Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1379 (12.12.1922)
- Date
- 1922-12-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Mite 3 Wien, Dienstag Das Staatsgrundgesetz, das sich doch nur auf die öftere s reichischen Juden beziehen kann? Der Artikel des Rektors ist ruehr als eine bloße Enunziation. Er setzt eine Tatsache, mit der sich die Politische Kritik in Oesterreich und außerhalb dieses Staates zu beschäftigen hat. Es ist nicht unsere- Sache, hervorzuhoben, daß dir uneingeschränkte Handhabung des'Majoritätsrechtes sich von nun ab auch dort auf den Wiener Rektor berufen kann, wo es. sich um deutsche Studenten handelt, so an den Universitäten in der Tschecho-Slowakei, und daß die Ailsdehnung dieses-Majoritätsrechtes auf das nationalpolitische Gebiet überhaupt von nun an gegen jede deutsche Minorität praktiziert und mit den Gründen, die Herr Diener niederschreibt, gestützt werden kann. Die konsequente Anwendung seiner Lehrsätze macht das Minoritätendeutschtum in der Tschecho-Slowakei, in Polen, in Jugoslawien vollends wehrlos. Aber das mögen die Deutschen mit ihm schlichten. Wir haben festzustellen, daß es sich bei den Vorgängen in der österreichischen Politik nicht mn das Treiben verhetzter Jugend handelt, sondern um einen gut vorbereiteten Generalangriss aus die gesamte politische, kulturelle und wirtschaftliche Position der Juden. Es ist kein Zufall, daß der Bundeskanzler an dem einen Tag von dem bodenständigen, christlichdeutschen Volke spricht,, und daß der Rektor Diener ihm das Wort am folgenden Tag nachbstet. Es ist kein Zufall, daß zur selben Zeit in Warschau die polnischen Studenten die Beschränkung der jüdischen Hörerzahl fordern — der Anterricktsminister hat dies kategorisch ab gelehnt, wahrend in Wien der Herr Schneider dem Hern Diener nichts zu sagen befindet —, daß in den rumänischen Universitätsstädten Horthys Spitzel gegen die Juden Hetzen, daß in ganz Mitteleuropa eine aus dem Geld des amerikanischen Automobilfabrikanten Ford gespeiste antijüdische Propaganda sich gerade jetzt entfaltet. Sondern es handelt sich uw den Generalangriff ans das Judentum, der sich die Kultur stadt Wien als besonders geeignet für den ersten Stoß gewählt bat. Es ist notwendig, daß das Judentum die Größe der Gefahr erkennt, die sich ausnahmslos gegen jeden Juden richtet. Seftemich. Sie SurchMmns des WiÄeraufbausrsetzes. Wie», 11, Dezember. Der Ministerrat beschäftigte üch m feiner heutigen Sitzung neuerdings mit den Fragen der Durchführung des W-iederaufbaugesetzes und des mit ihm in -Äu» sümmerchang stehenden Finanz- und Neformprograrnrns. Heber Vorschlag-des Bundeskanzlers wurde beschlossen: ' 1. Die Durchführung des gesamten Ersparnngs- und?lbbauprogramms übernimmt persönlich der Bundesmimster für Finanzen. Der ErsParungsLommissär wird ihm unmittelbar ruri erstell! und erhält neue Vollmachten und Instruktionen. L Die Leitung der. Berwaltungsreformarbeiten, die im Finanz- und Reformprogramm vorgesehen find, wird dem Vizekanzler als Minister für Inneres übertragen. Die Abteilung für Verwallungsreform, die bisher dem Bundeskanzleramt angehörte, wird gleichzeitig in das Ministerium für Inneres überführt. - 3. Der Minister für soziale Verwaltung wurde mit der Aufgabe betraut, die zur Eindämmung der jetzigen Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit vorhandenen Möglichkeiten feftzustellrn und die dann notwendigen Maßnahmen zu treffen. In Ergänzung, der vom Minister schon vor mehreren Wochen > geschaffenen interministeriellen Kommission wird ein Beirat aus je zwei Vertretern der Industrie, der Landwirtschaft und der Arbeiterschaft gebildet, der in kürzester Frist.'' seine Anträge zu stellen haben wird. 4. Um die schon bei den Verhandlungen in Genf als unbedingt notwendig anerkannte Beseitigung der das österreichische Wirtschaftsleben schwer schädigenden Handels- und Berkehrsbeschränkuncren zu erreichen, wird die Regierung unverzüglich alle erforderlichen Schritte unternehmen, um- Handelsverträge, mit jenen Staaten abzuschließen, mit denen derzeit noch keine solchen Verträge in Geltung stchen, und zugleich in neuen Verhandlungen mit anderen Staaten, die bereits vorhandenen Handelsverträge im Sinne der möglichsten Verkehrs- und Winschastsfreiheit.zu verbessern. Ae tschechoslowakische EaraMe ffr die österreichische Anleihe. Prag, 11. Dezember. Die tschecho-ftowakische Regierung hat in der heutigen Sitzung des Ministerrates beschlossen, dem Parlament sofort den Gesetzentwurf betreffend die Äebernahme der Garantie für die österreichische Anleihe vorzulegen Die parlamentarische Erledigung wird entsprechend den Vereinbarungen von Genf noch .in diesem Monat erfolgen. Die Wohnuagsanforderungs-Berord>m«g ungesetzlich. Der VerfassungZgerichtshof unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Bittorelli hat gestern nach durchge-- führter öffentlicher mündlicher Verhandlung die vom Bürgermeister der Stadt Wien als Landeshauptmann erlassene Wohnung sanforderungsverordh u n g vom 31. März 1921 dem ganzen Inhalt nach für gesetzwidrig erklärt und sie aufgehoben. Die Aufhebung erfolgte, weil der VerfassungZgerichls« hof in einem gleichzeitig publizierten Erkenntnis die Bollzllgsverordnung des Staatsamtes für soziale Fürsorge vom 9, April 1919, welche die Grundlage der Wohnungsanforderungsverordnung bildet, gleichfalls als ungesetzlich erklärt hat. Der Bürgermeister wurde verpflichtet, die Aufhebung der Perordnunü siokort zu publizieren. Wiener Morgenzeitung. , ■ Der Artikel des „Jas Mrmürlmdrm der 1 Der in der MeWpost* vmn' m. an tütender Stelle veröffentlichte Artikel des Professors Karl Diene , derzeit Rektor der Wiener Universität, hat folgenden Wortlau i: Aru 27. November wurde mir von den Vertretern der deutschen Studentenschaft der Universität Wien ein Memorandum überreicht, das die nächjvlgeMn Fopdenurgen enthielt: ' ' „Der hohe akademische SrM möge beschließen:? 1. daß nur Professoren deutscher Abstanrnnrni und Muttersprache zu Rektoren, Dokanen und sonstigen Amtswaltern , der ÄkaÄemischen Behörden gewählt werden können: . 2. einen Numerus ökmsuS, nach dem nur-16 Prozent der Gesamtzahl der Lehrenden jüdischer Abstammung sein kömren; ' .' -8., endlich den Nmnerus clausus durchgnführen, nach dem nur., lü Prozent der Gesamtzahl der Studierenden Mischer ÄbstammuNig fein komren." Meine Stellimgnahnre zu drefenr Memorandum ergibt sich aus der Tatsache, daß ich den Vertrstevn der deutschen Studerttensckaft erklärte, das Memorandum als geeignete Grundlage für weitere Verhandlungen anzusehen. Ich habe mein Versprechen, es , dem akademische« Senat unserer Universität vorzulegen, ein-^elöst und in der Sitzung des letzteren am 1. 'Dezember eine Kommission zur weiteren Beratung der Angelegenheit eingesetzt. Was die einzelnen Punkte des Memorandums betrifft, so halte tch den Wunsch der Studentenschaft, daß nur ein deutscher Gelehrter arischer Abstammung zum Nestor einer ösierreichischrn Hochschule wählbar sein soll, für ge re chtfertigt. Ich glaube auch nicht, daß die Wahl eines jüdischen Rektors an uniftrer Universität unter den heutigen Verhältnissen möglich wäre. Doch ist der akademische Senat für eine Entscheidung in dieser Augela^ercheit nickt kompetent, -da ihm nach dem Oroanisationsftatut der Universität kein Einfluß aus die Wahl des Rektors zusteht. Desgleichen ist die Wahl der Dekane ausschlicßl'ch eine rn-terne Angeloienheit der Fakultäten, die in dieser Richtung durchaus autonom sind und nicht den: EirHuß des akademischen Senats unterstehen. . Was die im zweiten'^unkt dks Menwrandmns "'geförderte Beschränkung jüdischer Lehrpersonen aus 19 Prozent der Gesamtzahl anbelangt, so finde ich den Wirnsch der bodenständigen deutschen Studentenschaft b eg reiflich, daß ihnen die MöglichEeit geboten werde, Vorlesungen auf allen Wissensgebieten bei deutschen Professoren zu hören. In den Professoreittolle'''ien urrserer Universität dürste auch im allgemeinen, die Zahl der Mischen Lehrkräfte 10 Prozerrt kaum wesentlich überschreiten. Anders steht cs mit nuferem jungen Nachwuchs au Privaldozelttcii, rmter de.ien, wenigstens au der nwdizinischen Fakultät, das Mische Element unverhältnismäßig stark überwiegt. In dieser Richtung dürfte es iMssen schwer sein, f Mhilse zu schaffen, solange infolge der geltenden Habilitationsvorschriften ausschließlich die wissenschaftliche Qualifikation für die Habilitation eines Privatdozenten maßgebend sein darf und nach ' dem Staat-sgrmrdgesetz die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession kein Hindernis für die Erreichung fernes allen Staatsbürgern zugängliches Amtes bildet. Der im dritten Punkt des Memovandunts geforderte Numerus clausus läßt sich nicht durchsetzen, soweit e§ sich um österreichische Staatsbürger jüdischer Konfession handelt, insofern sie sich imBesitz eines rechtsgültigen Heimatsch eines befinden — die Zahl erschlichener und gefälschter Hecmatscheme ist leider eine erhebliche und auf solche wird bei künftigen Inskriptionen ein besonderes AngemnerL zu richten sein. Wohl aber kann die Zahl der ausländischen jüdischen Studenten aus Polen, Rumänien und Rußland auf legale Weise Eingeschränkt werden. Eine solche- Einschrünbung ist um so eher g erechtfertigt, als in den polnischen Universitäten selbst die Zahl zrrgelasserrer jüdischLv Studenten auf einen sehr geringen Prozentsatz beschränkt, ist, der Universität aber gewiß nicht zugemutet werden kann, daß sie landfremde Elemente bei sich als Gäste aufninnnt, die ihr eigener Staat nicht zum Hochschulstudium ztrläßt. Irl -der geradezu erschreckenden Invasion solcher raffen- und wesensfremder Elemente, ÄereL Kultur, Bildung und Moral tte-f Mter jemr der bodewständigen. deutschen Studentenschaft stchen, liegt, der tvahve Krebsschadet» unserer akademischen Vevhältnifse. Der Abbau der Ostju-den muß heute im Programm jedes Rektors . Md. Senats einer dsütschen - Hochschule «inen hervorragstcken Pjfatz eimtthmen. Der fortschreitenden Hevanttnisievung Wiens muß wenigstens cm den Hochschlllen. Einhalt ge-! *' boten werde«.- ' . A ' ' 12. Dezember 1922 Nr? 1L79 Ueber die Persönlichkeit des Rektors, der henktz 60 Jahre alt wird und Vorstand des paläontologichen Iw st.ituts der Universität ist, macht der „Tag" folgende pikante Berncrknng: ,^§r hat ein Buch über die Ostalpen geschrieben, er ist Mitglied der Akademie, der geographischen und geologischen Gesellschaft, aber er hat wahrschemUch die Erfahrung nmchen nnisien, daß dies nicht der richtige Weg ist, um dereinst in Walhall einziohen zu können. (Wenn das für einen Germanen, dessen Schwager.Dr. Eckstoin heißt und von einem Rabbiner, ab stammt, überhaupt noch möglich ist.) Deshalb hat er einen anderen emgeschlagen, eingedenk der Tatsachen, daß man sich auch msiberblich blamieren könne." Re Anrrgmm des Herrn Skeghart. Der Artikel des Rektors Diener in der „Reichs» Post" geht sogar dem Bervedikt in «der Fichtegaffe wider den Strich. Er hat doch noch vor vier Tagen sich aus dem Rektor „nahestehenden Kreisen" versichern lasten, dieser stehe voll und ganz auf den Lewährien -Prinzipien des Liberalismus. Und heute dementiert der Diener? Wer hatte das gedacht? Das „Neue Wiener Tagblatt" ^demokratisches Organ) ist mit dem Rektor nicht ganz einverstanden. Das geht nicht, denn nran müßte ja dann auch den Nunlenrs clausus m der Stehvermühb einführen, unÄ 'wer würde dann dort übrig bleiben? Also hat der getaufte Sieghart eine Idee. Er erhebt scharfen Einspruch. Allerdings Nicht gegen den Rektor. Sondern gegen jenen Teil der Wiener Presse, der sich einen förmlichen Sport daraus macht, .„die deutsche Studentenschaft christlicher Abstammung oder wenigstens deren Mehrheit als eine Horde von Halb trotteln hinzustellen". Er nreint wahrscheinlich, das Montags-blatt, m welchem Liar! Tschuppll, ein waschechter,, zum Unterschied von Siegbar» aus Troppau, christlich geborener Arier aus Prag jenen Artikel geschrieben hat, den die deutsche StU- >dsntenschast frisch und schneidig als „jüdische Frechheit" angekreidet hat., Da der Inhaber der Stehrennuhl schon fq weit hält, versteigt er sich zu einer Anregung: - „Tis ungeschickten Anwälte des Judentums gießen ittl Cd ins Fmcr und romittieren die eigene.S rche. 'Jnr Zu» der Kommun.ftenn'.mmel in Ungarü und Bayern Hoven wir. d:r oftistellen Vertretung der Wiener Iudenschast wwr> gelegt, ft e in ' ü, -einer solennen Kmidgebung jode GeiMjnfdjaft, mit dieser Bewegung von sich weisen und . damit den mißverständlichen Deutungen Vorbeugen, zu denen das skcrrka Hervortreterr des jüdischen Elements nn Kom-mumsinuS Aiüaß ge-ben könnte. Unser Rat ist damals nicht befolgt worden. Wir erachten' es als nicht überflüssig, ihn bpi allerem Anlasse zu erneuern. Wenn bie israelitische KultüSgemeinde sich mit Recht gegen jeden Bevstuh, die staatsgnmdgesetzlichen Rechte der Ju-denschaft zu kürzen, zur Wehrs seht, dann sollte sie gleichzeitig keinen ZMisel darüber lassen, daß sie PcmsHakbeischimpftMgen von Gruppen ihrer christlichen Mitbürger, mit denen sie im Frieden zu leben wü-nscht, durchaus mißbilligt, keine Gemeinschaft damit hat und xede Verantwortung dafür ablehnt." Soviel uns bekannt, wird Herr Tfchuppi! der Knltusgemeinde nicht parieren. Davon abgefthen aber ist die Anregung Siegharts ein unerbetener Ratschlag. 7 Die Juden, haben nichts M erklären und nichts zu bedauern, höchstens das eine, daß der völkische Antdsemitilsmus hin und wieder das Sisghart-Blatt als Judenblatt bezeichnet. Nein, es ist kein Judenblatt, und der Konvertit Sieghavt hat nicht das geringste Recht, dem Judentum etwas nab«-' zülegeu. Wir verbitten unS das! . VÄschseÄchte l« Me». In den letzten Tagen sind m Wien Gerüchte auMn taucht, die. über ein Komplott, das seinen Sitz gleichzeitig in Wien und München haben soll, zu berichten lv-ußteu. Im Laufe der Derhastungen, die in der Er Hardt- Affäre vovgenomnlen wurden, soll man tzei einem Verhafteten eine Liste mit ungefähr f'ünftansend NaMen österreichischer Politiker und PubNzist-en gefunden habeir, die seit dem Ülmsturz im sozialistischen, denwkwtWrtt und republikanischen Lager eiM gewiste Rolle spielen. Auch hervorvagende Leute des. Wirtschaftslebens, der Hochfinanz, der Börse und der Industrie Illen unier den Prosiribierten sein. Diese Liste wurde sofort der Wiener Polizeibehörde übermittelt. An -der. Spitze der Liste figurieren -die Namen von Politikern der äußersten Linken, gegen die nach dem Geständnis des Vechafteien sofort die schärfsten Maßnahmen bei Zlusbruch des Putsches ergriffen werden sollten. Zu diesen Komplottgevüchten teilt die Staatspolizei folgendes mit: „Die angebliche Proskription^- liste, die nach Hern bierächte ans München uns über- Ulittelt wordru sein soll, ist hier ebensowenig eingetrofferr wieeine Benachrichtigung des Münchner Pol'iz-eiprüsidinms über ein Komplott, das in Men seinen Sitz ha-en soll. Den Hiesigen Faktoren ist nicht das geringste von einem derarti-cxen Komplott bekannt. Wohl a-bev sind Gerüchte von Putschnackrichten in gewissen-Kreisen im Znsammerchaing mit den. B o r k o m m niss e n a n d e it Hochschulen kolportiert worden. Es kann aber nnt Nachdruck festHesiellt werhrn, daß die Rühe, Sicherheit-und - Ovdimng in Wien fest fundiert sind und daß' kein Anlaß;gü irgend einer Pmuvu.higu!ng vovttegt.