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Wiener Morgenzeitung · 1923-01-14 · Heft 1408 (14.1.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1408 (14.1.1923)
Date
1923-01-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Die Atmosphäre, mit der unsere Bewegmig somit zu rechnen hat, ist demnach die denkbar mrgünstrgste und -eine ganze Reihe schikanöser Vexatwnen — um von ärgeren Vorstößen ganz abzusehen — erschwert unsere Arbeit zunrindest in dem Maße, daß der Wmrsrh nach einer mehr oder weniger „unpolitisch" gehaltenen Tätigkeit im Dienste unserer Ideale als einzig zweckentsprechend auhevWb der großen jüdischen Zentren nicht verstummen will. * Die jüdischen Massen besitzen im richtiges Bewußtsein* Vr8 utvPischeN Wertes jeglicher forcierten Verständigungs- Politik, in natürlicher NEion auf ant'^-nntischr Angriffe, auch rrnbewußt beeinflußt durch Anscha«uigen aus der Assimilationsperiode noch kein voMommerdes Verständnis für das PnSblenr der Auseinandersetzung nrit unserer UmgebuM'.-es ist ihnen noch nicht klar, äiß die Gesamtheit der umgrbenderr Bevölkerung in einem durch die StadKnauevn keineswegs unterbundenen innigen Kontakt steht, der —- asten Gegensätzen von Stadt und Land zum Trytz durch WirtschafÄiche und formte Verhältrrisse, tnrrch venwandtschaftliche Beziehungen, durch die Vermittlung ^es höheren Schulwesens, der Beamtenschast, ' der Geistlichkeit nst». mit Selbstvea'äMrchkeit stets aufrechtcr- Ha!l1«n wird. - Es ist nur. eme rvatiiMche-Folge der traurigen Lage des Judentums, daß der einzelne das Verhältnis der beiden KolkÄNdlvidNÄitäten heute lediglich in der Form eines erbitterten Kampfes anzunehmen sich für bemüßigt halt. Die OeflenNchkeit erscheint — nicht ohne Berechtigung — als eine auS verschiedsnen Natiomn zum einheitlichen Judenhaß gsÄnw Gesamtheit und die täglich erneuerte Erregung läßt die Frage nicht aufkommen: Was haben wir getan, um die Vorurteile und Mißverständnisse, soweit es in unseren KrDen liegt, richtigzustellen, nur uns von den Tenttrnzen -der uns entgegengesetzten Assimilation vor tzer Oeffentlichkeit zrr sondern, wo sind' vor' allem / die n.^u e n/befreienden Ideen -über das Züsarrmrenleben mit der umgebenden- Bevölkerung, auf^dir wir allen gehässigen Änwürfen MN Trotz Hinweisen können? ' Heute ist die Assimilation-vor der Außenwelt der repräsentative; Gedanke, des mitteleuropäischen Iudenm ms, und rs hieße die Sissmtion verkennen, wollten wir über- , sehen, tvß es unsrer Bewegung bisher auch nicht im geringsten gelungen ist, sich im Arterl der Umgebung irgendwie, ernsthaft von der Strömung zu unterscheiden, deren Widerlegung innerhalb des Judentums uns eine selbstverstäMiche Pflicht gelvordenist. ' Hier Nationckllnden -■ mit dein Gsmemschaftsiveal des' erstarkten Judentums^ im Herzen dort die Ässinnlarion, nach UeberzsiWmy Und Gewohnheit zentvistrgal und.organisationslos —ist es init dem Weserr unserer Bewegung überhaupt vereinbar, daß -wir ohne ernstliche Prüfung irgendein Postulat aus einer Epoche übernehmen die ausschließ'slch unter dem Diktat assmulatorsscher Ideale gestanden ist? Wenn sich heute eine rmrner ersieuernide Welle gshässiger Angriffe gegen bk Position des Judentums ergießt: was haben wir m sachlist^r Beziehung geleistet, um den Widerstand gegen die unseligen Auswirkungen der Assimiltation aus diesem Komplex herauszulosen und-von -uns ckbzMrcken, lvas haben wir getan, nm die stündlich in tendenziösester Weife allüberall und mit allen erdenklichen Mitteln haran<mrerte OeffGtlichleit aufznklären, zu verhindern, dass die gemäßigten (Zemente uimuMltsam zn ' radikaleren Anschauungen in der Jüdensrage getrieben werden? Wir bül'feit vor allsrn nicht vergessen, daß die Osffend lichkLit faktisch nicht mit der: politischen Parteien in allen. Stücken vollkornmen identisch ist: wir wissen leider wohl, daß es bisher nicht gelungen ist, irgendeine Gruppe von Nichtjuden zu einer sachlichen Würdigung, unserer Böwegung zn veranlassen: jeder einzelne aber, weiß, daß es unter der Gefolgschaft anittsanrttischer Parteien minder radikal, ja ruhig denkende Leute gibt, daß andererseits Strömungen, die. progronrmäßig eine Unterscheidung zwischen Rassen und Konfessionen nicht Massen, Anhänger in großer Zahl besitzen, die Persönlich - ganz anderen Anschauungen huldigen. Wir müssen uns. vergegenwärtigen, daß gerade die einschnsidenden Aeuderlmgen in d« BsurieAung der Judenfrage — im guten wie rrrr bösen Sinne (z. B. Emanzipation und Antiseimftsnms)' , .stets in der MeniülM. des. einzelnen ihren Ursprung genonrmen und durch die Aufnahme in das Gesetzbuch oder Parteiprogramm erst die Sanktion, die Verschärfung oder die Vevallgenwinevung echalten haben/,daß. - die'-'Geschichtefrüherer Jahvhmrderte wie die der neuesten Zeit überömstimmend lehrt, daß faktische Entrechtung und Bevorzugung der Juden ohne', selbst^, gegen den. Wortlaut. Positiver Satzung zu größter Bedeu^ Imr-z für unser Bölk gelangt sind und täglich ,wch gelangen. Aber falbst ohne Missicht ’rntf ein unmittelbares verständrnsvolles Echo derartiger Bestrebungen. erwachst Ms vor der Geschichte wie vor dom Geivissen unseres Volkes die. unabweiZbave Pflichf,' die hochbedeuhame Frage der Auseinandersetzung zwischen Inden und Nichtstlden gonan zu prüfen und -im., «mttivnaljüdischen Sinne - festMnrissene ' Ansichten zu fixieren uifö unseren Anhängern zn vermitteln, ebenso wie sich Mva ganz bestimmte MvuMugeu über unser ÄrMtnis zu den ambischen Bevölkerrrng Palästinas herausbildett-. ', Wsmgerr ist/ es hsute klar,!daß der Usbergarrg einer Gvrchpe eirlZelMr Jiiden. die jede Eigentümlichkeit zu leugnen bestrÄt waren, zmn organisierten Volke eine grundlegeirde.Dlff^rentzierMg'-HeK NechtsgutTbegviffes nrit SeHst-. verständlickMt Nnt sich brachte: was >den Vereinsei er noch so bsdAttend, von der BolksoÄMgung trennt, ist die EvkMNtmS, daß der einzelne Mensch zwar dbj<ckttve, versolgbare, genau begrenzte Rechte besitzt, die RegÄ-nng der - Berhaltnisse zwischen zwei VolksindividualitätLN aber Nach. Billigkeit von ihnen selbst gesunden werden muß: denn sie .seihst bestimmen das, was sie Rocht, immron durch ihre Aspirationen. UmnoMch ist -es', daß wir nach völliger V?:werfL?ig der Assimilation innerhalb des Judentmns die -Gssamthrit ihrer Postülaie anL-rkermen dürfen: m eigensten Jü-■ teresie unseres-VÄkes, der Ebnnug hes Bodevs für seine Renaissance, müssen wir unsive Wünsche aus der Men Serie' lveit.ikber die von ihr gesteckter- Dvenzim - Mraus- >. - wenden, anderswo aber diese Grenzen spörttan nnd im Bewußtsein unserer Kraft Urrücknehmen. Und hier erüssnen sich. die. 4veitDen Wps^Aiven für eine weitgreifende und sogenschiche Wina^ianale.. ®a*». luth-PolW,' diedurch die MoMWit einer^ PerftandrM.ng mik der U>rnwelt, einer Änslösüug t^r ÄssWM'tion durch' -eigene aüsschlägZebsnde Erfolge gleichernrgßdn 'Mb Assi- Mchttonspevlo^ als Zsst der. ErniÄrrigmtz des JMn? tnms wie als Krisen' iMy \ außen hin Deenhigen Telephon 47-1 «78 En (dtttpil Bon Ludwig Bato. N. . Ich liebe Italien und bewmrdere dieses herrliche Land, feine tvohMngende Sprache, fein ungekünsteltes, lebendiges Schrifttum, seine farbenprächtigemosaikartige Geschichte, seine unvertzleichliche Kunst und sein. freiheitsliebendes, sympathisches Volk. We'nu ich dvher ün dtachfölgenden gegen gewisse Erscheinungen im italieu-ischen Loben Stellung nehme, geschiehdies keineswegs aus Mangel aw Sympathie oder Verstänhms.für Italien. —- int Gegenteil. Ich meine die Evscheümnssen des Fasziämüs, der heutr ganz Italien nicderhält und mit Terror erfüllt. Im Lande der demvkratdschen Freiheit, wo einst kein Mensch sich ein Blatt por den Mund nchpien mußte, lvird heute getuschelt und geflüstert. Bevor der Freund ein ssreies Wort spricht, späht er ängstlich umher, und erst, nachdem er sich versichert hat, daß -kein. FveM-ör ihn zu hören vermag, teilt' er leise, ganz leise seine Gedanken mit. -Mazzini, Garibaldi und die anderen italienischen Freiheitskämpfer , würden nwh! erstaunt sein, wenn sie in k^s. heutige -ttairerriswe- L-ebeir Einblick-gewanmir.- - , Am 18. DeMcher fuhr.ich-vöp. Vettrlli», über MMand rrach Turm. Im Zug sprach man über alles Erdenkliche, nur -nicht über Politik. Und das fiel mir auf in dissim Land, wo die politischen Wortgefechte zn Hause sind, wo das Sprich-' wort die Regierung selbst für das schlechte Wetter veranvwortlich utacht. Pwva —.gövemo ladro! Am Abend kamt ich in Turin an, wieder dasselbe Bild wie in Bep-edig. Hell beleuchtete, von wögeatder Menschen-., nwnge durchflutete Straßen, -der E'mdmck ist hier, wo breite Boulevards und Arkadengänge fast durch die ganze. Stadt -Ziehen, nattivlich noch gesteigert.. Und wieder dasselbe Tuscheln und Flüstern, wozu Turin damals ganz besonderen Grund hatte, begannen doch am selben Tage die Faszisterr--!k«MnM, tvomuf der Herr „Koysül" der Fäszisten in Turin -—'der, ueibenbei g<agt,. mehr rst aN'StadEormnandant -~ stiüe getreuen SGMlrzhem^n mobilisierte. Gerüchte tauchten auf, die M naMten Morgen zur- Gewißheit wurden. Der 18. Dezember forderte in Turin zahlreiche Opfer: sechs Äste uw» vierKDn'BeviMmdehL. KM W war nur bex erste den» die Kraiva'lle nahmen ihren Fortgang. Bis Wochenende gab's vrrrzchn Tote und über fünfzig Verwundete. .. . - . Und das kamt fo: Die vom chrmalitzen Sozialistenführer und nachmaligen Kriegshetzer Mussolini mit Hilfe des italienischen Jndnstriellenverbandüs ins Leben gerufene Faszistenbewegung hat im Laufe der^ letzten vier Jahve gewaltige Forischritte gemacht. In einem Zeirpunttt. tiefgehender sozialer Zerriittuttg hat rs der Führer Mussolini verstanden, ein wehldiszipliniorteL Heer von 300.000 Mann aufzustell^.n. Zweifelsohne hat er. jedoch diesen Erfolg nicht bloß seinen-glällzenden.organisatorischeil nnd rednerrschen Fähigkeiten,,sondern auch dem Unchayde zu verdanbeu, daß Vie italienische Großindustrie und die Großbanken den Fa§- zrsien, die ja auch noch /ebent Nebenberuf nachgehen, eine TatzrSlöhrmng von 20 Lire bezahlten, während die Kompagniekömmandanten täglich 50 Lire bezogen. Seitdem mm Benito Ällussolini Ministerpräsident'geworden ist, hat sich die Sache insoferNe geändert, als nunmehr an Stk-lle Ver Industriellen der Staat selbst blechen rmtß. Nach dem -Kriege hat sich der . übrigens niemals br-- sonders starke Sozialismus m Italien wie in alf-eit Länbctu — alsunfähig erwiesen, das Staaissteuer zn ergreifen- oder auch nur an der Regierung, mitzuwirken. Die sozialistischen Führer begingen einen Fehler nach dem anderen und es trat noch der ungltickfelige -Umstand hinzu, daß sie. die zügellos gewordenen Massen nicht zu beherrschen vermochken. A^iewohl Italien als Siegerstaat aus dem Kriege hervorgegangen ist, war die Mentalität der italienischen Heimkehrer nicht viel anders geartet, als'die ihrer österreichischen Kameraden. Man hatte ihnen wahrend des Krieges goldene Berge versprochen und von den Zusagen, acht' fast gar nichts gehalten. Ermutigt durch die Welle des Bolschewismus, die'aus Rußland herüberschlug, glaubten sie, 'der-Kapitalismus wäre endgültig besiegt, und., erbstiert durch Enttmtschungen ' und imrch das Jahr« hindurch im Schützengraben,' im Schatten des Todes geführte Hundeleben gingen sie mit der dem italienischen Volke eigenert LeidtznschastNchketL-.Lp.ran/ dem Kapitalismus die Macht zu entwinden. Vorallem wurden diq, Fabriken besetzt. Wohl nur ganz vorübergehend, für . einige Tage. Diese ^Besetzung jagte aber den Kapitalisten.die größte.Furcht.ein> so wie.bei uns die su .glei^r Zeit so. viel besprochene, hekäwpfie und verteidigte Sozialisierung der Industrie: Irr diesem Zeitpunkte machte sich Mussolim eMLig, eine Leibgavde für den; Großkapital-ismus zu schassen, und es ist nur selbstverständlich, daß sein Angebot mit heller Freude ausgenommen -uM - ihm'die weitestgehende materielle Untersttitzttng. zuteil wurde. Mussolini wwstand es auch glänzend, der Sache ein - romcmüsch-nationMtssches Mäntelchen umzuhängen, woran zuerst die Deutschen in Südtirol und die Slowenen in Triest glauben nmßten. Er kleidete seine Leitte in ein schwarzes Hemd mit dem Totenkopf, ließ den.altröhnschru... Gruß Mit dem ausgestreckten urch erhobenen.Arm und dein Spruche „eia, eia, eia, ülala" aufleben und betörte sie mit einem Schwall von bombastischen Phrasen, die nirgends so vevsangert, wie gerade in Italien. Das Programm, das im großen ganzen eher sin poetischer Erguß ist als eine klare und deiitliche Formulierung anzustrebender Ziele.— „Wem soll das schöne Italien gehören? Uns!"—, weißt jedoch dieselben Tendenzen aus spie das aller tveißbolsü^wikischen Parteien Europas, als ba sind die EcwacherGen Magyarerl ttr Ungarn oder die Hakenkreuzler in den -deutschen Laichen. Mit Ausnahme des Iudenpnnktes, denn anttsemiiisch ist der Faszismus, der änch Jrlden ztr seinen Anhängern zählt,/ , dnrchails nicht. Es wäre auch nicht denkbar in einent Lande, wo auf je tanfenL Kopfe der Bevölkerimg ein Jude entfällt. Es komntt. Wohl vor, daß rrn „Popolö dJtalia" bei. Angriffen. auf den' soMistifchen Abgeochneten Treves anch das Wort ,-ebreo" fällt, mit'Antisemitismus hat das aber nichts zu tun. Natürlich fchlt nicht im Programm die ' bekanure Phrase von der Verteidigung des Vaievlandes gegen innere und äußere Feinde. . . . : Die meisten FasPsien 'Ha-Hen sigemlich keim Ahrmch. davon, -daß sie als. Leibgardisterr der Großindustrie füngieren. Sie leben in einem Taumel von Begeisierung wir der größte-Teil der italienischen Jugend, der mit Leib u^ ' Seele zu MussolW steht. Aber selbst airtz purem' P-thusias.- ,üus kann man nicht ^Vchr Jahre -lang Tag und Nacht ix Berriischrst verharren und in - Waffen starren, Arbeite' und'NichtttcfliWpMerßGn und Gsbcnrde in Bva-rchFteckerr Ohne die t^lichen W Lire, ^stünde.der Faszrsmns längs soll \m\ der rechtschaffene Faszist tun? An der Regievun; öa-mr -'.»iHt"WneWen.'.unÄ so wnitvmmmt ec Sonder ükäonM Ms eigem FaiG> '' /. <.'.

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