Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1384 (17.12.1922)
- Date
- 1922-12-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Wien, Sonntag Wiener: Morgenzeitnng. 17. Dezember 1922 Nr? 1384 Roland-Bühnd (Freie jGd. Volksbühne) Liebesgedichten M finden. In intensiverem Grade gilt dies slLoch rn DeZu^ aus das bei Bialik so stark vorÄ^rrschende Mvtwder Kindhortssohnsucht, düs in den üuKeren und inneren Zusammenhängen, des iüdfflhcn Lebens seine tivesenn Wurzeln Hai. Hierbei, ist immer vor allem an die eigentlich dichterische Epoche BiaLrks zu denken,*) der in den letzten Jahren nur weniges gefolgt ist, wovon allerdings das in der deutschen liebertragung „An die Stillen" betitelte Gedicht, wie rnir scheint, «me neue Saite reinen MeWschcntums erklingen üißt. l Ernst Müller. (Zum ersten Male: Fritz v. Unruhs Drama „Louis Ferdinand, Prinz von Preußen".) „Erahnend, nicht betreffend was er will . . ,a Diese Worte, welche die Mutter in Unruhs Drama -„Ein Geschlecht^ ihrem Sohne zuruft, kommen ims in den Sinn. Wiederholte Lektüre des Buches und angespanntes Verfolgen der Vorgänge auf der Bühne konnten dom Referenten dieses Drama nicht klar machen. Wer man ntitß zuhören, man ist f^stgebaunt. Fünf lange Akte im Telvgranrmstil geschrieben. Viele Gestalten, grelle Worte, krasser Wechsel der Stimmungen. Man taumelt mit und anLpfindei bloß was der Held des Stückes von der Königin Luise sagt: Brennendes Eis. Auch das Motto, das dem Werke vorangesetzt ist, hellt die Vorgänge nicht aus. Es gilt dem preußischen Pflichtgedanken und lautet: „Wie über Sterne das Gesetz, erhebt sich über Menschen die Pflicht, groß und ernst." * Oktober 1806. Die Franzosen sind im Anmarsch. Der preußische König will den Frieden. Er hat das Unglück, Nachfolger des großen Fritz zu sein, Napoleons Gewalt gegenüberzustehen und vor dom Morden Zuruckzuschauern. Kennen Sie das Amt des Monarchen?" ruft er aus. „Euch Schreier frage ich. Wer wog nur im Traum Krieg gegen Frieden ab und erwachte nicht schweißgebadet vom Mp solcher Verantwortung? Was wäscht die Ehre rem? Ern Sieg, verdrängt er die Gespenster toten Glücks? Ich Lin der Geschichte Rechnung schuldig." Durch die Ereignisse ge-- drangt, befielt er Mobilmachung, aber nicht um Krieg zu *) Der Schwerpunkt der Betätigung des Dichters liegt ba' Ärmer mchr auf pÄoagogisch-ltterorffchem und kulduvgeschicho lrcheM Gebiet, wobei man zum Beispiel an die von ihm veran-- st-rlwten Aus^ben hebräischer IugeEtevatur, an seine Kongreßanspvachen und dllvurphllvsophffchen Aufsätze denken muß. In süngster Zcit hat Bialik auch manches aus dem Gebiete der UebevsttzungMtevatiur gelefftst, indem er Lieder Heines. SgL-nen aus Schillers „Wilhelm Tell" -sowie die Müsch geschiebene dramach'che Dichtung Au—skis „Der Dyvbuk" ins tzöbräffche Wertrug. ' führen, sondern als Scheinmanöver. Im Generalftab gärt es. Dem Prinzen Louis Ferdinand fliegen die Herzen zu, er soll 'das Erbe des großen Fritz antreten und Preußens Ehck retten. Aber -3>tcf<ec Prinz, den schönen Künsten und'Frauen ergeben, kann die Last einer Krone nicht.tragen und ein Polk in Waffen nicht führen. Er kann wohl sagen:'„Wir wollen die' holde Schlachtengöttin von Sieg zu Sieg an den Locken schlaffen, zu Brandenburgs Triumph!" (ein Wort, das für den Autor ' bezeichnender ist als für seirren Helden) — aber er kann für sein Land , nur ft c r b e n. Halb Hamlet, ein Viertel Prinz von Honrburg, ein Viertel Don Carlos philosophiert er fleißig, Hader t mÄ denn Friedenskönig, ist in die Königin Luise verliebt. Die Generale, die kamen, ihn im Augenblick höchster Gefahr ans den Schild zu erheben, finden einen, der die anmarschierenden französischen Regimenter und Napoleon heimlich von einem Wirtshausfenster aus sah und den 'Huldigenden eröffnet: „Der Prmz, den Sie suchen, lebt nicht mehr." Mit der Reiterei wirft er sich dem Feinde entgegen und fällt. Bei der Nachricht von seinem Tode klagt die .Königin Lni'se: „Sucht Preußen! Es gibt keine Preußen mehr." — Dies die Vorgänge, soweit wir sie enträtseln. (Wahrscheinlich haben aber andere Zuhörer dm Inhalt anders enträtselt — oder gar nicht.) * , Das Burgthearer hat für, die Dichtung Bewundernswertes getan. Nicht zu würdigen die ungeheuere Arbeit, auch Gedankenarbeit, die geleistet wurde, um das Stück verständlich und eindrucksvoll zu machen. Herrliche Szeuenbilder sind gelungen, und was geschehen konnte, die knappen Dialoge, die durchaus wie unvollendet anmuten, durch reiche Gliederung und lebensvolle Bewegung 8» ergänzen, ist beileibe geschehen. Mit viel Glück hat sich vor allem Herr Romb erg um die dunkle Gestalt des Kriegsrates Wiefel bemüht. Dieser Künstler - schreitet zur Hohe. Die zwei klarsten Figuren, des Werkes, >das Kömgspaar, sind bei Herrn Paulsen und Frau Wohlgemut in den besten Händen und Herr Aslan — vom ersten Augenblick in aufgepertschtem Affekt — suchte den Prinzen Louis Ferdinand glaubwürdig zu machen. Für die Figur der Pau-line, einem Weibe, das sich in Srnneslust wie eine Fackel verzehrt (,Din eben nur Fleisch!" ruft sie bezeichnend aus), ist Frau Albach-Rettv nicht die geeignete Darstellerin. Sonst stechen noch aus der großen Zahl der Mitwirkenden Georg Reimer s, und Hans T h i m i g hervor. * Ein Kolossalgemälde, aus starken, harten Farbenstrichen zusammengesetzt. Vielleicht muß erst Distanz gewonnen werden, den Gesamteindruck zu empfangen. Jetzt aber geht-Man wirr stirb hebicMt aus dom Theater. Kein Zweifel: Ein Dichter sprach. Mer man versteht ihn nicht. ' . " ' ..., :O. A.' Ensemble-Gastspiel der Wi^NAER TRUPPE Heute Sonntag, 17. Dezember 1922, 7*3 Uhr nachmittags EMEHEB. Dramh in 1 AkUjn von L. Eobrin 7 Uhr abends Schauspiel in 4 Akten von Leonid Andreiew --—--—..—- ■—A VMM der Wilnüer. (Nolandbllbne.) Heute, halb 3 Ahr nachmittags. findet eine Aufführung des »Dürfsiing" statt. Abends, 7 Uhr, wird A n b r t i t to s Zikkustragödie „©er d i e Ohrfeigen Krieg t“, die' bei ihrer gestrigen Premiere so außerordentlichen Erfolg hatte/. rriedcrholt. Aus den Theatern. Burgkheakerr Mo«, am «Anna K ä i e n i n aä] Anfang 7 Ahr. Dienstag, zu erhöhlm Prei en, «Louis Ferd'nand, Prinz von P r e u tz e n" von Fritz vj Unruh. Anfang 7 Uhr. . A K a d e m i e t h e a t e r: Morgen, halb 8 Uhr abends) ^Candida" von Bernarü.Shaw. — Dienstag »D i t DR ü I* t e r" von Georg Lirschfeld. Deutsches Voltzstheaterr Mittwoch, 7 Atz«) Erstaufführung von ß. R. Lenormanhs Drama in t7 Bildern „Die Nämenloien* in der Fntzenierunz Max Re n* bardls in foigend-r Desthung der Kauplroüen: Er — Ferdinands Onno. Sie — Kelene 2l>imig, Regisseur — Ditz or Aulscheta^ Helden vater — Lan? Laäwrr, Komiker — Kornelius Kirfchner^ Lebemann — Kugo Werner-Kahle. Liebhaber — Oskar SimH Keüenmutter — Alice Ketiey, Naiv« — Hedwig Keller. Musiker — Theodor Danegger, Garderobiere — Kalt» Thaller. PräfidevL Alfred Sctreiber, ie'ne Tociuer —! N<>lly Stahl, Didlivthetzar j Aurel Nowotny, dessen Frau — Else Föry. Apolhetzer — Artur Pa>er, Polizeikommijsär — Anton Amon. Schauspieler — Kans Frank und Feli; Kroner, Fräulein — Nelly Kochroald, Herren! — Rudolf Ferst! und Ludwig G biser. Das Stück gelangt Do«- ncrstcg und Freilog zur Wiederholung. — Hermann Thimig uns Louis Rainer verabschieden sich heule in dem Lustspttt^SckSnes Frauen", das vorläufig zum letzt n Mate zur Aufführung gelangt. — Dienstag spult Anion Sdi ofer den Fritz Lobheime« m Schnitzlers .Liebele»*. Samstag Erstaufführung des! Dramas von Schönherr. Darsteller: Anton Edthofer «nd Lucie Löslich. , .. i Äammerspiele: Anitta Berber und Sebastian D r o st« wurden für «in kurzes Gastspiel in den Nachtvorllett langen verpflichtet. Dt«. Künstler bringen Donnerstag zwei neue TUNGSRAM k . . •:.... v.. iJiachdvuck verboten.), GeWchteu aus dem mue» Palästina. Don S. Zemach. (Ans dem Hebräffchsn übertragen.) rv. In mondheller Nacht. Blitzschnell, wie ent rasend gewordenes Tier, löste sie 8as BW) zusammen mit dsm Bünde vorn Halse los und krersteckte es tief in ihrem GürtÄ. . . dann begann sie ebenso hastig das Hemd wieder zuznknöpfen. Nun holte sie tief Atem, fiel mit einem Seufzer m die frühere Stellung Zurück und blieb einige Augenblicke wie versteinert sitzen. Izchcck schlief -weiter, er wurde nur ein wenig unruhig, als verspürte er etwas, wandte sich emigemale um und g<L übgebrocheM, unartikulierte Laute von sich. Doch beruhigte er sich bald und versank wieder rn tiefen Schlaf. Esther zog leise das Bild hinter dem ^Gürtel hervor -und bcMNN, es mit erschrockenen Augen' zu betrachten. Wiederum erschien ein kleiner Mond auf dem Glasdeckel, arnd da ihre Hände zitierten, schien er auf einem kleinen Weiher zu schMnmnen. Esther wußte nicht, was mit dem Wilde anglffangen. - Sie blieb eine Zeitlang unenffchloffen -uwd ickerlegte, ob sie es behalten'oder sich semer entledigen solle. Als nun ihr Blick von neuem auf das Bild fiel, zuckte sie erschrocken zusammen. Es kam ihr vor, als bewege es sich, winke und lächle ihr höhnffch zu ... Sie schloß die Augen, hob den Arm und — schleuderte düs Bild von sich weit, weit zwischen die Felsenklüft» fort. . . Eine geraume Weile saß sie mit verschloffenen Augm b<L Doch kehrte ihre Ruhe Mch und nach wieder zurück./ Sie Mlte, daß ein schwerer Stein von ihrer Brust gefallen war, Ver sie lauge Zeit bedrückt und ihr einen unsäglichen Schmerz vemchacht hatte, und es wurde ihr leichter ums Hrrz. Ihre Augen trafen wieder Jzchaks vom Mondlicht beschienenes, blaß gewordenes Gesicht. Er kam '0c' Mt wie neugeboren, wie m nccher; K-vvaMe« hoaj und es wollte sie bedünken, als wäre Ne Mauer, die zwischen ihnen stand, eiugestürzt bis auf den Grund. Esther neigte ihr Haupt zu ihm und ihre geschlossemn, zusammengepreßten Lippen umspielte ein halb triumphierendes, halb wonniges Lächeln. Ihr Blick wurde ruhiger und ihr von Liebe und Sehnsucht überstromtes. -Herz pochte unablässig. Dann schob sie sachte und vorsichtig ihre beiden Hände unter fei« Haupt, hob es in die Hohe und drückte es stürmisch an ihre wogende Brust. Sie wiederholte dies mehrere Male nacheinander, ohne sich über ihre Tat Rechenschaft äbzulegen, wie berauscht uUd betäubt von einem ungeahnten, grenzenlosen Glücke und ihre Lippen flüsterten leise, mit bebender Stimme: — Izchak... Izchak ... Du mein Jzch<ck! Rädergeraflel, Lärm und Gesang weckten sie aus ihrer Trunkenheit und sie blickte aus. Sie erhob sich spornstreichs, rüttelte Izchak aus srinem Schlaf und drängte ihn auszustehen. Er erschrak und wurde wach. Beide sprangen sie wie aufgescheuchtes Wild von ihren Platzen empor. Izchak reckte sich seiner ganzen Länge nach, wahrend Esther ihr i zerknittevles Kleid glättete. Beide eilten zu ihrem Wagen und machten sich, frisch an die Arbeit. Da die Garben feucht und schwer waren, wechselten sie diesmal die Rollen: Esther stand oben im Wagen und legte die Bohnen ein,' irckes Izchak sie ihr von unten mit der Gabel hinauflangtr. ‘ Das Dorfgesinde kam auf Vier Wagen herangefahven. Sie waren aller guter Dinge, lsirmten, sangen und knallten mit den Peiffchen. An der Quelle standrn sie still, ein jeder stieg ob, trank sich satt, kehrte zu seinem Wagen zurück und fuhr querfeldein zu den Garben. Ein Bursche, der an Izchak vorbeikam,' schrie lauk:.; —Weshalb Haft Du Dich so beeilt,^Freundchen? "if| Itzchak «nttgognete arglos:! — Haben wir nicht auf Euch gewartet? Alle brachen in ein schallendes GÄLchetr aus und der Bursche fuhr fort: , $a, gewiß habt Ihr gewartet, gewiß .., Aber, Bvuttzr, nicht das war meine Absicht! Und abermals «rscholl ein . allgemeines Gelächter und diesmal noch stärker «Ls zuvör. Izchak, der »och mitten darin begriffen war, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, war ganz veEjft» Esther, der von ihrem hohen Sitz Heim hellen Mond»! schein der spöttische Ausdruck im Gesicht deS Burschen nicht entMrngen war, verstand den geheimen Sinn seiner Worta, Sie stand hoch aufgerichtet im Wagen und empfing mit gewohutemr Eifer die frisch duftenden Garben, die Jzchah ihr hinaufreichte. In ihrem Innern wechselte jetzt stürmiq schr Freude mit geheimnisvoller Furcht, die aus einem verborgenen Winkel ihres Herzens sie ftatzenhaft angrinst<' Und ein Schauer durchzuckte ihre Glieder bei der Ev'nmerung an ihr großes Geheimnis, dessen Zeugen nur Niese, , Berge waren und der bleiche Mond da oben .. * „ L ' ' Heimweh. Das 'war vor vier Jahren, mitten im Hettbst. Ich trat, damals ein arbeitsloser Ta^löhner und auf der Suche nach Arbeit. Da kam ich eines Tages nach einem mehrstündigen, ermüdenden Marsche in einem Zentvaldorfe im Kreist Thberias an, das mich auf den ersten Blick anlockte, so daß ich -beschloß, dort den ganzen Winter über zu bleiben. Das Dorf war in der ganzen Umgegend dys meist bevölkerte und in einem breiten, fruchtbaren Tale gelegen, das sich am Fuße eines hohlen, massiven Berges ausdehnte. j Nachdem ich ein wenig ausgeruht hatte, fing ich nach-' mittags cur, mich nach Arbeit umzuschen. Auf den Rat dcS Gastwirts, bei denr ich eingefchrt war, sprach ich zunächst bei einem der reichsten Bauern des Ortes vor, um mich ihm als. Lohnarbeiter für die bevorstehende Pflügezeit «Mt«; zubietenl Das Zimmer, in dem ich ibctt Bauer traf, war romnig und voller Menschen. Alle Stühle und Bänke waren!- besetzt von heimischen und fremden Bauern, di«, durch den Regen für kurze Zeit frei geworden, von den nahen Dörfern gekommen waren. Sie saßen alle mit entblößten Köpft», mit den langen Füßerk, die in hohen, ihre Schenkel bis zur Hälfte -bedeckenden und mit gelbliche» Kot bespritzten. Stiefeln staken, uuiter dem Tische scharrend, und unterhielten, sich' lebhaft und mit Sachkenntnis - über verschiedene ©egen*, stände, die ihnen allen gleich bekannt waren/ so daß sie mir! wie MiWiede.r einer gwßen Familie vorkamen.