Dubnow und G. I. Krasni-Almon i, Pe rogvad, 1919. Eö .sikvd dres^ die letzten Ausläu'^r vussisch» Mischer Literatur vor ^bmn Lournmuristischen Regime, dann do>. gimtt es stille zu werden. »Dar.wissenschaftliche Teil der Revue, rvelcher Geschichte rrnd Lftevaiür, Philosophie und Pädagogi'k, anti«.« und moderne Geschichte umfaßt, ^beginnt mit einem Artikel von S.. Z i nberg Über einen biÄ-er. nicht heransgegobenen Diva« des Gadirol, in welchem er zrnn ersten Male Eiche Dichtungen des Poeten vevöfMiilicht., die in alten, bisher miveviisfenÄich en Manufkript-en der StavtsbÜblio-lhe'k von Votvogvcd geftmde« wurden. Bekanntlich wurde der größer« Teil von Gabirols Dich ungen in alle Winde zevstocirt,. >rnd rnst der mühevollen Forschung Mischer Gelehrter ist es gelungen, feine Dichtungen ausfindig zu machen, so daß di« Entdeckung Zinbergs iu der Mischen wissenschaftlichen Weit mit gwßanr Jntevesse aufge- «mimren werden wird, tvemdZ'leich Bernstein an dem Vorhandensein von bisher rnilMpim^n antiken ' Gakinol-M-amr- Pvipt-en tn der Petrograder DiMo hek ZwoifÄ svheibt und sie für Transkriptionen anderer alter Manuskripte hält. Bon Wichtigkeit ist die.von Dr. I. Brnzkus desongt« Dewfsent- Kchung eines Briefes -eines chcrzqrischen Juden aus dom zehnten Jahrhundert welcher neues Licht, «us dir Göschichtr der Inden in Rußland -wi-rft. Ein anderer Autor, M. Gin zbnrg, behanL-elt die Rechtslage der CAaven in B'iOol und Talurud, verglichen , mit dom vomischen Recht, in welchem die Höhe rer Mischen. Auffass-ung von der Person und dem Rocht der Sklaven davgelogt wird. In einer Untersuchung von A- Z. Aasender Exporteure kassier» am vorteilhaHeaten . erstklassiger Qnalität und Ausführung bei ■ Repa«!, Gomtaiinäntelfelrik, Wien m 111., Beatrlxgasss 26 Tel. 585 II!, Heiimarkt? Zteinberg über Hermann Cohon als Erzieher^ bespricht dieser die Mische Arbeit auf 'dem Göbrete des Drn-kbns und der in einigen Bemerkungen über Paulme Wengerow, welche» aus chassidischem Milieu stammend, ihren Traum einer geistigen Verbindung zwischen Judentum und mssffcher Idee zu» sarnenstürFen sah, wähvend ihr Sohn, «in berühmter. Professor der ruffischen Literatur, svinem Stamme untreu geworden ist. Biographische Noten" über Harkavy rmd An—ski beschließen den -historischen TÄl. Das Judentum in westlicheren Ländern wird mit Freude and Stolz die Kunde vernchmon, dyß di« Mischen Schriftsteller von Sowje rußlaud in einer Epoche deS Leidens urtd der Unterdrückung Mischer Eigenart so große Hindernässe zu überwinden nnchten und Zeugnis gegeben haben, daß . Mischer Geist auch unter bon ungünstigsten BerhältirriZsen sein« Flügel regt. - n Philosophie. Sehr reich vertreten ist der historische Teil, so durch eine Studie. von A. Chis s i n über eine Periode des vufsisch'Mischen Lebens im 19. Jaihrhrmdevt und eine Untervf- Marik über die Wurzeln des Ha Skala. N. A. B n ch b i n d e r entwirft ein Biüd des -russisch-Mifchen ^Schriftstellers Bachraw,' welcher das Programm der gänzlichcn Verschmelzung zwischen Jrvden und Russen verfocht. Vine andere psychologische TrÄgädie bespricht- S. G i n z b u r g Phllosophke des vrLßoa. In einem Gedicht Walt Wilhmans -- es ist eigentlich weniger Gedicht als kurzer brünstiger leidenschaftlicher Aufschrei — heißt es ungefähr so: „Fremder Mann, dem ich auf der Straße begegne, warum gehst du an mir vorbei-, warum sollte ich dich nicht ansprechen, warum sprichst du mich nicht an?" Der Gruß, mit dem-man aneinander vorbeigeht, ist nur scheinbar ein solcher Protest gegen das Fremdtun der Menschen. Nur scheinbar geht er aus einem ähnlichen Verbundenheitsgefühl hervor wie die Zeilen Whitmans. — Bei näherer Betrachtung erscheint mir der Gruß vielmehr als das Gegenteil einer natürlicbett Zusammengehörigkeits-Ahnung.. Nicht aus. dem Bedürfnis der Nähe ist er erstanden, sondern aus dem der Ferne, der Scheidung, der Absonderung^ . Ich sondere aus der Menge aller Menschen eine kleine Gruppe ab, meine „Bekannten". —Diese Bekannten grüße ich durch irgendein symbolisches Zeichen, das Erkennen, Freundlichkeit, einen guten Wunsch ausdrücken soll.. (Ich will nicht nachforschen, was es in den meisten Fallen wirklich.ausdrückt.) — Indem ich nun diese „Bekannten" von der übrigen Masse meiner Zeitgenossen unterscheide, gewinne ich den Vorteil, an allen arrderen mit teilnahmslos unbeweglicher Miene Vorbeigehen Zu dürfen. Diese Verengung, — nicht Ausweitung der Seele bedeutet der Gruß. Und daraus, wie geringe zufällige/Umstände ge» nügen, jemanden aus den Millionen der Gleichgültigen zu meinem „Bekannten" zu machen, ermesse man mit Erschauern, wie grundteilnahmslos man (allenschönen Phrasen zum Trotz) dem Schicksal her meisten Mitrnenschen gegenübersteht. — Beim Rennen, im Wartezimmer eines Advokaten wird mir jemand-vorgestellt. Diese Kleinigkeit genügt, um das Band des „Grüßens" zwischen uns festzulegen. Damit ist mir der Fremde noch lange nicht irtteressant oder lieb geworden. Und doch zeichne ich ihn schon um dieser Kleinigkeit willen vor dem ganzen unendlichen Hintergrund der gesamten Mitbürgerschaft aus. Wie dunkel, wie trostlos dunkel muß dieser Hintergrund. sein, daß ein so spärlicher Lichtschimmer schon von ihm absticht ... In den meisten Fällen schafft der Grrtß nicht ein Gefühl der Vertrautheit, sondern befestigt die harte Fremdheit unter den Menschen. Ich stelle das fest-, ich beklage es. Ich wünschte, daß es anders wäre, daß unsere Herzen zu einander strebten, statt einander abzustoßen. In neummdneunzig von hundert Fällen ist der Gruß nicht ein der ganzen Welt froh und offen entgegengeschleudertes. „Hurra", — sondern eine hochmütige Distinktion, die man dem einen verleiht, um sie anderen zu verweigern. „Dich grüße ich", sagt der Grrtß, „aber schon den nächsten und übernächsten nicht." — Und da nun einmal der Geist des Hochmutes, nicht Kameradschaftlichkeit von der Sphäre des Grüßens Besitz genommen hat, wird das ganze Gebiet im Sinne hochmütiger Rang- und Etikettennarrheit verwaltet. Es entsteht die Frage: Wer soll zuerst grüßen? Eine ganz abscheuliche Frage, die so recht deutlich zeigt, wie wenig der konventionelle Gruß mit dem Gefühl menschlicher Verbindung zu tun hat. Seit jeher habe ich diese Frage, für meine Person so gelöst, daß ich jedermann zuerst grüße. Wen ich erkenne, grüße ich sofort^ Eine Selbstverständlichkeit im Grunde. Wir sind ja glücklicherweise keine Soldaten, bei denen der „Untergebene" den „Vorgesetzten" zu grüßen hat. Manche, sehr viele möchten freilich diese Art von Soldatenzucht auf das ganze Zivilleben, anwenden. Sie entwickeln eine wundervolle Virtuosität darin, in jedem, der des Weges kommt, entweder einen „Untergebenen" oder „Vorgesetzten" zu sehen. Sie „warten auf den Gruß", Solche Menschen, das gestehe ich, sind mir sehr zuwider. Ihnen den ersten Gruß zu verweb gern, ist ein verlockender Gedanke, — dem man jedoch wie allen kriegerischen Gedarcken'solche.'' Art nicht nach- 'geben darf. So wie kein Staat einen Angriffskrieg go führt haben will, so will .niemand auf den Gruß ga wartet haben,und gerade deshalb wepden so vielt Angriffskriege geführt, gerade deshalb wartet man altz gemein äuf den Gruß. Also: keinen Aexger.vorschütze^ unbedingt zuerst grüßen! — Nur ihrer Komik halber sei noch jene Gruppe von besonders Hochmütigen erwähnt, die gleichfalls auf den Gruß warten, die dieL aber dadurch kaschieren, daß sie einem im Vorbeieile« auf eine merkwürdig einladende Art zunicken. Diesek : Zunicken bedeutet aber ganz deutlich keinen Gruß, son dern in Worten ausgedrückt etwa: „Du! Ja, dich habt ich gemeint! Du sollst mich grüßen, du! Runter der Hut!" — Tun wir auch solchen armen Narren den Gefallen, und ziehen wir den Hut! Leider bin ich kurzsichtig und erkenne sehr viele die ich,gern gegrüßt und zuerst gegrüßt hätte, gar nicht oder nicht ^rechtzeitig genüg. — Ich pflege Leute, mr denen ich . zum erstenmal beisammen bin, im vorhinein darauf aufmerksam zu machen: „Bitte, wenn wir ein ander nächstens begegnen, jtrecken Sie die Zunge hev aus! Sonst erkenne ich Sie wahrscheinlich nicht.. Hab^ ich Sie erst zwei-, dreimal gegrüßt, so erkenne ich.Srf bestimmt von weitem und Sie setzen sich nicht der Bv leidigung aus, ungegrüßt Vorbeigehen zu müssen. Hekfen Sie mir nur, bitte-, die ersten Male!" Es ist mir nämlich, trotz meiner Devise ununter» schiedlichen Erstgrußes, sehr oft. geschehen — unb nm; meytlich solange ich im Poftdienste tätig war:, daß ick „Vorgesetzte" nicht gegrüßt habe. Ein Postrat beschwer^ sich einmal gegen mich, weil ich angeblich konsequent ohne Gruß an ihm vorüberginge. — Da ich den Herrtz, mit dem ich dienstlich nichts zu tun hatte, nur ein-,, zweimal flüchtig gesehen hatte, begann ich in jener Zeiü ganz einfach alle Menschen, die mir irgendwie bekannj vorkamen, zu. grüßen. Es war schrecklich. Niemals, konnte sich vor mir retten! Fixiere mich nur ein wenige r schau mich mit einem Seitenblick an: bums, da hass, du's, schon bist du gegrüßt. —Das Seltsame: daß Leute, die man auf solche Art irrtümlich, ohne sie zr; - kennen, einigemal gegrüßt hat, von da ab den Gruß , verlangen und beleidigt sind, wenn man sie eines Tage? nicht mehr grüßt. „Warum hast du den Herrn eben ge«, grüßt?" fragt meine Frau. — „Das ist doch der Posirch , L."'— „Keine Idee, das ist der Börsensensal P."— „So? Den kenne ich gar nicht. Da werde ich ihn also von heut^. an nicht mehr belästigen."— Ja, leicht gesagt; abe* Börsensensal P. sieht mich nun ganz erbost an, wenn , ich an ihm vorbeikomme, ohne den Hut zu lüften. Soll ich den mir ganz fremden Mann ansprcchen. ihnr mei< nen Irrtum samt Genese aufklären? Ich weiß mir tat» sächlich keiner? Rat. ' , Eine große Verlegenheit — das ist im wesentliche« die Charakteristik des Grüß-Komplexes. Wo WithmaM sche freie Kameradschaft, wo zumindest ein herzliches Humor am Platze wäre, Plagt man sich mit Peinliches Mißverständnissen, die aber nichts als die gerecht^ Strafe für unsere enorme gegenseitige Kälte und Dün» - kelhaftigkeit sind. . Froh'bin ich, mir diese meinem ganzen Fühless' zuwiderstreöende Last der Konvention und -Lieblosig^ feit einmal vom Herzen geschrieben zu haben. — Es gibt aber auf diesem Gebiete noch der Probleme genugj' Eine Dame, mit der ich vor fünfzehn Jahren einmal getanzt habe, grüße ich noch beute. Ich ffabe im ganzess zwei Minuten mit ihr gesprochen, habe sie aber seitdem wohl zweihundertmal gegrüßt. Ist das richtig? Es gibt Menschen, die ein solches Grußverhältnis, das keinq Lebensberechtigung mehr hat, allmählich zum Abstetbess zu bringen wissen. Wie macht man das? — Fernen Wie benimmt man sich gegen Menschen, denen mass zwar nie vvrgestellt worden ist, zu denen man aber doch! eine nahe Beziehung hat, zum Beisviel zu Bewohnertz desselben Hauses, die man täglich auf der Stiege, in de« Gasse trifft? Aus Galanterie grüße ich Frau M.. Frau N., — aber so weit treibe ich es nicht, auch Herrss M., Herrn N. zu grüßeü, zumal diese Herren meine Frau nicht grüßen. Nun aber trifft man notgedrungen' manchmal zusammen, zum Beispiel nachts, vor derft Haustor, ehe der Hausmeister aufschließt. Da grüßt man; am nächsten Tage sieht man einander verlegen an und entschließt sich nach einigem Zögern, doch lieber nicht zu grüßen. — Wundervolle Kapriolen der Menschenseele! Wenn Gott uns zusieht, hat er wahrhaftig eine ganz hübsche Unterhaltung. —. Vielleicht spreche ich nächstens Herrn M. an und, während er mich . ent«, setzt anschaut, bitte ich ihn um eine endgültige Be« schlußfassung, ob wir einander konstant grüßen sollen oder nicht. So oder so muß die große Frage gelöst werden. > 1 ■ Max Brod. Ae Are!« .Sttohfiedel" — Wischer Mstommung. In den Tiroler Dörfern Hort man häufig bei Festes den angenehmen Klang eines äußerlich sehr primitiven. Jn^ strumentes, das jedoch große Kunstfertigkeit erfordert. Es wirh vom Volk „Strohsiedel" genannt und ist eigentlich eimj Strohzimbel: aus einer Strohunterlage befinden sich etwss 20 bis 26 Holzstäbe, die mit einem Hammer bearbeitet werden Diese Strohfiedel, toelche dem oberflächlichen Beobachter ihrkss Primitivität halber als altes Tiroler Volksinstrument erschein nen könnte, ist jedoch in Wahrheit kaum 100 Jahre alt unss kam nach Tirol auS weiter Ferne, nämlich aus der Gegend vöss . Wilna; ihr Erfinder ist kein Tiroler Bauer mit Kniehosea und Joppe, sondern ein frommer jüdischer Talmndiünger i«j ' s'4 ■i i % > >.:5 'M y.t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.